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KUBA / KOMMUNISMUS Eine Art Pest

aus DER SPIEGEL 13/1965

Mit Säuberungen in der Kommunistischen Partei Kubas wehrt sich der kommunistische Diktator Fidel Castro gegen seine Entmachtung durch Kubas kommunistische Schutzmacht Rußland.

Im vergangenen Monat stieß Castro den letzten einflußreichen Altkommunisten aus dem Amt: Rafael Rodriguez, Chef des Instituts für Bodenreform (INRA), mußte die Leitung der kollektivierten Landwirtschaft Kubas abgeben. Neuer INRA-Chef: Fidel Castro.

Der rote Revolutionsbart schaltete damit den letzten wichtigen Wirtschaftsfunktionär aus, der Befehle direkt aus Moskau empfangen und Castros totalen Machtanspruch bedroht hatte.

Der Name Rodriguez stand zudem auf einer Liste kommunistischer Funktionäre, die Castro aus einem weiteren Grund ebenso leidenschaftlich bekämpft wie die Yankees: Die Kommunisten hatten mit dem von Castro gestürzten Diktator Batista kollaboriert.

Fidels Fehde mit den Altgenossen der kubanischen KP begann bereits während der Kampftage Castros in der Sierra Maestra.

Als Castro aus dem Busch nächtliche Kommando-Überfälle auf Regierungsstellungen unternahm, verspottete ihn der kubanische KP-Chef Francisco Calderio alias Blas Roca ("Der Fels") als »kleinbürgerlichen Putschisten«, »Abenteurer« und »Amateur-Revolutionär«.

Erst kurz vor dem Sieg des Amateur -Revolutionärs im olivgrünen Kampfanzug schlugen sich die Kommunisten auf Castros Seite. Doch der Sieger wies die Anbiederungsversuche der Genossen zunächst zurück.

»Dies ist eine olivgrüne und keine rote Revolution«, rief Castro. »Kommunist zu sein bedeutet für mich, eine Art Pest zu haben. Wir sind dem Kapitalismus und dem Kommunismus um ein Stück voraus.«

Castro mußte sich jedoch mit den Kommunisten verbünden, als Amerika im Februar 1962 die totale Wirtschaftsblockade über die Zuckerinsel verhängte: Kuba war jetzt ganz auf Ostblockhilfe angewiesen - Castro bekannte sich erstmals öffentlich zum Kommunismus.

Seine Gegner spotteten: »Die Revolution ist wie eine Wassermelone - außen grün und innen rot.«

Unter der Schirmherrschaft des Kreml-Herrschers Nikita Chruschtschow drängten Kubas Altkommunisten in die Schlüsselstellungen des roten Inselstaates. Castro ließ ihnen zunächst freie Hand, weil die Kommunisten seiner schlecht organisierten Revolutionsbewegung ein straffes Kreuz politischer Kader-Disziplin gaben.

Ein in Zellen gegliedertes Spitzel -System entstand, das die sieben Millionen Kubaner Tag und Nacht überwacht. Auf Farmen und in Fabriken spionierten Polit-Kommissare und Kontroll-Funktionäre der Staatsgewerkschaft nach »konterrevolutionären Elementen«.

Betriebsinterne »Arbeits-Gerichte« wurden gebildet, die disziplinlose Arbeiter als Saboteure anprangerten. Kommunistische Kader militarisierten Kubas Bevölkerung in Armee und Volksmiliz und hielten die Kubaner durch politische Schulungskurse und Massenveranstaltungen auch nach Feierabend in Atem.

Anfang 1962 fühlten sich die-Kommunisten stark genug, Castro politisch auszuschalten. Anlaß war die Gründung eines politischen Führungskollektivs, des Nationalen Direktoriums der Integrierten Revolutionären Organisationen (ORI), eines Zusammenschlusses von Castros »Bewegung des 26. Juli«, einem linksradikalen Studentenbund und der kubanischen KP, aus dem Kubas künftige sozialistische Staatspartei hervorgehen sollte.

Die Altkommunisten glaubten, jeden Einfluß Castros auf die ORI unterbinden zu können. Altkommunist Anibal Escalante, Leiter des wichtigen ORI -Organisationskomitees, sollte Castro entmachten. Da schlug Castro zu. Er erklärte Escalante für abgesetzt und schickte ihn ins Moskauer Exil.

Vor den Kameras des kubanischen Staatsfernsehens polterte Castro: »Was glauben die Kommunisten eigentlich, wie sie einen kubanischen Revolutionär zu behandeln haben? Ich will es ihnen sagen: mit sehr viel Respekt und sehr viel Achtung.«

Der Diktator stand auf einem Rednerpult der versammelten kommunistischen Elite gegenüber. Neben ihm, die Hand am Pistolengriff, lauerte sein Bruder und Armeeminister, Raúl Castro.

Heiser fuhr Castro fort: »Für den Fall, daß mir nun etwas zustoßen sollte, und damit gar kein Zweifel darüber entstehen kann, wer mein Nachfolger ist, ernenne ich mit sofortiger Wirkung meinen Bruder Raúl zum Vizepremier.«

Die Kommunisten waren von Castros TV-Coup völlig überrascht und steckten zurück. KP-Chef Blas Roca applaudierte der Absetzung seines Parteifreundes Escalante.

Doch Castro ließ sich nicht täuschen. Er drängte nun Kommunisten und Sowjets aus* ihren Machtstellungen in Kubas Wirtschaft und Verwaltung hinaus. Erstes Opfer war der Kreml-Kommissar auf Kuba: Sergej Kudrjawzew. Sowjet-Botschafter in Havana. Er wurde Mitte 1962 auf Druck Castros nach Moskau zurückberufen.

Kudrjawzew, so rief Castro dem sowjetischen Botschafter nach, habe sich »in unehrerbietiger Weise in die kubanische Wirtschaft eingeschaltet und Anweisungen erteilt, die ihm nicht zustanden«.

Von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat steigerte Fidel Castro seine Säuberungsaktion gegen Kommunisten, die seine Revolution zwar außen rot lassen, innen aber wieder grün machen sollte.

Mitte letzten Jahres entließ er Wirtschaftsminister Regino Boti und Außenhandelsminister Alberto Mora, beide altgediente Kuba-Kommunisten.

Dann war INRA-Chef Rafael Rodriguez an der Reihe. Der Diktator stellte dem Agrar-Chef einen Castro-treuen Minister für die Zuckerindustrie zur Seite und entzog damit Rodriguez den Befehl über den- wichtigsten Sektor der kubanischen Wirtschaft.

Auch damit gab Castro sich nicht zufrieden. Ende November vergangenen Jahres schlug er erneut los.

Nach Gerüchten von einem Mordkomplott gegen den »höchsten Führer«, wie Castro sich gern nennt, wurde Altkommunist Joaquín Ordoquí abgesetzt, der als stellvertretender Armeeminister der mächtigste-KP-Genosse im kubanischen Militär-Apparat gewesen war.

Nach dem Februar-Fall von Rodriguez bangt nun ein Mann um seine Position, der ebenfalls seit über zwei Jahrzehnten der kubanischen KP angehört, jedoch bisher als einer der loyalsten Freunde Castros galt: Kubas Staatspräsident Osvaldo Dorticós.

Dorticós unterhielt - im Gegensatz zu Castro - ein enges Vertrauensverhältnis zu Chruschtschow. Als der Ukrainer im Oktober 1964 gestürzt wurde, befand Dorticós sich in Moskau. Seitdem schweigt Castros Presse den kubanischen Staatschef tot.

Kuba-Kommunist Rodriguez

Erst außen grün und innen rot ...

Kuba-Premier Castro

... dann außen rot und innen grün

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