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Ein Provinz-Prediger als US-Präsident?

aus DER SPIEGEL 30/1972

In seiner eleganten Suite im Doral Beach Hotel in Miami (Tagesmiete 300 Dollar) saß George Mc-Govern in Socken vor dem Fernsehschirm und trank Bier aus der Dose. Wie Millionen Amerikaner ließ er sich am Montag letzter Woche erklären, warum er auf dem Parteikonvent nicht gewinnen könne.

Sechs Meilen südlich, im chaotischen Wirrwarr der Convention Hall, wurden seine Mitarbeiter nervös. Der Außenseiter aus South Dakota schien am Ende. Das Partei-Establishment baute Hürden. um den Erfolgsweg des »Honest George, des auch in den eigenen Reihen unwillkommenen Kämpfers gegen verbriefte Rechte, endgültig zu verbarrikadieren.

Doch George McGovern blieb unbeeindruckt. Er grübelte über seiner Antrittsrede für die Partei-Nominierung als Herausforderer des republikanischen Präsidenten Richard Nixon. Als nach hektischen Stunden sein späterer Sieg feststand, schlief McGovern schon.

Er hatte als Geschichtsprofessor gelernt und gelehrt, daß »Kandidaten gewöhnlich mehr von historischen Kräften ausgewählt werden als durch das, was sie tun«. Genau das verwirklichte sich nun an seinem Beispiel.

Der Senator, in dieser Woche 50 Jahre alt, 1,83 groß. Vater von fünf Kindern, Hausherr in einem sehr komfortablen Eigenheim, ist nicht gerade das Wunschbild jugendlichen Protests. Mit wachsender Glatze, ein bißchen hölzern, ein bißchen linkisch und sehr provinziell, galt er bis Montag letzter Woche selbst vielen seiner Mitarbeiter eher als ein ehrenwerter Mann, für den zu arbeiten das Gewissen beruhigt, denn als ein Kandidat mit Chancen.

Für die Öffentlichkeit der USA war der Kandidat noch im Januar nach einem Jahr Wahlkampf. nach 100 000 Meilen Reisen quer durch die Staaten, nach unzähligen Reden und Auftritten »Mr, Six Percent«. Man wußte eher, daß er früher Methodisten-Prediger gewesen war (mindestens 17 Taufen, eine Eheschließung in Tennisschuhen), als daß man künftige nationale Wichtigkeit erahnte. Er blieb ein zweitrangiger Senator aus dem ländlichen South Dakota, einem Staat mit der Attraktion Schleswig-l-iolsteins und noch nicht einmal meerumschlungen.

Er war ein »Ich auch«-Kandidat im Feld der demokratischen Bewerber, in nichts von anderen Hoffnungslosen unterschieden als durch seine frühe und konsequente Opposition gegen den Vietnam-Krieg. Jetzt, so glaubt McGovern nach der Nominierung, ist er nicht plötzlich in die Rolle des Staatsmanns hineingewachsen. -- Vielmehr sei, so meint er, das Land endlich bereit für ihn: »Ich glaube, daß die historische Situation mich geradewegs ins Weiße Haus befördert.«

Ein Prärie-Prediger als Werkzeug der Geschichte? Ein Provinzpolitiker als Retter Amerikas? Für Mc-Govern ist überall in den USA South Dakota -- die Provinz fordert ihr Recht zurück in einem Land, in dem Nixon bereits das Alte Rom heraufdämmern sah: Niedergang durch Überfluß und Dekadenz, Einsturz der neurömischen Tempel des Regierungs-Disneylands in Washington.

Der Radikalismus seiner Altväterlichkeit macht ihn -- scheinbar paradox -- zum Kandidaten der Jugend und des Fortschritts, läßt ihn für amerikanische Verhältnisse fast schon als Linken erscheinen.

McGovern ist radikal altmodisch. Er will nicht, wie viele seiner Feinde und Freunde behaupten, den Umsturz -- er will Rückkehr zu sehr simplen, religiös aufgeladenen Werten: Gerechtigkeit, Wahrheit. Vertrauen und Mut. Sein Slogan: »Finde zurück. Amerika.« Er glaubt an den kleinen Mann mehr, als der an ihn.

George Cunningham, sein wichtigster politischer Berater, sorgt dafür, daß McGovern so oft wie möglich in seine Heimat zurückkehrt: »Der reine physische Akt der Heimkehr bringt ihn immer wieder auf den Boden der Tatsachen.« In Washington und im Wahlkampf nennen ihn die Leute »Senator« oder schon »Mr. President«, in South Dakota fragen sie noch immer: »George, du Hurensohn, wo hast du dich denn 'rumgetrieben?«

Heimkehr nach South Dakota ist nicht nur Bindung an das Wertsystem der Provinz. sondern auch Erinnerung an handfeste politische Praxis. Unter den 110 Parlamentariern im Staatsparlament von South Dakota saßen 1953 zwei Demokraten. George McGovern, dreißig und Vater von vier Kindern. leitete als Dekan die Historische Fakultät der Dakota Wesleyan University. Er langweilte sich, weil er Geschichte nicht nur interpretieren wollte.

Gegen alle Vernunft und ohne sicheres Gehalt wagte er eine demokratische Parteikarriere -- ein Unterfangen, das George McGovern heute »einen hoffnungslosen Fall nach dem anderen« nennt. Noch immer sind die eingeschriebenen Wähler dieses Staates zu zwei Dritteln Republikaner -- aber jeder Dritte wechselte bereits ins andere Lager über, um den Demokraten George McGovern zu wählen: 1956 zum Kongreßabgeordneten und 1962 zum ersten demokratischen Senator seit 26 Jahren.

Ein politischer Mitarbeiter McGoverns über seinen Chef: »Er ist ein verteufelt guter Politiker. Einfühlend, anpassungsfähig und knallhart wie ein Hundesohn. Hart nicht gegen Leute, sondern in der Sache.«

Nach drei unbequemen Tagen als Favorit ist er nun wieder Außenseiter -- das liegt ihm besser. Aufs neue beginnt jetzt der lange Marsch, im South-Dakota-Stil -- langsam, ehrlich und, wo es geht, ohne Druck.

Wo es aber nicht geht, auch mit Druck. George McGovern ist amerikanischer, als die meisten Amerikaner glauben.

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