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Ein Rückblick auf die Zukunft

aus DER SPIEGEL 11/1947

Man mußte in dieser Woche damit rechnen, in nordwestdeutschen (und nicht nur in nordwestdeutschen) Straßenbahnen und bei sonstigen Menschenanhäufungen Ohrenzeuge von Gesprächen zu werden, in denen von einer Rundfunksendung »Was wäre, wenn ...?« die Rede war. Es war festzustellen, daß kaum je eine Sendung solche Beachtung gefunden hat wie diese. Frauen, die vom Holzsammeln kamen, sprachen genau so darüber wie Männer am Auszahlschalter der Banken. Es handelte sich um die Sendung, die der Nordwestdeutsche Rundfunk am Vorabend des Beginns der Moskauer Konferenz startete, zuerst am Sonntag, dann noch einmal am Mittwoch. Axel Eggebrecht gab einen Rückblick auf die Zukunft der Welt.

Aus der Perspektive des Jahres 2047 stellt er die Frage »Was wäre, wenn ...?« Was wäre, wenn die Welt aus dem Zustand der Furcht vor der endgültigen

Selbstzerfleischung erlöst würde? Was wäre, wenn an Stelle von Konferenzen in den ausgefahrenen Geleisen der traditionellen Diplomatie die Vernunft siegte?

Das Hörspiel läßt die prominenten Staatsmänner der Gegenwart auftreten und zeichnet in einer kühnen Gedankenlinie einen utopischen Neuaufbau der Welt. Die Grenzen des nationalen Egoismus fallen. Eine große Menschheitsaufgabe wird gelöst: Die Völkerbefreiung vom Chauvinismus, gleiches Lebensrecht für alle in einer befriedeten Welt.

Peter von Zahn, der politische Kommentator des NWDR, erinnerte in einem einleitenden Vortrag daran, daß der Staat Utopia, den Thomas Morus, Staatsphilosoph und Kanzler unter Englands Heinrich VIII., im 15. Jh. in seinem Roman »Utopia« entworfen hat, von den Zeitgenossen belächelt wurde. Viele seiner Ideen hat die Neuzeit verwirklicht. Was wäre, wenn unsere utopische Sehnsucht nach einer besseren Welt Wirklichkeit würde?

Das Hörspiel setzt ein mit einer Tagung der alleuropäischen UNESCO-Universität im Jahre 2047 auf dem Hradschin in Prag. Die kapitalistische und die sozialistische Welt sind zu einer Einheit verschmolzen. Die Zeitgenossen von übermorgen lassen sich den Zeit-Film ihrer Groß- und Urgroßväter vorführen.

In Moskau kommen die Staatsmänner zusammen - Eggebrecht formuliert in Gesprächen, Schlagzeilen und Zeitungsberichten die optimistische Konferenzfassade und ihren weniger optimistischen Hintergrund. In Ausschüssen wird zu Grabe getragen, was auf der Tagesordnung als hoffnungsvoller Anfang einer Neuordnung erschien.

Zwei Menschen aus dem Gefolge der Großen Vier führen als Rahmenfiguren die Diskussion um die Frage »Was wäre, wenn ...?« auf ihre Weise. Darf die Welt auf einen einigenden Frieden hoffen?

Ein alter Prediger der Vernunft in der Wüste greift ein: G. B. Shaw bringt die Wendung. Mit einem Brief an die Times legt er die Lunte zu einer Weltexplosion des Friedens. Er fordert die Auflösung der Nationen, in dem utopischen Spiel mit der Nichtwirklichkeit siegt die Vernunft.

Es gibt eine glänzende Szene zwischen Shaw, Stalin und dem jungen Elliot Roosevelt, des Präsidenten Franklin Delano Sohn. Ein altes Weltbild wird begraben, eine neue Welt wird geboren.

Die Völker verzichten auf ihre Nationalität. Der Weltbund der Staatenlosen wird gegründet. In Paris wird der aktive Friede diktiert. Die alten Grenzen fallen. Deutschland schöpft neue Hoffnung im zentraleuropäischen Mandatsgebiet der UNO. So wie die Welt im Kriege alle Kräfte aktivierte für die Zerstörung, arbeitet sie einmütig für die Aktivierung des Friedens.

Noch nie ist über ein Hörspiel so viel diskutiert worden wie über »Was wäre, wenn ...?« von Axel Eggebrecht. Eggebrecht ist geistiger Motor des NWDR seit dessen Bestehen. Sein großer Lehrmeister als Schriftsteller und Journalist war Siegfried Jacobsohn, der unvergessene Schöpfer der »Weltbühne«, der Zeitschrift, die bis 1933 in vorderster Linie gegen alles politische Amokläufertum kämpfte.

Während der Nazi-Zeit war Eggebrecht zuerst ins Kz verbannt. Später zog er sich vom Journalismus auf das weniger heikle Feld des Films zurück.

»Im Mai 1945 wurde ich zehn Jahre jünger«, sagt er, »und allen Enttäuschungen zum Trotz glaube ich daran, daß das Leben neu begonnen hat.«

»Im Mai 1945 wurde ich um zehn Jahre jünger«, sagt Axel Eggebrecht

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