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Ein Tor ging auf

aus DER SPIEGEL 17/1949

The Ghost of Roger Casement
is beating on the door.

(Der Geist von Roger Casement
Schlägt dröhnend an das Tor.)

Mit diesem Schlußvers kennzeichnete der große irische Dichter Yeats in einem berühmten Gedicht die Stimmung in Irland nach dem mißglückten Osteraufstand von 1916. Roger Casement, ein Führer der irischen Republikaner, war in der Karwoche jenes Jahres von einem deutschen U-Boot aus der Emigration in Deutschland nach Irland gebracht worden. Schon nach zwei Tagen fiel er den Engländern in die Hände. Nach einem abgekürzten Gerichtsverfahren wurde er zum Tode verurteilt und gehängt.

Das war das Signal für den am zweiten Ostertag des Jahres 1916 beginnenden irisch-republikanischen Aufstand. Vor dem Hauptpostamt in Dublin, dem Hauptquartier der Rebellen, rief der Freiheitskämpfer Patrick Pearse die Revolution aus, deren blutige Kämpfe mehrere Jahre dauern sollten.

Jetzt öffnete sich nach 33 Jahren mit dem mitternächtlichen Glockenschlag von Ostersonntag auf Ostermontag das Tor, an das der Geist Roger Casements jahrelang so vernehmlich gepocht hat. Die Republik Hibernia, die irische Republik Eire, betrat erstmals als völlig unabhängiger und selbständiger Akteur die Bretter der Weltbühne. Mit der Aufhebung des »Aktes über die auswärtigen Beziehungen« wurden die letzten formellen Bindungen an das britische Commonwealth gelöst.

In Zukunft vertritt nicht mehr ein vom englischen König ernannter Hoher Kommissar Irland bei der britischen Regierung und nicht ein Generalgouverneur als Vertreter des englischen Königs England in Irland, sondern beide Staaten werden sich bevollmächtigte Gesandte oder Botschafter schicken. Der englische König scheidet vollständig und endgültig aus dem irischen Staatsleben aus.

Kirchengeläut, feierliche Messen, Fanfarenklänge, Böllerschüsse, Feuerwerk, ein Scheinwerfer-Strahlendom über der Hauptstadt Dublin, eine Militärparade vor dem historischen Hauptpostamt - die erste nach fast 800jährigem Verbot irischer Streitkräfte - , die Flaggenhissung der neuen Republik-Farben Grün-Weiß-Orange durch den jüngsten Offizier der irischen Armee und Glückwunschtelegramme aus aller Welt markierten die Geburtsstunde der jungen Republik.

Die Erinnerung an den jahrelangen Freiheitskampf überwog bei manchen Iren sogar die Festesfreude. Als während der Militärparade die Nachricht von dem Glückwunschtelegramm König Georgs VI. von England verbreitet wurde, kamen Protestrufe aus der Menge: »Schickt es zurück«.

Für die irischen Ressentiments hatten auch die meisten englischen Geburtstags-Gäste Verständnis. Die Geschichte der Beziehungen Irlands zu England ist von der Landung der Normannen auf der »Grünen Insel« an bis auf unsere Tage mit viel irischem Blut geschrieben.

Während die Normannen nach der Eroberung Englands im zwölften Jahrhundert die soziale Ordnung der Angelsachsen durch ihr feudales System ersetzen konnten und auf diese Weise die Verschmelzung der Rassen in die Wege leiteten, erwiesen sich in Irland die Kelten oder Gälen, wie die Iren sich nennen, den Eindringlingen auf die Dauer überlegen. Sie absorbierten sie. Die Fitzgeralds, die Griffith und viele andere Familien, die zu Vorkämpfern für die irische Freiheit wurden, sind normannischen Ursprungs. Auch der augenblickliche Ministerpräsident Costello ist ein Irisch-Normanne.

Soviel Uneinigkeit auch zwischen den irischen und englischen Geschichtsschreibern über die Deutung der historischen Ereignisse herrscht, in diesem Punkte stimmen sie überein: Die Verschiedenheit der Wirkungen, die von der normannischen Eroberung in Irland und England ausging, war der Anfang der Differenzen zwischen den beiden Völkern.

Unter den Königen aus dem Hause Tudor (1485-1603) begann England die sogenannte Rückeroberung Irlands. Heinrich VIII. nahm 1541 als erster den Titel eines Königs von Irland an. Seine Tochter Elisabeth beendete das Werk.

Der darauf folgende Vernichtungskrieg in Irland wird von den bedeutenden englischen Historikern Carter und Mears in ihrer »History of Britain« als »unwürdiges Kapitel unserer Geschichte« verdammt. »Wenn die Engländer ihre Politik in Irland in anderen Teilen der Welt wiederholt hätten, würde es heute kein britisches Empire geben.«

Vor allem in den sechs nördlichen Grafschaften wurden die Iren so gut wie ganz ausgerottet. Statt dessen siedelten die Engländer dort protestantische Pächter aus England und Schottland an. Noch heute besteht dieser damals geschaffene Gegensatz zwischen Ulster und Irland.

Als die französische Revolution ausbrach und England seine Kräfte in einem langjährigen Krieg mit Frankreich binden mußte, sahen die Iren eine neue Chance und erhoben sich. Der jüngere Pitt, Englands großer Gegenspieler gegen Napoleon, verlegte sich aufs Verhandeln. Er versprach den Iren weitgehende Freiheiten. Aber das Londoner Parlament ratifizierte nicht den

*) Auf der Tribüne: Irlands Staatspräsident Sean O'Kelly mit Gattin; im Hintergrund rechts auf dem Dach die neue irische Flagge. von ihm vorgeschlagenen Vertrag, sondern beschloß im Gegenteil die völlige Vereinigung Irlands mit England.

Das Parlament in Dublin wurde aufgelöst, und Irland erhielt im Londoner Unterhaus 100 Sitze angewiesen, dazu im Oberhaus 28 Lord- und 4 Bischofssitze. Das rote Kreuz auf weißem Grunde des irischen Nationalheiligen Patrick wurde mit dem englischen blauen Andreaskreuz auf weißem Grunde vereinigt. So entstand der Union Jack, Englands heutige Staatsflagge. Am 1. Januar 1801 wehte sie zum ersten Male auf der Burg von Dublin.

Ueber ein Jahrhundert dauerte dieser Zustand. Erst im ersten Weltkrieg fühlten sich die Iren erneut stark genug, den Engländern die Herrschaft über Irland wieder streitig zu machen. Ihr Befreiungskrieg, den sie am zweiten Ostertag 1916 begannen, war militärisch ein Fehlschlag. Politisch aber öffnete er den Weg zu der jetzt erreichten völligen Unabhängigkeit.

Bei den ersten Nachkriegswahlen von 1918 bekannte sich der größte Teil der Iren für die republikanische Partei Sinn Fein, deren Führer Griffith und Collins ohne Rücksicht auf englische Gesetze und Autoritäten eine republikanische Regierung in Irland errichteten. Englands damaliger Ministerpräsident Lloyd George machte das Angebot, zwei getrennte Regierungen in Irland zu bilden, eine für Ulster mit der Hauptstadt Belfast und die andere in Dublin. Ulster nahm an, und König Georg V. eröffnete persönlich 1921 das nordirische Parlament in Belfast. Seit diesem Tage datiert die Teilung Irlands.

Aber in Dublin wurde der englische Vorschlag zurückgewiesen. Die Engländer standen hier vor der Alternative, entweder ihren Willen mit Waffengewalt durchzusetzen oder sich völlig zurückzuziehen. Zunächst versuchten sie das erste und schickten eine Hilfstruppe aus entlassenen Offizieren und Soldaten nach Irland, die nach der Farbe ihrer Uniformen die »Black and Tans« (die Schwarzen und Braunen) genannt wurden. Wieder wurde die grüne Insel Schauplatz blutiger Kämpfe. Aber diesmal fanden die Iren einen mächtigen Verbündeten in der öffentlichen Meinung der Vereinigten Staaten.

Lloyd George mußte seine Politik völlig umwerfen. Er lud die irischen Führer zu einer Konferenz ein, als deren Ergebnis Ende 1921 der irische Freistaat geschaffen wurde. Griffith und Collins gingen auf diese Lösung ein. De Valera, der Führer der extremen Republikaner, verwarf sie wegen der Teilung Irlands. Daraus entwickelte sich ein zwei Jahre dauernder irischer Bürgerkrieg, der schließlich mit dem Siege der Gemäßigten endete.

Bei Beginn der unabhängigen irischen Republik leben in dem Lande vier Millionen Menschen, also nicht einmal ein Zehntel der Einwohner des doppelt so großen England. Aber außerhalb Irlands leben etwa zehn Millionen Iren, davon in den USA sechs Millionen und allein in England beinahe zwei Millionen. Beispielsweise sind viele Polizisten in London und auch in New York Iren.

Diese Iren hatten bisher alle politischen Rechte, die jeder Engländer besitzt. Sie waren in manchen Wahlkreisen starke Stützen der Arbeiterpartei. Nun hat ihnen die englische Regierung Fragebogen geschickt um zu erfahren, ob sie im britischen Commonwealth verbleiben möchten. 2700 legten Wert darauf. Die anderen Hunderttausende schwiegen. Aehnlich ist die Situation in den britischen Dominions, wo viele hohe Verwaltungsposten und Offiziersstellen mit Iren besetzt sind.

Das ist heute das eine irische Problem, das Englands Ministerpräsident Attlee erhebliches Kopfzerbrechen bereitet. Das andere schafft Dublin mit seiner Forderung auf Rückgliederung der sechs nördlichen Grafschaften. Forderung und Ablehnung stehen hier kategorisch gegeneinander.

Solange Dublin seine Forderung nicht erfüllt sieht, lehnt es jede Teilnahme am Atlantikpakt ab. Und nun will Irlands Außenminister Sean McBride die Teilungsfrage sogar vor den Sicherheits-Kadis der UNO verhandeln lassen.

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