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REGISSEURE »Eine Art Verrat«

Der Berliner Film- und Fernsehregisseur Frank Beyer, 68 ("Spur der Steine«, »Nikolaikirche"), über seine Autobiografie »Wenn der Wind sich dreht« (Econ Verlag, München), die er diese Woche auf der Leipziger Buchmesse vorstellt
aus DER SPIEGEL 12/2001

SPIEGEL: Herr Beyer, Sie schreiben über die DDR der späten fünfziger Jahre, diese sei zwar ärmer als die Bundesrepublik gewesen, hätte aber die bessere Gesellschaftsordnung gehabt. Glauben Sie das wirklich?

Beyer: Das war mein überheblicher Standpunkt von damals. Ich sah die Arbeitslosigkeit im Westen und die großen sozialen Gegensätze.

SPIEGEL: Und deshalb wollten Sie lieber weiter in der DDR arbeiten?

Beyer: Ja, die westlichen Heimatschnulzen und die Werke, in denen die Nazi-Zeit geschönt wurden, fand ich eher abstoßend. Und erstklassige Filme, etwa von Bernhard Wicki, waren die Ausnahme. Die Jungfilmer hatten gerade erst angefangen. Deshalb war die Bundesrepublik damals als Filmland keine Alternative für mich.

SPIEGEL: Obwohl Sie im Osten de facto Berufsverbot hatten, nachdem Ihr Film »Spur der Steine« mit Manfred Krug 1966 verboten worden war.

Beyer: Ich war damals Mitglied der SED, seit meinem 18. Lebensjahr, und habe mich der Parteidisziplin gefügt, als ich das Defa-Studio verlassen musste.

SPIEGEL: Später gehörten Sie zu den wenigen DDR-Regisseuren, die auch im Westen arbeiten durften. Das wird nicht allen Parteibonzen gefallen haben.

Beyer: Nein, vielen galt das als eine Art Verrat. Außerdem hatte ich wieder einen verbotenen Film: »Geschlossene Gesellschaft«, die Anschlussprojekte waren mir gestrichen worden, und ich flog aus der SED raus. Aber ich erhielt dann tatsächlich ein Jahr lang Arbeitsurlaub. Ich hatte aber nicht vor, die DDR für immer zu verlassen.

SPIEGEL: Sie haben die Film-Bürokratie in der DDR kennen gelernt und die entsprechenden Apparate von ARD und ZDF. Halten Sie die beiden Systeme für vergleichbar?

Beyer: Nein, obwohl ich manchmal denke, dass Censorship und Sponsorship sich nicht sehr unterscheiden. Aber im Westen ist es nicht üblich, dass lange diskutiert wird, ob man dieses oder jenes Buch verfilmt. Man bekommt einfach kein Geld. Aber ich will mich nicht beklagen.

SPIEGEL: Woran arbeiten Sie im Moment?

Beyer: Mit Wolfgang Kohlhaase bereite ich die Komödie »Whisky und Wodka« vor. Es geht um einen alkoholabhängigen Schauspieler. Ich bin sehr gespannt, ob wir einen Produzenten und Geld dafür finden.

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