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ZWERGSTAATEN / MONACO Ein Ziel frommer Pilger

aus DER SPIEGEL 20/1957

Der Besuch des Fürstenpaares von Monaco in der Metropole Italiens brachte nicht nur Zehntausende von Römern schier aus dem Häuschen. Auch der Termin -Kalender Papst Pius XII. geriet in Unordnung.

Rainier III. traf mit der kühlen Blonden eine Viertelstunde zu spät im Apostolischen Palast ein, was bei dem strengen Zeremoniell, das am päpstlichen Hof herrscht, noch nie vorgekommen war. Dreimal erkundigte sich der Heilige Vater vergebens, wann denn die angesagte Audienz beginnen könne.

Fürst und Fürstin suchten ihre Unpünktlichkeit durch ostentative Demut wiedergutzumachen. Vor allem Fürstin Grace kniete lange vor dem Oberhirten der katholischen Kirche, als sie zu dem traditionellen Handkuß zugelassen wurde. In auffallendem Kontrast zu den frivolen Traditionen des Vergnügungszentrunms an der Riviera stand auch die strenge Frömmigkeit, die das schlichte Gewand der Fürstin auszustrahlen schien: Es erinnerte im Schnitt an ein Nonnengewand.

Ebenso zurückhaltend war das Auftreten des monegassischen Paares in der römischen Öffentlichkeit, obgleich die italienische Boulevard-Presse den Besuch als »zweite Hochzeitsreise« feierte. Rainier und Grace versteckten sich zumeist in den vier Wänden des Fürsten-Appartements im Grand-Hotel.

Grace empfing weder ihre Hollywood-Kolleginnen Loretta Young und Jennifer Jones, die im selben Hotel wohnten, noch die berüchtigte Klatsch-Journalistin Elsa Maxwell. Die Maxwell rächte sich für den Boykott: Sie erklärte in einer Pressekonferenz; sie allein habe Grace berühmt und Rainier populär gemacht. Auf dem einzigen großen Empfang, den das Fürstenpaar gab, leuchtete dafür um so strahlender das Purpurrot von 16 Kardinälen.

Die Flucht vor der internationalen Lebewelt, dem heimatlichen Milieu des Duodezfürsten und der Exschauspielerin aus Philadelphia, hat zu Spekulationen darüber geführt, daß der seit langem erbetene Besuch im Vatikan politische Hintergründe habe, die für die Zukunft des Zwergstaates an der Côte d'Azur »entscheidend« sein könnten.

Das Interesse des Vatikans an dem winzigen Fürstentum wurde erstmals sichtbar, als auf Empfehlung der Kurie der amerikanische Pater Tucker, der dem Orden der Oblaten des Heiligen Franz von Sales angehört, 1950 zum Beichtvater des Fürsten Rainier bestellt wurde. Pater Tucker, der vorher lange Jahre in Rom gewirkt hatte, bewährt sich seither in der Rolle eines Mazarin oder Richelieu von Monaco.

Seine erste politische Aufgabe löste der amerikanische Geistliche mit ebensoviel Geschick wie Glück: Er schuf die eheliche Verbindung des Fürsten Rainier mit Grace Kelly. Da die Familiengeschichte der Grimaldis eine schier endlose Kette von Scheidungsskandalen ist, sah Beichtvater Tukker vor allem darauf, eine Ehe zu stiften, die nicht nur die weitere Souveränität des Fürstentums verbürgt*, sondern auch die Garantie gewährt, daß die katholische Ehedoktrin beachtet bleibt. Tucker glaubte, die ideale Ehepartnerin für den schüchternen Junggesellen Rainier in der Hollywood-Schauspielerin gefunden zu haben, die aus einem streng katholischen Elternhaus irischer Einwanderer stammt.

Daß mit Grace Kelly ein neuer Geist christlicher Moral in das Vergnügungszentrum einzog, zeigte sich sehr bald. Beeindruckt durch eine Petition des belgischen Tierschutzvereins, wünschte Grace sich zur Hochzeit, daß das Taubenschießen verboten werde, ein Lieblingssport der Millionäre, die dabei Tausende von Tauben abknallen. Das Verbot scheiterte allerdings am Widerstand des griechischen Reeders Onassis, der Monaco heute finanziell beherrscht. Onassis: »Dann müßte man auch das Spielkasino verbieten, denn das Glücksspiel ist ebenso unmoralisch.«

Das Spielkasino, das heute die Haupteinnahmequelle des Zwergstaates ist, steht nun seit einiger Zeit im Mittelpunkt schwerwiegender Erwägungen. Die rund 20 000 Einwohner des Fürstentums, dessen Territorium mit 144 Hektar dreimal so groß wie der Vatikan-Staat ist, haben außer dem Kasino als Erwerbsquelle nur den Fremdenverkehr, der nach dem Sterben der großen Vermögen in Europa ständig von Krisen bedroht ist.

Angesichts dieser unsicheren Situation machte sich der katholische Pater Tucker als Richelieu Monacos ebenso ernste Gedanken über die Zukunft des Staates wie der griechisch-orthodoxe Reeder Onassis, der 1954 das Hauptquartier seiner weltumspannenden Reederei in Monte Carlo aufschlug und den Plan entwickelte, Monaco - genau so wie Panama und Liberia - zu einer starken Seemacht zu machen. Frankreich, das den Hafen von Monte Carlo verwaltet, setzte dem Projekt jedoch Widerstand entgegen. Paris hat kein Interesse daran, daß sich steuermüde französische Reeder ins Steuerparadies Monaco absetzen.

Das Bestreben der Ratgeber des Serenissimus-Hofes, zu denen sich, so diskret wie es seine Würde gebietet, auch der Bischof von Monaco gesellte, geht nun dahin, den weltlichen Charakter des Vergnügungsparadieses an der Riviera grundlegend zu ändern und es zu einem internationalen Zentrum katholischer Institutionen und Kongresse auszubauen, ähnlich wie Genf heute zur Zentrale zahlreicher protestantischer Weltorganisationen geworden ist.

Zwar verfügt Monaco nicht über derart bedeutende geweihte Anziehungspunkte wie das französische Lourdes oder das portugiesische Fatima, aber immerhin haben in der Geschichte des Fürstenstaates auch verschiedene Heilige gewirkt. Auf jeden Fall würde Monaco als religiöses Zentrum einen kontinuierlichen Pilgerstrom anziehen, und zudem würde unter dem Patronat des Vatikans seine Souveränität auch für die Zukunft gesichert sein.

Dem Plan, Monaco in einen Wallfahrtsort zu verwandeln, steht aber die Existenz des unmoralischen Spielkasinos entgegen, das in diesem Zusammenhang zum Gegenstand delikater Erörterungen zwischen der kleinen Residenz an der Riviera und dem Vatikan geworden ist. So ist von monegassischer Seite eine elegant stilisierte Denkschrift in Rom eingegangen, in der in geziemender Form zum Ausdruck gebracht wurde; daß der katholische Souverän Rainier III. ein, konstitutioneller Herrscher sei, der auf die wirtschaftliche Tätigkeit seiner Untertanen keinen Einfluß ausüben könne.

Noch weniger kann natürlich Fürst Rainier die wirtschaftliche Tätigkeit des Griechen Onassis kontrollieren, der sich inzwischen praktisch zum Herrn von Monaco aufgeschwungen hat. Aber die römische Wochenzeitung »Espresso« behauptet, daß Onassis vor einiger Zeit selber nach Rom gepilgert sei, um dem Vatikan einen geradezu sensationellen Vorschlag zu unterbreiten. Sollte dieser Plan zu verwirklichen sein, dann hätte der vielbeneidete griechische Reeder eine Flagge, die niemand in der westlichen Welt anzutasten wagen würde, des Fürsten Rainier III. Staatsfinanzen wären stabil, und die fromme Fürstin aus Hollywood und ihr Beichtvater Tucker könnten sich der Pilgerscharen freuen.

Die Spielhölle von Monte Carlo, so hat der griechisch-orthodoxe Reeder angeblich angedeutet, könne geschlossen werden, wenn er vom Vatikan als Gegengabe die Erlaubnis erhalte, seine Schiffe künftig unter päpstlicher Flagge fahren zu lassen. Die rechtliche Grundlage dafür erblickt Onassis in dem päpstlichen Dekret vom 28. August 1951. Es sieht die Errichtung eines vatikanischen Flottenregisters vor.

* Ein alter Vertrag mit Frankreich bestimmt, daß Monaco an die Französische Republik fällt, falls die Dynastie Grimaldi ausstirbt.

Fürst und Fürstin von Monaco in Rom*: Glücksspieler oder Pilger?

* links Kardinal Tedeschini.

Pater Tucker

Monacos Richelieu

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