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EIN ROMANTKER ALS SPION

aus DER SPIEGEL 13/1966

Der englische Schriftsteller und Ex-Diplomat John le Carré (bürgerlich: David Cornwell), 34, ist Autor der Spionage-Bestseller »Der Spion, der aus der Kälte kam« und »Krieg im Spiegel«. - Der Oxford-Professor F. W. Deakin, 52, wurde durch sein Mussolini-Hitler-Buch »Die brutale Freundschaft« bekannt. Oxford-Professor G. R. Storry, 52, ist Verfasser einer Geschichte des modernen Japan.

Die russischen Truppen rückten im Triumphzug nach Deutschland ein. In Moskau feierten jubilierende Massen den Jahrestag der russischen Revolution. Im Gefängnis Sugamo in Tokio begab sich Richard Sorge, Staatsangehöriger der Besiegten, Agent der Sieger, von beiden verleugnet, zu seiner Hinrichtung. Es war der 7. November 1944.

Das war nicht die einzige ironische Pointe. 1941 hatte der deutsche Spion Sorge seinen russischen Auftraggebern das genaue Datum verraten, an dem die deutschen Truppen die Sowjet-Union überfallen würden. Zur Stunde des Sieges schmorte dieser Bericht immer noch in einer Akte mit der Aufschrift »Unzuverlässiges Nachrichtenmaterial«, und die beiden Sowjet-Offiziere, die Sorges Tätigkeit überwacht hatten, lagen in ihren Gräbern - bei einer »Säuberung« als »Feinde des Volkes« liquidiert.

Am 5. November 1964 wurde Richard Sorge mit dem höchsten Orden als »Held der Sowjet-Union« geehrt. Die Sowjet-Presse besang seinen wertvollen Kriegsbeitrag, eine Moskauer Straße, ein russischer Tanker und eine Vier -Kopeken-Briefmarke bewahren seinem Namen ehrendes Andenken. General Bersin und Oberst Borowitsch vom sowjetischen Militär-Geheimdienst wurden posthum rehabilitiert. Im Atheisten -Paradies mögen ihre Seelen, wie auch die von Sorge, in Frieden weiterleben.

Durch die Rehabilitierung von Sorge hat die Sowjet-Union seinen Beruf in einer Weise anerkannt, die ohne Präzedenz ist: »Ein Spion ist vor allem ein Mann der Politik ... Er muß über das weitreichende Denken eines Strategen und über eine genaue Beobachtungsgabe verfügen Spionage bedeutet ununterbrochen anstrengende Arbeit, die nie aufhört ... Am allerwenigsten war Sorge so wie jene von gewissen westlichen Autoren geschaffenen Geheimagenten. Er knackte keine Safes, um Dokumente zu stehlen; die Dokumente wurden ihm von den Eigentümern selbst gezeigt. Er brauchte nicht seine Pistole, um dorthin zu gelangen, wohin er gelangen mußte; die Bewacher der Geheimnisse öffneten ihm freundlich alle Türen.«

Tatsächlich standen Sorge die Türen in Tokio offen - in Moskau waren sie gerade zu dem Zeitpunkt geschlossen, als es darauf angekommen wäre.

Deakin und Storry, zwei Oxford-Professoren, haben endlich zustande gebracht, was allen anderen Biographen dieses seltsamen Mannes nicht geglückt ist: einen kühlen und sorgfältig dokumentierten historischen Bericht über Richard Sorges Leben und Werk.

Es ist nicht nur ein Buch für Schüler der Spionage. Wie der sowjetische Kommentator, so sehen auch unsere beiden Autoren Sorge als einen politischen Menschen; ihre treffliche Untersuchung führte sie von den hektischen, ungeschickten Konspirationen des deutschen Untergrund-Kommunismus der zwanziger Jahre zu den kleinen Salons drittrangiger Hotels in Saigon; ihre Recherchen springen nach England, nach Amerika; auf den Spuren der Frühzeit ihres Helden atmen sie dieselbe Luft mit Hiss, Chambers und Maclean.

Diese ersten Seiten werden nicht nur durch die großen historischen Bewegungen zwischen den Kriegen belebt, sondern auch durch einsame Kämpfer, die am Rande der politischen Wüste operieren: Ein Hamburger Seemann schließt sich den Kommunisten an und stirbt in Tokio als Funker eines Geheimsenders. Eine verlorene Gemeinschaft heimatloser Träumer wird hier gezeigt. Der Schatten Sorges hat endlich Ruhm geerntet; aber hinter ihm marschiert eine traurige Prozession: verstoßene Intellektuelle, verstoßene Patrioten, verstoßene Priester, die Länder und Religionen verteidigen, von denen unsere Kinder vielleicht nie etwas erfahren werden, ein fanatischer Haufen, der ein bankrottes Jahrhundert heimsucht.

Was ist das nun für ein Mann, der aus dieser Schar hervortritt? Deakin und Storry bieten keine eigentliche Analyse von Sorges Motiven. Vielleicht ist dies gerade das große Verdienst ihres Buches: Uns bleibt es überlassen, das letzte Kapitel selbst zu schreiben. Reichliches Material dafür ist vorhanden.

Sorge war so etwas wie ein Intellektueller; zumindest besaß er eine gesunde und ausreichende Intelligenz. Er sagte von sich selbst - er war kein bescheidener Mann -, daß er in friedlichen Zeiten Gelehrter geworden wäre. Er war ein Komödiant im Sinne von Graham Greene und ein Künstler im Sinne von Thomas Mann. Wie Spinell in Thomas Manns Erzählung »Tristan« arbeitete er immer an einem unvollendeten Buch. Als er festgenommen wurde, lag es auf seinem Nachttisch zusammen mit einem aufgeschlagenen Band japanischer Lyrik aus dem 16. Jahrhundert. Er spielte den Bohemien, hielt sich in seinem Zimmer eine zahme Eule und brachte es im Trinken und Huren zu ansehnlichen Erfolgen.

Sorge war ein glänzender Gesellschafter; die Leute (sogar seine Opfer) liebten ihn; Soldaten waren sofort für ihn eingenommen. Er lebte ganz in einer Männerwelt, und wie die meisten selbstherrlichen Romantiker hatte er für Frauen außerhalb des Schlafzimmers keine Verwendung. Ich habe den Verdacht, daß er ein Exhibitionist war und sein Publikum immer nur vom eigenen Geschlecht.

Er hatte Mut, großen Mut und das Sendungsbewußtsein des Romantikers; als seine Kollegen verhaftet wurden, lag er im Bett, trank Sake und wartete auf das Ende. Er hatte Sänger werden wollen; er ist nicht der erste Spion aus den Reihen gescheiterter Künstler. Ein französischer Journalist beschreibt sein Wesen als eine »eigenartige Mischung aus Charme und Brutalität«. Zeitweilig zeigte er zweifellos die Symptome eines Alkoholikers.

Das sind also die Charaktereigenschaften, die er für die Spionage mitbrachte; was nun gab die Spionage ihm? Eine Bühne, glaube ich; ein Schiff, mit dem er über seine eigenen romantischen Meere segeln konnte; ein Band, um damit ein Bündel mittelmäßiger Talente zu verknüpfen; eine Narrenpritsche, um damit die Gesellschaft zu schlagen; und eine marxistische Peitsche, um sich selbst zu geißeln. Dieser sinnliche Priester hatte sein wahres Metier gefunden; wunderbarerweise wurde er in seinem eigenen Jahrhundert geboren. Nur seine Götter waren veraltet.

Le Carré

F. W. Deakin und G. R. Storry:

»Richard Sorge - Die Geschichte eines großen Doppelspiels«

R. Piper Verlag 432 Seiten 25 Mark

Sorge

John le Carré
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