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Eine ganze Menge Milieu

aus DER SPIEGEL 15/1972

Um acht, wenn die Wahlversammlung anfängt im »Ochsen« oder im »Rössle« oder auch im Gemeindesaal, preist der freidemokratische Redner des Abends die Aussöhnung mit dem Osten, die Verträge und »unseren Herrn Scheel«, den Außenminister, der diese Verträge ausgehandelt hat. Die Leute murmeln ihr Einverständnis oder klatschen gar. Und um viertel nach neun, wenn der Redner aufgehört hat und die Diskussion beginnt, hebt dann einer die Hand und sagt, dem Sinne nach und natürlich im Dialekt, das sei ja soweit eine schöne Rede gewesen -- aber, gell, ihr werdet hier doch nicht mit diesen Sozialdemokraten in eine Regierung gehen wollen ...

Wahlkampfszene aus Baden-Württemberg, eine für viele, eine typische obendrein. Und davon, ob der Wahlredner in solcher Situation dann noch ein bißchen Collegium logicum parat hat und nicht nur den Götz von Berlichingen oder ein zwischen den Zähnen zerriebenes Stoßgebet -- davon, nämlich vom Wahlergebnis der baden-württembergischen Freidemokraten, soll nun also das Schicksal der Ostverträge und mithin der sozialliberalen Bundesregierung abhängen.

Wenn's so ist, dann hängen Ostverträge und Brandt und Scheel von einer Partei ab, die es nicht mehr gibt, und von Wählern, die es noch nicht gibt. Oder um die Sache ein wenig differenzierter auszudrücken: Da sind Wähler und Matadore einer Partei, die es nicht mehr gibt; und da ist eine Partei, die keine Matadore und noch längst nicht genug Wähler hat.

Auch wenn Allvater Reinhold Maier in seinem Grab zu rotieren anfängt: die gute, alte, schwäbische »Demokratische Volkspartei«, die ihre Initialen mit einem trutzigen Schrägstrich an die der Pünktchen-Partei F. D. P. dranzuhängen pflegte, die ist (spätestens mit ihm) dahingegangen. Sie ist exakt das geworden, was derselbe Reinhold Maier, als er noch eine lebende Legende war, in einem bösen Brief an den »sehr geehrten Herrn Scheel« ein »außergewöhnlich törichtes Wort«, ja sogar »eine außergewöhnliche Provokation« und »eine ebensolche Unwahrheit« geheißen hat: nämlich eine »neue Partei«,

Da braucht man noch nicht einmal das Parteiprogramm zu lesen, da genügt als Beweis ein Blick in die Mitglieder-Analyse des baden-württembergischen Landesvorstandes von 1971: Fast jedes zweite der rund 12 000 Mitglieder ist erst nach dem Ende der Koalition mit der CDU in Bonn (1966) beigetreten; rund ein Viertel seiner Mitglieder hat der Landesverband sogar erst nach der Wahl Gustav Heinemanns zum Bundespräsidenten und nach der Bildung der sozialliberalen Koalition in Bonn gewonnen. Vier von fünf baden-württembergischen Freidemokraten sind heute der Meinung, daß die FDP mit ihrem Programm der SPD näher stehe als der CDU.

Das war mal ganz anders: Der klassische schwäbische Altliberale (auch so eine Spezialität der Region wie Spätzle oder Maultaschen) mag die »Schwarzen« nicht, weil er sie für konfessionalisiert und klerikalisiert, jedenfalls für »verdruckt« hält; er mag die »Roten« nicht, weil er glaubt, daß alle Sozis ihm ans Häusle wollen; aber da die Freidemokraten nun mal nicht allein regieren können, ist er, was Koalitionen angeht, in dubio pro CDU.

Dem liegt zugrunde jene »Mischung aus Honoratioren-Politik und antibürokratischem, wo nicht geradezu anti-etatistischem Selbstbewußtsein, die die Partei von ihren Ursprüngen her mitträgt« (so Hermann Rudolph in der »FAZ"), plus eine ganze Menge spezifisches Milieu natürlich, halb kleinbürgerlich, halb mittelständisch, »ebbes Bäcker, ebbes Metzger«, aber auch »ebbes Apotheker«, teils kräftiger Freisinn, teils selbstgefällige Enge.

Zu Dreikönig pilgern die Altliberalen, mindestens die Honoratioren, weiterhin in die Stuttgarter Palast-Lichtspiele, sicher des jeweiligen Redners wegen. Aber sie kämen wohl auch, wenn da gar niemand mehr reden würde -- ein Reflex, eine gewohnheitsmäßige Drehbewegung an der altliberalen Gebetsmühle, »Om mani padme hum«, übersetzt in den schwäbischen Ur-Dialog zwischen Häberle und Pfleiderer: »So, so.« -- »Ja, ja.«

Diese »Basis«, wenn man sie denn so nennen will, bröckelt schon eine ganze Weile; der Dahrendorf-Boom der letzten Landtagswahlen (Ergebnis: 14,4 Prozent), an dem auch mancher Traditionalist sich nur zu gern hochgezogen hätte, ist eine atypische Episode geblieben, untypisch wie Dahrendorf selber und seine »große Gosch«. Die »Altliberalen«, in ihren verlorenen Hochburgen, leben längst von der »Substanz«, also zum Beispiel vom Trollinger, vom Riesling und vom Sylvaner.

Aber sie leben noch. Das Milieu zumindest ist weithin intakt, samt seinen Matadoren. Und wo die sind, da sind auch die Traditionswähler. Neu ist nur: Die Matadore sind nicht mehr bei der FDP -- oder sie marschieren allmählich ab.

Friedrich Stock zum Beispiel, seit 16 Jahren Landtagsabgeordneter des Wahlkreises Freudenstadt, stellvertretender Bürgermeister daselbst, seit 24 Jahren schon Gemeinderat, ferner (und unter anderem) Präsident des Südwestdeutschen Einzelhandelsverbandes; ein ansehnlicher Mann, ein angesehener Mann, ein populärer Mann: 37,1 Prozent der Stimmen hat er das letzte Mal im Wahlkreis Freudenstadt (ohne Horb) für die FDP geholt, in 19 Gemeinden des Wahlkreises sogar über 50 Prozent.

Und eben dieser Friedrich Stock hat erleben müssen, daß ihm (auf der Wahlkreiskonferenz in Pfalzgrafenweiler am 21. Januar) der ehemalige Jungdemokraten-Boß Klaus Rösch als Mitbewerber um die Nominierung zum Wahlkreiskandidaten für die Landtagswahl entgegentrat. Der sieggewohnte Stock obsiegte -- aber nur noch mit einer einzigen Stimme Mehrheit.

Friedrich Stock hat diese Ein-Stimmen-Kandidatur -- nach etlichem Hin und Her -- auf der Landesvorstandssitzung vom 26. Februar niedergelegt (nebst einem Scheck über eintausend Mark, der gedacht war als Wahlkampfbeitrag der Partei). Er hat dies getan, nachdem der Vorstand einen Antrag (der Abgeordneten Dr. Hermann Müller und Dr. Wolfgang Vogt), den Vorsitzenden der baden-württembergischen Jungdemokraten Friedrich Neunhöffer aus der Partei auszuschließen, nicht sogleich entschieden, sondern dem Bonner FDP-Präsidium zur Prüfung überwiesen hatte.

Besagter Neunhöffer, ein sanft theoretisierender Assessor bei den Technischen Werken in Stuttgart, wollte vier Wochen vor der Wahl gemeinsam mit Jungsozialisten eine »Antimilitaristische Kampagne« starten (Themen etwa: Aufhebung des Wehrkundeerlasses, Abschaffung des Prüfungsverfahrens für Wehrdienstverweigerer). Die (mindestens taktisch hirnrissige) Veranstaltung ist inzwischen abgeblasen worden. Auch sind ohnehin nur etwa die Hälfte der baden-württembergischen Jungdemokraten Mitglieder der FDP. Aber für den Matador Stock und sein Milieu sind das genau jene »Ideologen, Utopisten und linksradikalen Sympathisanten«, denen gegenüber »auch der Liberalität Grenzen gesetzt« sein sollen.

Geschlaucht hat den angesehenen Herrn Stock die ganze Geschichte schon (und sein Masseur im Kurmittelhaus von Freudenstadt hat das auch sofort gemerkt, an der gesträubten Beinbehaarung). Um so mehr freut es Stock, daß manche Leute in Freudenstadt, die früher bloß mit dem Finger an die Krempe getippt haben, wenn sie ihm begegneten, jetzt tief den Hut vor ihm ziehen. Und die Herren Einzelhändler et cetera, mit denen er sich seit 1948 regelmäßig in der Sauna trifft, die waren sogar richtig erleichtert. Denn zum erstenmal, seit man sich kennt und gemeinsame Interessen vertritt, hätten sie den Freund Stock zu ihrem Leidwesen nicht wählen können -- wäre er Kandidat dieser »neuen Partei« geblieben, die nicht mehr ihre Partei ist.

Es ist dies die Bangemann-Partei -- nicht wegen des Bürgerschrecks so genannt, den sie für Stocks Sauna-Freunde darstellt, sondern nach ihrem progressiven Protagonisten, dem stellvertretenden Landesvorsitzenden Dr. Martin Bangemann, 37.

Bangemann ist kein Matador (eher schon ein Bulle, jedenfalls äußerlich), aber er ist Wahlkampfleiter -- vermutlich der einzige Wahlkampfleiter der jüngeren deutschen Parteiengeschichte, gegen den Parteifreunde (aus dem FDP-Kreisverband Hochschwarzwald) rund zwei Monate vor der Wahl Antrag auf Ausschluß aus der Partei gestellt haben. Er ist vermutlich auch der einzige Wahlkampfleiter, der das freimütig erzählt, während seine Vorstandskollegen die schreckliche Geschichte durch Verschweigen aus der Welt zu schaffen suchen und durch Liegenlassen. Anders als im Fall Neunhöffer hilft sich der zur Entscheidung aufgerufene Landesvorstand diesmal damit, daß er vor der Wahl einfach nicht mehr zusammentritt.

Aber vom Verschweigen hält Bangemann gar nichts; was ihm für wahr gilt, das sagt er ohne Rücksicht auf Verluste, einschließlich der Verluste bei der Stammwählerschaft; und wenn er die Partei in den Armen der Wahrheit sterben sehen müßte, so fände er solchen Tod wohl süß und ehrenvoll, la mort douce.

Den Antrag auf Parteiausschluß hat er sich zugezogen durch die wahlkämpferische Bekräftigung einer These aus Klaus Röschs Herrenalber Abschiedsrede als Jungdemokraten-Vorsitzender (und auch Rösch wollen die Hochschwarzwälder Parteifreunde dieserhalb geschaßt sehen): »Wir stehen den Wehrdienstverweigerern näher als den Generälen in Bonn.«

Der Wahlkampfleiter Bangemann verhehlt noch nicht einmal, daß die konservative bis »altliberale« Landtagsfraktion (und Teile des Landesvorstandes) ihn davon abgehalten habe, den Wahlkampf so anzulegen, wie allein er ihn für erfolgversprechend hielt: regional gewichtet und thematisch personalisiert.

Die Mitteilung zumal, daß die »Gesellschaft zur Förderung der Wirtschaft e. V.«, die im deutschen Südwesten Industrie-Geld sammelt und als Wahlspenden an die Parteien wieder austeilt, telephonisch hat wissen lassen, die schwäbische FDP habe wegen ihres Votums für eine Koalition mit der SPD, überhaupt wegen mangelnden Widerstandes gegen den Sozialismus, diesmal keinen Groschen zu gewärtigen -- diese Mitteilung läßt Martin Bangemann (privatim selbst nicht ohne Bindung an die Industrie) geradezu auf der Zunge zergehen.

Dieser Fabrikantenschreck Bangemann lebt in durchaus kommoden Vermögensverhältnissen, übrigens auch Klaus Rösch. Beide machen Politik nicht des Geldes wegen. Beide wären, wenn die FDP in Baden-Württemberg aus Rücksicht auf konservative Stammwähler auch nur die Möglichkeit offengelassen hätte, wieder mit der CDU zu koalieren, achselzuckend ausgestiegen aus der aktiven Parteiarbeit. Die alte FDP ist für sie ohnehin passe; und sie kriegen auch keine Gänsehaut, wenn sie einräumen, daß die Partei der Freiburger Thesen an der Fünf-Prozent-Klausel scheitern könnte. »Man schafft«, sagt Bangemann, »den mündigen Bürger nicht, indem man ihn beschwört. Er entsteht in einem gesellschaftlichen Prozeß, den wir erst in Gang setzen müssen.«

Aber die Wahlen sind leider schon am 23. April. Und so schnell wie Bangemanns Citroen SM (2,6-Liter-Maserati-Motor, Spitze 220 km/h) laufen gesellschaftliche Prozesse nicht. Die zehn Prozent mündiger Bürger, die ja nicht nur Martin Bangemann unter den »mobilen Aufsteigern« vornehmlich der jüngeren Jahrgänge »entstehen« sieht, die mag es geben. Bloß: FDP-Wähler sind sie nach menschlicher Voraussicht (mindestens noch) nicht.

Die letzte Wähleranalyse des (FDP-nahen) »Instituts für politische Planung und Kybernetik« in Godesberg läßt daran gar keinen Zweifel. Demnach ist »das alte Bild erhalten geblieben": Die FDP ist nach wie vor stark überrepräsentiert bei den Etablierten (über 1750 Mark Netto-Monatseinkommen, 31 bis 50 Jahre alt), insonderheit der Selbständigen und der freien Berufe.

Bei der Einkommensgruppe von 1200 bis 1750 Mark monatlich hingegen ist der FDP-Wähler-Anteil von sieben auf drei Prozent zurückgegangen; die jüngeren Jahrgänge von 18 bis 30 Jahren sind allenfalls noch durchschnittlich repräsentiert; und bei den 18 bis 20 Jahre alten Wählern schwankt der FDP-Anteil gar zwischen null und zwölf Prozent.

Jedenfalls: Die sieben oder gar acht Prozent baden-württembergische FDP-Wähler aller Klassen, die am 23. April und in den Wochen drauf zur Nervenstärkung der Bonner FDP-Fraktion dringend gebraucht werden -- die kann die Bangemann-Partei allein wohl nicht vorzeigen. Dazu braucht sie zwischen drei und sechs Prozent Traditionswähler, Altliberale ausdrücklich eingeschlossen. Und die wiederum kann Bangemann nicht werben, eher schon scheucht er sie.

Es mag ja wahr sein, daß Friedrich Stock, der Einzelhändler mit der Sauna-Basis, bei der CDU, zu der er wohl gehen wird, im Grunde ganz richtig ist. Es ist auch sicher nicht alles Gewissen, was da schlägt, wenn Altliberale Ämter niederlegen, auf Kandidaturen verzichten oder aus der Partei austreten. Es »menschelt« ganz schön bei den schwäbischen Liberalen, den alten wie den jungen.

Wenn zum Beispiel Klaus Rösch dem Rivalen Stock nicht ausdrücklich versprochen hätte, sich in Pfalzgrafenweiler einer Gegenkandidatur zu enthalten, und wenn dann (als Rösch eben doch kandidierte) nicht auch noch der Sohn vom Adler-Apotheker aufgestanden wäre und dreist behauptet hätte, der Neuling Rösch bringe der Partei mehr ein als der langjährige Lokalmatador -- vielleicht wäre Stock (der ja für die Ostverträge ist) Kandidat geblieben, und die FDP hätte am 23. April ein paar tausend Stimmen mehr.

Denn Signale können sie schon noch setzen, die Altliberalen: Was ein schwäbischer Traditionswähler ist, gerade ein liberaler -- wenn der »seinen« Mann nicht mehr bei der Partei sieht, dann macht er sein Kreuz am Wahlsonntag woanders, oder er geht gleich sein Viertele »schlozen«.

Solche heimatlose Liberale zu bewegen, ihr Kreuz noch einmal, und sei"s das endgültig letzte Mal, bei der FDP zu machen -- das kann im Stammland des schwäbischen Liberalismus kaum noch wer. Allenfalls ein Unikum kann es, ein virtuoser Simplifikateur wie Hermann Müller, der ehemalige Landesvorsitzende, der den Leuten gesellschaftliche Reformen mit der Aussicht anpreist, daß dann die Gammler von den Straßen verschwänden. Aber sonst ...

Sonst bleibt wirklich nur das, was Hermann Müllers Nachfolger Karl Moersch mit dem hohen Mut des Bonner Parlamentarischen AA-Staatssekretärs zu tun sich getraut: dieser verwirrten Partei beizubringen, »daß es um Deutschland geht«; daß sie zwischen Noch-nicht und Nicht-mehr unversehens etwas geworden ist, was sie so noch nie war und so auch nie wieder sein wird: das Waagscheisserle der Nation.

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