Zur Ausgabe
Artikel 4 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Eine Art Paranoia«

aus DER SPIEGEL 21/1996

So wie Goldhagen heute wieder den Deutschen einen seit Jahrhunderten in ihrem »Nationalcharakter« tief verwurzelten »dämonischen«, auf physische Eliminierung programmierten Antisemitismus zuschreiben will, rätselten schon vor 50 Jahren Scharen amerikanischer Psychologen über das teutonische Wesen, um es zu kurieren.

Beraten wurden sie von prominenten Anthropologen und Sozialwissenschaftlern wie Margaret Mead, Kurt Lewin und Erich Fromm, die auf einer Konferenz im Sommer 1944 Therapieratschläge gegeben hatten. Für die Runde stand fest, daß der Charakter jedes einzelnen Deutschen durch eine »schwere geistige Krankheit« deformiert sei. Sie konstatierten eine Art Paranoia, ein kollektives neurotisches Abweichen von normalen Verhaltensmustern.

Der Neurologe Richard M. Brickner urteilte, »daß jedes in die deutsche Gesellschaft hineingeborene Individuum in einer Kultur aufgezogen worden ist, in der verschiedene Haltungen, die andernorts bei paranoiden Menschen zu finden sind, institutionalisiert wurden«.

Der US-Anwalt Louis Nizer war überzeugt, daß den Deutschen eine Philosophie eigen sei, die »aus Krieg eine Religion und aus Massenmord einen Kult« gemacht habe. Irrationalismus, Romantizismus und Perfektionsstreben müßten den Deutschen ausgetrieben werden wie einem Patienten mit einer »gefährlichen Veranlagung« (Brickner).

Noch drastischer forderte Archibald MacLeish, Unterstaatssekretär im US-Außenministerium, eine »Veränderung in deutschem Denken, deutschem Glauben, deutscher Psychologie und in deutschem Charakter, wie wir ihn uns wünschen«. MacLeish betrachtete die militärisch und moralisch besiegten Deutschen als »einzelne Kriminelle in einer modernen Strafanstalt«.

Die Vorstellung, die Hitler-Diktatur sei keine Verirrung der deutschen Geschichte, sondern deren logische und zwangsläufige Konsequenz gewesen, gebar manch skurrilen Vorschlag zur Heilung der Delinquenten. So empfahl etwa der Schriftsteller Emil Ludwig, der als Deutschland-Experte auch im amerikanischen Kongreß gehört wurde, allen Ernstes, das »Nibelungen«-Opus von Hitlers Lieblingskomponisten Richard Wagner für 50 Jahre zu verbieten.

Um den Deutschen einen »friedfertigen Lebenswandel« und die »Regeln der Bescheidenheit und Menschenliebe« beizubringen, so die US-Direktive ICS 1067, Handlungsanweisung für die amerikanische Besatzungspolitik, sollten sie zunächst einmal entnazifiziert werden. _(* In Heidenheim. )

Im Zuge dieser Säuberung geriet vorübergehend ein ganzes Volk auf die Anklagebank.

Naiver Glaube an die Verbesserungsfähigkeit des Menschen leitete die Amerikaner. 13 Millionen Deutsche mußten in der US-Zone den berühmt-berüchtigten Fragebogen mit 131 Rubriken ausfüllen - bürokratische Maschen, in denen sich oft kleine Regime-Mitläufer verfingen, während wahre NS-Täter oft ungeschoren davonkamen.

Als deutsche Spruchkammern - in der US-Zone insgesamt 545 mit 22 000 Laienrichtern und Schöffen - die Aufgabe übernahmen, entlastete sich durch Tausende von »Persilscheinen« ein ganzes Volk selbst und führte die schematische Entnazifizierung ad absurdum.

Der aus norwegischem Exil heimgekehrte Sozialist Willy Brandt empfand die Prozedur als »bürokratisierten Hexenprozeß«, der zeige, »wie zerstörerisch die These von der Kollektivschuld« gewesen sei.

Für den Philosophen Karl Jaspers hatte sich das deutsche Volk zwar politisch schuldig gemacht. Daraus folge, so Jaspers, eine kollektive Haftung, nicht aber eine pauschale Kollektivschuld.

In der Praxis sah es so aus, daß zahlreiche ehemalige NSDAP-Mitglieder fünf Jahre lang vom Öffentlichen Dienst ausgeschlossen blieben - bis das 131er-Gesetz sie weißwusch.

* In Heidenheim.

Zur Ausgabe
Artikel 4 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.