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»Ein schwieriges Wort«

aus DER SPIEGEL 26/1992

An einen allmächtigen Gott glauben die meisten Deutschen angesichts der Leiden und Schäden in dieser Welt nicht mehr. Auf die Frage im SPIEGEL-Gespräch, ob er sich zutraue, diese Menschen noch mit Argumenten zu erreichen, antwortete Lehmann: »Ja, aber nicht mit zwei, drei Sätzen.« Der Bischof wünschte und bekam zwei Spalten Text:

Wir glauben an Gott, den Vater, den Allmächtigen. Diese Eigenschaft Gottes erscheint schon im Glaubensbekenntnis des frühesten Christentums als Inbegriff aller göttlichen Vollkommenheiten. »Allmächtiger« begegnet von Anfang bis heute als Anrede Gottes und erhält sogar die Bedeutung eines göttlichen Namens. Damit sind in einem Gottes Erkennen, Wollen und Tun umfaßt.

Mit Allmacht ist unbegrenzte Herrschaft gemeint. Zahlreiche Bilder illustrieren Gottes unendliches Können: die Kraft seines Wortes, seines Armes und seines Geistes.

Bei Hiob heißt es zusammenfassend: »Ich hab' erkannt, daß du alles vermagst; kein Vorhaben ist dir verwehrt« (42, 2). Das Wort »Allmacht« umfaßt so auch das Schöpfungshandeln Gottes. Ihm verdankt alles, was ist, das Dasein. Es geht dabei nicht nur um das Hervorbringen von Neuem, sondern alles hat nur Bestand durch seine Kraft.

Es ist nicht zufällig, daß das Bekenntnis zum allmächtigen Gott eine tragende Säule des Credo bildet. Ohne die Eigenschaft »allmächtig« verlöre das Wort Gott jeden Sinn.

Gott hat nicht nur etwas mit der bestehenden Wirklichkeit zu tun, zum Beispiel mit der Natur, oder mit einer moralischen Herausforderung, etwa Friede für alle, sondern er kann alles, was er will und was sinnvoll ist. Gott hat alle Möglichkeiten. Er ist das Maß aller echten Möglichkeit.

Schon immer gab es heimlichen oder lauten Protest gegen den Glauben an die Allmacht Gottes. Das himmelschreiende Unrecht und alles Fürchterliche in der Welt straften das Wort vom Allmächtigen Lügen. Die Rede über Gott und die Erfahrung der Wirklichkeit prallten an dieser Stelle immer schon so heftig aufeinander wie sonst nicht. Die Erfahrung von Auschwitz hat für viele jede Rede von der Allmacht Gottes geradezu gelähmt. Die Welt ist voller Klagen.

Man darf Gottes Allmacht nicht als Steigerung weltlicher Herrschaft denken. Unsere Erfahrungen mit Unterdrückung und Überwältigung dürfen nicht Ausgangspunkt und Maß für das Denken von Gottes Allmacht sein. Er steht über den Gegensätzen von Macht und Ohnmacht. Allmacht hat nichts mit Beliebigkeit und Willkür zu tun. Allmacht darf man nur von der Einzigartigkeit Gottes her denken. Es bleibt dennoch ein schwieriges Wort. Die Rede von der Allmacht Gottes muß damit fertig werden, daß der wahre Messias ein armer Mensch war, der nicht einmal in der Lage war, sein Kreuz allein zu schleppen.

Gottes Allmacht ist nicht den Geschöpfen entgegengesetzt oder gar feindlich. Gott will die Geschöpfe und bejaht sie unendlich. Seine Allmacht erdrückt uns nicht, sondern gewährt uns Raum, Selbständigkeit und Freiheit. So zeigt die Schöpfung, daß Gott seine »Macht« mit uns teilen will. Er gebraucht sein Können dazu, ganz ungezwungen Zeugen seiner Güte in der Welt zu schaffen.

Gottes Allmacht ist die Macht seiner Liebe. Die Menschwerdung Jesu von Nazareth ist der höchste Ausdruck solcher Macht. Jesus hat in seinem Leben und Sterben diese grenzenlose Kraft der Liebe leibhaftig bewiesen. Eine solche Liebe erleidet und erträgt alles. Der Allmächtige geht in die Ohnmacht eines Menschen ein, der schutzlos den Gewalten dieser Welt ausgeliefert war.

Schwäche wird zur Stärke. Eine Liebe, die selbst den Tod nicht scheut, ist auch stärker als dieser selbst. Am Ende ist nur die frei geschenkte Liebe allmächtig. Darum gibt es auch die inständige Bitte, Gott möge alles wenden. Daher betet auch Jesus in äußerster Bedrängnis: »Vater, alles ist dir möglich« (Markus 14, 36).

Wir sind mit Recht skeptisch, wenn uns das Wort von der Macht begegnet. Nur wenn wir Allmacht gut biblisch mit Liebe verbinden, können die harten Einwände ihre Macht verlieren. Die Theologie unseres Jahrhunderts hat die Einwände der Zeitgenossen im Ohr und gibt sich redlich Mühe. Am Ende wird die Antwort jedoch nur dem Beter voll einleuchten, gerade dann, wenn er in der Not schreit und klagt.

Karl Lehmann
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