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»Ein Volk in Waffen«

aus DER SPIEGEL 2/1995

SPIEGEL: Wiktor Leonidowitsch, Sie waren während des Silvester-Sturms auf Grosny und in den Tagen danach vor Ort. Was können Sie bezeugen: die Wiederherstellung verfassungsmäßiger Ordnung oder russische Kriegsverbrechen? _(Das Gespräch führte SPIEGEL-Redakteur ) _(Jörg R. Mettke in Moskau. )

Schejnis: Was ich erlebt habe, ist ohne Zweifel ein Kriegsverbrechen, eine Versündigung an den Grundsätzen des Friedens und der Menschlichkeit. Die Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung ist lediglich ein Vorwand.

SPIEGEL: Welche Greuel haben Sie mit eigenen Augen gesehen?

Schejnis: Mit Füßen getreten wird das wichtigste Recht des Menschen, sein Recht auf Leben. Es werden nicht nur Tschetschenen vernichtet, die sich - aus welchem Grund auch immer - bewaffnet haben, sondern friedliche Zivilisten, die mit den Kämpfen gar nichts zu tun haben.

SPIEGEL: Das Verteidigungsministerium in Moskau behauptet, nur gezielte Schläge gegen Banden und deren Waffenlager zu führen.

Schejnis: Ein völlig unglaubwürdiges Märchen. Die Armee bombardiert aus der Luft und feuert mit Artillerie, so rücksichtslos und brutal wie möglich. Daß friedliche Bewohner Grosnys umgebracht und verkrüppelt werden, kann ich beschwören - vor Politikern, vor meinen Mitbürgern, vor jedem Gericht.

SPIEGEL: Rechnen Sie ernsthaft damit, daß die Veranstalter der Massaker vor Gericht kommen?

Schejnis: Früher oder später wird es eine Gerichtsverhandlung geben. Wer an diesem ungeheuren Verbrechen beteiligt ist, wird sich verantworten müssen wie ein gemeiner Krimineller.

SPIEGEL: Wen zählen Sie dazu? Nur die Generäle und Politiker?

Schejnis: Ich meine natürlich nicht die jungen, völlig desorientierten Soldaten. Man hat sie in aller Eile herangekarrt, in Panzer gesetzt und in den Kampf geschickt, ohne ihnen auch nur ihre militärische Aufgabe erklärt zu haben, von der politischen ganz zu schweigen. Wer dieses wahnsinnige Abenteuer befohlen hat, verdient nichts als Verachtung und Empörung.

SPIEGEL: Teilen Sie die Besorgnis der Tschetschenen, daß Grosny jetzt systematisch in Schutt und Asche gebombt werden soll?

Schejnis: Ich habe in meinem Leben viele kaputte Städte gesehen, schon als Kind im Zweiten Weltkrieg. Als ich Grosny verlassen habe, war die Stadt etwas weniger zerstört als das jugoslawische Vukovar, aber weit ärger als die südossetische Hauptstadt Zchinwali, wo vor drei Jahren der Bürgerkrieg zwischen Georgiern und Osseten tobte. Der Stadtkern besteht praktisch nur noch aus Ruinen.

SPIEGEL: In Afghanistan kämpfte die sowjetische Armee neun Jahre lang für eine verlorene Sache und schickte dafür nach eigenen Angaben 14 453 ihrer Soldaten in den Tod . . .

Schejnis: . . . sowie eine Million Afghanen.

SPIEGEL: Wird das Tschetschenien-Abenteuer ähnlich enden?

Schejnis: Heute ist offensichtlich, daß die russische Armee auf härtesten Widerstand stößt - nicht von Banditen oder Söldnern, sondern von einem Volk mit Waffen in der Hand. Ich habe Arbeiter, Lehrer, Ärzte, Händler gesehen, die verteidigen, was sie für die Freiheit und Unabhängigkeit ihrer Heimat halten. Sie sind bereit, auf Leben und Tod zu kämpfen.

SPIEGEL: Soll sich Rußland also aus dem Kaukasus zurückziehen, wie Alexander Solschenizyn empfiehlt?

Schejnis: Nach meiner Auffassung ist Tschetschenien ein integraler Teil Rußlands. Ich sehe weder politische noch juristische Gründe für eine Herauslösung dieses Gebiets aus der Russischen Föderation. Ich bin aber davon überzeugt, daß dieses Problem nur politisch zu lösen ist, nicht mit Gewalt.

SPIEGEL: Tschetschenen-Präsident Dudajew sagt, er sei verhandlungsbereit.

Schejnis: Uns wird das Gegenteil eingetrichtert. Aber man hat sich ja bereits 3 Jahre lang Zeit gelassen, da hätte man sich auch noch weitere 3 oder 33 Jahre nehmen können. Alles kann und muß auf dem Verhandlungsweg geregelt werden.

SPIEGEL: Dafür müßten die russischen Waffen erst mal schweigen.

Schejnis: Feuereinstellung ist das Gebot der Stunde. Es muß Schluß gemacht werden mit dem Morden.

SPIEGEL: Rußland hat jahrhundertealte Kolonialerfahrung im Kaukasus. Wie konnte es zu dieser Fehleinschätzung der Lage kommen?

Schejnis: Wenn man etwas Falsches angefangen hat, kann man es nicht gleich wieder abbrechen. Ich meine das Abenteuer vom 26. November vorigen Jahres. Da wurden russische Panzer unter den Fahnen einer angeblichen tschetschenischen Opposition zum Großangriff auf Grosny geschickt. Das Ergebnis war ein höchst blamables Fiasko.

SPIEGEL: Um die Scharte auszuwetzen, braucht der Kreml nun einen Sieg?

Schejnis: Richtig, deshalb die zweite Panzerattacke auf Grosny, diesmal unter russischen Fahnen. Und wieder eine schändliche Niederlage: Viele Soldaten sind in ihren Panzern verbrannt oder wurden niedergeschossen, als sie heraussprangen. Man wird wohl einen weiteren Versuch unternehmen - heute, morgen, übermorgen. Und wieder werden unzählige Menschen sterben.

SPIEGEL: Verteidigen die Tschetschenen ihr Land genauso erbittert, wie sich die Russen vor über 50 Jahren gegen die deutschen Eroberer wehrten?

Schejnis: Das subjektive Gefühl der Tschetschenen ist genauso. Ich würde das heutige Rußland zwar nicht mit dem Nazi-Deutschland von damals gleichsetzen, obwohl bei uns bedenkliche Schritte weg von der Demokratie gemacht worden sind. Aber Politiker müssen das Empfinden gerade von Widersachern sehr ernst nehmen.

SPIEGEL: Konnten Sie mit gefangenen russischen Soldaten sprechen?

Schejnis: Mit vier, alle unter 19, alle gerade eingezogen. Am 11. Dezember wurden sie in Waggons nach Mosdok, der Garnison in Nordossetien, verfrachtet. Sie kannten sich gerade drei Tage, bevor sie in einen Panzerwagen gesetzt wurden. Der Marschbefehl lautete, einen Sanitätswagen zu begleiten. Als der angeschossen wurde und sich vor ihnen querstellte, wußten sie nicht mehr weiter. Sie sprangen auf die Straße und wurden zum Glück gleich gefangengenommen. Bis heute begreifen sie nicht, weshalb sie nach Grosny geschickt wurden.

SPIEGEL: Als Kanonenfutter - so die öffentliche Anklage des Komitees der Soldatenmütter.

Schejnis: Wie kann man Panzerwagen einsetzen zur Erstürmung dieser Stadt, deren Verteidiger gut bewaffnet sind - mit Panzerfäusten, Granatwerfern, Molotowcocktails? Solche Fahrzeuge sind eine leichte Beute. Der Schützenpanzer meiner vier Jungs war nicht einmal intakt: Der Turm drehte sich nicht. Wer ist so verantwortungslos, Rekruten ohne Ausbildung und Vorbereitung mit defektem Gerät in einen Sturmangriff zu schicken?

SPIEGEL: Sie haben Ihre Befunde einem Gehilfen des Präsidenten Boris Jelzin überreicht. Was konkret fordern Sie von Jelzin?

Schejnis: Die Kampfhandlungen in Tschetschenien sofort zu stoppen, die für die Eskalation verantwortlichen Minister abzuberufen und die Informationsblockade zu beenden.

SPIEGEL: Wenn der Krieg andauert und Moskau die Lage nicht unter Kontrolle bringt, droht Rußland dann der Zerfall - im Kaukasus, aber auch anderswo?

Schejnis: Auf meinen Vorschlag, ihre schweren Waffen abzuliefern und in Verhandlungen einzutreten, entgegneten mir Tschetschenen: Was sind denn unsere Garantien? So wie es heute aussieht, können wir auf Waffen nicht verzichten. Erbarmungsloses Niedermetzeln löst nicht etwa Angst aus, sondern stärkt die Widerstandsbereitschaft.

Wie lange diese Gewaltdemonstration auch dauern mag, ein harter Schlag gegen die föderative Struktur Rußlands war sie allemal. Das Vertrauen in Moskaus Politik ist in den Kaukasus-Republiken aufs schwerste erschüttert.

SPIEGEL: Was hat sich Jelzin von diesem schmutzigen Krieg versprochen?

Schejnis: Er hat die Schwäche unserer Demokraten bei den Wahlen vor einem Jahr registriert. Nun möchte er seine politische Basis durch ganz andere Kräfte verbreitern. Eine schlimme Fehlkalkulation: Denn radikale Nationalisten und Faschisten, die den Präsidenten jetzt unterstützen, brauchen Jelzin nur bis zu einem gewissen Punkt. Sobald die Ereignisse sich nach deren Szenario entfalten, werden sie abrechnen, auch mit dem Präsidenten.

SPIEGEL: Erreichen ihn überhaupt noch objektive Informationen über die Lage in Tschetschenien? Ist er noch Herr der in seinem Namen verkündeten Entscheidungen?

Schejnis: Jeder hört, was er hören will, so ist die menschliche Psyche. Wenn der Präsident unter dem Einfluß gezielt dosierter Information eine Entscheidung getroffen hat, werden weitere Nachrichten einfach so gefiltert, daß er sich bestätigt fühlt.

SPIEGEL: Zwei Drittel des russischen Volkes sind laut Umfragen gegen den Krieg im Kaukasus. Warum können die Volksvertreter in Duma und Föderationsrat den Präsidenten nicht stoppen?

Schejnis: Nach anfänglichen Schwankungen haben wir eine Entscheidung gegen den Krieg getroffen, wenn auch mit relativ kleiner Mehrheit. 228 Abgeordnete stimmten für ein Moratorium. Doch die Beschlüsse von Duma und Föderationsrat binden den Präsidenten nicht.

SPIEGEL: Er muß sich aber an die Verfassung halten.

Schejnis: Jelzin und seine Gewaltminister stehen mit ihren Entscheidungen längst außerhalb der Verfassung. Weder Notstand noch Krieg wurden förmlich erklärt. Dazu wäre nämlich die Zustimmung des Föderationsrates erforderlich gewesen, mit der kaum zu rechnen war. Nun wird ein großer Krieg geführt - ohne jede juristische Legitimation. Wir brauchen eine Verfassungsänderung, damit solche Entscheidungen ohne parlamentarische Zustimmung nicht mehr möglich sind.

SPIEGEL: Ist die Gewaltanwendung in Tschetschenien wirklich noch eine innere Angelegenheit Rußlands, wie Außenminister Kosyrew behauptet?

Schejnis: Heute kann davon nicht mehr die Rede sein, weil es um Menschenrechte geht. Nach modernem Menschenrechtsverständnis, niedergelegt in vielen Konventionen, unter denen auch die Unterschrift meines Landes steht, ist dies keine interne Angelegenheit Rußlands.

SPIEGEL: Das neue Rußland erweist sich als die alte brutale Ordnungsmacht. Führt das in die außenpolitische Isolation?

Schejnis: Wir erwarten, daß die westliche Gemeinschaft auf Rußlands Demokraten setzt und nicht auf Brandstifter.

SPIEGEL: Immer mehr Abgeordnete des demokratischen Lagers, allen voran der frühere Premier Jegor Gaidar, befürchten einen Rückfall in Totalitarismus.

Schejnis: Auf lange Sicht hat ein totalitäres Regime in Rußland kaum eine Chance. Unsere Bürger sind nicht mehr so, wie sie bis 1985 waren. Kräfte, die fähig wären, den großen Terror auszuüben, sehe ich nicht. Aber schon ein kurzzeitiges Festmahl der Sieger käme mein Land sehr teuer zu stehen.

SPIEGEL: Es scheint sicher, daß Jelzin heute nicht wiedergewählt würde. Sucht er deshalb Beistand bei den Anhängern eines Polizeistaats, in dem demokratische Wahlen als erstes wieder abgeschafft würden?

Schejnis: Ob sich Jelzin mit dieser Expedition neuen Anhang sichert, bezweifle ich. Langfristige Bündnispartner hat er nicht mehr. Schirinowski hält Jelzin höchstens so wie der Strick den Gehängten.

SPIEGEL: Wiktor Leonidowitsch, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Y

Das Gespräch führte SPIEGEL-Redakteur Jörg R. Mettke in Moskau.

Jörg Rainer Mettke
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