Zur Ausgabe
Artikel 70 / 109
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Ein palästinensischer Aristokrat

aus DER SPIEGEL 43/1991

Avnery, 1923 in Hannover geboren, traf sich - was Israelis bei hohen Strafen verboten ist - mit PLO-Chef Arafat. Der ehemalige Knesset-Abgeordnete tritt für eine Aussöhnung mit den Palästinensern ein.

Seit seiner frühsten Kindheit wußte Feisal el-Husseini, daß er keinen privaten Vater hat wie andere Kinder. Sein Vater, so wußte er, gehört dem palästinensischen Volk.

Darum vergoß er keine Träne, als man ihm erzählte, daß sein Vater, Abd el-Kadir, tot sei. Er war damals acht Jahre alt und wohnte mit seiner Mutter und seinen Brüdern in Kairo.

»Wir lebten die ganze Zeit in so einer Atmosphäre, daß das eine Sache des Volkes ist und nicht Privatsache der Familie. Darum sah ich meine Mutter nicht weinen, als mein Vater umkam, und darum habe ich auch selbst nicht geweint. Auch meine Brüder weinten nicht. Das war ja keine Privatsache, daß wir ihn verloren hatten, sondern wir hatten einen palästinensischen Kämpfer verloren.«

Feisals Lebensweg ist durch seine Geburt bestimmt worden. Er gehört zur Familie der Husseini.

Die großen Familien haben im Leben des palästinensischen Volkes immer eine bedeutende Rolle gespielt. Jede wichtige Familie umfaßt einige tausend Menschen und ist in viele Zweige aufgefächert. Söhne und Töchter der Großfamilie heiraten gewöhnlich untereinander. Die Größe der Familie, ihr Reichtum und ihr Einfluß bestimmen die Würde jedes einzelnen Familienmitglieds.

Die Familie Husseini glaubt, daß sie von Hussein abstammt, dem Enkel des Propheten, Sohn seiner Tochter Fatima und Ali Ibn Abi Talib, des 4. Kalifen.

Vor 700 Jahren kam die Familie von Mekka nach Jerusalem, und seitdem spielt sie dort eine große Rolle. In den letzten Generationen war sie eine der fünf großen Familien Jerusalems (die anderen: Chatib, Chalidi, Nusseibe und Naschaschabi). Sie war nicht die erste unter den fünf, aber während 250 Jahren hat sie beinahe ohne Unterbrechung die drei wichtigsten religiösen Ämter des Islam in der Stadt in Ehren gehalten: die des Mufti (religiöser Rechtsgutachter), des »Scheich der Heiligen Stätte« und des »Hauptes der Scherifen« (Abkömmlinge des Propheten).

Im 19. und 20. Jahrhundert zeichneten sich Husseinis in allen National-Kämpfen aus. Badr el-Din el-Husseini war ein Führer des ersten Aufstandes gegen Napoleon in Kairo (1798). Omar el-Husseini war ein Führer des palästinensischen Widerstandes gegen den ägyptischen Eroberer Ibrahim Pascha (1834) und wurde nach Kairo verbannt.

Ahmed Arif el-Husseini und seinen Sohn haben im Ersten Weltkrieg die Türken am Jerusalemer Jaffa-Tor öffentlich gehenkt (1916). Hussein Salim el-Husseini war der Bürgermeister Jerusalems, der die Schlüssel der Stadt der britischen Armee aushändigte (1917).

Mussa Abdallah el-Husseini wurde in Jordanien als Mörder König Abdallahs (1951) hingerichtet. Dutzende anderer Husseinis waren Muftis von Jerusalem und Gaza, Bürgermeister Jerusalems unter den Türken und Engländern, religiöse und weltliche Würdenträger.

Der palästinensische Adel ist nicht dem feudalen, europäischen gleich. Alte europäische Adelsfamilien waren bodenständig, die wichtigen Familien in Palästina waren immer städtisch. Während im europäischen Adel die Würde sich vom Vater auf den Sohn vererbte, wird in der palästinensischen Großfamilie das neue Familienoberhaupt nach Ableben seines Vorgängers von den Chefs der Familienzweige gewählt. Titel gibt es bei den Arabern nicht.

Die 3000 Mitglieder der Husseini-Sippe waren so eine Adelsfamilie: Sie hatten Besitztümer in vielen Dörfern, aber ihre Macht und ihr Einfluß beruhten auf ihrem Status in Jerusalem. Wie die anderen großen Familien hatten sie einen eigenen Stadtteil, am Abhang des Ölberges, von dem einst Christus in Jerusalem einzog. (Jetzt wollen die israelischen Behörden dieses Land beschlagnahmen und dort jüdische Neueinwanderer ansiedeln).

Der berühmteste Husseini war sicher Mohammed Amin, allgemein Hadsch Amin genannt, der Groß-Mufti von Jerusalem. Zionisten betrachteten ihn als ein Ungeheuer, einen lokalen Hitler, Anstifter von Pogromen, blutdürstigen Judenhasser. Aber jetzt gibt es schon israelische Forscher, die ihn mit anderen Augen sehen: als einen palästinensischen Patrioten, Stifter der modernen palästinensischen Nationalbewegung, der die Verdrängung der Palästinenser durch die zionistischen Einwanderer vorausgeahnt hat.

Hadsch Amin leitete den blutigen Palästina-Aufstand von 1936, in dem er auch viele seiner palästinensischen Gegner umbringen ließ. Er mußte nach Beirut fliehen und ging nach Beginn des Zweiten Weltkriegs nach Bagdad.

Dort organisierte er mit vier irakischen Offizieren ("Das Goldene Viereck") den Putsch, der den deutschlandfreundlichen Raschid Ali el-Kailani zur Macht brachte. Als die britische Armee in Bagdad einmarschierte, floh der Mufti nach Deutschland, wurde von Hitler empfangen und von der Nazi-Propaganda benutzt, um Moslem-Freiwillige in Bosnien zu werben.

Nach dem Krieg kam der Mufti nach Kairo, um den Kampf gegen die Teilung Palästinas aufzunehmen. Die Führer der arabischen Staaten dachten aber gar nicht daran, dies den Palästinensern zu überlassen. Jeder von ihnen wollte im Krieg des Jahres 1948 die Palästinenser für seine eigenen Zwecke ausnutzen. Darum verloren die Araber diesen Konflikt, und alle palästinensischen Gebiete wurden praktisch zwischen Israel, Jordanien und Ägypten aufgeteilt. Der Mufti starb 1974 als verbitterter Mann im Alter von 79 Jahren.

Hadsch Amin ist also ein Symbol der Niederlage und der Hauptverantwortliche für das Unglück seines Volkes. Sein Porträt hängt an keiner Wand, er ist kein Held seines Volkes. Diese Ehre fiel einem anderen Mitglied der Husseini-Sippe zu: Abd el-Kadir.

Abd el-Kadir el-Husseini wurde 1907 in Jerusalem als Sohn Mussa Kassim el-Husseinis geboren, damals der Patriarch der Familie. Die Briten ernannten Mussa Kassim 1918 zum Bürgermeister Jerusalems unter der Bedingung, daß er sich nicht in die Politik einmische. Er brach diese Bedingung sofort und wurde 1920 wieder abgesetzt.

Abd el-Kadir ("Diener des Allmächtigen") studierte Chemie in Kairo. Anfang der dreißiger Jahre kehrte er nach Jerusalem zurück, um am bewaffneten Kampf gegen Engländer und Juden teilzunehmen. Damals kamen deutsche Juden massenhaft ins Land, um ihr Leben zu retten. Wie sein Verwandter, der Mufti, war Abd el-Kadir überzeugt, daß diese Juden am Ende die Palästinenser aus ihrem Land vertreiben würden.

Bei Ausbruch des arabischen Aufstandes von 1936 (von Engländern und Juden als »Unruhen« bezeichnet) wurde Abd el-Kadir el-Husseini Führer der Guerillas im Jerusalemer Gebiet. Engländer und Juden nannten ihn »Bandenführer«. Im Gefecht wurde er verwundet und entkam nach Syrien.

Dort wurde sein erster Sohn geboren. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, zog er nach Bagdad, wo sein zweiter Sohn, Feisal, geboren wurde. Er machte einen Offizierskurs mit, wurde aber nach Saudi-Arabien abgeschoben und ging von dort später nach Kairo.

Bei Ausbruch des Palästina-Krieges, Ende 1947, wollte der Mufti ihn zum Oberbefehlshaber der arabischen Streitkräfte in Palästina ernennen. Die Führer der arabischen Nachbarstaaten aber setzten auf einen Abenteurer: auf Fausi el-Kawukdschi, der im Weltkrieg in Deutschland gewesen war.

Wütend gründete der Mufti eine palästinensische Truppe unter dem Kommando Abd el-Kadirs. Da diese keinerlei Unterstützung von der Arabischen Liga bekam, war sie auf das Jerusalemer Gebiet beschränkt. Als seine Munition ausging, mußte Abd el-Kadir Patronen in den Basaren kaufen.

Schnell wurde er zum Nationalhelden. Seine Abstammung, kämpferische Vergangenheit und Mut kamen ihm zugute. Imponierend zudem seine äußerliche Erscheinung: Die Fotos zeigen einen stämmigen Mann mit schwarzem Schnurrbart und Kufija (Kopftuch), zwei Patronengürtel auf seiner Brust gekreuzt. Er war berühmt als ein Anführer, der seinen Leuten im Sturm vorauslief. Auch der jüdischen Seite galt er als ein ritterlicher Gegner.

Am 8. April 1948 erreichte der Kampf um das »Kastell«, eine Kreuzritterburgruine, welche die Landstraße nach Jerusalem beherrscht, den Höhepunkt. Als der Ort endgültig in jüdischem Besitz blieb, wurde Abd el-Kadir unter den Leichen entdeckt.

Als die palästinensischen Kämpfer vernahmen, daß ihr Führer gefallen war, verließen sie ihre Stellungen, um an der Beerdigung in Jerusalem teilzunehmen. Währenddessen verübten jüdische Dissidenten-Verbände im Dorf Deir Jassin das schlimmste Massaker des Krieges.

Beide Ereignisse führten zum Zusammenbruch der palästinensischen Streitkräfte im Westen Jerusalems. Feisal el-Husseini erinnert sich nur schwer an seinen Vater, dessen Grab heute ein Wallfahrtsort ist. Wie wächst der Sohn eines legendären Vaters auf?

»Es war nicht leicht«, gesteht er. »Die Probleme fangen mit 16, 17 Jahren an, wenn man seinen eigenen Charakter aufbauen muß. Man entdeckt, daß man im Schatten des Vaters lebt. Man kämpft, um sich zu bewähren. Das dauert einige Jahre.«

Feisal wuchs in Kairo auf. Als er noch ein Kind war, kam ein entfernter Verwandter oft zu Besuch, der auch in Kairo lebte, ein Sohn des Gazaer Familienzweigs: Rahman Abd el-Rauf Arafat el-Kudwa el-Husseini, der später als Jassir Arafat berühmt wurde. Er ist elf Jahre älter als Feisal.

Seit 1951 fing die Familie an, Jerusalem zu besuchen, dessen Ostteil damals zu Jordanien gehörte. Zuerst kam sie während der Sommerferien, später erhielt sie die jordanische Staatsbürgerschaft. Als 1964 die »Palästinensische Befreiungsorganisation« (PLO) in Ost-Jerusalem gegründet wurde, bekam Feisal eine Stellung in ihrem dortigen Büro.

Aber der Sohn Abd el-Kadirs konnte kein Beamter bleiben. Er meldete sich zum Dienst in der »Palästinensischen Befreiungsarmee«, einer regulären Truppe, deren Bataillone den Armeen der arabischen Staaten angegliedert waren. Ein Jahr lang absolvierte er einen Offizierskurs der syrischen Armee. Dort erlebte er den Sechs-Tage-Krieg. Er und seine Kameraden schossen mit Maschinengewehren auf die israelischen Flugzeuge, die Damaskus bombardierten.

Nach dem Krieg beschloß Feisal, das Schicksal seines Volkes in den besetzten Gebieten zu teilen. Er versuchte, nach Jerusalem zurückzukehren. Als er einmal gefragt wurde, wann er den ersten Israeli sah, erzählte er: »An der Grenze, 1967. Wir hatten einen Dialog. Er forderte mich auf, abzuhauen. Ich versuchte, mit ihm zu reden, und er schoß mir zwischen die Füße. Da mußte ich weg.« Doch als er es zum zweiten Mal versuchte, durfte er passieren. Man gab ihm einen israelischen Ausweis.

Wie in seiner Familie üblich heiratete er eine Verwandte aus dem Husseini-Clan. Er hat zwei Kinder: Abd el-Kadir, jetzt 19, und Fadua, 17.

Die Komplikationen fingen sofort nach Feisals Rückkehr an. Im Oktober 1967 wurde er verhaftet, vielleicht wegen seines Namens und seiner ehemaligen Stellung im PLO-Büro. Bei der Hausdurchsuchung wurde ein Maschinengewehr gefunden. Feisal war einer der ersten Gefangenen in den besetzten Gebieten.

Fünf Monate saß er in Isolierhaft, die meiste Zeit an Händen und Füßen gefesselt. Nach seinen Angaben wurde er nur am ersten Tag geschlagen. Als es endlich zum Prozeß kam, lautete das Urteil: ein Jahr Gefängnis.

Diese frühe Verhaftung verbreitete seinen Ruf in der palästinensischen Bevölkerung. Man sah, daß er ein würdiger Sprößling der Husseinis war. Später wurde er noch mehrere Male »administrativ« (das heißt ohne Gerichtsverfahren) verhaftet.

Seine Zeit im Gefängnis nutzte Feisal, um die Untersuchungsmethoden des israelischen Sicherheitsdienstes (Schabak) _(* Nach der Eroberung von Nazareth. ) zu studieren. Jeder arabische Häftling, der nach seinem Verhör in die Zelle zurückkam, wurde von ihm ausgefragt. Das Ergebnis war ein Bericht über die Methoden, die später von einer israelischen Untersuchungskommission als »mäßiger physischer Druck« bezeichnet (und gebilligt) wurden.

Jede neue Festnahme Feisals verstärkte sein Ansehen unter den Palästinensern. Allmählich stieg er zum Volksführer auf, vielleicht gerade, weil er sich nicht um eine herausragende Stellung bemühte. Seit einigen Jahren ist er die zentrale politische Persönlichkeit in den besetzten Gebieten.

Nach der israelischen Eroberung der West Bank und des Gazastreifens 1967 galten noch die alten palästinensischen Notablen als Vertreter der Bevölkerung. Die israelische Regierung hätte mit ihnen über einen Ausgleich verhandeln können, aber das wollte sie nicht.

Diese Garnitur war schnell erledigt. 1976 fanden die zweiten (und letzten) von den Besatzungsbehörden zugelassenen freien Wahlen in den besetzten Gebieten statt. Eine neue Garnitur von PLO-treuen Führern trat an. Zwei von ihnen wurden später deportiert, zwei andere verloren ihre Füße bei Anschlägen einer jüdischen Terror-Organisation.

Es entstand ein Vakuum, das eine neue Schicht junger, gebildeter Palästinenser ausfüllte, die unter der Besatzung aufgewachsen waren. Diese Generation hat jedes Vertrauen in die arabischen Regierungen verloren. Sie wartet nicht mehr auf Hilfe von außen und beschloß, daß der Kampf in den besetzten Gebieten selbst stattfinden müsse. Sie betrachtet die PLO als ihre politische Führung, glaubt aber nicht, daß Gewaltakte außerhalb des Landes einen Sinn haben. Das Ergebnis: die Intifada.

Die Intifada-Führung leitet den Aufstand im Untergrund. Sie besteht aus den Vertretern derselben Widerstandsorganisationen, die auch die PLO beherrschen. Aber gleichzeitig entstand auch eine politische Führung, die nationales und internationales Ansehen genießt.

Zu dieser Spitze gehören nicht nur Söhne der wichtigen Familien wie Feisal el-Husseini und Sari Nusseibe, sondern auch junge Leute aus den Flüchtlingslagern wie Radwan Abu Ajasch. Eine der neuen Persönlichkeiten ist Hanan Aschrawi, nicht nur eine Frau, sondern auch eine Christin. Das wäre noch vor wenigen Jahren unmöglich gewesen.

Die Aufgabe dieser Führung ist unglaublich heikel. Sie muß mit den Amerikanern verhandeln, ohne sich anzumaßen, an die Stelle der PLO zu treten. Arafat und seine Kollegen verkörpern die Einheit des palästinensischen Volkes in Palästina und in der Diaspora. Jeder Akt der Führung in den besetzten Gebieten kann den Verdacht erregen, daß Palästinenser »im Innern« (des Landes) die Rechte ihrer Brüder »außen« verraten.

Die Führung in den besetzten Gebieten muß mit den israelischen Friedenskräften und, wenn nötig, auch mit den Besatzungsbehörden Kontakte pflegen, ohne als Quislinge gebrandmarkt zu werden. Sie muß die Bevölkerung im Kampf gegen die Besatzung instruieren und führen, obwohl sie jeden Augenblick verhaftet werden kann. Sie ist ständig den Todesdrohungen radikaler arabischer Gruppen ausgesetzt.

So eine komplizierte Aufgabe erfordert Führungsqualitäten, physischen und psychischen Mut, diplomatische Gewandtheit, Ausdrucksfähigkeit und Ausdauer. Mit Feisal el-Husseini und seinen Kollegen haben die Palästinenser in den besetzten Gebieten erstmals so eine Führung gefunden.

Husseini ist in dieser Gruppe »Primus inter pares« - der Mann, der vom eigenen Volk und von fremden Regierungen als der oberste Sprecher der Bevölkerung in den besetzten Gebieten anerkannt ist. Warum eigentlich?

Er ist kein ausgesprochener Intellektueller wie Sari Nusseibe, und er ist nicht so eloquent wie die Professorin Hanan Aschrawi. Aber er hat etwas, was ihn zum natürlichen Führer macht. Man kann es Adel nennen.

Das ist nicht nur eine Sache der Abstammung. Mehr als die Hälfte der Mitglieder des palästinensischen Parlaments besteht aus Söhnen der alten großen Familien, trotz der sozialen Veränderungen, die das Volk unter der Besatzung in den Flüchtlingslagern durchmacht. Vielleicht deshalb, weil diese Familien mehr Möglichkeiten haben, ihren Söhnen und Töchtern eine gute Bildung zu bieten.

Aber Husseini hat noch andere Eigenschaften, die beeindrucken: Er hat eine natürliche Bescheidenheit, die echten Aristokraten oft eigen ist. Er zeigte nie irgendeinen Ehrgeiz. Die Führungsfunktion ist ihm beinahe aufgezwungen worden. Er ist ein angenehmer Mensch, der nie seine Stimme hebt.

Nicht weniger wichtig ist seine bedingungslose Treue zur PLO. Feisal el-Husseini versteht, was auch die Zionisten seinerzeit in einer ähnlichen Lage verstanden haben: daß in dieser Phase eines Nationalkampfes das Bestehen einer Volksvereinigung, einer international anerkannten nationalen Organisation, von unbezahlbarem Wert ist. Die PLO-Führung ihrerseits unterstützt Husseini ohne Vorbehalt.

Und vielleicht das Allerwichtigste: Feisal el-Husseini verkörpert den nationalen Konsens. Er unterstützt das zentrale Lager der PLO, das einen Frieden zwischen zwei Staaten - Israel und Palästina - anstrebt. Er wirbt für diese Idee nicht nur unter den Israelis, deren Sprache er im Gefängnis gelernt hat, sondern auch unter den Extremisten seines eigenen Volks, deren Todesdrohungen er mit seltenem Mut trotzt.

Mit derselben Mischung von Bescheidenheit und Würde spricht er auch mit dem amerikanischen Außenminister Baker, der einen historischen Präzedenzfall schuf, als er in Jerusalem mehrere Male zwischen Schamir und Husseini hin- und herfuhr.

Offenbar hat James Baker, der amerikanische Aristokrat, eine gemeinsame Sprache mit dem palästinensischen Aristokraten gefunden. Seine Grundanschauung trug Husseini vor vier Jahren einem israelischen Interviewer vor: »Nichts wird uns von hier vertreiben. Wir sind wie ein Wald. Ihr könnt Bäume abhauen, aber der Wald bleibt bestehen. Sogar wenn ihr die Wurzeln abschneidet, werdet ihr täglich daran arbeiten müssen, und trotzdem werdet ihr sehen, daß der Wald größer wird.«

Haben die Israelis einen Platz in diesem Bild? Husseini: »Sicher, aber ihr werdet Bäume sein müssen, wie wir - ein Teil des Waldes, statt Bäume zu entwurzeln.«

* Nach der Eroberung von Nazareth.

Uri Avnery
Zur Ausgabe
Artikel 70 / 109
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.