Zur Ausgabe
Artikel 39 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Eine hirnlose Kampfmaschine«

SPIEGEL-Report über die Krise in der Bundeswehr Frustrierte Kommandeure, kaum motivierte Soldaten, überzüchtete Technologie, kleinkariertes Bürokratentum, knappe Kasse: Personell und finanziell treibt die Bundeswehr in ihre bislang schwerste Krise. Die Jubel-Hymnen zu ihrem 25. Geburtstag überspielen gravierende Schwächen. Vom »Staatsbürger in Uniform« ist keine Rede mehr.
aus DER SPIEGEL 46/1980

Der Bundeskanzler verlangte Auskunft ohne Wenn und Aber. Gibt es in der Welt eine Armee, die besser ist als die Bundeswehr, wollte er von seinem ranghöchsten Soldaten wissen.

Der Generalinspekteur antwortete so knapp wie befohlen: »Nein, Herr Bundeskanzler.«

Von den Generals-Kameraden wegen dieser allzu positiven Einschätzung zur Rede gestellt, verteidigte Jürgen Brandt sich später mit dem Hinweis, wenn man sich kurz fassen müsse, könne man gar nicht anders antworten.

In der letzten »Information für die Truppe« zählt der Vier-Sterne-General die Gründe für seinen Stolz auf: Im Ausland werde die Bundeswehr anerkannt und »gelegentlich bewundert«, ihr inneres Gefüge sei »intakt und modern«, und ihre materielle Ausstattung habe »keinen Vergleich zu scheuen«.

Von ähnlicher Qualität sind die Reden, die Politiker und Militärs in dieser Woche auf den Jubelveranstaltungen »25 Jahre Bundeswehr« halten werden. Von Polizeihundertschaften vor Demonstranten geschützt, sollen in Bonn und Hannover, in Stuttgart und München Tausende Wehrpflichtige zwischen feierlichem Gelöbnis und Großem Zapfenstreich erfahren, daß sie in der »besten Armee der preußisch-deutschen Geschichte« (Helmut Schmidt) zu dienen die Ehre haben.

Die Alltagswirklichkeit in den Kasernen unterscheidet sich von diesen Militärschauspielen mit geladener Prominenz wie Karl-May-Festwochen von einer Galainszenierung der New Yorker Metropolitan Opera.

Die Bundeswehr treibt im Jubiläumsjahr personell und finanziell in ihre bisher schwerste Krise. Frustrierte kommandieren Unmotivierte. Auftrag und Mittel stimmen nicht mehr überein. Technische Erfordernisse sprengen althergebrachte hierarchische Strukturen. Der permanente Wechsel zwischen Über- und Unterforderung entlädt sich in Verweigerung und Alkoholgelagen.

Zusätzlich verunsichert werden viele Uniformierte durch die schlichte Frage, ob das militärische Gepränge noch zeitgemäß ist und die an Reichswehr und Hitler-Wehrmacht anknüpfenden Traditionsspielchen wirklich notwendig sind.

Die Wehrpflichtigen, von ihren Vorgesetzten im Stich gelassen, verstehen nach den Bremer Krawallen nicht mehr, was um sie herum vorgeht. Auf Glanz und Gloria erpichte Generale sehen plötzlich die heiligsten Güter der Nation in Gefahr.

Entsetzt hielt Oberst Dietrich Genschel, Verbindungsoffizier des Verteidigungsministeriums zum Kanzleramt, in einer Aktennotiz fest, trotz jahrelangen Buhlens der Sozialdemokraten um die Soldaten werde »besonders bei Offizieren neuerliches Mißtrauen gegen die SPD als Partei« spürbar. »Und je höher der Dienstgrad, desto stärker.«

Die bundesdeutsche Armee, die im Fackelschein so schön im Gleichschritt marschiert, ist außer Tritt geraten.

Doch statt, wie in einer demokratischen Gesellschaft notwendig, offen über Mißstände und ihre Ursache zu S.44 diskutieren, flüchten sich Politiker und Militärs in eine Trotzhaltung. Die durch die Raketenaufrüstung in Ost und West neu entflammte Debatte über Sinn und Zweck des Militärs im Atomzeitalter blocken sie mit militärischchristlichem Zeremoniell ab. Kommando: Helm ab] -- Zum Gebet] -- Choral: Ich bete an die Macht der Liebe.

Und was der sozialdemokratische Verteidigungsminister Helmut Schmidt seinen Generalen vor zehn Jahren noch verweigerte, sein Lieblingsschüler Hans Apel gewährt es ihnen: Die »Bewährungsabzeichen alter Art«, vom einstigen Heeresinspekteur Albert Schnez 1969 in einer Studie gefordert, heißen nun Ehrenkreuze.

Die Krise 1980 kündigt keine »Tendenz zum Staat im Staate« an, wie der ehemalige Wehrbeauftragte Hellmuth Heye 1964 befürchtet hatte. Ihre Symptome sind vielschichtiger und weniger schlagzeilenträchtig als die Affären um Generale, Hauptleute und Leutnants Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre.

Generale wie Heinz Trettner, Albert Schnez und Hellmut Grashey sind längst vergessen: Sie haben sich mit ihren Forderungen nach Gewerkschaftsverbot in den Kasernen (Trettner) und nach einer Militarisierung der Gesellschaft (Schnez) nicht durchsetzen können. Und auch die innere Führung ist bisher nicht, wie Grashey es meinte, offiziell zur »Maske« erklärt worden. Aber sie verkümmert zu einem »Seid nett zueinander«.

Die Hauptleute von Unna, die 1971 eine schärfere Gang- und Tonart forderten, haben sich ebenso angepaßt wie die Leutnants 1970, die einen auch politisch mitbestimmenden Soldatentyp als Ideal verkündeten.

Die Krise 1980 ist vor allem im Atmosphärischen spürbar. Das Klima in den Streitkräften, so der ehemalige Generalinspekteur Ulrich de Maiziere vor einem Jahr in einem Kommissionsbericht für den Verteidigungsminister, »ist kühler, zuweilen sogar kalt« geworden.

Hauptbetroffene sind die Wehrpflichtigen. Zwei von drei würden, wie Untersuchungen des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr ergeben haben, die Armee lieber heute als morgen verlassen. Sie rücken zwar nicht freudig, aber doch meist guten Willens ein. Am Ende der Dienstzeit beklagt über die Hälfte von ihnen die sinnlos vertane Zeit. Für Offiziere und Unteroffiziere fallen ihnen vorwiegend Attribute wie »engstirnig, obrigkeitshörig und disziplinversessen« ein.

Sicher ist ein Teil der Schwierigkeiten der Bundeswehr -- wie in der übrigen Gesellschaft auch -- auf die Technik zurückzuführen, die keiner mehr so recht überschaut, die vielen sogar unheimlich ist. Christ- und sozialdemokratische Verteidigungsminister haben jahrelang dem Drängen der Militärs nach immer komplizierteren Waffensystemen nachgegeben. Die Truppe muß nun damit fertig werden. Bei nur 15 Monaten Wehrpflicht ist sie vor eine schier unlösbare Aufgabe gestellt und zunehmend zu einem Reparatur- und Putzverein geworden.

Über die Hälfte der Dienstzeit muß, wie Studien ergeben haben, geschrubbt und geölt, instandgesetzt und ausgewechselt werden. Technische Effizienz ist zum alleinigen Maßstab geworden.

Die dreckigste Arbeit bleibt den »Rotärschen«. Die Rekruten mit der kürzesten Dienstzeit werden nicht nur von den Vorgesetzten geschunden, sondern auch von den Kameraden, die mehr Tage abgehakt und unter sich ihre eigene Hierarchie gebildet haben: Vize-Reservisten-Anwärter, Vize-Reservisten, Reservisten.

Seit Jahren stellen zudem Kommissionen und Gutachter eine ständige »personelle Überforderung« fest. Während in Stäben und Schreibstuben Dutzende hochbezahlter Offiziere Däumchen drehen und Vorschriften aushecken, müssen in der Truppe zwei Soldaten die Arbeit von drei verrichten. Rund ein Drittel der Angehörigen der Kampf- und Unterstützungseinheiten fallen für den täglichen Dienstbetrieb S.46 aus. Sie sind auf Schulen oder in Lehrgängen, krank oder in Urlaub.

Der Kommandeur einer in Norddeutschland stationierten Panzerbrigade wollte es vor zwei Jahren genau wissen. Ohne Voranmeldung reiste er zu einer Einsatzkompanie und ließ sie zur Gefechtsausbildung antreten.

Das Ergebnis war katastrophal: Für keinen der Panzer gab es eine komplette Vier-Mann-Besatzung. Im Ernstfall hätten nur zwei Drittel der fahrbereiten »Leopard«-Panzer ausrücken können.

Inzwischen hat sich die Lage noch verschlechtert. Von 100 Offiziers- und Unteroffiziersstellen sind in den meisten Divisionen rund 20 nicht besetzt. Oberstleutnant Dieter Dietrich: »Sogar der Ausfall von 40 Prozent der Soldaten ist keine Seltenheit.«

Über die möglichen Konsequenzen -- Auflösung und Neuformierung einiger Einheiten als Kader, die nicht unbedingt sofort marschbereit sein müssen, soll nun im nächsten Jahr »ohne Tabu« gesprochen werden. »Bis dahin«, so ein Bataillonskommandeur aus dem Fränkischen, »wird weitergewurstelt.«

Auch das vom ehemaligen Generalinspekteur Ulrich de Maiziere und dem aktiven Panzergeneral Franz Uhle-Wettler kritisierte »Übermaß an Technik« hat die mit Milliarden verhätschelten Spitzen-Militärs bisher nicht davon abbringen können, ständig neue Forderungen zu stellen: mehr Panzer, mehr Flugzeuge, mehr Schiffe, obwohl sie schon heute nicht mehr wissen, wie sie ihre Wunderwaffen bedienen sollen.

Auf der Strecke bleiben Ausbildung und Motivation der Soldaten. Die Bundeswehr, so schrieb ein Fregattenkapitän bissig, degeneriert zu einer »politisch hirnlosen Kampfmaschine«.

Gedrückt ist jedoch nicht nur die Stimmung unter den Wehrpflichtigen. Betrogen um die ihnen beim Eintritt in die Streitkräfte versprochenen Aufstiegschancen, versehen viele Offiziere und Unterführer nur noch mißmutig ihren Dienst oder handeln nach dem Motto: nicht auffallen, nur tun, was ausdrücklich von oben befohlen wird.

Der ungünstige Altersaufbau, eine Folge des Zweiten Weltkriegs und des überstürzten Aufbaus der neuen deutschen Streitkräfte, hat zu einem Verwendungs- und Beförderungsstau geführt, der in den nächsten Jahren eher zu- als abnehmen wird.

Die Folgen sind ein überängstliches Anpassungs- und Absicherungsverhalten bei den auf Karriere bedachten Chancenlosen. Ist eine Inspektion angesagt, pumpen sich Kompaniechefs und Bataillonskommandeure, statt die Mißstände offenzulegen, bei ihren Nachbareinheiten intaktes Gerät, um hundertprozentige Einsatzbereitschaft vorzutäuschen. Von oben verlangte Meldungen, über ein Dutzend am Tag, werden auf dem Papier kurzerhand »stimmig« gemacht, wie es im Bundeswehr-Jargon heißt.

Helmut Ganser, bis 1977 aktiver Hauptmann und Herausgeber des Buches »Technokraten in Uniform«, sieht weit und breit keine Staatsbürger in Uniform mehr, wie sie einst Generalen wie Wolf Graf von Baudissin und Ulrich de Maiziere vorschwebten. Bürokraten und Technokraten in Uniform gängeln durch Hunderte von Befehlen nicht nur die Wehrpflichtigen, die »Statisten in Uniform«, sondern auch die letzten noch auf Eigeninitiative und Eigenverantwortung bauenden Hauptleute und Feldwebel.

Der Kommandeur eines Panzerbataillons müßte heute 5800 Vorschriften kennen, wenn er nicht irgendwann einmal -- schädlich für die Karriere -anecken will. Seine Vorgesetzten können im Zweifelsfall immer auf ihre bürokratisch verschlüsselten Befehle verweisen. Ermessensspielraum bleibt ihm so gut wie keiner.

Die Reglementierung nimmt oft groteske Formen an. Der in einem »Leopard 2«-Panzer sitzende wehrpflichtige Richtschütze muß auch unter extremen Bedingungen selbständig und präzise arbeiten wie ein jahrelang ausgebildeter Facharbeiter. Richtet er die 120-mm-Glattrohr-Kanone auch nur zehn Grad zu hoch, verfehlt das Geschoß sein Ziel um fünf Kilometer. Will er aber bei warmem Wetter den obersten Hemdenknopf öffnen, muß er seinen Vorgesetzten um Erlaubnis bitten.

Das »Befehl ist Befehl« tritt in der Bundeswehr nur in Ausnahmefällen außer Kraft: »Fällt der Soldat ins Wasser, beginnt er selbständig mit den Schwimmbewegungen.«

Kleinkariertes Bürokratentum, hierarchisches Denken und technisches Effizienz-Bewußtsein ersticken in der Bundeswehr 25 Jahre nach ihrer Gründung jeden Versuch einer Änderung. Minister und Abgeordnete debattieren so intensiv über Socken, Pullover und Stiefel, daß ihnen für grundlegende Überlegungen zur Strategie und Struktur kaum Zeit bleibt.

Dienstaufsicht, befand der Generalinspekteur, darf den Untergebenen nicht in eine »permanente Prüfstand-Kontrolle« zwingen. Er verbot in einem Kommandeurs-Brief »rüden Ton und verletzende Umgangsformen«. Der an Mitsprache- und Mitwirkungsmöglichkeiten in Schule und Arbeitswelt gewöhnte Wehrpflichtige dürfe nicht zu »Handlangerdiensten und Gefälligkeitsverrichtungen genötigt« werden, sondern müsse bei Dienstantritt behutsam in seine neue, auf Befehle und Gehorsam gegründete Umwelt eingeführt werden: »Der beste Schlüssel, um Untergebene kennenzulernen und Vertrauen zu gewinnen, ist das persönliche Gespräch.«

Ein halbes Jahr später -- er hatte ohne Widerspruch des Ministers die Führungsgehilfen der Kommandeure gerade in Führergehilfen umgenannt -befahl Generalinspekteur Brandt »Ganze Abteilung -- kehrt]«

Von kooperativem Führungsstil, von Gehorsam aus Einsicht war plötzlich keine Rede mehr. »Mit Sorge stelle ich fest«, vergatterte Brandt die bundesdeutsche Generalität, »daß Vorgesetzte schlaffes Auftreten, uneinheitlichen und vorschriftswidrigen Anzug, Nachlässigkeit bei Meldungen und Ungenauigkeit in Diensthandlungen oft kritiklos hinnehmen. Ich erwarte von jedem Vorgesetzten, daß er gegen jede Mißachtung militärischer Formen einschreitet.« S.47

Der Generalinspekteur, von Amts wegen militärischer Ratgeber der Bundesregierung, holte die alten, für eine mit Technik überfrachtete Armee völlig unbrauchbaren Rezepte wieder aus der Schublade: »Bei allen Gelegenheiten des täglichen Dienstes ist das Üben militärischer Formen und Bewegungen sinnvoll einzubeziehen.«

Die Anpassung des Bundeswehr-Führungsstils an die Erfordernisse einer modern ausgerüsteten Armee, so Heeresinspekteur Poeppel kürzlich in kleinem Kreis, ist »nicht mit links- und rechtsum zu machen«. Die Bundeswehr brauche angesichts des Wandels von Technik und Taktik neue Impulse. »Wir hinken hinterher und bringen die Kraft der Räder nicht auf den Boden.«

Derlei Einsichten sind bisher weder der politischen Führung noch den im Verteidigungsausschuß sitzenden Abgeordneten Anlaß zu gründlichem Nachdenken gewesen. Der vom damaligen Verteidigungsminister Schmidt eingeleitete Reformkurs wurde von seinen Nachfolgern Georg Leber und Hans Apel nicht durchgesetzt. Die mit Anregungen unabhängiger Fachleute vollgestopften Bücher zur Bundeswehr-Reform verstauben in den Archiven des Verteidigungsministeriums.

Daß die in den kommenden Jahren zu erwartende Geldknappheit (SPIEGEL 44, 45/1980) die Militärs zum Umdenken zwingt, ist nicht zu erwarten. Statt sich, wie die Engländer, Gedanken darüber zu machen, wie man mit einfacheren Waffen und besser ausgebildeten und motivierten Soldaten die Aufgaben vielleicht besser erfüllen kann, rangeln stellvertretend für ihre Vorgesetzten hochdotierte Generale öffentlich um den größten Anteil am kleiner werdenden Kuchen.

Das Heer glaubt, die Luftwaffe brauche zu viel Geld. Die Marine wiederum weiß nicht, wie sie ihren im Nordmeer erweiterten Einsatzradius finanziell abdecken soll.

Verbittert über die Entwicklung der letzten Jahre, mahnte Graf Baudissin in dem Buch »Die zornigen alten Männer« Politiker und Parteien, endlich die Clausewitz-These vom politischen Charakter alles Militärischen ernst zu nehmen: »Sie müssen der Versuchung Herr werden, in der Bundeswehr zunächst ein kompaktes Wählerreservoir zu sehen, dem man nicht weh tun darf.«

Und Helmut Ganser zieht nach zehn Jahren Alltagserfahrung in der Armee den Schluß: »Eine starke politische Leitung, die mehr als nur halbherzige und kosmetische Reformen durchsetzt, ist heute notwendiger denn je.«

Sonst nämlich, befürchtet er, schaffen sich die Wehrpflichtigen »mehr und mehr ein eigenes Feindbild; nämlich das eigene Militärsystem und seine Symbole«.

S.42Oben: Verteidigungsminister Blank (r.) überreicht am 12. November1955 den ersten Generalleutnants der Bundeswehr, Heusinger (l.) undSpeidel, die Ernennungsurkunden. Unten: Im Nato-Manöver »Reforger80«.*S.44Traditionelle Gratulation nach dem ersten Allein-Flug durchHandschlag aufs Gesäß.*S.46Auf dem Zerstörer »Bayern«.*

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 39 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.