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Eine große Chance?

Wie die israelische Regierung das Angebot auf Verständigung mit dem Erzfeind Syrien verstreichen ließ
aus DER SPIEGEL 4/2007

Alles begann mit einem Zufall. Als der syrische Präsident Baschar al-Assad im Januar 2004 die Türkei besuchte, wohnte im selben Hotel in Istanbul ein Israeli, der Diplomat Alon Liel, ehemals Generaldirektor im Jerusalemer Außenministerium mit besten Beziehungen im türkischen Außenamt.

Wenige Tage später übermittelten türkische Diplomaten eine Botschaft des syrischen Präsidenten an Liel: Assad wolle die Friedensverhandlungen seines verstorbenen Vaters wieder aufnehmen. Die Regierung in Jerusalem erteilte offiziellen Gesprächen jedoch eine Absage - aus Rücksicht auf die Amerikaner, wie es hieß.

Daraufhin beschloss Liel, im Verborgenen zu verhandeln. Er hoffte, ein ausgehandeltes Dokument werde seine Regierung am Ende überzeugen. Die syrische Seite vertrat Ibrahim Suleiman, ein in Washington lebender Geschäftsmann, der aus demselben alawitischen Dorf stammt wie Präsident Baschar al-Assad.

Um sicherzustellen, dass die eine Seite der anderen trauen konnte, brauchten die Unterhändler einen neutralen Vermittler: Europäer sollte er sein, möglichst aus einem Land abseits der Weltpolitik. Man stieß auf Nicolas Lang, den Nahost-Beauftragten im Schweizer Außenministerium. Lang hatte schon bei der Entstehung der Genfer Initiative Pate gestanden, einem Friedensplan pragmatischer Israelis und Palästinenser, der allerdings fruchtlos blieb.

Zwei Jahre lang trafen sich die Unterhändler regelmäßig an geheimen Orten, meistens in der Schweiz. Bereits im Sommer 2005 einigten sie sich auf ein sechs Paragrafen umfassendes Dokument, in dem vor allem das Ausmaß der syrischen Zugeständnisse überrascht: Zwar würde Israel die Golanhöhen an Syrien zurückgeben müssen, im Gegenzug aber würde der Golan entmilitarisiert und zum größten Teil in einen Nationalpark umgewandelt, zu dem auch Israelis Zugang bekämen. Das Wasser aus dem Jordan und dem See Genezareth würde ebenfalls unter israelischer Kontrolle bleiben. Außerdem verpflichtet sich Damaskus, die Unterstützung für Hamas und Hisbollah einzustellen. Das war beachtlich.

Das israelische Außenministerium sei über jedes einzelne Treffen informiert worden, sagte der Verhandlungsführer Liel dem SPIEGEL. Mindestens fünf hochrangige Beamte des Außenministeriums hätten stets Bescheid gewusst. Auch der außenpolitische Berater von Ministerpräsident Ehud Olmert sei informiert worden. »Zwei Jahre lang haben wir uns darum bemüht, die israelische Regierung davon zu überzeugen, dass Assad verhandeln will«, berichtet Liel.

Der Schweizer Vermittler Lang bestätigte bei einem Besuch in Jerusalem, dass die Syrer es ernst meinten. Er hatte in Damaskus mit Vizepräsident Faruk al-Scharaa und Außenminister Walid Muallim gesprochen.

Wie ernst die Syrer es meinten, zeigte sich während des Libanon-Kriegs im Sommer 2006. Damaskus schlug damals ein offizielles Treffen beider Seiten vor. Daran sollte ein syrischer Vizeminister und der Generaldirektor des israelischen Außenministeriums teilnehmen. Doch als Liel in Jerusalem nachfragte, erntete er eine Absage. Die Syrer brachen die Kontakte ab.

Als die israelische Tageszeitung »Haaretz« in der vergangenen Woche erstmals über die Geheimgespräche berichtete, dementierte Ministerpräsident Olmert, dass er davon gewusst habe. Liel habe »mit sich selbst geredet«, kanzelte er den Ex-Diplomaten ab. Zuerst müsse Damaskus die Unterstützung für Hisbollah und Hamas beenden, dann könne verhandelt werden.

Die israelischen Unterhändler haben intern jedoch andere Gründe für Olmerts Absage gehört: Die Mehrheit der Israelis sei gegen eine Rückgabe der Golanhöhen, und Olmert fühle sich nicht stark genug, darüber zu verhandeln. Druck komme auch von der amerikanischen Regierung, die Syrien noch immer als »Schurkenstaat« betrachte.

»Ich gehöre nicht zu denen, die die Welt in Gut und Böse unterteilen«, sagt Generalmajor Uri Sagi, der ehemalige Chef des israelischen Militärgeheimdienstes, der bei den Geheimgesprächen dabei war. Sagi hat schon einmal einen Ministerpräsidenten erlebt, den in der entscheidenden Verhandlungsphase der Mut verließ.

Im Jahr 2000 reiste er mit Ehud Barak nach Washington, um dort mit dem Vater des jetzigen Präsidenten, Hafis al-Assad, zu verhandeln.

Auch damals hatten sich die Syrer erstaunlich flexibel gezeigt, Barak aber fürchtete die Reaktion der israelischen Öffentlichkeit. »Eine große Chance war vertan worden«, erinnert sich Bill Clinton in seinen Memoiren.

CHRISTOPH SCHULT

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