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Balkan EIN SCHRITT ZUM FRIEDEN

Überraschung in Sarajevo: Die Serben zucken zurück. Die Nato-Drohung mit Luftangriffen und Moskaus Versprechen, russische Blauhelme zu entsenden, erzwingen den ersten diplomatischen Durchbruch im Bosnien-Konflikt. Doch der Krieg um die anderen moslemischen Enklaven geht mit unverminderter Härte weiter.
aus DER SPIEGEL 8/1994

Soldaten kämpfen oder sterben, dazwischen gibt es - angeblich - nichts. General Ratko Mladic, militärischer Anführer der bosnischen Serben, ist immer bei seinen Männern an der Front, »egal, was passiert«. Vor drei Wochen nahm ihn bei Olovo ein moslemischer Heckenschütze zielscharf ins Visier. »Zum Glück«, prahlte der Haudegen, prallten die zwei Projektile an der kugelsicheren Weste ab.

Wenige Tage nach dem Schock sah sich der serbische Oberbefehlshaber in Bosnien mit dem Countdown des Nato-Ultimatums konfrontiert. Daß es mit der westlichen Untätigkeit und den leeren Drohungen plötzlich vorbei sein sollte, wollte der Großserbe zunächst nicht glauben.

Noch Anfang voriger Woche schwor Mladic seine 14 000 Kämpfer hinter ihren 300 Geschützstellungen auf mögliche Luftschläge der Nato ein. »Wenn die uns unter Beschuß nehmen«, munterte der Kriegsherr bei Visiten seine Truppen großsprecherisch auf, »dann werden wir London und München bombardieren.«

Doch diesmal hatte sich der General vehement verrechnet. US-Präsident Bill Clinton versicherte gleich mehrmals, das Ultimatum an die Belagerer von Sarajevo, ihre schweren Waffen bis ein Uhr an diesem Montagmorgen abzuliefern oder zurückzuziehen, »bleibt bestehen«. Aus dem Brüsseler Nato-Hauptquartier war zu vernehmen: »Alles ist geregelt, alles ist bereit zum Schlag.«

Butros Butros Ghali, Generalsekretär der Vereinten Nationen, erteilte seinem Vertreter auf dem Balkan, dem japanischen Uno-Diplomaten und erfolgreichen Kambodscha-Vermittler Yasushi Akashi, die Vollmacht, Luftangriffe freizugeben - eine beträchtliche Verkürzung des Entscheidungsweges. Die sonst notwendige Frist von drei Stunden werde so auf die Hälfte verkürzt, erläuterte der Oberkommandierende des Uno-Einsatzes auf dem Balkan, der französische General Jean Cot. Und drohend fügte er hinzu, daß er, falls notwendig, »den Lufteinsatz sowohl für Sarajevo als auch für das gesamte Bosnien« fordern würde.

Das Ultimatum - »Es wird keine Verlängerung geben«, schwor der Nato-Rat am vorigen Mittwoch noch einmal - erhielt überdies Unterstützung in aller Welt. Über 50 Länder sprachen sich in der Uno gleichfalls für militärischen Druck auf die Serben aus.

Niemand zweifelte daran, daß die Nato die Drohung, serbische Geschützstellungen um Sarajevo anzugreifen, auch wahr machen konnte. Pausenlos übte die auf 200 Kampfflugzeuge angewachsene westliche Luftwaffe den Tiefflugeinsatz über Bosnien - das größte internationale Aufgebot an Luftstreitkräften seit dem Golfkrieg 1991.

Mladic und seine Kohorten mußten Mitte voriger Woche erkennen, daß dem mächtigsten Militärbündnis der Welt gar kein Weg mehr zurück blieb, wollte es nicht jede Glaubwürdigkeit verlieren. »Die Gefahr, bombardiert zu werden, war nie größer als heute«, räumte da selbst Momcilo Krajisnik betreten ein, der gleichfalls zur martialischen Vorhut zählende Parlamentspräsident von Bosniens Serben.

Es war der Druck, unter dem alle Seiten standen, der vergangene Woche eine erste Wende in den verfahrenen Bosnien-Krieg brachte und zu ersten Kompromissen führte, die es in letzter Minute allen Parteien zu ermöglichen schienen, das Gesicht zu wahren.

Denn im Ernst wollte - außer den um ihre Existenz kämpfenden bosnischen Moslems - niemand den Eintritt des Westens in den bosnischen Krieg: *___die Serben nicht, weil sie der Feuerkraft der Nato ____nicht einmal eine halbwegs wirksame Flugabwehr ____entgegensetzen können und schwere Verluste unter ihren ____kriegsmüden Verbänden fürchten müssen; *___die Nato nicht, weil auch das kleinste militärische ____Ziel eine Eskalation bis hin zum allseits gefürchteten ____Einsatz von Bodentruppen nach sich ziehen könnte, und *___die Uno nicht, weil ihre Kommandeure auf dem Balkan bis ____zuletzt auf eine Verhandlungslösung hofften, um das ____Aufbrechen des serbischen Belagerungsrings um Sarajevo ____dann als Präzedenzfall für die anderen eingekesselten ____Moslem-Städte Bosniens zu nutzen.

Die Suche nach dem Kompromiß hatte noch Anfang der Woche zu einem Streit zwischen Nato-Politikern und den Uno-Kommandeuren geführt. Zunächst war unklar geblieben, was wohl mit der Passage des Ultimatums vom 9. Februar gemeint sei, die Serben hätten ihre schweren Waffen »unter Uno-Kontrolle« zu stellen, sofern sie diese nicht abzögen.

Die Blauhelm-Unterhändler in Bosniens Metropole ließen durchblicken, ihnen reiche die Kontrolle durch ein Radar- und Überwachungsnetz, das ihnen die Lage der 300 Geschütze um Sarajevo verraten würde. Sie wollten durch den Druck aus Brüssel vor allem erreichen, daß der ausgehandelte Waffenstillstand diesmal wirklich hält. Den Nato-Politikern war das zuwenig.

In zwei Treffen einigten sich Uno-General Michael Rose, Chef der in Bosnien stationierten Blauhelme, und Nato-Admiral Jeremy Boorda darauf, daß Kontrolle nicht nur Fernüberwachung bedeutet, sondern »physische Kontrolle«. Ein Nato-Experte sah das so: »Stacheldraht rum, Uno-Fahne drauf, drei Franzosen mit Waffe daneben.«

So etwa schien es zu klappen. Nach einem Besuch des russischen Bosnien-Emissärs Witalij Tschurkin verkündete Serbenführer Radovan Karadzic sein formelles Einverständnis mit den Bedingungen des Nato-Ultimatums. »Wir glauben wirklich«, versicherte der Psychiater in seiner oberhalb von Sarajevo gelegenen Bergfeste Pale, »daß der Krieg in Sarajevo endlich vorbei ist.«

Seit vorigen Donnerstag gaben die Serben gegen das Versprechen, russische Blauhelm-Truppen würden ihren Platz einnehmen, viele Stellungen rund um Sarajevo auf. Kommandeur Rose freute sich: »Montag wird ein Tag wie jeder andere« (siehe Interview Seite 134).

Entscheidend für das Einlenken der Serben war das Eingreifen ihres großen slawischen Bruders Rußland gewesen. Nach Tagen des Grolls über das Vorpreschen der Nato hatte der kränkelnde Russen-Führer Boris Jelzin bei einer Visite des Briten-Premiers John Major Anfang voriger Woche noch geblafft: »Wir werden nicht zulassen, daß die Bosnien-Frage ohne Moskaus Beteiligung gelöst wird.« Daraufhin wurden Jelzins Diplomaten hyperaktiv.

Jelzin-Botschafter Tschurkin machte sich auf den Weg nach Belgrad - zu Serbiens Präsident Slobodan Milosevic. »Optimistisch« sei er, ließ der Moskauer Unterhändler Journalisten wissen, schon jetzt biete Sarajevo ein fast »friedliches« Bild. Die Botschaft: Eine Nato-Strafaktion habe sich längst erübrigt.

Den Serben überbrachte Tschurkin eine Forderung Jelzins, deren Kern: alle schweren Waffen in kürzester Zeit vom belagerten Sarajevo abziehen zu lassen, um endlich das Blutvergießen zu beenden. Als Gegenleistung würde Jelzin russische Blauhelme nach Sarajevo entsenden - genau dies hatte das Moskauer Verteidigungsministerium noch zu Wochenbeginn abgelehnt.

Tschurkin erhielt letztlich, was dem Westen versagt geblieben war, ein klares Ja der Serben zum Rückzug hinter die 20-Kilometer-Grenze rund um die Stadt - bekräftigt durch einen Beschluß des serbischen Parlaments in Pale. Damit erübrige sich jeglicher Nato-Luftangriff, zeigte sich der Russe zufrieden, »ganz einfach, weil es keinerlei Zielobjekte mehr gibt«. Als sei eine Schlacht gewonnen, packten die serbischen Kämpfer Geschütze um Sarajevo ein.

In Schnee und Nebel schafften sie, zur Verwunderung der ukrainischen und französischen Blauhelme, nicht nur kaputte und alte Geräte wie in den Tagen zuvor beiseite, sondern zogen erstmals ganze Panzerkolonnen aus der Umgebung um Sarajevo ab.

Ob die Bedingungen des Ultimatums damit erfüllt waren, blieb auch am Wochenende noch unklar. Wie andere Nato-Politiker bestand Frankreichs Außenminister Alain Juppe auf einer strengen Prüfung: »Wir haben so viele unerfüllte Versprechen erlebt, so viele nicht beachtete Waffenstillstände und gebrochene Zusagen, daß wir uns selbst überzeugen müssen, bevor wir irgend etwas entscheiden.«

Friedensbringer Rose wähnte sich dagegen hart am Ziel: Erstmals seit 22 Monaten hatten in Sarajevo die Waffen für eine ganze Woche geschwiegen.

Ein Gefühl von Alltag kehrte in die geschundene Metropole ein. Die Bürger trauten sich wieder auf die Straße, Bautrupps reparierten Strom- und Wasserleitungen, auf den Marktplätzen florierte der Tauschhandel, Kinder rodelten in den schneebedeckten Gassen - die Furcht vor Granatwürfen und Heckenschützenfeuer war verflogen.

Auch Präsident Alija Izetbegovic zeigte sich erleichtert: »Die Bürger Sarajevos können ruhig schlafen, davon hat mich Akashi überzeugt.«

Am Mittwoch gab IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch den 300 000 Eingeschlossenen für viereinhalb kameraintensive Stunden die Ehre. Er besuchte das zerbombte Olympiastadion, kletterte auf die schwerbeschädigte Tribüne, von der aus er vor zehn Jahren die 14. Winterspiele eröffnet hatte, schaute über das Stadion - heute ein einziger großer Friedhof - und fand für die Verdammten der einst blühenden Stadt keine passenden Worte. »Politik ist nicht mein Problem, ich bin Sportler«, erklärte er vor den Kameras vor dem Rückflug nach Norwegen.

Wenige Kilometer weiter eine bizarre Veranstaltung: Die serbische Sportlerin Skasica Marina Vidovic grüßte die Athleten im fernen Lillehammer. »Vergeßt uns nicht«, hauchte die Albertville-Olympiateilnehmerin bei klirrender Kälte ins Mikrofon, »die Politik darf nie mehr über den Sport regieren, das Unrecht, das wir Serben erleiden, soll keinem widerfahren.« Die Menge applaudierte, ein Staffelläufer entzündete das Feuer - die Gegen-Spiele der Serben waren eröffnet.

Auf dem Olympiaberg Jahorina holten die Serben auf ihre Weise die Aussperrung von den norwegischen Winterspielen nach. Sportler und Soldaten, Politiker und Ehrengäste feierten unter Segnung von Patriarch Pavle, Oberhaupt der serbisch-orthodoxen Kirche, »ein Fest des Friedens«. Serbenführer Karadzic, aber auch Oberbefehlshaber Mladic schlugen in dieser Atmosphäre plötzlich moderatere Töne an. »Ich gebe mein Wort, den Waffenstillstand einzuhalten«, beteuerte der General. Und der Politiker fügte hinzu: »Ich glaube, wir nähern uns dem Frieden - wenn die Nato jetzt keinen Fehler macht.«

Die begrüßte die Einigung von Pale mit Erleichterung, aber auch Mißtrauen. Eine »gute Nachricht«, meinte Clinton-Sprecherin Dee Dee Myers. Der britische Außenminister Douglas Hurd erklärte in London, nun gebe es eine reelle Chance, ein Ende des Alptraums zu erreichen. »Jetzt müssen Taten folgen«, registrierte auch Bonns Klaus Kinkel befriedigt die Wirkung des Nato-Ultimatums.

Der deutsche Außenamtschef spekuliert auf eine Neuauflage des Dreiteilungsvorschlags, den er mit seinem französischen Amtskollegen Juppe im November den Konfliktparteien vorgelegt hatte. Unter der Voraussetzung einer Wiederherstellung der kroatisch-moslemischen Allianz sieht ein neuer Plan das staatliche Fortbestehen Bosniens vor. Den Serben würde danach etwa ein Drittel des Territoriums im Osten überlassen, das sie an Belgrad anschließen könnten.

Sollte dieses Modell scheitern, wollen sich Deutschland, Frankreich und erstmals auch die Vereinigten Staaten für eine Teilung der ehemals zentraljugoslawischen Republik in drei Teilstaaten einsetzen: 17,5 Prozent für die Kroaten, 33,3 Prozent für die Moslems, der Rest für die Serben.

Die Moslems stehen den neuesten Entwicklungen skeptisch gegenüber. Vizepräsident Ejup Ganic warf den Serben ein »Katz-und-Maus-Spiel« vor, auf das die internationale Öffentlichkeit hereinfalle. »Es ist ein leichtes«, so der Fundi in der moslemischen Führungsspitze, »Waffen abzuziehen, um sie an anderer Stelle wieder einzusetzen.«

Premierminister Haris Silajdzic drückte sich vorsichtiger aus: »Hoffentlich ist dies der erste Schritt, einem Frieden näher zu kommen, aber wir bleiben skeptisch, die Serben erzählen viel.«

Einen Separatfrieden für die Hauptstadt allein lehnen die Moslems ab. Ein bißchen Frieden halte die Aggressoren, argumentiert Silajcic, in anderen Regionen des zerrütteten Landes nicht vor weiteren Kriegsabenteuern ab.

Und es gibt viele Sarajevos: Gorazde, Srebrenica, Maglaj, Bihac und Dutzende andere Moslem-Enklaven stecken im Würgegriff serbischer Belagerer.

Dramatischstes Beispiel ist derzeit Mostar. In einem Ghetto, kaum größer als die Fußgängerzone einer deutschen Kleinstadt, darben nach einem Uno-Bericht seit neun Monaten 30 000 Moslems »wie die Ratten«. Dort sind es aber die Kroaten, die den Belagerungsring enger und enger ziehen und humanitäre Hilfskonvois nicht mehr durchlassen.

Im Schatten von Sarajevo vergaß die Welt ihre eigenen Prinzipien. Am vorigen Donnerstag verstrich eine Uno-Drohung an die Adresse Kroatiens, reguläre Eliteverbände in Stärke von 3000 bis 5000 Soldaten aus Bosnien abzuziehen. Andernfalls müßte auch Zagreb - analog zu Belgrad - »wegen militärischer Einmischung in einem fremden Staat« mit Handelssanktionen belegt werden. Das Ultimatum verstrich, nichts geschah. Y

[Grafiktext]

_133_ Derzeitiger Frontverlauf in Bosnien u. Uno-Truppen

[GrafiktextEnde]

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