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OSTTIMOR Eine Allianz des Satans

Trotz Uno-Präsenz terrorisieren paramilitärische Milizen die Bevölkerung weiter. Die abziehenden indonesischen Besatzungstruppen hinterlassen verbrannte Erde.
Von Jürgen Kremb
aus DER SPIEGEL 39/1999

Die Nacht gehört der Angst in Dili. Hinter den Stacheldrahtrollen, die australische Soldaten ausgerollt haben, ducken sich verschreckte Menschen in ausgebrannten Lagerhallen. Ihre Gesichter sind im schwachen Mondschein nur schemenhaft zu erkennen.

Gut 300 traumatisierte Familien haben sich hierher unter den Schutz der internationalen Truppen für Osttimor (Interfet) geflüchtet. Solange die Einheiten der indonesischen Streitkräfte nicht vollständig aus der östlichen Inselhälfte abgezogen sind, trauen sich nach Einbruch der Dunkelheit nur wenige Zivilisten heraus.

»Die Aitarak-Milizionäre werden nicht so schnell aufgeben«, flüstert Mario da Silva, 30, ein Mittelschullehrer im blauen, zerrissenen T-Shirt. »Sie wollen unser Land mit einem Guerrillakrieg überziehen.«

Auf einem kleinen Leiterwagen hat da Silva die letzten Habseligkeiten seiner Familie hierher gebracht. Viel ist ihm nicht geblieben: ein paar abgeschabte Reissäcke mit Küchenutensilien, ein angekokelter Plastikstuhl, Metallrohre und zerbrochene Pressspanplatten. Mario da Silvas Haus wurde, wie auch große Teile der Innenstadt von Dili, bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Er sagt: »Wir danken Gott, dass die Friedenstruppen jetzt wenigstens die Schlächterei beenden.«

Doch der Einfluss der Schutzmacht reicht nicht weit. Am Rande der osttimoresischen Hauptstadt lodern nachts immer wieder Flammen auf. Manchmal sind auch Salven von Schnellfeuergewehren zu hören. Der Friede hat sich noch lange nicht eingestellt.

Die gut 3000 Interfet-Soldaten, die als Vorhut einer von Australien geführten 8000 Mann starken internationalen Friedenstruppe letzte Woche in Dili eintrafen, haben einstweilen nur den Flughafen, den Hafen und Teile der Stadt Baucau unter Kontrolle. Außerdem haben sie an den strategisch wichtigen Punkten von Dili Barrikaden aus Sandsäcken errichtet.

Zwischen diesen wenigen Brückenköpfen ist niemand vor den indonesischen Mordbrennern sicher, die mit flächendeckendem Terror das Resultat des Unabhängigkeitsreferendums vom 30. August rückgängig machen wollten.

Der holländische Journalist Sander Thoenes, 30, von der »Financial Times« geriet am Dienstag im Vorort Becora in einen Hinterhalt. Er wurde erschossen. Seine grausam entstellte Leiche fand man einen Tag später. Ein Augenzeuge berichtete, die Mörder seien uniformiert gewesen.

Jon Swain, Korrespondent der Londoner »Sunday Times«, der französische Fotoreporter Chip Hires und ein Dolmetscher entgingen dem sicheren Tod nur, weil General Peter Cosgrove, der australische Kommandeur der internationalen Truppen, eine ganze Hundertschaft Soldaten und eine Rotte Kampfhubschrauber mobilisierte, um sie rauszuhauen. Sie waren ebenfalls in Becora von einer Milizen-Gang überfallen worden, im Kugelhagel in einen Wald geflüchtet und hatten sich dort versteckt. Nachts riefen sie dann über ihr Satellitentelefon die Redaktion in London an. Von dort ging ein Notruf ans Hauptquartier der Australier in Dili.

Der Hass auf die Ausländer, vor allem auf die ausländischen Journalisten, ist beinahe grenzenlos. »Wir haben die Besetzung unserer Heimat durch fremde Truppen den ausländischen Medien und ihrer überzogenen Berichterstattung zu verdanken«, schimpft einer der noch in Dili verbliebenen indonesischen Offiziere. »Dafür müssen sie büßen.«

Erst im Licht der ersten Sonnenstrahlen schleichen sich Gruppen geflohener Einwohner in die Hauptstadt zurück, um nach Habseligkeiten zu suchen. Meist ohne Erfolg. Denn die Vandalen haben fast alles zerstört. »Wir hatten natürlich erwartet, dass es nach dem Referendum zu Racheakten des Militärs kommen würde«, sagte Fernando Soares, 45, der früher bei der indonesischen Verwaltung beschäftigt war, »dass sie sich allerdings wie die Wahnsinnigen aufführen würden, das haben wir nicht gedacht.«

Mit perfider Systematik haben die Milizen die ärmliche Stadt, in der früher einmal 120 000 Menschen lebten, innerhalb weniger Tage in einen rauchenden Trümmerhaufen verwandelt. »Merdeka di hutan«, Freiheit in den Wäldern, haben sie mit fetter grüner Ölfarbe auf die verkohlte Wand des Buchladens Gramedia geschmiert. Das soll heißen: Wenn ihr es wagt, eure Freiheit einzufordern, jagen wir euch in den Dschungel zurück.

Dili ist ein Mahnmal der gescheiterten Besatzungspolitik Jakartas. In den Basarläden neben dem Hauptquartier des Militärs sind die Fenster eingeschlagen. Die Plünderer haben sogar die Kekse und Bonbons aus den Blechkisten geklaut, die verstreut auf dem Lehmfußboden liegen. Selbst unter den Augen der Friedenstruppen gehen die Raubzüge weiter.

Vor der Kartika Poliklinik hält ein Armeelastwagen. Zwei Soldaten springen ab und laufen ins Gebäude. Einer von ihnen kommt einige Minuten später mit ein paar verschmierten Bettlaken und einem Kopfkissen zurück. Als er sieht, dass er beobachtet wird, greift er mechanisch zu seinem Sturmgewehr. Aber er schießt nicht, er trollt sich mit gesenktem Kopf. Indonesiens einst stolze Armee ist zu einem Haufen von Strauchdieben verkommen.

Nur eine Straßenecke von der Klinik entfernt wohnt Rosa Garcia, Redakteurin der Zeitung »Suara Timor Timur«. Der sicheren Ermordung hat sie sich in den Tagen des Sturms auf Dili durch die Flucht nach Jakarta entzogen. Da ihr älterer Bruder einst bei der Armee diente, wurde ihr Elternhaus von den Brandstiftern verschont. Doch Milizen haben ihren Fernseher gestohlen, und in Rosas Auto kutschiert jetzt die Ehefrau von Aitarak-Chef Eurico Guteres durch die Stadt Kupang in Westtimor. Von dort will der Anführer der proindonesischen Todesschwadron den Terrorkrieg gegen Osttimor weiterführen.

Als einziges Familienmitglied hat Cousin Ano Garcia, 16, in Dili ausgehalten. »Viele meiner Freunde sind in den letzten Wochen verschwunden«, sagt Ano. »Die Mörder zogen von Haus zu Haus und verschleppten junge Männer, die sich für die Unabhängigkeit eingesetzt hatten.« Nach ein paar Tagen seien ihre entstellten Leichen dann in der Stadt aufgetaucht - einige davon in Plastiksäcke verpackt und mit der Aufschrift: »Frischfleisch für die Anhänger der Unabhängigkeit.«

Der Politiker Leandro Isaac, 44, hat sich in das Dörfchen Dare, das südlich von Dili in den Bergen liegt, geflüchtet. »Da unten hat eine Allianz des Satans gewütet«, sagt das Mitglied des »Nationalen Rats des timoresischen Widerstands«, der die Regierung in Osttimor übernehmen soll. Mehrere tausend Menschen seien in den letzten Wochen von Milizen und ihren Helfern vom indonesischen Militär auf oft bestialische Weise umgebracht worden. Die Zahl der Flüchtlinge übersteigt nach Isaacs Meinung 300 000. Das ist knapp ein Drittel der Gesamtbevölkerung. »Wer diese Verbrechen zugelassen hat, muss sich vor einem Tribunal verantworten. Ebenso wie die Kriegsverbrecher aus Bosnien.«

Solange die Friedenstruppe nicht die ganze Insel kontrolliert, will Isaac sein Versteck nicht verlassen. Er fürchtet, dass Terrorkommandos weiter Jagd auf Politiker der zukünftigen Regierung machen. Seit Hilfsorganisationen erste Nahrungsmittel über dem Bergkamm abgeworfen haben, ist zudem die Gefahr einer Hungersnot vorläufig in Dare gebannt.

Im Hafen von Dili tritt Ende der Woche der Abzug der indonesischen Besatzungsmacht in die Schlussphase. In den Kasernen werden die letzten geheimen Unterlagen verbrannt, die Aufklärung über die Menschenrechtsverletzungen der Jahre unter Jakartas Herrschaft geben könnten.

Über der Stadt stehen Rauchsäulen. Die abziehenden Truppen sind offenbar entschlossen, überall nur verbrannte Erde zu hinterlassen. »Wir werden diesen Idioten nichts hinterlassen, was sie gebrauchen können«, beschreibt Generalmajor S. Ahmad, Kommandeur einer der Einheiten, die als letzte die Insel verlassen sollen, die Haltung der Armee. In den nächsten Tagen werde hier »die Hölle losbrechen«.

Olivgrüne Laster der Indonesier rollen unter den wachsamen Augen der Friedenstruppen auf die Mole. Auf den Decks der Schiffe, die sie nach Java und Westtimor bringen sollen, stehen junge Soldaten und starren auf die zerstörte Stadt. Einige tragen Stirnbänder in den indonesischen Farben. Ihre Gesichter lassen den Zorn darüber erkennen, dass sie den verhassten Australiern weichen müssen.

Der Gefreite Surosos, der einer Eliteeinheit der Marine angehört, kann nur schwer seine ohnmächtige Wut über die Schmach verbergen: »Ich fühle mich, als würde mir das Herz aus dem Leib gerissen. Unser Land ist von der Uno betrogen worden. Das schreit nach Rache.« JÜRGEN KREMB

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