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EIN STAATSANWALT MUSS SCHLAFEN KÖNNEN

Von Gerhard Mauz
aus DER SPIEGEL 10/1966

Er war kein Held, sondern mit einer Krankheit geschlagen, die ihn mit dem Leben nicht zurechtkommen ließ. Doch starb er zweifellos nicht nur an ein paar »aus dem Ellenbogen« erteilten Klapsen mit dem Gummiknüppel. Er verschied vielmehr nach einem mehrtägigen Kampf, in dem er derartige Hiebe erhielt, daß es später aus ärztlichem Mund hieß, dem Mann sei der A .... zu Butter geschlagen worden.

Er starb buchstäblich in den Mauern der Freien und Hansestadt Hamburg; nämlich hinter denen der Untersuchungshaftanstalt (UG) am Holstenglacis 3.

Schließlich wurde der in Deutschland geborene Amerikaner Ernst Haase schon am 30. Juni 1964 um 13.30 Uhr tot in einer Sonderzelle des UG gefunden. Die ernsthafte Erörterung der Umstände, unter denen er ums Leben kam, begann jedoch erst im Dezember vergangenen Jahres, mit 18 Monaten Verspätung und nachdem Journalisten eine Behördenspitze alarmiert hatten.

So ist denn Ernst Haase, wenn auch

- post mortem - keineswegs zu seinem

Vorteil und mit Weile, doch noch ein Held geworden; der Umstände seines Todes und eben dieser Weile wegen.

Schaudernd sieht sich der Bundesbürger, im Grunde gern bereit, das Gemecker nicht allzu ernst zu nehmen, mit dem der kleine Mann in seiner Brust die Zeitläufte zu kommentieren pflegt, einer Entdeckung überantwortet: Es geht tatsächlich so zu, wie der kleine Mann annimmt, daß es zugeht. Während in den vergangenen Wochen die Staatsanwaltschaft auf hohen Touren ermittelte und der Senatsdirektor Richard Löffler für den Bericht Zeugen hörte, den er dem Senat vorlegen soll, informierte sich ein von der Bürgerschaft eingesetzter Untersuchungsausschuß an fünf Tagen in öffentlicher Sitzung.

Dem Beamten, dem Juristen im Staatsdienst bringt die Öffentlichkeit, genau besehen, nach wie vor Respekt entgegen. Die Ordnung, die man selbst nicht hat, die Übersicht, an der es einem mangelt, die Reinheit der Motive, die man sich selbst gegenüber so oft bezweifeln muß in stiller Stunde: dies alles traut man den Amtspersonen zu. In Hamburg fand ein Illusionsbegräbnis statt. Die Herren sind »Menschen wie Sie und ich«.

Sie leiden daran, woran alle tragen, doch soll ihr Leid besondere Rücksieht finden, weil sie schließlich im Amt, im Dienst an der Gemeinschaft leiden. Keiner, den der Ausschuß in Hamburg hörte, versäumte es, auf seine Überlastung anzuspielen. »Sie wissen nicht, wieviel ich zu tun habe!« Und die Ausrede, die der Pfahlbürger so gern gebraucht, es sei »schon immer so gewesen": In Hamburg produzierte sie der Mund von Volljuristen.

»Leider« war ausdauernd »etwas so«, doch war es eben auch »leider so eingebürgert«. Die feige Rücksicht auf die Macht der Ämter, die Scheu vor Mut, die sich der Bürger nachsagen lassen muß: In Hamburgs Rathaus, Saal 151, war sie als »Höflichkeit« innerhalb der Ämter kennenzulernen. Höflichkeit verbot es, den Amtsbruder zu fragen, ob er Entsprechendes veranlaßt habe, Höflichkeit gebot es, Ermittlungen in eigenster Sache zu dulden, statt sie an sich zu ziehen.

Die Erinnerung, der Angeklagten und Zeugen in simplen Strafsachen liebstes, schwaches Kind, wurde von jenen geschmäht, die sonst die Frische des ersten Tages im Paradies von ihr verlangen. »Sie müssen mich verstehen. Das liegt fast schon zwei Jahre zurück.«

»Vorschriften« waren »aus dem Bewußtsein geschwunden«. Und »außerdem war ja die Entwicklung dieses Falles damals noch nicht abzusehen«. Indessen, es muß daran erinnert werden, begann der Fall so platt wie eine Flunder. Ernst Haase war nach Amerika ausgewandert, eingebürgert worden und 1964 als Tourist in die alte Heimat gekommen. Um seine Finanzen aufzubessern, arbeitete er als Kellner in, St. Pauli. Ernst Haase ist amerikanischer Soldat gewesen, ob sein Nervenleiden eine Folge des Kriegseinsatzes im

Fernen Osten oder eine schizophrene Entwicklung gewesen ist, muß vorerst dahingestellt bleiben.

Sicher ist, daß Haase immer wieder einmal gewalttätig »durchdrehte«. Am 17. Juni wühlte Ernst Haase in der Kasse eines Hamburger Wirts, der dem Wohnungslosen gestattet hatte, im Lokal zu schlafen. Der Wirt nahm an, Haase habe ihn bestehlen wollen.

Die Polizei erschien, Ernst Haase schlug um sich, und zu dem eventuellen Diebstahlsversuch trat das Erzverbrechen, zu dem sich der (deutsche) Mensch aufraffen kann: Widerstand gegen die Staatsgewalt. Ernst Haase wurde in das UG eingeliefert.

Kein Zweifel, Ernst Haase war für die UG-Beamten, deren schwerer Dienst Respekt heischt, ein besonders anstrengender Fall. Die Frage ist nur, ob nicht das Übermaß seines Tobens selbst in Laien ärztliche Überlegungen hätte wecken müssen. Doch betrachtete der Gefängnisarzt Ewald Jessel die renitente Einlieferung und erklärte sie für gesund und haftfähig.

Haase tobte weiter. Er wurde in eine Sonderzelle, die sogenannte »Glocke«, geschafft. In dieser Zelle, die ausbetoniert und schalldicht ist; die Licht und Warmluft aus der Decke erhält, pflegte man im UG Hamburg bis in dieses Jahr hinein ungebärdige Häftlinge zu isolieren. Am Mittag des 30. Juli 1964 wurde Ernst Haase tot in der »Glocke« gefunden.

Die Mordkommission wurde benachrichtigt, kam auch, zur Überraschung der Anstalt, doch lief alles zunächst in der amtsverträglichen Bahn, daß Widerstand, vielleicht sogar in Notwehr, gebrochen worden war. Erst das vorläufige Obduktionsprotokoll machte einen Strich durch diese Rechnung. Ihm zufolge war Ernst Haase an einer Fettembolie verstorben, nachdem ihm wenigstens zwischen 20 und 25 Schläge mit einem stumpfen Gegenstand auf das Gesäß verabreicht worden waren. Das vorläufige Obduktionsergebnis hätte der Einschnitt sein müssen, von dem an unnachsichtlich staatsanwaltschaftliche Ermittlungen geführt wurden. Jene UG-Beamten, die sich jetzt im Mittelpunkt unzeitig früher öffentlicher Urteile vor einer eventuellen Anklage sehen, wären heute besser dran, wenn man damals hart gewesen wäre.

Doch von hier an wurde der Fall Haase 18 Monate lang unter der Justiz-Theke verwahrt, in Watte gepackt, die fleißig zum Wuchern ermuntert wurde. Und an diesem Punkt setzte die Tätigkeit des Untersuchungsausschusses in Hamburg denn auch ein. Er trat in Wahlnot an. Am 27. März wird in Hamburg gewählt, die Bürgerschaft tritt am 9. März zum letztenmal in der gegenwärtigen Besetzung zusammen. Ein, wenn auch beschränktes, Ergebnis mußte so schnell wie möglich erreicht werden.

Sechs Bürgerschaftsmitglieder der SPD, drei der CDU und zwei von der FDP begannen mit der heiklen Arbeit am 16. Februar. Das Publikum drängte, für die Presse war derart großzügig Platz reserviert, daß selbst für »Blinkfüer« ein Stuhl zur Verfügung stand. Senat und Bürgerschaft hatten sich zum Weg nach vorn entschlossen; die Definition »Flucht nach vorn« ist unangemessen. Sie verfehlt das Bedürfnis ganz Hamburgs nach Klärung.

Der Fall Haase schlug im allgemeinen Interesse sogar den Fall des bankraubenden Hamburger Polizisten Alffcke. Ein Phänomen: Das Gefängnis, ob es nun der Strafverbüßung oder der Untersuchungshaft dient, ist sonst ein Ort, den die Gemüter meiden wie den Galgenhügel weiland.

Dennoch schlug der Fall Ernst Haase tiefer ein, als die Regeln von der möglichen Wirkung solcher Ereignisse eigentlich zulassen. Ernst Haase, 1,57 Meter klein, 57,7 Kilogramm leicht - in Notwehr tödlich verletzt? Tödliche Schläge - in Notwehr - auf das Gesäß? Wer auf das Gesäß geschlagen wird, kann kaum im Angriff sein.

Erste Sitzung des Untersuchungsausschusses, gehört wird Senator Gerhard Kramer, 61, Vertreter der Hansestadt beim Bund, Bonn, Drachenfelsstraße 12. Der Senator ist allerdings seit 1961 auch Präses der Gefängnisbehörde in Hamburg. Erst am 12. Januar dieses Jahres hat Kramer von dem »schrecklichen Fall« erfahren.

Kramer rief sofort seinen Leitenden Regierungsdirektor Erich Sinke an. »Sinke erklärte, den Fall nicht zu kennen.« Kramer forderte Bericht an, er erhielt ihn am 17. Januar 1966. Man »sprach die Vorgänge durch«. Kramer machte Vorhaltungen.

Kramer gibt eine Erklärung für Sinke und andere leitende Beamte der Gefängnisbehörde ab. »Volles Vertrauen«, trotz »verhängnisvollen Versehens«. Niemand habe versucht, etwas zu vertuschen.

Einem Ausschußmitglied geht diese Erklärung zu weit. Kramer fühlt sich »dazu verpflichtet«. Auf die Frage, ob er überzeugt sei, seine Beamten hätten subjektiv die Wahrheit gesagt: »Das ist eine sehr schwere Frage.« Und das ist dann auch die Antwort.

Eine Weisung, nach der Todesfälle dem Senator und Präses dazu gemeldet werden sollen, kennt Kramer nicht. Aber die Meldepflicht war »eine Übung schon von meinen Vorgängern her«. Nur dieser eine Fall sei ihm nicht gemeldet worden, andere schon.

Der Senator ist der Ansicht, bei Todesfällen in den täglich mit 3300 Menschen belegten Anstalten sei stets die Mordkommission eingeschaltet worden. Ihm wird vorgehalten, daß laut Mitteilung der Mordkommission der Fall Haase seit 1957 der erste gewesen ist, bei dem sie gerufen wurde. Ermittlungen der Anstalten »in eigener Sache« hat Kramer stets abgelehnt.

Zu der Aussage des Leiters des UG, des Oberregierungsrats Bodo Oesterreich (vor dem Senatsbeauftragten Löffler), er habe im Fall Haase nur auf Drängen der Staatsanwaltschaft Amtshilfe geleistet und »in eigener Sache«, einer Sache der Anstalt also, ermittelt: »Ich glaube meinen Beamten.«

Unterrichten ließ sich der Präses von seinem leitenden Direktor, zuweilen wurden Referenten hinzugezogen. Jeden Montag um 15 Uhr traf sich Kramer mit Sinke. Der rief ihn auch oft in Bonn an. Dort war der Senator von Dienstag- bis Freitagabend. Wieviel Zeit verwendet er für Bonn, wieviel für die Gefängnisbehörde? Genau kann er das nicht sagen, »aber die Bonner Tätigkeit nimmt den Hauptanteil meiner Arbeitskraft in Anspruch«.

Zweiter Tag, der Leiter des UG, Bodo Oesterreich, 45. Die »Glocke« sollte Gefangene »vor Dummheiten bewahren«. Oesterreich hat in seine Erwägungen gelegentlich dieses Todesfalles »mit einberechnet«, daß gegen Ernst Haase nach dreitägigem Toben in der normalen Zelle Gewalt angewendet werden mußte.

Oesterreich hat den Todesfall Sinke gemeldet. Ob Sinke den Senator als Präses verständigt hat? Oesterreich hätte es »als Ungehörigkeit« angesehen, Sinke auf »Selbstverständlichkeiten hinzuweisen«. Ein Hinweis wäre einem »Mißtrauensvotum« gleichgekommen. Oesterreich meint sich zu erinnern, dem Präses bei einer Jubiläumsfeier vom Fall Haase berichtet zu haben. Kramer habe gesagt, »wir brauchen uns deshalb keine Gedanken zu machen, weil ja alles bei Staatsanwaltschaft und Kripo in besten Händen ist«. Vor dem Senatsbeauftragten für den Fall Haase, Richard Löffler, hat Oesterreich zunächst erklärt, er könne sich nicht daran erinnern, daß Kramer in seinem Beisein informiert wurde.

Anschließend hat er sich korrigiert. Es sei »seine persönliche Überzeugung«, daß in Gegenwart Kramers über den Fall Haase gesprochen worden ist.

Kramers leitender Beamter in der Gefängnisbehörde, der Regierungsdirektor Erich Sinke, 57, nimmt Platz. Er ist wohl von Oesterreich unterrichtet worden, an ein persönliches Gespräch allerdings erinnert er sich nicht. »Es ist aber möglich, daß er mich telephonisch informiert hat.« Ja, es muß das Telephon gewesen sein. Strafrechtliche Akzente habe die Sache Haase, damals, als sie akut war, nicht gehabt. Sinke ist der Ansicht, es werde heute in diese Geschichte projiziert, was bis heute aus ihr geworden sei.

Der zweite Tag endet unter dem deprimierenden Eindruck der Aussage Oesterreichs. Und damit, daß sich Sinke noch einmal meldet: Er hat Kramer nichts nachsagen wollen. »Ich habe zu Herrn Senator gesagt, daß ich daraus, daß er sich nicht erinnern kann, annehme, daß ich vergaß, ihm zu berichten.« Neue Fragen, Sinke, erschöpft: »Ich weiß es überhaupt nicht. Ich weiß nicht, ob ich es gesagt habe.«

Dritter Tag, Dschungel sprießt mitten in Hamburgs Ratsgehege. Oesterreich hat - »in eigener Sache« der Anstalt, der ihm unterstellten Beamten - nur ermittelt, weil die Staatsanwaltschaft drängte. Er konnte sich »nicht wehren«. Auch ist in anderen, ähnlichen Fällen genauso ermittelt worden. Aktenvermerke? »In unserem Hause müssen oft unter Umständen in Sekundenschnelle Entscheidungen getroffen werden.«

Und wieder Sinke: Ob es üblich gewesen sei, für besondere Maßnahmen gegenüber Häftlingen, etwa die Verbringung in die »Glocke«, die richterliche Anordnung oder die nachträgliche richterliche Zustimmung einzuholen. »Aus eigener Kenntnis weiß ich über die Praxis nichts.« Ob diese gesetzliche Bestimmung befolgt wurde, hat Sinke nicht geprüft, er sah »das als selbstverständlich an«. »Ich kann doch nicht die Einhaltung jeder Vorschrift kontrollieren.« Im Fall Haase lag keine richterliche Zustimmung vor, sie wurde auch nicht nachträglich eingeh... (Text nicht lesbar).

»Hunderte« von Anzeigen gegen Beamte bekommt Sinke, da muß natürlich »gesiebt« werden. In schweren Fällen ermittelt die Staatsanwaltschaft, doch muß andererseits die Anstalt selbst erst einmal erkunden, ob an der Beschuldigung etwas dran ist. »Ungeschickt« sei man im Fall Haase vorgegangen, doch nicht »ungesetzlich«.

Vierte Sitzung, das Tempo zum Ende hin wird beängstigend. Oberstaatsanwalt Gerhard Herrmann, 64, Abteilungsleiter bei der Staatsanwaltschaft am Landgericht Hamburg. »Einer hat Münzen ... Und ich habe die Leichensachen.« »Es ist meines Erachtens zuviel Anfall, aber dafür kann ich auch nichts ...« Jeden Mittag bekommt er »eine Mappe mit Leichensachen von der Polizei«. »Wenn ich recht erinnere, bin ich in der Weise befaßt worden, daß ...« Hauptkommissar Handke, Mordkommission, habe ihm gesagt: »Mit der Sache stimmt etwas nicht.« Der Mann sei geschlagen worden. Es gehe um eine Schwesterbehörde, ob da nicht bitte die Staatsanwaltschaft ermitteln wolle.

Sagte Herrmann zu Handke, daß er sich um den Todesfall im UG kümmern werde? »Ob ich gesagt habe, ja, ich mache die Sache, das kann sehr wohl sein ...«

»Jetzt habe ich mir«, so oder so, »gedanklich einen Ablauf gemacht, wie gehe ich jetzt vor.« Herrmann rief Oesterreich an - und der soll gesagt haben, er sei in der Sache schon tätig: »Wir wissen, es kommen acht Personen in Frage.« »Das geschah in so bestimmter Form«, meint Herrmann heute, daß er nicht weiter insistieren durfte. »Herr Oesterreich war doch im Begiff, die Sache für sich im Wege der Dienstaufsicht zu prüfen, da konnte ich ihm doch nicht dazwischenkommen.« Bedenken? Ja - nein - andererseits - doch - hinwiederum. Ein Ausschußmitglied: »Ich bitte Sie also zu sagen, hatten Sie Bedenken oder hatten Sie keine Bedenken?« »Ja, also das kann man jetzt -.«

Jedenfalls hielt er sich »für unbefugt«, Oesterreich »weitere Ermittlungen zu untersagen«, obwohl er auch anmerkt, klagend, ihm sei »der Anfang der Sache aus der Hand genommen worden«. Und die Protokolle, die er endlich vom UG erhielt, mit denen war natürlich nichts anzufangen. Trotzdem wollte er damals durchaus weiter recherchieren, nur war ja das Terrain erst einmal zugedeckt, nachdem die Beamten des UG bereits von anderen Beamten des UG gehört worden waren. Erst einmal mußte sich das alles setzen.

Während Herrmann in Urlaub war, ist die Sache Haase vom Vertreter sofort dem Leitenden Oberstaatsanwalt vorgelegt worden, ein Ausschußmitglied sieht darin einen Beleg dafür, daß man die Sache Haase sehr wohl für brandwichtig halten konnte. Herrmann über seine Urlaubsvertretung: »Der hat ja auch noch gar nicht in Leichensachen gearbeitet.« Und endlich platzt Herrmann heraus: Er hat nur verletzte Aufseher, aber keine Verurteilung eines Aufsehers in all seinen Dienstjahren erlebt.

Herrmann fordert den Ausschuß auf, sich in die Lage von Menschen zu versetzen, die Häftlinge zu beaufsichtigen haben. »Ich kann nur Gott danken, daß ich nicht Herrn Haase habe gegenübertreten müssen, ich wäre vielleicht auch zum Totschläger geworden.«

Fünfte Sitzung und ein Friedhof auf offener Bühne. Der Leitende Oberstaatsanwalt Heinrich Scholz, 61, fein, besonnen, offen. Im September 1964, während des Urlaubs von Herrmann, wurde ihm der Fall Haase vorgelegt. Er machte sofort eine Berichtssache aus ihm. Nur - ihm ist dann später nicht berichtet worden. Und das führt nicht nur tief hinein ins Listen- und Kontrollwesen der Strafverfolgungsbehörde. Das läßt auch die Überlastung, die so oft angerufene, einen weiteren Auftritt haben.

Scholz hat schon seit langem das Mittagessen ausgespart, er war seit Jahren nicht mehr im Theater oder Konzert. Er tut, was er kann, und sicher sogar mehr. Indessen sollte ein Leitender Oberstaatsanwalt in Ruhe schlafen können, um von Mittagessen, Konzert und Theater nicht erst zu reden. Der Untersuchungsausschuß ist nicht nur im fünften Akt, er ist auch an jenem Rand der Welt angelangt, an dem melancholische Karnevalsstimmung aufzukommen pflegt, weil eben doch nichts zu ändern ist. Oberstaatsanwalt Hans Thiemann, 55, kühl, souverän, nicht zuletzt in Zahlen. Die Last, die von der Staatsanwaltschaft bewältigt werden soll, türmt sich wie der Himalaja. 26 neue Herren sind im vergangenen Jahr bewilligt worden. Von 26 sind inzwischen 18 oder 19 da, während allerdings weitere schon wieder ausscheiden. Ein Ausschußmitglied plädiert für die Stellen bewilligende Bürgerschaft, denn sonst - »sind letztlich wir also schuld an dem ganzen Fall Haase«. Gelächter.

Pause für eine Pressekonferenz des Senats: Oesterreich ist seines Amtes entbunden worden. Der UG-Arzt Ewald Jessel ist Gegenstand disziplinarer Vorermittlungen.

Der Generalstaatsanwalt Ernst Buchholz, 60, zunächst hat auch er eine Salon-Intrige zu bestehen. Denn der Oberstaatsanwalt Herrmann hat inzwischen gewisse Erinnerungen an Gespräche beim Kaffee gehabt, nach denen Buchholz vielleicht doch schon Ende September, Anfang Oktober 1965 im Amt vom Fall Haase gehört hat und nicht erst am 15. Dezember 1965 durch einen Journalisten. Der General wird hinauskomplimentiert, Herrmann herein, der General kommt zurück, muß jedoch gleich wieder für Senator und Präses Kramer weichen, denn dessen Zug geht um 22.56 Uhr von Hamburg -Hauptbahnhof nach Bonn ab.

»War Ihnen die Praxis der Gefängnisbehörde bekannt, in eigener Sache zu ermitteln?« »Ich habe das mit Erschrecken der Presse entnommen. Mir ist unverständlich, wie so etwas geschehen konnte.« Hätte er nur gewußt, er hätte »abgestellt«.

Ein Ausschußmitglied erinnert Kramer an seine Vertrauenserklärung am ersten Tag, Diskussion, ob man ihn das fragen darf, die Frage bleibt schließlich. Der Senator und Präses findet eine elegante Antwort, doch in ihrem Witz kommt sie eher dem Umdrehen des Dolches in der eigenen Brust gleich: Kramer hat sich, als er vor seine Beamten trat, eine Rüge eingehandelt, »zu Recht«. »Ich möchte jetzt den Ausschußermittlungen nicht vorgreifen.« Er bezieht sich auf die Rüge, wie man nach einem Rettungsring greift.

Endlich Buchholz, voll Temperament, ein Freund der schönen Künste, der Literatur, wie Kramer im Ruf ungewöhnlicher Liberalität. Er hat nichts gewußt von Ernst Haase vor dem 15. Dezember 1965; als er von dem Todesfall erfuhr, hat er sich energisch und persönlich eingeschaltet. Die Sache hätte ihm vorgelegt werden müssen, unbedingt, sofort, sie ist für Buchholz einer der wichtigsten Fälle, der ihm je bekannt wurde. Wie es zu den Fehlleistungen gekommen ist?

Zwei Kategorien von Menschen kennt Buchholz in seiner Behörde. Beide gute Juristen, doch die eine Gruppe ist im Herkömmlichen befangen, will nicht das Nest beschmutzen. Diese Gruppe hat in der Sache Haase allzugern an Notwehr der Beamten geglaubt. Die andere Kategorie wird mißtrauisch, wittert die Gefahr, den möglichen Machtmißbrauch. Die zweite Gruppe wächst, wird stärker, versichert Buchholz.

Was kann man nicht alles unterschreiben von dem, was Buchholz sagt. Doch der Ausschuß ist im fünften Akt, der Vorhang fällt. Wenn je Verallgemeinerung traurige Pflicht war, dann hier. Ein, zwei, drei Personen, die jede für sich Fehler machen, Fehler, die schließlich schrecklich kulminieren, mögen schon einmal zusammentreffen. Doch im Fall Ernst Haase haben zu viele Amtspersonen Fehler gemacht, keiner brach die Kette, keiner trat aus dem Glied. Und wenn es einer tat, dann blieb er nicht am Ball. Wie sieht es aus in der Staatsanwaltschaft, wie in der Gefängnisbehörde? In Hamburg werden sie von Männern geleitet, unter deren Aufsicht alles zu erwarten wäre, nur nicht ein Fall Haase.

Sind Liberale keine strengen Dienstherren, brauchen sie zuviel Zeit für die Dinge, aus denen sie ihre Liberalität schöpfen? Wie kann ein Jurist mit soviel Gefühl für Politik wie Kramer auf zwei Hochzeiten agieren, in Bonn und Hamburg? Warum ist Buchholz' anerkannte, mutige Meinung von der Aufgabe der Staatsanwaltschaft von oben her noch nicht tiefer in die Ämter unter ihm gedrungen? Fast möchte man unstreitig verdienten Männern wie Kramer und Buchholz vorwerfen, daß sie nicht mit eisernem Besen regieren, wo sie sich nicht allein mit dem Vorbild durchsetzen können.

Ernst Haase, 5000 Blatt Ausschußprotokoll kamen diesmal zusammen, wird Hamburg noch lange beschäftigen. Daß der Fall Haase nur Hamburg angeht, sollte sich niemand einbilden. Dergleichen ist überall in der Bundesrepublik möglich.

Untersuchungsgefangener Haase

Nach 25 Schlagen auf das Gesäß ...

Beruhigungszelle im UG Hamburg

... kam die Mordkommission ins Gefängnis

Untersuchungsausschuß zum Fall Haase: Ermittlungen in eigener Sache

UG-Chef Oesterreich

Vorschriften waren ...

Leitender Direktor Sinke

... dem Bewußtsein entschwunden

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