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FILMINDUSTRIE »Ein schlechter Witz«

Produzent Bernd Eichinger, 52, über Kreativität, Gagen und die geplante Änderung des Urheberrechts
aus DER SPIEGEL 43/2001

SPIEGEL: Sie feiern mit »Der Schuh des Manitu« gerade einen Kassenerfolg, fürchten gleichzeitig aber den Kollaps für den Produktionsstandort Deutschland. Wie passt das zusammen?

Eichinger: Wenn die Regierung ihren Gesetzesentwurf zum Urheberrecht wie geplant durchbringt, dann sehe ich wirklich die Gefahr, dass sie die ganze deutsche Film- und Fernsehbranche damit plattmacht.

SPIEGEL: Dramatisieren Sie nicht ein bisschen? Justizministerin Herta Däubler-Gmelin geht es doch nur um eine »angemessene Vergütung« für kreative Leistungen.

Eichinger: Wäre es wirklich nur das, hätten wir kein Problem - in der Filmbranche wird ohnehin angemessen bezahlt. Uns beschäftigt viel mehr, dass ihr Gesetzesentwurf plötzlich alle an einem Film Beteiligten zu Urhebern erklärt und damit jedem Einzelnen weitgehende Änderungsrechte einräumt. Wenn ich etwa künftig die Rechte an einem Roman wie »Der Name der Rose« kaufen will, müsste ich alle geplanten Veränderungen mit dem Autor absprechen. Er hätte damit ein Zustimmungsrecht, genau wie später die Drehbuchautoren, Ausstatter, Schauspieler, der Regisseur und der Cutter.

SPIEGEL: Klingt sehr demokratisch.

Eichinger: Ist aber der pure Irrsinn, so bringen Sie keinen Film zu Stande. Bei »Der Name der Rose« gab es 5 Drehbuchautoren und 14 Drehbuchfassungen. Insgesamt haben Sie bei größeren Projekten um die 30 Leute, von denen jeder Einzelne sagen könnte: Damit bin ich nicht einverstanden, so darf der Film nicht aufgeführt werden. Und das kann am Ende wirklich in niemandes Interesse sein - denn es killt ja jeglichen spontanen, kreativen Input. Der Regisseur hat eine geniale Idee, darf sie aber nicht verwirklichen, weil Drehbuchautor Nummer zwei was dagegen hat. Ein Alptraum.

SPIEGEL: Schon heute können die Kreativen bei »gröblichen Entstellungen« einschreiten.

Eichinger: Das »gröblichen« soll jetzt aber entfallen, und genau dieses Wort hat mich als Produzent schon oft gerettet. Etwa, als der Schriftsteller Michael Ende gegen meine Verfilmung der »Unendlichen Geschichte« vorging. Es gibt doch kaum einen Autor, der sich adäquat verfilmt fühlt. Diese Unsicherheit macht keine Bank und keine Produktionsversicherung mit. Selbst wenn ich die Prozesse allesamt ein Jahr später gewinne - dann ist der Film tot.

SPIEGEL: Die Verbände der Drehbuchautoren, Regisseure und Cutter begrüßen den Entwurf und halten Ihre Angst vor den

Änderungsrechten für vorgeschoben. Geht es Ihnen im Kern nicht doch um die »angemessene Vergütung«?

Eichinger: Der Tagessatz für Schauspieler reicht von 3000 bis 15 000 Mark, und da rede ich vom Fernsehen, nicht vom Film. Bis zu den Komparsen herunter gibt es tarifliche Regelungen. Die Rechte an guten Romanen, die sich als Filmvorlagen eignen, werden längst versteigert. Es mag in der Verlagsbranche, bei Fotografen oder Übersetzern Ungerechtigkeiten geben - bei uns sind die Gagen wirklich sehr, sehr hoch. Womit wir bei den geplanten Vergütungsregeln nicht leben können, ist das schwammige Wörtchen »angemessen«. Und vor allem nicht mit der Klausel, dass die Ansprüche 20 Jahre rückwirkend gelten. Theoretisch könnte dann ein Schauspieler aus meinem Film »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« kommen und heute dafür eine Nachhonorierierung verlangen.

SPIEGEL: Hilflos ausgeliefert wären Sie dem nicht. Der Gesetzesentwurf sieht eine Schiedsstelle vor.

Eichinger: Ich mache im Jahr vier bis fünf Filme mit jeweils rund 50 Mitarbeitern, würde also im Extremfall bis zu 250mal vor der Schiedsstelle stehen. Das Risiko, in so einen Rechtsstreitstrudel zu geraten, ist für keinen Produzenten zumutbar - und für die Kinoverleiher, Video- und TV-Auswerter im In- und Ausland auch nicht.

SPIEGEL: In erster Lesung ist der Entwurf schon durch den Bundestag, im Dezember soll das Gesetz verabschiedet werden. Verleger und Werbewirtschaft machen schon lange Front dagegen, warum ist die Filmwirtschaft so spät aufgewacht?

Eichinger: Als ich das erste Mal von dem Gesetz hörte, dachte ich, das sei ein schlechter Witz. Aber das hat sich schnell geändert, wir arbeiten ja jetzt bereits seit einem Jahr massiv gegen diese Ideen. Immerhin bin ich wegen dieser Sache erstmals in meinem Leben politisch aktiv geworden.

SPIEGEL: Rechnen Sie mit einem Erfolg Ihrer Lobby-Bemühungen?

Eichinger: Mittlerweile haben wir zweimal mit der Justizministerin gesprochen und ich auch einmal ganz kurz mit dem Kanzler bei einem Abendessen. Beide schienen unsere Einwände zu verstehen, aber bisher hat sich nichts bewegt.

INTERVIEW: MARCEL ROSENBACH

* Regisseur Michael Herbig und Schauspielerin Marie Bäumer beider Premiere von »Der Schuh des Manitu« in München am 14. Juli.

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