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Eine Frage eisiger Ehre

Wahlkampf um New Yorks Senatorenposten: Hillary Clinton muss sich plagen, um einen politischen Nobody zu schlagen.
aus DER SPIEGEL 44/2000

Eigentlich soll es nur ein schneller Lunch sein für jene Damen der besseren New Yorker Gesellschaft, die mit ihrem Geld anderes vorhaben, als ihr Wochenendhaus mit einem neuen Schwung Möbel von Sotheby''s zu »redekorieren« - aber natürlich ist es viel mehr.

Unter den Kristalllüstern des großen Ballsaals im »Waldorf Astoria« werfen sie Handküsse und stochern ein wenig in dem, an diesem Mittag, teuersten Hühnersalat der Stadt. 175 Dollar ist die Mindestgebühr für einen Platz. Es darf auch gern ein wenig mehr sein - schließlich kommt alles dem Wahlkampf jener Frau zugute, von der die meisten in diesem Raum meinen, sie sei die Verkörperung der modernen Weiblichkeit.

Eines Wesens, das es schaffte, oben zu bleiben und nicht unterzugehen - trotz Kindererziehung, einer Menge von Feinden und einem untreuen Ehegatten, der erst Gouverneur eines amerikanischen Bundesstaates, schließlich Präsident des ganzen Landes wurde, und von dessen Affären sie immer wieder in der Zeitung lesen durfte.

Schlimm kann so was sein - nur in New York City nicht ganz so. Hier haben Frauen normalerweise erst Respekt vor anderen Frauen, wenn diese eine schwere Zeit überstanden haben. Und als gleich zwei von dieser Sorte auf die Bühne des »Waldorf« steigen, wird es im Ballsaal kurz still wie in einem Schweizer Bankschließfach. Da steht in einem dunkelblauen Hosenanzug Hillary Clinton und neben ihr, ganz in Grau, Caroline Kennedy Schlossberg. Die First Lady und die Tochter von John F. Kennedy, nach dem Flugzeugabsturz ihres Bruders im letzten Jahr die letzte Überlebende jener sagenumwobenen Präsidenten-Familie. Hillary nimmt Schlossberg in den Arm, und diese Geste der Zuneigung ist mehr als eine bloße Freundlichkeit.

Sie soll symbolisieren, dass es in der demokratischen Partei nach dem Zweiten Weltkrieg nur zwei Dynastien gibt, die alle anderen überstrahlen: die Clintons und die Kennedys. Eine Behauptung, die man den New Yorker Frauen nicht lange erklären muss. Sofort stellen sie sich auf die Zehenspitzen und klatschen, minutenlang.

Es ist ein dramatischer Augenblick. Hillary spürt das, geht zum Mikrofon und breitet mit wenigen Worten eine imaginäre Tischdecke aus. »Die Kennedys und wir stehen uns nahe seit langer Zeit«, sagt sie. »Als ich 1993 ganz neu ins Weiße Haus kam, hat mich Jackie beiseite genommen und mir Ratschläge gegeben, wie meine Tochter normal aufwachsen könnte.« Taschentücher werden aus den Handtaschen gekramt. Die Kennedys, die Clintons, die Wähler: eine große Familie. Die Stimmung im »Waldorf« ist nun warm und herzlich wie bei einem Picknick.

Die Herzen sind gewonnen, es ist Zeit für die Attacke. »Das Wahlprogramm meines Konkurrenten«, sagt Hillary über ihren Gegner, den Republikaner Rick Lazio, so geringschätzig, dass sie seinen Namen nicht einmal erwähnt, »besteht aus genau sechs Worten: ,Ich kämpfe gegen Hillary Rodham Clinton.'' Das ist nicht gerade viel. Ich weiß, dass ihr mehr verdient habt. Wie wäre es mit wenigstens sieben Worten? Wie wäre es mit: Jobs, Bildung, Gesundheit, Umwelt, Sozialversicherung, Gun Control und dem Recht auf Abtreibung?« Sie klingt wie ein Ringrichter, kurz bevor er die Arme hebt und den K.o. verkündet.

Es bleibt keine Zeit, den Triumph auszukosten. Keine 20 Minuten später hat die Kandidatin ihr Wahlprogramm durchgepaukt und sitzt in einem silbergrauen Minivan Richtung Flughafen. In zwei Stunden wartet die nächste Bühne auf sie. In der Provinz, Upstate New York. In Buffalo.

Es ist ein Wahlkampf ohne Atempause, den Hillary Clinton, 53, im Bundesstaat New York betreibt. Seit 16 Monaten klappert sie mit der Unermüdlichkeit eines Duracell-Hasen die Straßenschluchten der Metropole ebenso wie Tankstellen der Provinznester in Upstate New York ab. Alle 62 Landkreise hat sie mehrmals bereist und dabei eine Volksnähe entwickelt, die ihr niemand so recht zugetraut hätte. Sie hat jede Menge Babys geküsst, Hot Dogs gegessen, ihr Autogramm auf T-Shirts gesetzt und auf Servietten. Sie hat so viele Seniorenheime besucht, dass sich niemand groß wundern würde, wenn ihr Haar statt blond auf einmal blau geglänzt hätte. Nur der Senatorenposten, um den es am 7. November geht, ist ihr noch nicht sicher.

Hillary Clinton, First Lady des mächtigsten Landes der Welt, muss sich plagen gegen einen politischen Nobody, der aussieht wie der Kellner eines neuenglischen Countryclubs - den 42-jährigen Rick Lazio. Ein Mann, dessen Frau sich damit brüstet, dass sie ihr Haus ohne fremde Hilfe putzt. Nicht einmal die ihn wählen werden, interessieren sich für Lazio. Sie stimmen für ihn, weil sie Hillary hassen.

Es ist knapp, verdammt knapp. 50 Prozent der Stimmen werden Hillary verheißen, aber Lazio drängelt mit 43 Prozent. Seine Bastionen stehen vor allem in den Vorstädten des gehobenen Mittelstands, wo ihm 65 Prozent der Stimmen vorausgesagt werden. Hillary dagegen beherrscht die Stadt der Städte, New York City. Dort liegt sie mit 66 Prozent vorn - Sicherheit ist auch das nicht.

Schnell kann es ihr so gehen wie auf jener Pro-Israel-Demonstration nach den Lynchmorden von Ramallah. Tausende pfiffen Hillary Clinton auf der Second Avenue aus, hissten Plakate, die höhnten »What has Hillary ever done for Israel?« oder »Go home, bitch«.

Viele New Yorker Juden haben Mrs. Clinton bis heute nicht verziehen, dass sie vor einem Jahr Suha Arafats Vorwurf, die Israelis setzten Giftgas gegen palästinensische Frauen und Kinder ein, mit einem Kuss auf deren Wange beantwortete: Ein Fehler, den sie bereut, sagt sie heute. Allein etwa eine Million der 7,6 Millionen New Yorker Einwohner sind Juden. Und wenigstens in einem Punkt sind sie sich mit vielen anderen Wählern einig: Glaubwürdigkeit ist nicht das Wort, welches ihnen einfällt, wenn sie den Namen Clinton hören.

Warum tut sie sich das überhaupt an? Warum ist sie nicht zufrieden damit, acht Jahre lang an der Seite ihres Mannes das mächtigste Amt der Welt geteilt zu haben? Warum zieht sie sich nicht zurück, nimmt eine Professur an einer Eliteuniversität an und schreibt nebenher Bücher, die sich gut verkaufen? Schließlich ist ihr Name ein weltweites Markenzeichen, bekannt wie Princess Di, kontrovers wie Madonna.

Nichts da. Sie hält Ansprachen an Orten, die nicht einmal eine Greyhound-Bushaltestelle besitzen. Natürlich kämpft sie dabei gegen ihren republikanischen Konkurrenten. Vor allem aber ringt sie mit dem eigenen Image, welches wie ein Zerrbild in die Köpfe der Wähler eingesickert ist.

Es ist ein Bild, das polarisiert. Für die, die sie mögen, ist Hillary eine Überlebenskünstlerin, die sich durchgebissen hat. Eine, die politische Kompromisse geschlossen, aber ihre linksliberale Überzeugung nicht verraten hat. Für die, die sie nicht mögen, ist Hillary eine Art weibliche Version des Teufels. Eine Abgesandte der Bürokraten aus Washington. Eine Frau, die es nur deshalb mit einem Ehebrecher und Lügner ausgehalten hat, weil sie so weiter im Weißen Haus nisten und sich schmücken darf mit der Macht.

Einfallsreich zeigen sich ihre Feinde vor allem, wenn es darum geht, immer neue Schimpfwörter für Hillary zu finden: »Lady Macbeth«, »Yuppie-Frau aus der Hölle«, »Queen Mother«, »Böse Hexe aus dem West Wing«, »Madame Mao«. Die Feindseligkeiten, die auf Hillary Clinton hereinprasseln wie Pfeile auf eine Zielscheibe, sind nichts wirklich Neues für sie. Für ihre Gegner, sagt Hillary Clinton, sei sie »der Boss, den sie nie haben wollten; die Frau, die noch mal eine Ausbildung machte und erfolgreich war; die Tochter, von der sie nie wollten, dass sie zu unabhängig würde«. Es sei nicht so, dass die Feinde die Person Hillary hassten. »Es ist die Veränderung, die ich repräsentiere.«

Trotzdem, so sehr sie polarisiert, so sehr ihr die einen zujubeln - Hillarys Leistung in der amerikanischen Politik war stets mehr Versprechen als Realität. Sie ahnt dieses Missverhältnis, und es ist der eigentliche Grund für ihren Kampf um den Senatorenposten, der erst der Anfang ihrer neuen politischen Karriere sein soll. Endlich will sie beweisen, dass sie es alleine kann. Sie will in den Geschichtsbüchern später einmal nicht nur als betrogene Ehefrau beschrieben sein, die zu schwach war, ihren Mann zu verlassen.

Wenn es ein Leitmotiv gibt in ihrem Leben, dann ist es dies: viel versprechend und trotzdem nie gut genug.

Viel versprechend, das war sie schon, als sie noch in der Chicagoer Villenvorstadt Park Ridge zur Schule ging, lauter Einser nach Hause brachte und ihr Vater unterkühlt sagte: »Hillary, das muss aber eine leichte Schule sein, die du da besuchst.« Viel versprechend, das war sie weiter, als sie auf dem Elite-College Wellesley und in Yale zu den Besten zählte und ein Professor über sie sagte: »Sie wird einmal die erste Frau sein, die im Supreme Court der Vereinigten Staaten sitzt.« Und viel versprechend schließlich fand sie auch ein Bursche in Hochwasserhosen namens Bill Clinton, den sie in der Bibliothek zur Rede stellte, warum er sie die ganze Zeit anstarrte. »Er war der erste Mann, der keine Angst vor mir hatte«, sagte sie über ihn. Und ein paar Monate später: »Er wird einmal der Präsident der Vereinigten Staaten.« Clinton wollte sie. Um jeden Preis.

Wie immer bekam der Junge, was er wollte. Und schaffte es auch, dass Hillary ihm in die tiefste Provinz nach Arkansas folgte, wo er mit 32 Jahren der jüngste Gouverneur in der Geschichte des Landes werden sollte. Sie gab ihre Zukunft auf, wurde nicht Partner in einer renommierten Kanzlei in New York. Dafür hatte sie jetzt einen anderen Full-Time-Job: Bill Clinton.

Von der Civil-Rights-Bewegung befeuert, bildeten die Clintons schnell ein politisches Team. Sie war der Kopf, er das Gesicht. Sie kümmerte sich um die Inhalte und Strategien, er schüttelte Hände. Der Stundenplan des Ehepaars war übersichtlich: morgens Politik, mittags Politik, abends Politik.

Nach Clintons Kür zum Präsidenten trat sie an, nicht nur die Rolle der First Lady zu reformieren, sondern das Gesundheitssystem des Landes. Sie gab alles, aber ohne Erfolg. 1994 wurde ihr 1342 Seiten starkes Werk vom Kongress beerdigt. Sie musste sich jetzt mit bescheideneren Herausforderungen abfinden, wie dem Kampf gegen Teenagerschwangerschaften. Sie wirkte depressiv, hielt sich leidlich bei der Sache. Es war jetzt Bills Show. Vom Clinton-Team redete kein Mensch mehr.

Manchmal schien das Ganze wie die Beerdigung einer Lebenden, allein, es folgte die Wiederauferstehung, ausgerechnet ausgelöst durch eine Praktikantin namens Monica Lewinsky. Bill brauchte seine Frau wieder, als Krisenmanagerin, wie stets, wenn er etwas Schlimmes angestellt hatte. »Er sitzt dann da wie ein kleines Kind«, zitiert die amerikanische Journalistin Gail Sheehy einen Demokraten, der dabei war, »das auf sein Zimmer geschickt wurde. Mama wird es schon richten.« Amerikaner lieben Kämpfer, und die Belohnung ließ nicht lange auf sich warten. 60 Prozent aller Wähler fanden sie jetzt gut. So viel wie nie zuvor.

Politisch gesehen war das persönliche Desaster hilfreich, wirtschaftlich eher weniger. Fünf Millionen Dollar Anwaltskosten im Fall Lewinsky, 850 000 Dollar Settlement im Fall Paula Jones haben die Clintons in finanzielle Bedrängnis gebracht. Und selbst bei zwei so 150-prozentig abhängigen Polit-Junkies wie Bill und Hillary Clinton haben seine Seitensprünge noch ganz andere Schäden hinterlassen. Natürlich, sie lieben die Politik mehr als einander, und ohne Politik wären sie schon längst geschiedene Leute.

Hillary schweigt über die Narben auf ihrer Seele. Selbst unter ihresgleichen, unter

New Yorker Anwälten, blieb sie, auf ihre Ehe angesprochen, eisig. »Ich habe mein ganzes Leben dafür gekämpft, dass Frauen ihre Vorstellungen verwirklichen können«, sagte sie. »Ich habe meine verwirklicht.«

Trotz solcher Einsilbigkeiten in Bezug auf Bill wirkt sie in diesem Wahlkampf frisch wie lange nicht. Das Team ist wieder da - nur jetzt ist es ihre Show. Deshalb ist es kein Wunder, dass sie auch an einem ganz normalen Freitagabend nicht in ihrem Haus in Chappaqua sitzt, von dem die Nachbarn sagen, es sei unbewohnt wie eine Geistervilla. Stattdessen besucht sie mitten in Jamaica, einem der schwärzesten Viertel des New Yorker Stadtteils Queens, eine Veranstaltung mit dem Titel »Meet the Millennium with Pride«. Etwa 300 Schwarze drängen sich um ein Büfett mit gebratenen Hühnchen. Wegwerf-Kameras werden gezückt, als Hillary den Raum betritt, und die Menge drängt die Kandidatin vor Begeisterung fast wieder auf die Straße hinaus. Hillary strahlt ihr Weihnachtslächeln, und als sie nach einer guten Stunde immer noch Autogramme schreibt, ahnt man, dass ihr Zuhause nicht Washington ist, nicht Chappaqua, sondern die Menschenmengen, die sie schon gewonnen hat oder noch gewinnen muss.

Es ist diese neue Selbstbestimmung, die sie berauscht. Wer sie so sieht, weiß, dass es mit jenem Witz, den sich die Leute in Arkansas erzählten, als Bill Clinton 1993 ins Weiße Haus einzog, aus und vorbei ist. Der Witz geht so:

Bill und Hillary fahren in einer Präsidentenlimousine in Richtung Hillarys Heimatstadt. An einer Tankstelle steigt Bill aus, der Tankwart kommt auf Hillary zu und fragt sie: »Hey Hillary, erinnerst du dich an mich? Wir sind in der High School zusammen gegangen.« Sie reden ein paar Minuten. Wieder im Auto, fragt Bill stolz und ziemlich scheinheilig: »Mit dem bist du mal gegangen? Was wäre wohl passiert, wenn du den geheiratet hättest?« Hillary zuckt mit den Schultern und antwortet: »Dann, mein Lieber, wärst du jetzt Tankwart und er Präsident.«

Viele haben damals gelacht über diesen Witz und tun es noch heute. Hillary nicht. Ihre Mission wird erst beendet sein, wenn sie selbst im Oval Office sitzt. Und nicht mehr einer, der genauso gut Tankwart sein könnte. Müssen nur die Wähler noch dafür stimmen. Einen hat sie sicher. Bill Clinton. Neulich sagte er lachend: »Warum nicht nach acht Jahren Clinton noch einmal acht Jahre Clinton?« THOMAS HÜETLIN

* Bei einer Geburtstagsgala im Oktober in New York.

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