Zur Ausgabe
Artikel 55 / 85

EIN VOLK VERSCHWINDET SPURLOS

Der Schwede Lars Persson, Ethnologe und Anthropologe, Vorsitzender der »International Work Group of Indigenous Affairs« (Internationale Arbeitsgruppe für Eingeborenen-Angelegenheiten), kündigte kürzlich auf einer Pressekonferenz in Kopenhagen an, daß weitere Massenausrottungen brasilianischer Indianer geplant seien; Flugzeuge mit Napalmbomben stünden dafür bereit. Als Begründung für diese Mordaktionen gebe man an, die Amazonas-Indianer könnten nicht zivilisiert werden; es bestehe die Gefahr, daß sie »kommunistisch infiziert« würden. In den Jahren 1963 bis 1969 lebte Persson wiederholt längere Zeit unter den Indianern Venezuelas und Kolumbiens.
aus DER SPIEGEL 46/1969

Der brasilianische Indianerschutzdienst, mit dessen Hilfe mehr als 40 000 Männer, Frauen und Kinder ausgerottet wurden, betrachtete die Indianer nur als Ungeziefer. Diese Haltung beschränkt sich aber nicht nur auf Brasilien, sondern ist in den meisten Ländern Lateinamerikas verbreitet. So werden etwa in Panama die Indianer als »Bodenschätze« klassifiziert, zusammen mit den Wäldern, Mineralien, dem Wildbestand.

In Peru flogen am 18. März 1964 um drei Uhr nachmittags zwei B-26-Bomber der peruanischen Luftwaffe über den Dschungel im östlichen Teil des Landes. Ihr Ziel waren einige kleine Dörfer der Cocáma-Indianer in der Nähe des Yavari-Flusses. Zuerst wurden die Hütten mit Maschinengewehren beschossen, dann mit Napalmbomben in Brand gesteckt.

Die offizielle Rechtfertigung für diese militärische Geheimaktion lautete, der Angriff habe deswegen stattgefunden, weil die Indianer eine wissenschaftliche Forschungsexpedition bedroht hätten.

Diese Expedition, die am 12. Februar 1964 gestartet war, wurde von dem Bürgermeister von Requena, Gumercindo Flores, angeführt und sollte dazu dienen, das Land der Indianer zu »erschließen«. Als die Indianer sich gegen die Weißen wehrten, griff die Luftwaffe ein. Um diesen Angriff nachträglich zu rechtfertigen, wurden die wahnwitzigsten Beschuldigungen erfunden; Die Indianer seien Schmuggler, dem Opium verfallen, Kommunisten und Kindesentführer.

Bürgermeister Flores wurde 1967 wiedergewählt. Bald danach hatte er in Iquitos ein freundschaftliches Treffen mit dem damaligen peruanischen Staatspräsidenten Belaúnde; ihr Gesprächsthema war »die Erschließung des peruanischen Dschungels«.

Schon immer gab es in Peru starken Widerstand dagegen, daß die Indianer das Land selbst erschließen. Als sie versuchten, eine systematische Zusammenarbeit untereinander zu organisieren, wurden die Anführer der Aguaruna-Indianer von der Polizei verhaftet, ihre Hütten zerstört und ihre Frauen entführt. Sie kamen ins Gefängnis von Santa Maria de Nieve und wurden dort unter Aufsicht von Offizieren und eines katholischen Missionars gefoltert.

Im Jahre 1966 wurden die Engvera-Indianer am oberen Rio Sinú von bewaffneten Siedlern gezwungen, ihr Land herzugeben. Einige von ihnen wehrten sich -- sie wurden getötet, in Stücke gehackt oder lebendig an die Wände ihrer Hütten genagelt.

Die Motilones im Grenzgebiet zwischen Kolumbien und Venezuela wurden von beiden Staaten unterdrückt. Ursprünglich bestand der Stamm aus 5000 Indianern, sie waren die besten Getreidebauern weit und breit. Vor 15 Jahren lebten hier noch 1500 Motilones, heute sind es 300. Einige kleine Felsplateaus sind alles, was ihnen von ihrem Land geblieben ist.

Ihren Stammesgenossen auf der venezolanischen Seite ging es nicht besser. Über 70 wurden getötet, als die weißen Siedler von Alturitas eines ihrer Dörfer angriffen. Ein Großgrundbesitzer befahl die Hinrichtung von Indianern, weil sie ihre Reservation nicht verlassen wollten. Eines der Opfer fand man von 36 Machetenhieben zerfetzt, mit einem ausgeschlagenen Auge und abgeschnittenen Sexualorganen.

Paul Straka, der Mann, der diese Greueltaten an die Öffentlichkeit brachte, wurde anschließend aufgefordert, Venezuela zu verlassen, da die Polizei ihn nicht schützen könne. Begründung: »Es steckt zuviel Geld dahinter!«

Die kläglichen Reste der Bare- oder Motilones-Indianer vegetieren in den Slums rund um die Ölfelder der Ölgesellschaften Texaco und Colpet. Vor etwa 30 Jahren waren es noch 3000, heute gibt es von ihnen in diesem Gebiet nur noch 500 bis 600.

Die Cuiba-Indianer am Rio Casanare im Intendencia Arauca, Nordost-Kolumbien, sind halbe Nomaden. Ständig gejagt von den Siedlern und der Polizei, hausen die Überlebenden in zwei elenden Dörfern. Als ich sie im Juli 1968 aufsuchte, tauchten plötzlich einige Mitglieder der letzten außerhalb dieser beiden Dörfer lebenden Gruppe auf.

Sie waren aus dem Hinterhalt von weißen Siedlern -- Männern und Frauen -- überfallen worden, die eine »Kriegs-Party« veranstaltet hatten, Zwanzig Cuibas wurden dabei getötet.

Das Dorf, in dem ich lebte, wurde ständig von den weißen Siedlern bedroht. Wahllos töteten sie alles Wild In der Umgebung, um die Indianer auszuhungern und so zu zwingen, ihr Land aufzugeben und als unterbezahlte Knechte bei den Großgrundbesitzern zu arbeiten. Die Polizei in dieser Gegend gibt allen Touristen und Reisenden den Rat, sofort beim ersten Anblick auf die Indianer zu schießen, weil »sie alle schlecht sind und man ihnen nicht trauen kann«.

Der Stamm der Japreria in Venezuela verschwand 1964 spurlos. Eine Expedition von katholischen Missionaren war in Begleitung .einer Militäreskorte in ihre Dörfer am oberen Rio Palmar gekommen und hatte die Indios gezwungen, die Berge zu verlassen. Niemand weiß, wohin sie abtransportiert wurden.

Es ist in Südamerika durchaus normal, daß Missionsstationen unter dem Schutz von Militär oder Polizei errichtet werden. Wenn die Indianer sich weigern, ihre Kinder auf die Missionsschule zu schicken, nehmen die Missionare sie den Eltern mit Gewalt weg. Eltern, die versuchen, ihre Kinder zurückzuholen, werden der Kindesentführung bezichtigt und angeklagt.

Als ich die Missionsniederlassung von La Pedrera in Kolumbien am Rio Caqueta nahe der brasilianischen Grenze besuchte, rühmte sich der Leiter der Mission, zwei kleine Mädchen von den Macu-Nomaden gekidnapt zu haben. Dieser Stamm vermeidet jeden Kontakt mit der Zivilisation.

Die Erziehung in den Missionsschulen ist im höchsten Grade fragwürdig. Sie besteht fast nur aus religiösen Unterweisungen. Unter anderem wird dort gelehrt, die Indianer seien brutale Menschenfresser. Auf diese Weise lernen die Kinder, sich ihrer Rasse und ihrer eigenen Eltern zu schämen. Darüber hinaus kümmert sich die Mission nur darum, daß die Indianer nicht mehr nackt gehen und daß sie lernen, was Sünde ist.

Eine Anzahl Tukano-Indianer im Vaupés-Gebiet, Kolumbien, wurde aus Gründen der Moral gezwungen, ihre großen, luftigen und gesunden Gemeinschaftshäuser, die als »heidnisch« bezeichnet wurden, zu verlassen und in Slums mit winzigen, ungesunden Lehmhütten zu ziehen, die als »zivilisiert« angesehen wurden.

Ein besonders böses Beispiel ist die Missionsstation von Los Angeles de Tucuco. Diese Station hat ihre eigenen Gesetze und Kerker. Eine Indianerin, die Ehebruch begangen hatte, wurde zu zehn Jahren Kerker verurteilt. Die Indianerkinder sind in zwei große Gebäude gesperrt, eines für Jungen, das andere für Mädchen. Sexueller Mißbrauch der Jugendlichen durch Missionare ist nicht ungewöhnlich. Die hier aufwachsenden Kinder arbeiten später als unterbezahlte Knechte oder Dienstmädchen für die Mission.

In diesem Ort gibt es auch eine Art Museum. Im Jahre 1966 war ich dort und sah das kunstvoll gearbeitete Rindenhemd eines Indianers vom Stamme der Japreria ausgestellt. Einer der Mönche erklärte mir, dieses Hemd solle als Beispiel dafür gelten, wie sehr die Indianer »unzivilisiert« und eine Schande für das Land seien. Ein kleiner Stamm wurde ausgerottet, weil die Indianer nicht »anständig angezogen« waren und nicht einer Religion angehörten, von der sie noch nie etwas gehört hatten.

Den Missionsstationen ist oft ein Laden angegliedert in dem Produkte der Zivilisation wie billige Wecker, Transistor-Radios, Schuhe und Limonade verkauft werden. Diesen Schund bekommen die Indianer oft auch an Stelle eines Arbeitslohns. Ich habe gesehen, wie ein Indio mit einem billigen Hut für eine Woche angestrengter Tätigkeit entlohnt wurde.

Den »zivilisierten« lateinamerikanischen Indianern bleibt nur die Möglichkeit, in Slums mit Hunger, Armut und Prostitution dahinzuvegetieren -- ein Elendsdasein, das es bei den freien Indianern im Urwald nicht gibt.

In einem 35 000 Wörter umfassenden Bericht, den die »Organization of American States« kürzlich der Menschenrechtskommission gab, befaßten sich nur 191 Wörter mit den Problemen der Indianer. Sie stellten fest, daß es in Lateinamerika solche Probleme nicht gebe!

Ende

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 55 / 85
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.