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Ein Volk entdeckt sich selbst

Mehr als 60 Jahre nach Kriegsende rückt die gesamte, weit zurückreichende Geschichte der Deutschen neu in den Blick. Dem wechselvollen Werdegang der Nation mit seinen Verirrungen und Glanztaten widmet der SPIEGEL eine große Serie. Darin wird deutlich: Der Nationalstaat ist kein natürliches Ergebnis der Zeitläufte, sondern eine Erfindung.
aus DER SPIEGEL 4/2007

Der Kalender meint es gerade gut mit Deutschland. Während in der Silvesternacht die Raketen in den Himmel stiegen, wurde Berlin zu einer Welthauptstadt auf Zeit. Gleich zwei bedeutende Ämter hat das Land mit dem Jahreswechsel übernommen: die Präsidentschaft der EU (für ein halbes Jahr) und den Vorsitz der G8, der wichtigsten Industriestaaten der Erde (für ein Jahr).

Schön für Angela Merkel, dass sie in diesen Monaten die Kanzlerin ist. Zu Dutzenden werden die Regierungschefs und Staatsoberhäupter aus allen Erdteilen ihr die Ehre erweisen, sie werden ihr Geheimnisse anvertrauen und ihren Rat einholen. Etwas Monarchisches wird sich über den sonst so nüchternen Regierungsalltag legen.

Mehr symbolischer Glanz - und wohl auch mehr reale Macht - kann einem deutschen Politiker im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts nicht zuteilwerden. Dass die Kanzlerin Macht und Glanz zu schätzen weiß, verrät sie allein dadurch, dass sie ein Bild auf ihren Schreibtisch gestellt hat, das eine der glanzvollsten Machthaberinnen der Geschichte zeigt: Katharina die Große, die Zarin, die als deutsche Prinzessin in Stettin geboren wurde und im Zeitalter der Aufklärung über Russland herrschte.

Natürlich ist Merkels Macht nur geliehen. Es ist die Macht des Landes, das sie regiert, eines Landes, dessen Gewicht nicht mehr nur nach seiner Wirtschaftskraft bemessen wird. Zwar ist zu spüren: Die Deutschen, die einmal von der Macht besessen waren und sich deshalb lange ziemlich kleinmachen mussten, tun sich noch etwas schwer mit ihrer neuen Rolle auf der Weltbühne.

Aber sie gewöhnen sich daran, ihre politische Statur ist deutlich gewachsen. Sie kümmern sich um die Krisenherde im Nahen Osten, sie schicken ihre Soldaten nach Afghanistan und Afrika. »Als Faktor der Weltpolitik ist Deutschland wieder da«, schrieb jetzt der britische »Economist«.

So hat sich allmählich etwas eingestellt, was Merkels Vorgänger gern als »Normalität« bezeichnet hat. Gerhard Schröder wurde noch teils heftig für diese Wortwahl kritisiert, als hätte er brachial herbeiregieren wollen, was sich nicht herbeiregieren lässt: »das Ende der Nachkriegszeit«. Hitler und der Holocaust schienen noch immer stärker als die deutsche Gegenwart.

Das ist vorbei. Letzte Zweifel dürften im Fahnenmeer während der Fußball-WM im vergangenen Sommer untergegangen sein. Die Geschichte bleibt zwar präsent, und die Gefahr kollektiver Vergesslichkeit erscheint gering, aber die Nazi-Verbrechen, der Krieg und die Folgen sind keine täglich spürbare Last mehr für das Land. Und wenn die Bindekraft der Vergangenheit nachlässt, ist die Zukunft offener, der Spielraum größer. Es gibt kein politisches Programm mehr, das zwingend abgearbeitet werden müsste. Westbindung, Aussöhnung mit Frankreich und Polen, Wiedervereinigung, europäische Gemeinschaft - das alles gehört zur deutschen Wirklichkeit und weckt kaum noch Leidenschaften.

Wenn die Zukunft der Nation größere Veränderungen bringen sollte (und irgendwann wird es sie geben), so ist heute zum ersten Mal seit Jahrzehnten völlig offen, welche das sein werden. Das Land wird damit nicht geschichtslos, aber die zwölf Jahre von 1933 bis 1945 sind für die Entscheidungen der Gegenwart und die Entwicklungen von morgen nicht mehr ausschlaggebend.

Im gleichen Maße hat die Dominanz der NS-Zeit auch beim Blick zurück in die Geschichte nachgelassen. Wer die nationale Identität und ihre historischen Wurzeln näher kennenlernen will, bleibt nicht mehr unausweichlich am monolithischen Block der Nazi-Ära hängen. Nachdem die intensive Beschäftigung damit 60 Jahre später sämtliche Verbrechen noch einmal vergegenwärtigt hat, in Filmen, Ausstellungen und Lebenserinnerungen, hat die Bewegungsfreiheit auch bei Expeditionen in die Vergangenheit deutlich zugenommen.

Die Antwort auf die alte Frage, wie die Deutschen wurden, was sie sind, wird dadurch nicht einfacher. Aber das Bild erhält eine neue Farbigkeit und Tiefenschärfe. In einer fünfteiligen Serie berichtet der SPIEGEL nun über die Geschichte der Deutschen. Und man kann erkennen: Eine weitverbreitete Gewissheit erweist sich als Fehldeutung.

Denn der Nationalstaat, in dem sich die Deutschen 17 Jahre nach der Wiedervereinigung im Großen und Ganzen so eingerichtet haben, als wäre er unerschütterlich und ewig - er ist keineswegs das natürliche, im Weltenlauf angelegte Ziel der Geschichte.

Dennoch gibt es in der globalen Politik heute keine ordnende Größe, die wichtiger wäre als der Nationalstaat, allen länderübergreifenden Bündnissen und Gemeinschaften zum Trotz. Wie stark der Glaube an die stabilisierende Kraft des Nationalgedankens ist, beweisen die Bemühungen der Europäer und Amerikaner, in Afghanistan, auch im Irak oder im Kongo »Nation-Building« zu betreiben. Soldaten, zivile Helfer und kleine lokale Eliten unternehmen den Versuch, die Menschen aus ihren stammesgesellschaftlichen Strukturen zu lösen, ein Bewusstsein der Zusammengehörigkeit zu schaffen und sie auf eine Zentralgewalt zu verpflichten. Es sind große, wahrscheinlich vermessene Pläne, die wohl scheitern werden.

Dass der Weg zur nationalen Einheit höchst langwierig und mühevoll sein kann, zeigt exemplarisch die deutsche Geschichte in den über tausend Jahren von Karl dem Großen zu Bismarck: Aus einem lockeren Bündnis von Stämmen, die verschiedene Sprachen sprechen, entsteht ein Volk, das sich zunächst als Sprach- und Kulturgemeinschaft entdeckt und dann in einer Nation, schließlich auch in einem Nationalstaat politisch zusammenfindet.

Noch vor weniger als zwei Jahrhunderten konnten die meisten Deutschen wenig mit der Idee anfangen, sie sollten in einem gemeinsamen Staat leben. Er wisse »nit, worauf das hinaussollte«, erklärte freimütig ein junger Handwerker, als ihn Freiburger Studenten in den 1830er Jahren von der deutschen Einheit zu überzeugen suchten.

Die Menschen fühlten sich als Protestanten oder Katholiken, Arbeiter oder Bauern, und sie sprachen von Bayern oder Hessen als »meine Nation«, ohne dass jemand darin einen Missklang vernommen hätte. Der Begriff »natio« (lateinisch Geburt) fand in der mittelalterlichen Verwaltungssprache Verwendung und erhielt erst später einen politischen Sinn.

Mit der deutschen Nationalbewegung Anfang des 19. Jahrhunderts begann die entscheidende Neudeutung. Es waren zunächst nur Schriftsteller, Journalisten, Theologen und Lehrer, darunter so prominente Männer wie Turnvater Friedrich Ludwig Jahn (1778 bis 1852), der Dichter Ernst Moritz Arndt (1769 bis 1860) oder der Philosoph Johann Gottlieb Fichte (1762 bis 1814).

Sie predigten den Leuten, es sei »die höchste Religion«, das »Vaterland lieber zu haben als Herren und Fürsten, als Väter und Mütter, als Weiber und Kinder« (Arndt). Sie behaupteten, die Deutschen hätten eine Mission als »Weltbeglücker« (Jahn) und müssten das Menschengeschlecht »zu reinen und edlen Geistern« formen (Fichte). Sie stifteten Identität, in dem sie ein Geschichtsbild verbreiteten, das mit der realen Vergangenheit nur wenig zu tun hatte.

In der Idee des Nationalstaats steckte erhebliche Sprengkraft. Die typisch deutsche Kleinstaaterei sollte ein Ende haben, der herrschende Adel von der politischen Bühne abtreten. Die Nationalisten - nach den Maßstäben der Zeit linke Revoluzzer - verlangten eine Demokratisierung des Landes. Es ist dieser Gestaltungsdrang, der »Anspruch auf politische Selbstbestimmung«, der nach Auffassung des Nationalismusforschers Peter Alter aus einem Volk eine Nation macht.

Als aber Deutschland 1871 unter Otto von Bismarck zum Nationalstaat wurde, haftete der Reichsgründung sogleich ein Geburtsfehler an: Die Einheit kam von oben, autoritär.

Die aufgeschobene Freiheitsfrage erwies sich als enorme Belastung für das »Nation-Building« der Deutschen. Denn die westlichen Werte von Menschenrechten und Demokratie spielten in der neuen nationalen Identität keine Rolle. In Schulen und Universitäten, beim Militär oder auch durch Hunderte von Denkmälern wurde den Deutschen vermittelt, der junge Nationalstaat sei die Erfüllung ihrer Geschichte.

Am Ende des Jahrhunderts fühlten sich Menschen, die als Sachsen oder Württemberger geboren worden waren, dieser Idee der deutschen Nation verpflichtet. Sie waren bereit, für diese Idee Opfer zu bringen, sogar zu sterben.

Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von einer »Erfindung« der Nation. Denn was Fichte, Arndt und ihre Nachfolger verbreiteten, war ein konstruiertes Weltbild, zusammengesetzt aus Geschichtslegenden, Erwähltheitsglauben und der Vorstellung einer deutschen Mission.

Erst dieses Weltbild, unterfüttert vom rasanten wirtschaftlichen Aufstieg des Kaiserreichs, brachte Bayern, Schwaben oder Hamburger dazu, sich primär als Deutsche zu verstehen. Der Nationalismus schafft sich seine Nationen selbst, hat der britische Philosoph Ernest Gellner das Phänomen beschrieben, das nicht nur in Deutschland zu beobachten ist.

Viele Grundannahmen über die Geschichte sind bis heute den Mythen des 19. Jahrhunderts verhaftet. Das beginnt bei den Anfängen deutscher Historie. Um ihren Landsleuten den Eindruck zu vermitteln, sie gehörten schon deshalb politisch zusammen, weil sie gleicher Herkunft seien, verbreiteten die führenden Köpfe der Nationalbewegung, es habe die Deutschen schon während der Völkerwanderung gegeben. Sie hätten sich dann niedergelassen und - da sie sich nach einem Staat sehnten - ein Reich gegründet.

Nichts davon ist richtig.

Dass es Deutsche gibt, ist zuerst den Vorfahren der heutigen Italiener aufgefallen. Das war zur Zeit Ottos des Großen (912 bis 973), der auch Nord- und Mittelitalien regierte. Infolgedessen kamen immer häufiger Heeresaufgebote aus dem Norden über die Alpen. Und die Südländer beobachteten, dass die Besucher manches gemein hatten.

Sie gaben den Fremdlingen den Namen »Teutonici«, in Anlehnung an die Teutonen, die vor Christi Geburt über die Römer hergefallen waren. Bald schon fand die lateinische Bezeichnung Verbreitung, obwohl sich Franken, Bayern oder Thüringer zunächst keineswegs als Angehörige eines Volkes empfunden hatten.

Von den über zehn Millionen Menschen, die im Hochmittelalter auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik siedelten, beschäftigten sich allerdings nur einige hundert Adelige und Geistliche mit Fragen deutscher Identität; und mit politischen Forderungen waren solche Überlegungen nicht verbunden.

Das änderte sich erstmals im 15. Jahrhundert, als Humanisten wie Ulrich von Hutten zum Kampf gegen Rom aufriefen. Die Gelehrten berauschten sich an einem imaginären Bild von »Teutschland«. Sie waren stolz auf Erfindungen, die Deutsche gemacht hatten, etwa der Buchdruck mit den beweglichen Lettern. Sie konstruierten eine Geschichte der Deutschen, die bis in die Antike reichte, weil alt als edel galt.

Schon damals zeigte sich, dass die Menschen vor allem in Krisen und Umbruchzeiten für die nationale Idee empfänglich sind, weil der Bedarf an Sinndeutung dann groß ist. Die Angst vor den Türken, die 1453 Konstantinopel erobert hatten und nun immer näher kamen, mobilisierte die Menschen.

Allerdings verflüchtigte sich das Ergebnis solcher Nationalisierungsschübe wieder, als 1517 Martin Luther aus Wittenberg der römischen Kirche den Gehorsam aufkündigte. Für die Masse der Deutschen ging es fortan um eine religiöse Frage: Wer ist mit dem neuen Glauben, und wer ist gegen ihn?

Das schon zuvor aus vielen Kleinstaaten bestehende Reich wurde nun auch konfessionell gespalten. 1618 begann der Dreißigjährige Krieg. Fast die Hälfte der Deutschen wurde Schätzungen zufolge damals erschlagen, ertränkt, zu Tode gefoltert. Ganze Landstriche verödeten.

An der politischen Zerrissenheit änderte sich nach dem Friedensschluss von 1648 wenig. Doch die sich nun entwickelnden deutschen Territorialstaaten benötigten Experten und bildeten daher Beamte, Juristen, Theologen oder Mediziner aus. Es begann die Zeit der Aufklärung, und überkommene Weltbilder erodierten. Die neue Elite suchte daher nach Bindungen und fand sie in der gemeinsamen Kultur, insbesondere der gemeinsamen Sprache.

Überall entstanden zwischen 1720 und 1770 Gesellschaften, die sich die Pflege der deutschen Sprache zu eigen machten. Man bemühte sich um ein deutsches »Nationaltheater« oder eine deutsche »National-Literatur« - in Abgrenzung zum Adel, der französisch sprach und sich der Mode des Versailler Hofes unterwarf.

Die Welt befand sich im Umbruch. In England begann die industrielle Revolution, in den USA und Frankreich standen politische Revolutionen bevor, Deutschland erlebte um 1770 eine große Hungerkrise. Die Menschen ahnten, dass

das Überkommene keinen Bestand haben würde.

Dichter und Denker beschäftigten sich nun mit der Frage, was unter »Vaterland« und »Nation« zu verstehen sei. Es gab Reichspatrioten wie Friedrich Carl von Moser, die in der Erneuerung des morsch gewordenen Heiligen Römischen Reichs die Zukunft der Deutschen sahen. Andere wie Johann Wolfgang Goethe nahmen den Begriff »Vaterland« für ihre Heimat in Anspruch; bei dem Dichter war es die freie Reichsstadt Frankfurt.

Den Deutschen gab der Weltbürger Goethe gemeinsam mit Friedrich Schiller 1796 den Rat, auf eine Nation zu verzichten:

Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, / Deutsche, vergebens; / Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu / Menschen euch aus.

Das war gutgemeint, doch auch ein wenig realitätsfremd. Denn die Französische Revolution, die den modernen Nationalismus begründete, ging zur Zeit des Dichterwortes bereits in ihr siebtes Jahr.

Was sich in Paris zutrug, war wahrlich epochal. Erstmals ließ sich beobachten, welche Wucht die nationale Idee entwickeln konnte, wenn sie zur »verbindlichen Sinngebungs- und Rechtfertigungsinstanz« wurde, analysiert der Historiker Heinrich August Winkler.

Frankreich stieg zum modernsten und mächtigsten Staat Europas auf. Napoleons Armeen fegten über den alten Kontinent hinweg, auch über die rückständigen deut-

schen Einzelstaaten, die der Imperator neu ordnete, was zur Auflösung des Heiligen Römischen Reiches führte. In Preußen machte die vernichtende Niederlage bei Jena und Auerstedt 1806 den Weg frei für die Reformer um den Freiherrn vom Stein. Sie übernahmen manches von der revolutionären Besatzungsmacht, auf deren Vertreibung sie eigentlich zielten.

In einer Hinsicht war Preußens König Friedrich Wilhelm III. allerdings entschlossen, nicht dem französischen Vorbild zu folgen: Er wollte keinen deutschen Nationalstaat gründen, der zahlreiche Herrscherhäuser aus den erblichen Positionen gefegt hätte.

An dieser Konstellation änderte sich auch nichts nach der Niederlage Napoleons. Der Wiener Kongress bestätigte 1815 die Vielstaatlichkeit Deutschlands. Wer fortan die deutsche Einheit forderte, riskierte in Preußen und Österreich, politisch verfolgt zu werden.

Es war vermutlich diese wiederholte Erfahrung der Ohnmacht - erst gegenüber Napoleon, dann gegenüber dessen Bezwingern - die in der deutschen Nationalbewegung »Machtträume erzeugte, die nur ein Allmächtiger verwirklichen konnte«, wie Winkler schreibt.

Überzeugt von der Überlegenheit des deutschen Geistes und voller Verachtung für Minderheiten, bot die nationale Bewegung bald ein Bild, das bei den Nachbarn wenig Sympathie hervorrief. Zum Kriterium der Zugehörigkeit wählten die Nationalen die deutsche Sprache ("so weit die deutsche Zunge klingt"), und entsprechend definierten Arndt und andere die Grenzen ihres Wunschlandes »von der Nordsee bis zu den Karpaten, von der Ostsee bis zu den Alpen und der Weichsel«. So war es die großdeutsche, den deutschsprachigen Teil Österreichs einbeziehende Lösung, die vielen vorschwebte. Auch das Elsass und Lothringen sollten hinzukommen - unabhängig vom Willen der dort lebenden Menschen. Diese Vermessenheit stellte fortan eine ständige Gefahr für den Frieden in Europa dar.

Eine der großen Leistungen des preußischen Ministerpräsidenten Bismarck lag darin, dass es ihm mit seiner Reichsgründung 1871 gelang, die Menschen nördlich der Alpen zumindest zeitweise für die sogenannte kleindeutsche Lösung zu gewinnen. Für viele Zeitgenossen war das ein geradezu revolutionärer Schritt, denn die Habsburger-Macht hatte jahrhundertelang den deutschen Kaiser gestellt.

Allerdings hätte die Erfindung der deutschen Nation kaum eine solche Resonanz gefunden, wenn sie nicht mit einer grundlegenden Umwälzung der Gesellschaft einhergegangen wäre. Alte Bindungen lösten sich. Man durfte sich in Preußen seit Beginn

des 19. Jahrhunderts niederlassen, wo man wollte, heiraten, wen man wollte, ein Gewerbe ohne Erlaubnis der Zünfte betreiben. Die Menschen wurden mobiler und erlebten - insbesondere aufgrund des 1833/34 gegründeten Zollvereins - das spätere Deutschland als wirtschaftliche Einheit.

Die nationale Idee trug dazu bei, dass die Gesellschaft intakt blieb. Experten wie der Tübinger Historiker Dieter Langewiesche sehen darin die Stärke der Nation, weil es in den letzten zwei Jahrhunderten »keine andere Idee gegeben hat, die Menschen so wirkungsmächtig zu einem Kollektiv zusammenfasst, das handlungsfähig ist« (siehe Seite 64). Das Kaiserreich wurde zu einem der wirtschaftlich modernsten Staaten Europas.

Auch zu einem der aggressivsten. Der Weg in den Ersten Weltkrieg war vielleicht nicht unausweichlich, aber konsequent.

Nach der deutschen Niederlage 1918 stellten vor allem konservative Intellektuelle die Frage neu, was Deutschland eigentlich sei und wer dazu gehöre. Da die k.u.k.-Monarchie zerbrochen war und viele Menschen in Österreich sich dem Reich anschließen wollten, schien erstmals eine großdeutsche Lösung möglich. Doch die Siegermächte legten ihr Veto ein.

Der Popularität des großdeutschen Gedankens tat dies keinen Abbruch, und man kann darin das Bestreben erkennen, den als schändlich empfundenen Ausgang des Ersten Weltkriegs zu kompensieren.

Auch die NSDAP forderte 1920 im ersten Punkt ihres Parteiprogramms, alle Deut-

schen sollten in einem Großdeutschland zusammenleben, und die von Adolf Hitler nach seinem Machtantritt betriebene aggressive Außenpolitik schien zunächst auf die Erfüllung dieses Wahlversprechens zu zielen. Fotos vom sogenannten Anschluss Österreichs 1938 zeigen begeisterte Massen in Wien, und nicht wenige Historiker gehen davon aus, dass Hitler bei freien Wahlen damals einen überwältigenden Sieg errungen hätte.

Der Diktator präsentierte sich insofern als glühender Nationalist. Doch das von ihm insgeheim angestrebte mörderische Rasseimperium hatte mit den überkommenen Vorstellungen von Deutschland wenig zu tun. Er wollte Gebiete zum »Dritten Reich« schlagen, die ohne jeden Bezug zu Deutschland waren. Deutsche sollten seiner Vision zufolge in der Ukraine bis hin zur Krim siedeln. Einen beträchtlichen Teil der Deutschen - Juden, Linke, Behinderte und auch viele gläubige Christen - ließ er umbringen, oder er beabsichtigte ihre Ermordung nach dem »Endsieg«.

Die Hybris und die Verbrechen der Nazis diskreditierten nach 1945 nicht nur Deutschland, sondern jede Form von Nationalismus, auch den Nationalstaat. Als die Supermächte USA und Sowjetunion das Reich des Gegners aufteilten, fanden sie ohne Schwierigkeiten auf beiden Seiten der Demarkationslinie Deutsche, die bereit waren, die nationale Einheit zurückzustellen, um einen eigenen Staat aufzubauen.

Vor allem die nachwachsenden Bundesbürger empfanden sich vor dem Mauerfall als postnational. Das zusammenrückende Westeuropa schien ihnen als Heimat nicht zu groß. Der deutschen Einheit fühlten sich immer weniger Menschen verbunden; 1986 erklärten 37 Prozent der befragten Westdeutschen, dass sie unter »Nation« nur die Bundesrepublik verstünden.

In der DDR war dies anders. Der von der SED propagierte proletarische Internationalismus stieß auf wenig Zustimmung. Wie einst im 19. Jahrhundert versprachen sich hier viele Menschen von der Einheit auch die Freiheit. Als 1989 die Mauer fiel, skandierten die Demonstranten bald »Wir sind ein Volk!«

Aber welches Volk? Was in der alten Bundesrepublik verdrängt worden war, rückte nach der Wiedervereinigung ins Zentrum der nationalen Debatte: Deutschland war zum Einwanderungsland geworden.

So tauchte, kaum war die territoriale Frage gelöst, gleich ein Identitätsproblem auf, das die Republik noch eine Weile beschäftigen wird. Wer ist Deutscher? Darauf gibt es keine einfache Antwort mehr. 1999 hat die rot-grüne Regierung das Staatsangehörigkeitsrecht zwar modernisiert und Einbürgerungen deutlich erleichtert. Aber zwischen Rechtsansprüchen und gelebter Integration besteht ein erheblicher Unterschied.

Bemerkenswert ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage von TNS Forschung für den SPIEGEL. Danach äußert nur noch die Hälfte der Befragten die Ansicht, ein Deutscher sei vor allem jemand mit deutschen Vorfahren, so wie es das alte Staatsangehörigkeitsrecht von 1913 als Regelfall festgeschrieben hatte. Eine Mehrheit der Bürger findet es dagegen richtig, jemanden als Deutschen zu sehen, wenn er sich zum Grundgesetz und zu deutschen Werten bekennt, auch wenn er keinen deutschen Pass besitzt (siehe Grafik Seite 50).

So könnte es sein, dass sich am Ende ein Gedanke durchsetzt, der schon vor mehr als 1000 Jahren Franken, Sachsen und Alemannen einander nähergebracht hat: Wer hier lebt, in denselben Grenzen, regiert von derselben Staatsgewalt, der gehört auch dazu. DIETMAR PIEPER,

KLAUS WIEGREFE

* Am 3. Oktober 1990 in Berlin. * Mit dem Chef der EU-Kommission Manuel Barroso am 9. Januar in Berlin.

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