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TÜRKEI »Ein Schub an Lebensenergie«

Der deutsch-türkische Erzähler Feridun Zaimoglu über seine Begegnung mit dem Tod bei einem Busunglück an der Ägäisküste, über Einwandererkonflikte und seine Liebe zu Deutschland
aus DER SPIEGEL 37/2006

Zaimoglu, 41, lebt seit 1985 in Kiel. In seinen Büchern ("Kanak Sprak«, »Leyla") schreibt der laut Eigenauskunft »gebildete Kanakster« über das Schicksal türkischer Migranten.

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SPIEGEL: Vor vier Wochen sind Sie bei einem schweren Busunfall in der Türkei beinahe ums Leben gekommen. Haben Sie sich schon von dem Schock erholt?

Zaimoglu: In den ersten Nächten konnte ich die Augen nicht schließen. Immer wieder sah ich die Bilder vor mir von den schreienden Menschen im brennenden Bus. Tage danach haben meine Mutter und ich uns manchmal stumm angeschaut in dem Bewusstsein: Wir sind Überlebende. Ich will es weder kleinreden noch großsprechen. Aber es war wohl ein kleines Wunder. Zwölf Menschen starben, darunter die beiden Fahrgäste, die sich auf unsere ursprünglichen Plätze gesetzt hatten.

SPIEGEL: Wie kam es überhaupt zu dem Unglück?

Zaimoglu: Wie jedes Jahr bin ich Anfang August in die Türkei gefahren, wo meine Eltern inzwischen im Ruhestand leben. An jenem Tag wollten meine Mutter und ich von Ankara nach Ayvalik an der türkischen Ägäisküste. Es war unglaublich heiß, 48 Grad im Schatten, wie die Hitze vor einem Erdbeben. Der Bus war total voll, und wir sollten auf der hintersten Bank sitzen. »Nein, das geht nicht«, sagte meine Mutter plötzlich und rannte wie von der Tarantel gestochen zum Fahrkartenschalter, um neue Plätze zu verlangen.

SPIEGEL: Das klingt ja wie eine Vorahnung.

Zaimoglu: Die nette Bäckersfrau bei mir um die Ecke sprach später von Gott und von Vorsehung. Die Menschen glauben gern an Wunder und hören solche Geschichten mit leuchtenden Augen. Aber was weiß ich? Das Fräulein am Fahrkartenschalter jedenfalls wirkte unglücklich, also nannte meine Mutter sie - es gibt ja im Türkischen die Kunst der schönen Anrede - »Mein schönes trauriges Mädchen«. Da strahlte sie und sagte: Eigenartig, da sind soeben zwei Plätze in der Mitte des Busses frei geworden - genau das sollte uns das Leben retten.

SPIEGEL: Was passierte dann?

Zaimoglu: Der Fahrer nickte am Steuer ein und konnte deshalb nicht reagieren, als vor ihm ein Lastwagenfahrer plötzlich die Spur wechselte. Unser Bus knallte mit voller Wucht auf den Laster, wurde nach links gegen die Leitplanken geschleudert, dann nach rechts gerissen. Ich sah meine Mutter nach vorn fliegen, dann flog ich hinterher. Schließlich kippte der Bus um und fing an zu brennen. Dann begannen die Schreie. Der ganze Bus schrie. Der Busfahrer kam unverletzt davon.

SPIEGEL: Wurden Sie verletzt?

Zaimoglu: Ich hatte ein paar Schnittwunden am Rücken, mein linkes Auge schwoll zu, vom Glasstaub, sagte man mir später.

SPIEGEL: Wie konnten Sie sich aus dem brennenden Bus retten?

Zaimoglu: Ein Brigadegeneral a. D. aus der Sitzreihe vor uns, der zuvor alle mit Anekdoten aus seiner Armeezeit und seinen politischen Ansichten unterhalten hatte, kletterte auf uns, nahm den Notfallhammer und sprengte das Fenster mit wuchtigen Schlägen raus.

SPIEGEL: Sie hatten keine Todesangst?

Zaimoglu: Nein. Das war ja das Merkwürdige. Ich fühlte überhaupt keine Angst, alles war seltsam leicht. So leicht, dass ich dachte, das muss jetzt der Tod sein, jetzt ist es vorbei. Die Überlebenden riefen »Allahü ekber«, Gott ist groß, und begannen zu beten. Auch ich sprach das islamische Glaubensbekenntnis. Ich bin nicht religiös, aber gläubig.

SPIEGEL: Was haben Sie besonders in Erinnerung?

Zaimoglu: Die Todesschreie. Ich kann es nicht erklären, aber irgendwie weiß man, dass diese Menschen sterben. Das ist mehr als nur ein Gellen. Das sind kurze Schreie, die plötzlich ersticken. Neben mir lag einer, der unterhalb der Kniescheibe keine Beine mehr hatte, sie waren abgequetscht worden. Er brüllte: »Lasst meine Beine hier nicht liegen!«

SPIEGEL: Hat Sie diese Nähe zum Tod verändert?

Zaimoglu: Erstaunlicherweise spüre ich keine Düsternis. Eher einen ungeheuren Schub an Lebensenergie. Ich erinnere mich auch an Schönes. Nach dem Unfall kam der Verkehr auf der Autobahn zum Erliegen. Die Leute stiegen aus ihren Autos und brachten uns Wasser.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass Sie in Zukunft anders über den Tod schreiben werden?

Zaimoglu: Der Tod ist mir schon vertraut. Ich habe ja einige Semester Medizin studiert. Gleich zu Beginn musste ich Leichen präparieren. Später, beim Praktikum in einem Kreiskrankenhaus bei Izmir, starb ein Soldat in meinen Armen. Er war bei einer Übung auf eine Bombe aus dem Ersten Weltkrieg gestoßen. Furchtbar. Ich denke aber, das Erlebte wird in mein nächstes Buch einfließen.

SPIEGEL: Was planen Sie?

Zaimoglu: Schon lange trage ich mich mit der Idee eines Liebesromans, einer Amour fou, einer verrückten, nicht steuerbaren Liebe. Die ganze Zeit suchte ich nach einem packenden Einstieg. Jetzt habe ich ihn: Der Busunfall wird der Beginn des Romans. Mann und Frau lernen sich als Überlebende der Katastrophe kennen. Sie reist aber dann weiter, und er denkt, das war was ganz Großes.

SPIEGEL: Wie empfinden Sie sich, wenn Sie in der Türkei sind - als Besucher? Als heimkehrenden Sohn?

Zaimoglu: Ich liebe die Heimat meiner Eltern, aber ich bin dort nur Tourist. Ich bin Deutscher und noch nicht mal ein Türkei-Experte. Meine Mutter brachte mich 1965 als acht Monate alten Säugling mit nach Deutschland. Mein Vater lebte dort schon als Gastarbeiter. Aber ich bin sehr gern in der Türkei. Es gibt bestimmte Eigenschaften der Türken, die finde ich phänomenal. Immer stehenden Fußes ein Schwätzchen zu halten, Geschichten zu erzählen, aus Kleinigkeiten eine Operette zu machen. Das ist Gold wert für einen Schreiber. Natürlich rege ich mich auch auf über viele Dinge, aber ich passe auf, mit meiner Kritik nicht zu überziehen.

SPIEGEL: Welche Veränderungen spüren Sie in der Türkei? Wohin entwickelt sich das Land?

Zaimoglu: Viel mehr als früher sprechen die Leute sehr düster über Politik, sie meinen, die Türkei schlittere einer Art Katastrophe entgegen. Wenn ich nachfrage, was das genau bedeutet, sagen sie achselzuckend: Woher soll ich das wissen? Typisch türkisch.

SPIEGEL: Welche Zukunft sehen Sie selbst?

Zaimoglu: Ich glaube nicht, dass die Türkei jemals der EU beitreten wird. Nicht, weil sie es nicht sollte. Aber das wird nichts. Die EU-Skepsis in der Türkei nimmt zu. Die Leute sagen: Was haben wir von alldem? Wir kriegen nur Schelte und Kritik. Die nationalistischen Kräfte erstarken derzeit, auch islamistische Gruppen. Immer wenn ich in der Türkei bin, will ich nach zwei Wochen wieder zurück nach Deutschland.

SPIEGEL: Ist Ihnen die Türkei so fremd?

Zaimoglu: Nein, ich sehne mich auch in Rom zurück nach Deutschland. Als ich dort ein Jahr lang lebte und in einem Garten neben Kakteen, Palmen und Zypressen auch zwei deutsche Tannen entdeckte, dachte ich: wie ich Deutschland vermisse.

SPIEGEL: An was denken Sie dann?

Zaimoglu: Die deutsche Sprache, die Bilder, diese herbe Art, das Gleich-zur-Sache-Kommen. Oft heißt es, die Deutschen seien kühl, das finde ich nicht. In Rom dachte ich manchmal, mein Gott, kann es nicht auch mal ohne diese Eleganz gehen, ohne bella figura? Ich liebe sogar das deutsche Wetter, die düstere Ostsee. Auf Lesereisen betone ich immer, dass ich Deutscher bin, dann gucken mich die Leute an, als würde mir ein Fisch aus dem Mund hängen.

SPIEGEL: Sie haben die türkische Einwanderung nach Deutschland als »beginnende Erfolgsgeschichte« bezeichnet. Wirft nun die Terrorismus- und Islamismus-Debatte die Integration wieder zurück?

Zaimoglu: Politiker des rechtskonservativen Spektrums machen ja seit Jahrzehnten nichts anderes, als die Einwanderung schlechtzureden. Das sind Leute, die noch

nie einen Immigrantenverein von innen

gesehen haben. Ich bleibe optimistisch. Klar, es gibt immer noch den bösen Ausländer. Gestern war er ein »Kanake«, ein brutaler Vorortstrizzi, der uns die Arbeit und die Mädchen wegnimmt, heute ist er ein Islamist. Einwanderung ist nun mal eine Zumutung - für beide Seiten. Es gibt Konflikte, ja. Aber auch Erfolgsgeschichten. Wenn wir uns das große Bild anschauen, sehen wir, dass es doch ganz gut funktioniert. Wie kann ein Mensch so bescheuert sein, sich als Ausländer zu fühlen und zu verhalten, wenn er in Deutschland aufgewachsen ist?

SPIEGEL: Malen Sie das Bild nicht zu positiv? Was ist mit den türkischstämmigen Jugendlichen, die sich allem verweigern, kaum Deutsch sprechen, sich nirgends mehr zuordnen und in Randbezirke der Gesellschaft abdriften? In Ihren Büchern schreiben Sie ja auch über die schwierige Selbstfindung der in Deutschland aufgewachsenen Türkenkinder.

Zaimoglu: Ich halte das weniger für einen Kulturkonflikt als für eine soziale Frage. Diese Problem-Kids kommen meist aus Unterschichtsfamilien, ihre Eltern sprechen selbst schlecht Deutsch, manchmal noch nicht mal gut Türkisch. Diese Kinder werden hier zwar eingeschult, sie hinken dann aber von Anfang an hinterher und können das nie aufholen. Ihnen fehlt, das muss man zugeben, die Ermunterung von zu Hause. Aber sie brauchen auch Arbeit und Ausbildungsplätze. Und da sieht es für die meisten Jugendlichen mies aus.

SPIEGEL: Sie persönlich haben es geschafft. Sie haben sich vom Tellerwäscher und Schlachter zum renommierten Schriftsteller hochgearbeitet. Sie gelten sogar als eine Art Vorzeigetürke.

Zaimoglu: Ich bin keine Ausnahme. Aber eines muss ich sagen. Meine Eltern haben mich immer angefeuert. Sie waren sehr streng. Eine Zeitlang durfte ich noch nicht mal türkische Freunde haben, bloß um nur Deutsch zu sprechen.

SPIEGEL: Nach 35 Jahren Deutschland sind Ihre Eltern nun in die Türkei zurückgekehrt - wäre das auch für Sie eine Perspektive?

Zaimoglu: Nein, ein Leben in der Türkei ist für mich undenkbar. Ich bin in Deutschland verwurzelt. Für die Türken in der Türkei ist es übrigens selbstverständlich, dass ich Deutscher bin. Und niemand versteht das als Verrat an der Herkunft, an der Sippe. Diese Sicht gefällt mir.

INTERVIEW: ANNETTE GROßBONGARDT,

DANIEL STEINVORTH

* Premier Tayyip Erdogan (2. v. r.), Militärs in Ankara.

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