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ÖSTERREICH Ein Urviech

Ein lebenslustiger Abt hat das älteste noch bestehende Zisterzienser-Stift der Welt in den Ruin geführt. *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Die böse Dreizehn wurde sein Verhängnis. Nach zwölf scheinbar erfolgreichen Amtsjahren mußte Paulus Franz Rappold, 54, Abt des steiermärkischen Zisterzienserklosters Rein-Hohenfurt, seine komfortable Stiftswohnung gegen eine Zelle im Straflandesgericht Wien tauschen. Nach seiner Amtsenthebung wurde er wegen Beihilfe zum Betrug in Untersuchungshaft genommen.

Für Abtpräses Dominik Nimmervoll, den obersten Ordensmann der österreichischen Zisterzienser, gibt es keinen Zweifel: Der Prälat hat das Kloster bei Graz zugleich in den wirtschaftlichen und moralischen Ruin getrieben.

Für die Staatsanwaltschaft steht obendrein fest, daß Rappold widerrechtlich 4,3 Millionen Mark an Versicherungsgeld für Flur- und Waldschäden kassiert hat, die es größtenteils nicht gab.

Der fesche Abt von Rein war das allgemein bewunderte Glanzstück einer modern gewordenen Kirche - fröhlich, volksnah und effizient, genauso wie viele frustrierte Christenmenschen ihre Hirten gern sehen möchten, sogar wenn sie Renaissancemanieren haben.

Aufgewachsen ist »Seine Gnaden« mit wenig Geld und großem Ehrgeiz. Der junge Franz Rappold. Kind eines steirischen Forstarbeiters, absolvierte zunächst eine Maurerlehre samt Gesellenprüfung. Anschließend holte er das Abitur nach, meldete sich als spätberufener »Frater Paulus« - in Rein und schaffte 1971 mit kirchlichem Dispens die Priesterweihe die nach Kirchenrecht erst ein Jahr später hätte stattfinden dürfen.

Schon drei Tage nach der Weihe machten die altersmüden Reiner Patres ihren jungen Star zum provisorischen Leiter des Stiftes. 1973 dann, sobald ihm das passive Wahlrecht zustand, wählten sie den 36jährigen zum Abt auf Lebenszeit. Einige Zauderer, die ihm zunächst nur sechs Jahre einräumen wollten, unterlagen der kollektiven Euphorie.

Bruder Paulus übernahm das älteste noch bestehende Zisterzienserstift der Welt, 1129 gegründet, in jämmerlichem Zustand mit teils baufälligen Gebäuden.

Der hemdsärmelig-selbstbewußte Rappold - zwei Mitbrüder: »Ein Urviech von Mensch« - schloß Freundschaften im Handumdrehen, vor allem mit jedem, den er brauchte: dem SPÖ-Landwirtschaftsminister Günter Haiden zum Beispiel, dem Militärkommandanten der Steiermark oder einem Grazer Landesgerichtspräsidenten.

Selbst den würdevollen Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger titulierte er kurzerhand mit »lieber Rudi«. Ob Politiker,

Industrielle, hohe Militärs oder Jetset-Ladys, er konnte mit allen.

Und alle halfen. Das Land Steiermark übernahm den Löwenanteil der Kosten für die Renovierung der Klosterkirche. Der Staat leistete 16 Millionen Mark »Vorausmiete« für ein Gymnasium und eine Außenstelle der Technischen Universität Graz, die ins Klostergebäude einzogen. Das Bundesheer schickte Gratishelfer.

Ein Damenkomitee unter Elisabeth Prinzessin von und zu Liechtenstein. Tochter des letzten österreichischen Kaisers, schnorrte weitere Millionen für das gottgefällige Aufbauwerk.

Am spendabelsten zeigte sich Kurt Ruso, damals Generaldirektor der angesehenen Bundesländer-Versicherung, in deren Vorstand viele hochkarätige ÖVP-Leute sitzen. Als angebliche Entschuldigung zahlte er nach und nach 4,3 Millionen Mark in die Klosterkasse.

Dank der üppig fließenden Hilfsgelder konnte Rappold zum Reiner 850-Jahr-Jubiläum ein Schmuckkästchen von Stift präsentieren. Sein Anwalt Michael Stern erzählt das noch heute voller Bewunderung: »Er hat aus einer verfallenen Hundehütte ein Palais gemacht.«

Der Abt seinerseits, dem Gesellschaftsleben zugetan, revanchierte sich bei den vielen Gönnern durch rauschende Feste und sinnige Aufmerksamkeiten. Zur Feier seines Doktorats im Mai 1983 etwa bewirtete er tausend Gäste. Zu Weihnachten ließ er Tannen im stiftseigenen Forst schlagen und den »Herren Offizieren« die Christbäume in die Kasernen schicken.

Besonders beliebt bei der Grazer Prominenz waren die Rappoldschen Jagdeinladungen. Obwohl nach eigener Einschätzung selbst »nur ein mittelprächtiger Schütze«, lieferte der Kirchenmann pro Jahr bis zu zehn Gemsen, drei bis vier Hirsche und etwa 50 Stück Rehwild vor die Gewehre seiner Gönner. Anschließend begoß er deren Waidmannsglück in der eigens zurechtgezimmerten urigen Waldhütte »Zum Jagerpauli«.

Gelegentliche Gerüchte über hübsche Freundinnen, allzu flotte Saunaabende oder allzu teure Reisen wurden als Phantasie der kirchlichen Neidgenossenschaft abgetan.

Auch die ordensinterne Routineinspektion von 1982 verlief im Sand. Drei Kontrolleure begnügten sich damit, die prekäre wirtschaftliche Situation des Klosters zu erkennen, und fuhren vertrauensvoll wieder ab.

Erst als im Frühling 1985 etliche jüngere Mitglieder des 20köpfigen Konvents mit Pater Paulus Kamper an der Spitze energisch gegen ihren Bonvivant revoltierten, beschäftigte der Rein-Fall die Ordensleitung. Abtpräses Nimmervoll entschloß sich zu einer »außerordentlichen Visitation.«

Gemeinsam mit zwei anderen Zisterzienseräbten sah Nimmervoll im Herbst vergangenen Jahres Rappolds Buchhaltung durch. Jeden Abend erschien er angeblich noch blasser als am Vortag im Speisesaal.

Zum Schluß verpflichtete der Ordensobere die 20 Rein-Mönche durch Schwur auf die Bibel zu Stillschweigen. Was er ihnen zu sagen hatte, summiert sich zu Österreichs größtem Klosterskandal seit Menschengedenken.

Laut Nimmervoll ist die traditionsreiche Abtei, die über ausgedehnte Forste verfügte, heute praktisch zahlungsunfähig. Ihr Stammvermögen hat sich seit 1972 um rund 14 Millionen Mark verringert.

Bruder Paulus verkaufte Grundstücke im Wert von etwa 5,6 Millionen Mark und nahm noch überdies einen Kredit von 4,2 Millionen Mark auf, der pro Jahr 400000 Mark Zinsen kostet. Die beträchtlichen Einnahmen aus Holzverkäufen sind in der Ära seiner »fahrlässigen Wirtschaftsführung« (Nimmervoll) ebenso untergegangen wie die Versicherungsmillionen.

Die Ursachen des gewaltigen Kassenlochs blieben vorerst rätselhaft. Fehlinvestitionen wie eine Tischlerei und eine Fleischerei kosteten bestenfalls einen Teil der Summen.

Rappolds chaotische Buchführung gibt wenig Aufschluß über Ein- und Ausgänge. Bisher fanden sich keinerlei Aufzeichnungen über die Verwendung der Spendengelder.

Vieles erscheint jedoch irreführend deklariert, so ein Posten aus dem Jahr 1980 in Höhe von 5700 Mark, die der Kirchenmann für einen Israel-Urlaub entnahm »Schreib einfach, ich habe damit Gnadenschlüssel gekauft«, wies er damals den Bruder Buchhalter an.

Interessante Aufschlüsse erhofft sich die Ordensspitze von der gerichtlichen Prüfung der äbtlichen Privatkonten. Zur gleichen Zeit nämlich, da Stift Rein schrittweise verarmte, setzte Pater Paulus persönliches Kapital an.

Das Armutsgelübde der Zisterzienser-Mönche hinderte ihn nicht, 39 Hektar Feld und Wald aufzukaufen und teils auf seinen bürgerlichen Namen ins Grundbuch eintragen zu lassen. Die verärgerten Mitpatres nannten ihn zuletzt nur noch »Bruder Raffbold«.

Dazu paßt, daß Rappold drei Verwandte mit stiftseigenen Pkw beschenkte. Und dazu paßt auch die Aussage einer 82jährigen Frau, die Hochwürden um 30000 Mark Leihrente betrogen haben soll.

Daß sich Raffbold Rappold bei der Einvernahme durch Nimmervoll sogleich bereit erklärte, am Todestag allen Privatbesitz seinem Stammorden zu vererben und sogar ein entsprechendes Testament vorlegte, vermochte ihn nicht mehr zu retten.

Neben Rappold wurde inzwischen auch sein wichtigster Gönner verhaftet - der ehemalige Bundesländer-Generaldirektor Ruso. Er hat 23 Millionen Mark veruntreut. Zwei seiner Freunde brachten sich in den letzten Wochen um - sie hatten ebenfalls von Rusos Zuwendungen profitiert.

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