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NIEDERLANDE Ein Tränental

Hollands neuer Premier van Agt verwirrt die Nation mit freimütigem Seelen-Striptease.
aus DER SPIEGEL 52/1977

Ich bin kein Draufgänger«, stufte sich der neue niederländische Premier Andreas ("Dries") Antonius Maria van Agt, 46, vor fünf Jahren selbst ein, »bin nicht aus dem harten Holz der Berufspolitiker geschnitzt.«

Heute nennen ihn seine politischen Gegner »Dries Beton«, denn bei dem Führer des neugegründeten Christdemokratischen Appells (CDA) hat die stärkste Formation der Niederlande, die Arbeiterpartei, buchstäblich auf Beton gebissen. Sozialistenführer Joop den Uyl ("Ich bin ein politisches Tier") muß in die Opposition.

Seit den Parlamentswahlen am 25. Mai haben Sozialisten. die Christdemokraten und die rechten Liberalen um eine Koalition gefeilscht. Bei einem rosigen Chateaubriand und einer Bouteille Burgunder einigten sich im Kerzenschein des Haager Feinschmecker-Restaurants »Bistroquet« nun van Agt und der Liberalenchef, Hans Wiegel, 36, auf eine Koalition.

Am Freitag voriger Woche stellte van Agt seine neue Regierung vor -- ein »Kabinett der Gourmets«, wie ein Haager Journalist schrieb, der sich auch erinnerte, wie van Agt erst kürzlich Reporter vor einer Pressekonferenz beschied: »Wir müssen erst essen.«

Wenn auch politische Beobachter in Den Haag die Lebenschancen dieser Regierung mit ihrer knappen Parlamentsmehrheit eher gering schätzen, so ist die Premierswürde doch ein Höhepunkt in der Karriere van Agts.

Schon lange vor Jimmy Carter hat van Agt, der sich gern als »apolitisch« ausgibt, Moral und Redlichkeit in der Politik gepredigt und von der Nation ein »ethisches Erwachen« verlangt.

»Ein Klösterling. der Buße tut«, beschrieb das linke Wochenblatt »Vrij Nederland« den strenggläubigen Sohn eines römisch-katholischen Fabrikanten aus dem südniederländischen Geldrop. Tatsächlich spielte van Agt bei politischen Niederlagen mit dem Gedanken, in ein Kloster zu gehen.

Nach einem glänzenden Abitur legte van Agt nach sechs Studienjahren an der Katholischen Universität Nimwegen sein juristisches Staatsexamen ("cum laude") ab und ging nach kurzer Anwaltstätigkeit ins Haager Landwirtschaftsministerium.

Später, im Justizministerium, nach einem Intermezzo als Strafrechtsprofessor in Nimwegen, stufte ihn ein Vorgesetzter als »zu faul« ein. Daran hat sich laut »Vrij Nederland« auch nichts geändert, als er in den Kabinetten Biesheuvel und den Uyl Justizminister war: »Ungelesene Akten und Denkschriften häuften sich«, so das Wochenblatt, »und gern kokettierte der Minister mit dem Chaos in seinem Arbeitszimmer und in seiner Behörde.«

In den sechs Jahren seiner Ministerzeit mußte van Agt sieben dramatische Geiselnahmen, die Flucht des holländischen Kriegsverbrechers PieterMenten (van Agt: »Ein Tränental") -- der in der Schweiz gefaßt und vorige Woche zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde -- und schließlich die Diskussion um seinen Begnadigungsvorschlag für die letzten in Holland einsitzenden deutschen Kriegsverbrecher, die »Drei von Breda«, durchstehen.

Beim »borreltje« (Schnäpschen) mit Journalisten entfuhr ihm zum Thema Breda die Bemerkung: »Ich bin erstens zu jung, habe im Krieg nie gelitten, und zweitens bin ich Arier.«

Erst die überwältigenden Demonstrationen der Niederländer gegen die Freilassung der Deutschen bekehrten van Agt: Hätte ich gewußt, wieviel Emotionen noch wach sind -- ich hätte die Begnadigung nicht angeregt.«

Der Chef der neuen Mitte-Rechts-Koalition -- mit einer langen Nase, brav gescheiteltem Pomadenhaar und einer Warze auf der rechten Wange Lieblingsobjekt politischer Karikaturisten -- könnte mit den Aussprüchen über seine Person Seiten füllen.

Mal findet er sich »leichtgläubig und naiv«, mal quält ihn »der Zweifel, ob ich es wohl gut mache«, dann wieder fühlt er sich »zäh wie ein Reptil«.

»Sein Gewissen«, beurteilte denn auch der linke Kolumnist Piet Grijs die permanenten Psycho-Strips van Agts, »ist die Summe seiner Neurosen.«

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