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»Ein Zeichen von Schwäche«

Interview mit Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder (SPD) über das Tandem Kohl/Schäuble
Von Olaf Ihlau
aus DER SPIEGEL 43/1997

SPIEGEL: Der Bundeskanzler zieht mit seinem designierten Nachfolger Wolfgang Schäuble in den Bundestagswahlkampf, die SPD hat bisher keinen erklärten Kandidaten - schreckt das den Aspiranten Gerhard Schröder?

Schröder: Nun wirklich nicht. Kohls öffentliches Votum für Schäuble ist ein deutliches Zeichen von Schwäche. Der Kanzler hat gemerkt, daß er auf dem Leipziger CDU-Parteitag schon nicht mehr der eigentliche Star war, sondern Wolfgang Schäuble. An dessen innerparteiliche Beliebtheit versucht Kohl jetzt anzudocken.

SPIEGEL: Im Tandem mit verteilten Rollen zu agieren, das wissen Sie doch, kann durchaus erfolgreich sein ...

Schröder: ... aber hier ist das schon ein merkwürdiges Ding. Das Kanzleramt kann man nicht behandeln wie die Erbfolge in der Monarchie. Kohl versucht, seine eigenen konzeptionellen Schwächen mit Hilfe von Schäuble auszugleichen. Das ist das Gegenteil von Siegesgewißheit.

SPIEGEL: Vielleicht kassiert der Co-Partner Schäuble in der Mitte jene Wähler ab, die der SPD am Ende fehlen?

Schröder: Da wird es aber eng, denn in der Mitte steht Kohl. Also glaube ich nicht, daß dies gelingt. Denn Kohl zeigt damit, daß er allein den Wahlsieg nicht ansteuern kann. Er braucht einen Ruderer. Und bei einer Niederlage hat er den Mitschuldigen im selben Boot.

SPIEGEL: Kohl propagiert den Lager-Wahlkampf der bürgerlichen Koalition, aber Schäuble steht auch für andere Koalitionsoptionen.

Schröder: Ein merkwürdiger Lager-Wahlkampf, den Kohl da abziehen will. Ich kann die absolute Säuernis der FDP verstehen. Die Aufwertung von Schäuble hat für mich auch etwas damit zu tun, daß man in der Union an das Überleben der FDP nicht mehr so richtig glaubt.

SPIEGEL: Vielleicht geht die Doppelstrategie der Union ja auf.

Schröder: Doppelstrategien gehen leicht in die Hose. Das mußte bei uns in Niedersachsen Ernst Albrecht erfahren, der in seiner letzten Phase Frau Süssmuth als denkbare Nachfolgerin proklamierte. Die Leute haben dann gar nicht mehr gewußt, wen wählen wir jetzt eigentlich.

SPIEGEL: Schäuble hat in seiner Leipziger Rede die SPD auffallend mit Attacken geschont. Großkoalitionäre Rücksichtnahmen?

Schröder: Die ahnen, daß es beim nächsten Mal nicht reichen könnte und wollen sich alles offenhalten. Ob sofort oder zu einem späteren Zeitpunkt ist eine offene Frage. Jedenfalls wollen sie nicht völlig aus dem Geschäft sein, wenn sie schon aus dem großen Geschäft raus müssen.

SPIEGEL: Zunächst einmal wird der Kanzler voll in den Niedersachsen-Wahlkampf einsteigen, um dem Kandidaten Schröder eins aufs Haupt zu geben.

Schröder: Vielleicht schickt er ja auch Schäuble. Aber egal, herzlich willkommen. Das könnte auch dazu beitragen, die Mobilisierung bei sozialdemokratischen Wählern zu erleichtern, die wir in Hamburg noch nicht ausreichend hatten.

SPIEGEL: Sie haben selbst für Ihre Kanzlerkandidatur die Schmerzgrenze bei einem Minus von zwei Prozent angesetzt, während SPD-Bundesgeschäftsführer Franz Müntefering Ihr Abschneiden nicht für »spielentscheidend« hält. Gilt Ihr Erfolgskriterium weiterhin?

Schröder: Eindeutig ja.

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