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KANADA / STREIK Ein Tag Wildwest

aus DER SPIEGEL 42/1969

Zwischen Union Avenue und Bleury Street in Montreal flogen nackte Modepuppen aus den Schaufenstern und kollerten über regennassen Asphalt.

Im Schlemmerlokal »Le Vaisscau d'Or« zerklirrten die Fensterscheiben. Alarmglocken schrillten, Passanten skandierten: »Ré-vo-lu-tion.«

In den Räumen des »Eleganten Juweliers« nahe der St. Alexander Street drängten sich die Menschen wie nie zuvor: Sie zerdrückten Vitrinen und plünderten.

Montreals Polizisten jubelten derweil in der Paul Sauvé Arena und palaverten. Sie streikten.

In Kanadas Weltausstellungsstadt herrschte einen Tag lang Wildwest: Die Zahl der Banküberfälle verzehnfachte sich, die Reihe der Raubüberfälle schnellte von sonst fünf pro Tag auf 873 in die Höhe.

Montreals Polizisten forderten gleiche Gehälter wie die Kollegen in Toronto -- mehr als Montreals Stadtväter ihnen zugestehen wollten.

Am Dienstagmorgen vergangener Woche folgten sie den bereits seit zwei Tagen wild streikenden Feuerwehrleuten und traten in den Ausstand: Über Sprechfunk verständigten sie auch den letzten ihrer 3700 Kollegen oder holten ihn vom Frühstückstisch. Streifenwagen ließen Unfälle unbeachtet. Mit Alarmlicht fuhren sie zum Versammlungsort.

Nur etwa 200 Offiziere blieben in den Revieren, verstärkt durch doppelt so viele -- meist ortsunkundige -- Provinz-Polizisten. Als sie zu einem Bankraub gerufen wurden, erreichten sie den Tatort mit einstündiger Verspätung.

Die Autofahrer von Montreal hatten keine Parkplatzsorgen mehr, keine Strafmandate zu befürchten. Jeder fuhr, wie er wollte. Bald verstopften Unfälle die Straßen, gegen Abend brach der Verkehr zusammen.

Etwa gleichzeitig beschlossen rund 200 militante Anhänger der »Front de libération populaire«, eine linksgerichtete und frankophile Extremistengruppe, den Polizeistreik zu nutzen.

Zusammen mit einigen Schwarzen des »Black Panther Movement« zogen sie zum Dorval International Airport, wo frankokanadische Taxifahrer das Depot der »Murray Hill Limousine Company« bestürmten, der anglokanadischen Monopolgesellschaft für den Zubringerdienst zum Flughafen.

Molotow-Cocktails flogen, entzündeten Mietwagen und Autobusse, Explosionen und Schüsse unterbrachen schreiende Beatmusik aus Transistorradios. Der Provinz-Polizist Robert Dumas wurde von einem Scharfschützen getötet.

Von Murray Hill zogen die Plünderer in Montreals City -- zum Windsor Hotel und vor das US-Konsulat.

Ein Mülleimer war der Auftakt für die nun einsetzende mehrstündige Zerstörungsorgie: Er wurde durch das Fenster von Berke's Drugstore geworfen.

Scheiben gingen zu Bruch, Vitrinen wurden ausgeraubt. Die Marodeure nahmen Elektrorasierer und Fernseher, Radio- und Photoapparate. Schmuck, Kleider und Pelze. Ein gutgekleideter Mann lief gleich mit zwei Pelzmänteln über die vornehme St. Catherine Street, Die Menge johlte: »Einen für die Frau, den anderen für die Freundin.«

Quebecs Provinz-Premier Jean-Jacques Bertrand rief derweil die Nationalversammlung zusammen und schickte vorsichtshalber französischsprechende Fallschirmjäger nach Montreal.

In Rekordzeit verabschiedeten die Abgeordneten das Gesetz 61, das noch in derselben Nacht um 0.01 Uhr in Kraft treten sollte. Es sieht harte Geld- und Gefängnisstrafen für jene Polizisten vor, die unerlaubt dem Dienst fernbleiben.

Nach 14stündiger Sitzung in der Paul Sauvé Arena legten die Polizisten eine kleine Trauerpause für den gefallenen Provinzkameraden ein. Dann sangen sie stehend und Hand in Rand dreitausendstimmig »O Canada«, Anschließend verkündete der Präsident des Montrealer Polizeivereins, Guy Marcil, das neue Gesetz und erklärte den Streik für beendet.

Mit Sirenengeheul und Rotlicht, mit Motorrädern und Einsatzwagen rasten die Polizisten wieder an die Front. In der Bleury Street kamen sie gerade recht: Plünderer räumten ein Waffengeschäft aus.

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