Zur Ausgabe
Artikel 62 / 114
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

VIETNAM Ein Tiger im Sprung

Südostasien hat einen neuen kapitalistischen Musterschüler: Die Erben des Revolutionärs Ho Tschi-minh öffnen das Land für ausländische Investoren und schaffen einen Wirtschaftsboom. Hauptmotor ist das frühere Saigon, Schauplatz der Neuverfilmung von Graham Greenes Roman »Der stille Amerikaner«.
Von Olaf Ihlau und Jürgen Kremb
aus DER SPIEGEL 47/2002

Es ging um den Englisch-Test für die Traumrolle. »Wollen Sie eine Coca-Cola?«, fragte der australische Filmregisseur Phillip Noyce die Tanzlehrerin Do Hai Yen bei der Sichtung Hunderter von Schauspielerinnen und Models in Ho-Tschi-minh-Stadt, dem einstigen Saigon.

Hai Yen, die von ihrem Freund zufällig zum Filmcasting gebracht worden war, verstand gar nichts und antwortete: »Ich bin 18 Jahre alt.« Die junge Vietnamesin hatte den Test voll verpatzt.

Dass sie den begehrten Part dann aber doch noch bekam, verdankte sie ihrem Aussehen und Auftritt: eine Ballerina mit engelhaftem Gesicht, eines jener anmutigen Schmetterlingswesen, wie sie Regisseur Noyce für die Rolle des unschuldigen Vietnam-Mädchens Phuong suchte zu seiner Neuverfilmung von Graham Greenes Vietnam-Roman »The Quiet American«.

»Es gibt genügend Filme über Schlachten in Vietnam und den Horror des Krieges«, sagt der amerikanische Produzent Sydney Pollack, »aber es gibt nichts, was analysiert, warum wir da reingerieten.« Und das verschafft dem Stoff in Zeiten des Terrorismus und Amerikas nun drohender Intervention im Irak einen beispielhaften Bezug, macht den vor einem Jahr fertig gestellten Film zum Gegenstand einer irrwitzigen Kontroverse.

Denn »Der stille Amerikaner«, in dem Oscar-Preisträger Michael Caine als schroffer, alternder »Times«-Reporter Thomas Fowler um seine vietnamesische Geliebte gegen einen jungen Rivalen aus Boston kämpft, durfte bislang »aus patriotischen Gründen« nicht in den Lichtspieltheatern der USA gezeigt werden. Die Verantwortlichen des Hollywood-Studios Miramax hielten den Streifen zurück, weil sie nach den Terroranschlägen des 11. September befürchteten, als anti-amerikanische Nestbeschmutzer dazustehen.

Hai Yen, den zierlichen Leib in eine modische Adaption der seidenen Nationaltracht Au Dai gehüllt, versteht das alles nicht. »Das ist doch nur ein Liebesfilm«, sagt sie und nippt an einem Cappuccino in der »Patisserie Givral« an der ehemaligen »Rue Catinat« (heute: Dong Khoi). Hier schrieb Anfang der fünfziger Jahre zum blutigen Ende der französischen Kolonialepoche Graham Greene seinen Vietnam-Klassiker. Und hier, in der stimmigen historischen Kulisse um die Oper und das Hotel Caravelle, aufgehübscht in Pastellfarben, ließ Regisseur Noyce für seinen Dreh auch Zeitungsschreiber, Spione und Untergrundkämpfer aufmarschieren sowie Bomben explodieren.

Denn in »The Quiet American« geht es nicht nur um das Liebeswerben in einer Dreierbeziehung. Greenes Roman ist eine Parabel auf die Verstrickung von fehlgeleitetem Idealismus mit Terrorismus, auf die Konfrontation zwischen amerikanischem Sendungsbewusstsein und europäischer Melancholie.

Fowlers Liebesrivale Alden Pyle, der junge US-Entwicklungshelfer (und Geheimdienstmann), lässt sich in seinem aggressiven Kampf gegen die vordringenden kommunistischen Vietminh, für ihn das Böse schlechthin, auf den Teufelspakt ein mit der so genannten »Dritten Kraft« eines terroristischen Banditengenerals. Der »stille Amerikaner« wird so mitverantwortlich für einen Bombenanschlag im Zentrum Saigons, der viele unschuldige Opfer fordert. Dafür bezahlt Pyle - unter Mithilfe Fowlers - mit seinem Leben.

Es ist die Ahnung des Horrors, der Vietnam mit der späteren massiven Intervention Amerikas erst noch bevorstand, die Graham Greenes Text so beklemmend macht. Und die dem Film zudem eine höchst aktuelle politische Dimension verleiht: die Gefahr des Hineinschlitterns in einen Krieg, der für eine selbst mit Hightech-Waffen hochgerüstete Supermacht nicht zu gewinnen ist. 58 000 GIs starben in diesem Konflikt und mehr als drei Millionen Vietnamesen.

Für die Generation von Hai Yen ist der Vietnam-Krieg, der hier der »Amerikanische Krieg« heißt, nur mehr ein historisches Trauma aus Erzählungen der Eltern. Und selbst die waren am 30. April 1975, als der Abflug des letzten Hubschraubers vom Dach der US-Botschaft die Niederlage Washingtons in Indochina besiegelte, noch halbe Kinder.

Diese Erben des Gründervaters und Revolutionärs Ho Tschi-minh wuchsen nach fast 40 Jahren Krieg gegen Franzosen, Japaner, Amerikaner und Chinesen auf in einem ausgebluteten, zerschundenen Land. Es gab Massenelend, Hungerrevolten, eine völlig zerborstene Infrastruktur. »Wir mussten unser Land aus Bombenkratern aufbauen«, sagt Hanois Premier Phan Van Khai im SPIEGEL-Gespräch (siehe Seite 137), seinem ersten Interview mit westlichen Journalisten.

Hinzu kam eine furchtbare Hypothek: die Langzeitfolgen und Erbschäden der Dekade des amerikanischen Giftkriegs gegen Vietnam. In der Operation »Ranch Hand« hatte die US-Luftwaffe von 1962 bis 1971 weite ländliche Teile Südvietnams, die als Schlupfwinkel der Vietcong galten, mit Entlaubungsmitteln besprüht. In den Chemiewolken steckten auch 44 Millionen Liter des berüchtigten »Agent Orange« mit hochgiftigem Dioxin. Noch heute gibt es deshalb jährlich Tausende Missbildungen bei Neugeborenen, Nervenerkrankungen, Leberkrebs.

Doch der ungestüme Wirtschaftsboom im Vietnam von heute verdrängt die Erinnerung an die historischen Schicksalsschläge. Im Zentrum Hanois um den Hoan-Kiem-See sind die Boulevards vor den ockerfarbenen Villen und Prachtbauten aus der französischen Kolonialära voll gestopft von Moped-Armeen. Die Kapitale steht vor dem Verkehrskollaps. Im einstigen Saigon, das nunmehr Ho-Tschi-minh-Stadt heißt, pulsiert auf der Flaniermeile Dong Khoi das Leben. Bunt und neureich, wie überall in den Wirtschaftsmetropolen Südostasiens.

Vielleicht sogar noch ein bisschen mehr.

Denn Vietnam, das wegen seiner bescheidenen Wirtschaftsbasis in der Asienkrise von 1997/98 weit weniger gebeutelt wurde als die früheren Tigerstaaten Südkorea, Taiwan, Hongkong und Singapur, gilt heute als kapitalistischer Musterschüler der Region. »Der dritte Weg« zwischen einem allzu raubtierhaften Kapitalismus der nachholenden Dritten Welt und einem Sozialismus ohne despotische Unterdrückung, von dem der »stille Amerikaner« Pyle träumte, scheint hier ein gutes Stück näher gerückt.

»Die KP hat verstanden, dass sich das Land entwickelt, wenn auch Ausländer Geld machen können«, sagt Jürgen Braunbach, Sprecher der deutschen Kaufmannschaft in Ho-Tschi-minh-Stadt. Der studierte Sinologe sieht hier passieren, was sich vor gut einem Jahrzehnt auch in China vollzog: »Ein Tiger setzt zum Sprung an.«

Allerdings: Wie in China bleibt die kommunistische Partei die einzige legale politische Organisation im Lande und denkt auch unter dem Reformer Khai nicht daran, ihr Machtmonopol in Frage stellen zu lassen. Wer dagegen aufbegehrt, wie etwa der querulantische Pfarrer Nguyen Van Ly und seine Neffen, die unter anderem Informationen über die Lage der Buddhisten an einen amerikanischen Radiosender weitergaben, riskiert Inhaftierung und Anklage wegen Spionage.

Ausländische Investoren sehen das gestrenge Reglement der KP nicht nur als Nachteil an. Während sich aus Angst vor weiteren Anschlägen muslimischer Terroristen Geschäftsleute aus Indonesien, Malaysia und sogar Thailand zurückziehen, wurde Vietnam von einem führenden Hongkonger Beratungsunternehmen zum sichersten Land Asiens gekürt.

Das zahlt sich aus. Nach Vietnams Erzrivalen im Norden sind die Genossen in Hanoi hinter der Volksrepublik China mit sieben Prozent Wirtschaftswachstum in diesem Jahr Spitzenreiter in Asien. Die Exporte wachsen weiterhin rapide. Nicht nur Reis und Kaffee, wo das Land inzwischen weltweit Exportnation Nummer zwei geworden ist, bringen Devisen, sondern auch Schuhe, Elektronik, Textilien, Fischprodukte. Bei Bekleidung siedeln besonders jene Produzenten in das Billiglohnland um, die in China ihre Exportquote für die Ausfuhr nach Europa und USA ausgeschöpft haben.

»Vietnam heißt Investoren in unserem Land herzlich willkommen«, versichert Premier Khai. Schon im Dezember 1986 hatte das Land zwischen Rotem Fluss und Mekong, das flächenmäßig etwa so groß ist wie Deutschland, mit der Erneuerungspolitik »Doi Moi« erste Reformschritte gewagt. Nicht aus der Erkenntnis heraus, dass der Sozialismus nicht funktionieren kann, sondern weil Gorbatschows Sowjetunion den Geldfluss drosselte. Die Folge waren schlimme Hungersnöte. In einer weiteren Fluchtwelle verließen Tausende das Land.

Als im Nachbarstaat China dann aber die Panzer auf den Pekinger Tiananmen-Platz rollten (1989), ruderten die Hardliner in Hanois KP schockiert zurück. Sie fürchteten, im Zuge der Wirtschaftsreform könnten sie von der ins Land schwappenden »friedlichen Evolution« ähnlich wie die Genossen im Ostblock hinweggefegt werden.

Der Durchbruch kam erst Ende der neunziger Jahre. Plötzlich wurden im Parlament offene Debatten geführt. Die Ratifizierung des »Bilateralen Handelsabkommens« (November 2001) mit den USA ließ die Exporte zum einstigen Kriegsgegner in die Höhe schnellen. Danach folgte ein Unternehmensgesetz, das die 5000 oft maroden Staatsbetriebe dem dynamischen Privatgewerbe gleichstellt.

Und nun brummt die Wirtschaft in dem mit 80 Millionen Einwohnern größten Land Indochinas. Insgesamt 45 000 neue Privatfirmen wurden in den letzten zwei Jahren gegründet. Knapp fünf Milliarden US-Dollar flossen an ausländischem Investment ins Land. DaimlerChrysler steigert seinen Absatz allein in diesem Jahr um 243 Prozent. Bessere Zahlen als die Verkäufer in Vietnam konnte kein anderer Unternehmensbereich erwirtschaften.

27 Jahre nachdem die eher preußisch anmutenden Kader der regulären nordvietnamesischen Armee mit ihren grünen Tropenhelmen in Saigon einmarschierten, Kapitalisten und Kollaborateure zu Tausenden in Arbeitslager steckten, ist der lebenslustige Süden erneut zum Wirtschaftsmotor geworden.

So wie Schanghai in China die Wirtschaft bestimmt und in Peking die Macht residiert, erwirtschaften Ho-Tschi-minh-Stadt und die umliegenden Provinzen rund ein Drittel des Bruttosozialprodukts, während Hanoi weiterhin den politischen Ton angibt. Die Einzigen, die heute noch ins Umerziehungslager müssen, sind junge Prostituierte, die in den Mini-Hotels der Chinesenstadt Cholon und Discos wie »Apokalypse Now« ihre Liebesdienste anbieten.

KP-Kader wie Nguyen Thien Nhan, 49, Vizebürgermeister im vormaligen Saigon, haben längst keine Scheuklappen mehr auf. Für den niedrigen Entwicklungsstand, der sich in einem mageren Bruttoinlandsprodukt von nur 420 US-Dollar pro Einwohner ausdrückt (Deutschland: 24 830 US-Dollar), macht er nicht mehr nur die Kriegsfolgen verantwortlich, sondern eigene Fehler. »Wir waren mehr als ein Jahrzehnt ökonomisch nicht erfolgreich«, sagt er in fließendem Deutsch, »wir wurden deshalb von der Realität bestraft.«

Noch immer fehlt Vietnam eine moderne Infrastruktur. Das Mekong-Delta im Südzipfel, wo mit 18 Millionen mehr Menschen leben als in Kambodscha und Laos zusammen, verbindet nur der alte »Highway Number One« als einzige Verkehrsader mit dem 1700 Kilometer entfernten Hanoi. Weder die Hauptstadt noch das Wirtschaftszentrum Ho-Tschi-minh-Stadt verfügen über ein funktionierendes Nahverkehrssystem mit Bussen oder gar U-Bahnen.

Weit schlimmer wiegt die grassierende Korruption und ein Heer von überlasteten, unfähigen Kadern. Sie stemmen sich in alter Apparatschikmanier gegen jede Veränderung, wirtschaften häufig in die eigene Tasche.

Gut zehn Prozent des Bruttosozialprodukts verschwinden nach Schätzungen von Wirtschaftsexperten auf den Konten von Mafiabanden, der Polizei und geldgierigen KP-Kadern, die sich gegenseitig begünstigen, mondäne Villen bauen und teure Luxusschlitten fahren.

Immerhin: Neuerdings dürfen diese Machenschaften mit dem Segen der KP-Spitze von den Medien bekämpft werden. Die »Jugendzeitung« der kommunistischen Jugendliga von Ho-Tschi-minh-Stadt gilt als Sturmgeschütz im Krieg gegen Vetternwirtschaft und korrupte Staatsorgane. So mussten Teile der Stadtverwaltung zurücktreten, als die Redakteure ein Zusammenspiel zwischen Triaden, den Sicherheitsorganen und Politikern aufdeckten.

Die KP als Institution zu kritisieren oder gar Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten einzuklagen bleibt indes weiterhin ein Tabu. Diese Erfahrung müssen selbst hoch geehrte Kriegshelden machen. Nachdem General Vo Nguyen Giap, mit 90 immer noch recht vital, in der Vergangenheit die jüngeren Spitzengenossen zu häufig kritisierte, wurde sein Kontakt zu westlichen Journalisten blockiert.

Vielen Intellektuellen erscheint das nicht mehr einsichtig. Etwa 70 000 haben in Deutschland studiert, mehr noch in Frankreich und den USA. Gut ausgebildet, fleißig und hoch motiviert, kommen sie jetzt mit der Aussicht auf gut bezahlte Managerjobs zurück, nur um festzustellen, wie eng das Netz der Staatssicherheit noch immer gestrickt ist. »Den Wettbewerb, den wir in der Wirtschaft erkämpften, brauchen wir auch in der Politik«, sagt ein Heimkehrer. Das öffentlich auszusprechen würde ihm noch immer die Existenz rauben.

Auch die junge Schauspielerin Hai Yen, zum neuen Idol der Jugend aufgestiegen und im Besitz einer Villa am Stadtrand von Saigon, kennt die Grenzen ihres Ruhms. »Zur Politik will ich nichts sagen«, meint sie, während sie beim Foto-Shooting lässig das entblößte Bein von der neuen Vespa baumeln lässt. »Wozu auch«, fügt sie hinzu. »Was die junge Generation Vietnams wünscht, ist gut zu essen, modische Kleider zu tragen, im Internet zu surfen und mit dem Moped rumzukurven.«

Hai Yens Filmdebüt soll nun nicht mehr gänzlich unter Verschluss gehalten werden. Um Michael Caine die Nominierung für einen weiteren Oscar zu ermöglichen, wird »The Quiet American« Ende November einem begrenzten Publikum auch in den USA präsentiert - eine Woche lang, in ausgesuchten Kinos von Los Angeles und New York. OLAF IHLAU, JÜRGEN KREMB

Zur Ausgabe
Artikel 62 / 114
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.