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Polizei Eine Art Freiwild

Brandenburger Ermittler sollen vietnamesische Zigarettenhändler regelrecht gefoltert haben.
aus DER SPIEGEL 27/1994

Die Aussagen klingen wie Schreckensberichte aus der Polizeipraxis einer fernen Diktatur.

»Sie schlugen mir mit den Fäusten auf den Kopf, ins Gesicht, auf die Schläfen, traten mit ihren Stiefeln gegen meine Schienbeine«, erinnert sich der Vietnamese Truong. »Ich bekam keine Luft mehr, denn sie hatten mich so fest in die Erde gedrückt, daß mein Mund und meine Nase schon voller Erde waren«, behauptet sein Landsmann Thi.

Die Vorwürfe richten sich gegen Polizisten des brandenburgischen Städtchens Bernau bei Berlin. Auf dem dortigen Revier sollen seit 1993 rund 20 Vietnamesen, die beim illegalen Zigarettenhandel erwischt wurden, regelrecht gefoltert worden sein.

Ihre Aussagen stellen alles in den Schatten, was an polizeilichen Mißgriffen in Ostdeutschland bekanntgeworden ist - auch Rostock, wo sich 1992 Polizisten zurückzogen, als Krawallmacher ein Asylbewerberheim anzündeten; auch den Frevel von Magdeburg, wo Beamte bei Gewalttätigkeiten von Rechten gegenüber Ausländern Partei für die deutschen Schläger ergriffen.

Immer wieder, so die Bernauer Vietnamesen, hätten sie sich nach Festnahmen im Polizeirevier ausziehen müssen, seien geschlagen und getreten worden.

Die Zigarettenhändler - zumeist ehemalige DDR-Vertragsarbeiter oder Asylbewerber - wagten lange nicht, sich zu offenbaren. Sie fürchteten, wegen des Verkaufs ihrer unverzollten Schmuggelware ausgewiesen zu werden.

»Für Polizisten sind die eine Art Freiwild«, behauptet Tamara Hentschel, Vorsitzende des deutsch-vietnamesischen Freundschaftsvereins »Reistrommel« in Berlin: »Die Vietnamesen haben mehr Angst vor der Polizei als vor Rechtsradikalen.« Besonders im Westteil häuften sich derartige Übergriffe.

Mitglieder des Vereins bewegten die Zigarettenverkäufer von Bernau dazu, ihre Erlebnisse als Gedächtnisprotokolle aufzuschreiben (siehe Kasten). Inzwischen haben mehrere Vietnamesen Anzeigen wegen Körperverletzung im Amt erstattet und auch vor deutschen Behörden ausgesagt. Nach den ersten Vernehmungen fürchtet die für Bernau zuständige Eberswalder Polizeipräsidentin Uta Leichsenring, daß die Vorwürfe zutreffen: »Sie sind jedenfalls nicht aus der Luft gegriffen.«

Die Behördenleiterin, die nach der Wende bei der Auflösung der Staatssicherheit mitwirkte und in ihrem jetzigen Amt den »menschlichen Umgang« zwischen Polizei und Bürgern fördern will, ist von den Vorgängen in Bernau »entsetzt. Ich lehne Gewalt prinzipiell ab«.

An den Vorwürfen sei »etwas dran«, vermutet auch Staatsanwältin Kerstin Langen von der zuständigen Ermittlungsbehörde in Frankfurt an der Oder. Die Aussagen der Vietnamesen stimmten in wesentlichen Details überein. Ins Zwielicht geraten sind zehn Beamte einer Schicht. Während ihrer Dienstzeit sollen die Vietnamesen mißhandelt worden sein. Als schlimmsten Peiniger haben viele Opfer »den Polizisten mit dem Oberlippenbart« bezeichnet, »circa 35 Jahre alt«, »groß und kräftig«, mit »kurzen, blonden Haaren«, »sehr brutal«.

Gegen diesen Beamten ermittelt die Staatsanwaltschaft nun; er wurde suspendiert. Seine Kollegen, die mitgeprügelt haben sollen, sind bislang nur Zeugen und schieben weiter Dienst.

Wenn es zum Prozeß kommt, stehen vermutlich die Aussagen der Vietnamesen gegen die der Polizisten: Der Hauptverdächtige bestreitet bislang alles, seine Kollegen behaupten, sie hätten nichts gehört und nichts gesehen. Y

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