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»Eine dumpfe Verstimmung«

Von Erich Wiedemann
aus DER SPIEGEL 31/1991

Der Satiriker Viktor Giacobbo hatte einen Traum. Er träumte, daß er zufällig einen Blick auf die bis dahin übersehenen Ausführungsbestimmungen des Bundesbriefes vom 1. August des Jahres 1291 warf, der den »ewigen Bund« von Rütli regelt. Und was er las, war schrecklich.

Da stand im Kleingedruckten, daß der Vertrag erstmals nach 700 Jahren, also bereits vor Ablauf der Ewigkeit, vorzeitig kündbar sei, wenn der österreichische Vertragspartner Eigenbedarf nachweise. Die Schweiz sei dann zu räumen und besenrein an die Habsburger oder deren Nachfolger zu übergeben. Die evakuierte Bevölkerung habe sich bis auf weiteres im liechtensteinischen Bereitstellungsraum zur Verfügung zu halten.

Eidgenössische Wirklichkeit und Satire bewegen sich mit einer für Schweizer Begriffe kolossalen Geschwindigkeit aufeinander zu. Der sozialdemokratische Parlamentsabgeordnete und Bürgerschreck Jean Ziegler hat den GAU schon terminiert. Im Jahr 2010, so sagt er, werde es die »Schweiz AG« nicht mehr geben.

Nationale Selbstzweifel und Staatsverdrossenheit sind aber keine Produkte von Teestuben-Konventikeln und linken Soziologieseminaren. Sie haben sich durch Gesellschaftsschichten genagt, die diesen Staat wesentlich so mitgeformt haben, wie er heute ist.

Ernst Mühlemann, Direktor der Schweizerischen Bankgesellschaft und Gewohnheitspatriot, hat, selbstverständlich ohne satirische Absicht, zur Überlebensbefähigung der Nation erklärt, die Abschaffung der Schweiz liege im Bereich des Möglichen.

Alarm! 700 Jahre nach Rütli ein schwerer Störfall.

Das Volk, das mehrheitlich davon überzeugt ist, im »besten Land der Welt« (so der Zürcher Blick) zu leben, und das sich erst vor zwei Jahren in einer Umfrage der Universität Genf fast einstimmig für absolut glücklich erklärte, ein solches Volk schwelgt in der Lust am Untergang. Will es am Ende gar kein Volk mehr sein?

Nein, man muß nicht fürchten, daß sich Friedrich Dürrenmatts Prophezeiung erfüllt, die Schweiz werde sich auflösen wie ein Stück Zucker in einem Glas Wasser. Notorisch spätentwicklerisch, wie sie ist, erlebt sie, was andere Kulturvölker von Rang schon einige Generationen hinter sich haben: ihre nationale Identitätskrise. Die von sich selbst so genannte Willensnation weiß im Moment nicht, was sie will.

Widerstand gegen die grassierende Bereitschaft zur nationalen Selbstaufgabe formiert sich ausgerechnet dort, wo sonst gewöhnlich wenig Staatserhaltendes vermutet wird. Der linke Publizist Niklaus Meienberg schleuderte Anfang Januar in der bürgerlichen Weltwoche ein dröhnendes Manifest gegen die »Bundesabschaffer«.

Mit der Vorstellung, daß die hinter dem sogenannten Röschti-Graben gelegenen Kantone im Falle einer Totalliquidation ans benachbarte Ausland fallen könnten, also die Welschschweiz an Frankreich, das Tessin und ein paar Graubündner Täler an Italien, mit diesem Gedanken wollte sich Meienberg gern abfinden. Auch mit einem Geneve libre, einem freien Jura und einem unabhängigen Bistum Basel könnte er unter Umständen leben.

Doch die Vision von Kanzler Kohl als Wahlredner in Zürich findet Meienberg ganz unerträglich. Darüber, so schreibt er, müßte man zum Attentäter werden. Obwohl die Deutschen, wie er zugibt, »unterdessen doch Demokratie haben«. Nicht im schweizerischen, aber doch im weitesten Sinne.

Was Peter Hartmeier, dem Chefredakteur des Europa-fixierten Elitemagazins Politik und Wirtschaft auffiel: Die französischsprachigen Agglomerationen im Westen sind von der Sinnkrise kaum berührt. Auch im Wallis und im Tessin ist nicht viel davon zu spüren.

Hartmeier vermutet deshalb, daß die Sinnkrise aus Deutschland importiert ist. Der deutsche Betroffenheitskult, der im Sturm der Wiedervereinigungseuphorie zerstob, so meint er, suche sich nun seinen Weg durch die unschuldige Schweiz.

Die zwei Drittel alemannischen Eidgenossen hören es nicht gern. Aber wahr ist: Die Deutschschweizer sind deutscher als die Welschen französisch und als die Tessiner italienisch. Die Schwyzerdütschen haben über die Jahrhunderte mit dem Großen Kanton im Norden, wie sie ihn nennen, so viele kulturelle Impulse ausgetauscht, daß die Grenzen zwischen den Kulturen nur schwer zu orten sind.

Davon haben Dichter und Denker beiderseits der Grenze üppig profitiert. Ein Großteil der in Großdeutschland verfemten literarischen Avantgarde fand während des Krieges in der Schweiz Asyl. Die zwei eidgenössischen Dichterfürsten Frisch und Dürrenmatt haben tiefe Spuren in der deutschen Literaturlandschaft hinterlassen. In der französischen Literatur dagegen kaum eine Spur esprit de Suisse.

Das hindert die Schweizer nicht, die Schwaben, wie sie hier pauschal heißen, nicht zu mögen. Sie mögen fast nichts, was deutsch ist - die Deutschmark vielleicht ausgenommen. Weit über die Hälfte der Bevölkerung, doppelt so viele wie in Margaret Thatchers Großbritannien, waren anfangs auch gegen die deutsche Wiedervereinigung.

Bundesrat Rene Felber, der Chef des Außenministeriums, fand die deutsche Einheit nur gut, weil man nun endlich nicht mehr zwei teure Botschaften in Deutschland unterhalten müsse. Und nichts fanden die Schweizer so erfreulich wie die Erkenntnis, daß mit der Wiedervereinigung fast alles schiefgeht, was schiefgehen kann.

»Sie haben Minderwertigkeitskomplexe gegenüber dem Deutschen«, sagt Peter Hartmeier über seine Landsleute. »Schon weil sie mangels einer eigenen Schriftsprache ewig gezwungen sein werden, sich in seiner Sprache auszudrücken, und weil sie wissen, daß sie sie niemals richtig beherrschen werden.« Daran hat sich nichts geändert, seit die Reformatoren Martin Luther und Huldrych Zwingli ergebnislos über die Auslegung der Abendmahlsvorschriften disputierten.

Die Schweizer fühlen sich von den Deutschen nicht ernstgenommen. Und das fühlen sie wohl auch richtig. Pflümli, Blümli, Vetterli, Verhüterli - das klingt in deutschen Ohren faszinierend infantil. Es suggeriert: In der Schweiz ist alles so niedlich und alles so klein - so undeutsch klein. Und das soll es wohl auch. Die Schweizer kokettieren mit dem geliebten Diminutiv, weil es gut ist für den Fremdenverkehr. Small is beautiful.

Max Frisch rief den Deutschen aus irgendeinem gegebenen Anlaß vor Jahren verärgert zu, den Vorteil der großen Zahl hätten sie mit Schafen und Läusen gemeinsam. Trotzdem vermochte sich auch Frisch dem deutschen Sog nicht zu entziehen. Er fand, daß in der Bundesrepublik »eine wirkliche Persönlichkeit . . . bei gleicher Anlage . . . eine reichere Entfaltung« erwarten kann. Und ein deutschsprachiger Schweizer Schriftsteller natürlich höhere Auflagen.

Die öffentlichen Zweifel an der fortgesetzten Existenzbefähigung der Eidgenossenschaft haben gezeigt, daß die Diktatur des Patriotismus gebrochen ist. Im Lande der unbegrenzten Unantastbarkeiten ist mit einem Mal alles so antastbar.

Jean Ziegler kann die Schweiz als »internationalen Finanzdschungel« und die Schweizer als »Raubtiere« beschimpfen und muß nicht fürchten, daß ihm die Autoreifen zerstochen werden. Sein Nestbeschmutzwerk »Die Schweiz wäscht weißer« macht in der Schweiz sogar respektable Auflagen.

Das war vor ein paar Jahren noch ganz anders, als der damalige Bundespräsident Rudolf Gnägi in einer Rede zum Nationalfeiertag unter dem Beifall seiner Zuhörer sprach: »Möge es uns vergönnt sein, alles Defätistische, Unschweizerische und Fremde, das unserem Wesen nicht angepaßt ist, auszumerzen.«

Die Schweiz und das sogenannte Schweizer Wesen haben sich auseinandergelebt.

Doch es gibt ein paar Nischen im Schweizerhaus, in denen hat sich der tüütschwyzer Philistermief ganz gut gehalten. Etwa im Kanton Appenzell Innerrhoden. Im August vergangenen Jahres äußerten sich zur Frage des Frauenstimmrechts in Appenzell *___Landwirt Albert Neff: »Wenn das Frauenstimmrecht nötig ____wäre, würde das ja heißen, daß wir Mannen nicht mehr ____mit der Wahrheit umgehen können«; *___Landwirt Bruno Ebneter: »Nur faule Weiber, die den ____ganzen Tag nur im Cafe rumsitzen und Ravioli aus der ____Büchse kochen, sind für das Frauenstimmrecht«; *___Automechaniker Jose Sutter: »Irgendwelche Negerstämme ____in Afrika und wir sind die letzten, wo Männer noch das ____Sagen haben.«

Nun sind es nur noch die Negerstämme. Im November letzten Jahres wurden die Innerrhoder durch höchstrichterlichen Beschluß gezwungen, die Frauen an der Landsgemeinde jeweils am letzten Sonntag im April zu beteiligen. Auch die Drohung der Männer, man werde traditions- und vorschriftswidrig ohne Säbel zur Landsgemeinde erscheinen, vermochte die Verfassungsrichter nicht umzustimmen.

Jedoch, so hieß es im Appenzeller Land: »Dene Wiibervölker het daas gaär nüt passt.« Milly Bischofsberg von der Säntis-Drogerie zum SPIEGEL: »Wir sind ein Dorf und wollen nicht Stadt werden. Die Politik macht unsere heile Welt nur kaputt.«

Am Züriberg, wo die Zürcher Gnomen und der alte Zeitgeist wohnen, sieht man hinter der Kritik hauptsächlich die altböse Züri-brännt-Mischpoke mit den fettigen Haaren von anno ''80, die es nicht verwinden kann, daß dieser Staat nicht Gurkensalat aus sich hat machen lassen.

Ja, gewiß, sie sehen wohl auch, daß die Affären, die ihr niedliches Reduit in den letzten drei Jahren überrollt haben, nach allgemein gültigen Zivilisationsmaßstäben als skandalös zu gelten haben. Vor allem für ein Gemeinwesen, das sich als Musterdemokratie begreift.

Geldwäscherei, Bespitzelung, Filz und Älpli-Stasi, das soll ja alles auch nicht sein. Aber nicht weil es der Demokratie schadet, sondern weil es dem Außenhandel und dem Tourismus schadet. Die Nation ist so frei, sich mildernde Umstände zuzubilligen.

Der unerbittliche Kantönligeist, der sie zerteilt, hindert sie nicht daran, sich als große Familie zu begreifen. Und Familienangehörige laufen doch nicht gleich zum Kadi oder zur Zeitung, wenn mal einer in des anderen Privatpost schnüffelt oder einem anderen eine regelwidrige Gunst gewährt. Die Schweiz ist eine Konkordanzdemokratie.

Außerdem ist die Schweiz ein Kleinstaat. Man kennt sich von der Schule, von der Universität, vom Wehrdienst. Gesetze werden hier noch immer nach dem Konsensprinzip in einem vorparlamentarischen »Vernehmlassungverfahren« mit den betroffenen Lobby-Gruppen abgesprochen und dann vom Parlament oft nur noch bestätigt.

Entsprechendes gilt für die Vergabe von Staatsaufträgen. Keiner geht leer aus, jeder kommt mal dran. Das ist kein Filz, das ist der helvetische Kompromiß. Von Mitbestimmung für Arbeitnehmer und Kontrollen gegen den Mißbrauch von wirtschaftlicher Macht will die Mehrheit nichts wissen. Alle dazu eingereichten Gesetzesvorlagen wurden vom Volk niedergestimmt.

Der Schriftsteller Adolf Muschg attestiert seinen Mitbürgern zwar als Ansatz zur Besserung »eine dumpfe Verstimmung«. Jedoch, er verspürt keine Spur von Aufbruchsbereitschaft.

Und warum soll er denn auch? fragt sich Heidi Burger aus Wettingen, Leserin des Badener Tagblatts. Unter der Überschrift »Ihr trybets würkli z''wyt« (Ihr treibt es wirklich zu weit) schrieb sie ihrer Zeitung: _____« De Staat sött hütte ums Verworge für Liebi, Wohnig, » _____« Arbet sorge. Glychzytig wird de Spender Staat » _____« verschnätzlet wie ne Wurschtsalat. »

Die Schweizer kokettierten mit der Bauerntrottel-Gloriole, die ihr die Nachbarn verpaßt haben. Der Depp hat es bekanntlich leichter im Kollegium als der Tonangeber. Doch nun stehen sie plötzlich da als Levantiner, Trittbrettfahrer und Rosinenpicker. Und das finden sie natürlich auch wieder unkommod. _(* Beim Betrachten des Urnengangs von ) _(weiblichen Erstwählern. )

Das Zerrbild vom gut verwahrten Schlaraffia voll reinlicher, jodelnder Frohnaturen und mit einem großen Nummernschloß aus Schokolade in der Tür, das brauchen sie nicht zu entzerren. Das haben die Fremden gezeichnet.

Die spezifisch Schweizer Extremitäten passen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht zu dem auswärtigen Schweiz-Klischee. Die Eidgenossen haben das höchstentwickelte Umweltschutzbewußtsein und die einzige Autopartei des Kontinents. Sie haben den höchsten Ausländeranteil und die wenigsten Skinheads. Sie haben die feinsten Privatschulen und prozentual die meisten Fixer und Aids-Toten Europas. Und sie haben gelernt, sich mit ihren Kontrasten einzurichten.

Die nächste helvetische Konstante, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Bruch geht, ist die immerwährende Neutralität. Fast 500 Jahre Urlaub von der Weltpolitik sind um.

Im Mittelpunkt des Schweizer Weltbilds stand über viele Generationen die Schweiz. Sie war eine Insel in permanentem Belagerungszustand mitten in der Barbarei. Alle Wege heraus aus der Schweiz endeten irgendwo in Wüste und Finsternis. Außenpolitik fand nicht statt. Auf EG und Uno hatten die Eidgenossen immer die gleiche Antwort: Da machen wir nicht mit. Inzwischen befürwortet fast die Hälfte der Bevölkerung die Mitgliedschaft in der EG.

Anfang des Jahres beteiligte sich die Schweiz sogar an den Uno-Sanktionen gegen den Irak. Das Ausland, so sagte Bundesrat Felber, würde es nicht verstehen, wenn man in dieser Sache neutral bliebe. Soweit man denken kann, war es das erste Mal, daß die Regierung in Bern etwas tat, weil sie befürchtete, das Ausland könne die Unterlassung übelnehmen.

Es war aber eine sehr schweizerische und kostengünstige Form der Waffenbrüderschaft. Sie beschränkte sich auf die Gewährung von Überflugrechten an die britische und die amerikanische Luftwaffe. S'' Fränkli ehren, s'' Fränkli mehren.

Die helvetische Männerrepublik, die sich zum Schutz gegen äußere Bedrohung konstituierte, hat ihr neutralistisches Selbstverständnis verloren. Die Bedrohung der Eidgenossenschaft besteht darin, daß sie nicht mehr von außen bedroht wird.

Nun steht das alles in Frage. Sogar die Streitkräfte kommen ins Gedränge. Die Welt hat gelernt: Die Schweiz hat keine Armee, die Schweiz ist eine Armee. Und zwar eine, die »nie vor Gefahren bleich, froh noch im Todesstreich« ist, wie es im berühmten »Vaterlandslied für Kanoniere« heißt.

Dies Klischee stimmt von allen nicht stimmigen eidgenössischen Klischees am wenigsten. Wahr ist vielmehr: Die Schweizer haben durch die Lieferung von Waffen in alle Weltteile zwar tüchtig mitgeholfen, fremde Kriege anzuheizen. Aber sie selbst sind vergleichsweise friedliche Leute.

Gut ein Viertel der Nation ist so friedfertig, daß es im November 1989 einer Volksinitiative zustimmte, die die Abschaffung der Schweizer Armee zum Ziel hatte. Selbst die Initianten hatten nur mit halb so vielen Ja-Stimmen gerechnet.

Zu den überzeugendsten Belegen für die Friedfertigkeit der Älpler gehört die »Kleinkriegsanleitung für jedermann« von Armeemajor Hans von Dach aus Bern, die den wehrhaften Eidgenossen im Konfliktfall nach der Niederlage seiner Armee in die Lage versetzen soll, den Krieg auf eigene Faust und »mit Verschlagenheit« weiterzuführen.

Es wird dort ausgeführt, wie man dem Feind mit Hilfe von Skiwachs und konspirativ aus den Fenstern gehängter Leibwäsche das Leben schwermacht. Oder mit umgedrehten Suppentellern auf Landstraßen, wenn die Tellerminen ausgegangen sind. Oder wie man mit einem dicken Hammer Löcher in MiG-Tragflächen haut. Oder wie man die Wirkung feindlicher Propagandaredner arglistig unterläuft, indem man in einer Redepause laut und deutlich in die Stille ruft: »Fräulein, es Bier!«

Warum soll die Schweiz nicht untergehen wie das Römische Reich, wo doch Untergänge meist auch Neuanfänge sind? Keine Chance, meint Weltwoche-Kolumnist Oskar Reck. »Dafür sind wir viel zu klein und viel zu ordentlich.«

* Beim Betrachten des Urnengangs von weiblichen Erstwählern.

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