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ÖSTERREICH Eine in die Gosch'n

Frauen verlangen mehr Rechte. Ein Volksbegehren bringt die politische Männerwelt in Zugzwang.
aus DER SPIEGEL 16/1997

Als »blaustrümpfig, schiach und frustriert« seien Feministinnen in Österreich verunglimpft worden, sagt die Filmemacherin Käthe Kratz. Attraktive Karrierefrauen, die alles schaffen - Mutter, Geliebte, Managerin -, galten lange als »lebende Beweisführung, daß sich besondere Frauenforderungen erübrigt hätten«. Doch jetzt, da Wirtschaftskrise und Sozialabbau Frauen stärker als Männer treffen, rührt sich neuer Kampfesmut gegen die Zurücksetzung.

Höchste Zeit für Frauen-Power also, denn noch immer verdienen Österreichs Frauen 27 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, so daß auch die Höhe der Renten weit auseinanderklafft. Und in den politischen wie wirtschaftlichen Machtpositionen regieren auch nach 27 Jahren sozialdemokrati- scher Kanzlerschaft fast ausschließlich Männer.

Sparpakete der Großen Koalition hatten die Frauenpolitik im vergangenen Jahr auf den Tiefpunkt gebracht. »Entweder es geht wieder zurück an den Herd, oder wir schaffen den neuen Aufbruch«, so die Journalistin und Buchautorin Eva Rossmann, die sich einen Namen machte, indem sie das Macho-Gehabe österreichischer Parlamentarier bloßstellte.

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Elfriede Hammerl, gleichfalls als scharfzüngige Kolumnistin des Alltags im Patriarchat bekannt, steht Rossmann nunmehr im Mittelpunkt eines Volksbegehrens, dessen Text acht Tage lang, bis Montag dieser Woche, in Österreichs Ämtern ausgelegen hat. Wenn das Papier von 100 000 Befürwortern unterzeichnet worden ist, muß das Parlament sich mit den Forderungen beschäftigen.

Dazu gehören ein Mindesteinkommen von 15 000 Schilling (2140 Mark), ein Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit für Eltern von Kleinkindern sowie qualifizierte Kinderbetreuung. Staatliche Aufträge sollen nur noch Unternehmen erhalten, die eigene Pläne für die Förderung von Frauen ausgearbeitet haben.

Das Programm wurde von den Initiatorinnen mit feinem Gespür für Öffentlichkeitsarbeit aufbereitet. Bei einem Auftritt im Wiener Republikanischen Klub schnitten Hammerl und Rossmann mit Schalk in den Augen einen selbstzubereiteten Braten an. Ihre Botschaft: Auch Feministinnen können kochen - und sich verulken.

Prominente Künstlerinnen sprangen ein. »Kein vernünftiger Mann« wolle doch behaupten, er könne das Volksbegehren nicht unterschreiben, sagte die Schriftstellerin Christine Nöstlinger.

Die angesprochene Spezies Mensch bestätigte dies im Wiener Kindergarten Villa Kunterbunt. »Während Frauen Geld weggenommen wird, werden im Gesundheitswesen sehr viele Finanzmittel vergeudet«, erklärte der Gynäkologe Volker Korbei. Der Autor Johannes Mario Simmel fehlte zwar bei dem Solidaritätstreffen, ließ aber ausrichten: »Wenn es einen Stärkeren gibt, bin ich auf der Seite der Schwächeren.«

75 Prozent aller wahlberechtigten Österreicherinnen, aber auch 43 Prozent aller Österreicher befürworten nach den letzten Meinungsumfragen die Initiative. Mehr als eine halbe Million Unterschriften dürften zusammenkommen. Solche Zustimmung »bestätigt, daß die Empörung viel größer ist, als die meisten Verantwortlichen in diesem Land bislang wahrhaben wollten«, meint Hammerl.

Während die konservative Österreichische Volkspartei (ÖVP) die Initiative anfangs »gleich im Keim ersticken« wollte, werben jetzt alle Parteien um die Frauengunst. »Diese Anliegen brauchen Schubkraft«, fordert Parlamentspräsident Heinz Fischer, der auch Vizechef der Sozialdemokraten ist. Zeitgleich mit dem Volksbegehren hielt vergangene Woche die SPÖ ihren Parteitag ab und kürte den neuen Kanzler Viktor Klima zum Parteichef - prompt geißelte er das »Paschatum daham«, doch den weiblichen Delegierten war das zuwenig. »Wir wollen die Umverteilung der unbezahlten Arbeit«, forderte die neue Parteivize Renate Branner. Selbst Jörg Haiders rechtspopulistische Freiheitliche wollten sich schon an die Initiative hängen, bis sie merkten, daß die Vorgaben des Volksbegehrens ihrem Bild von der Mutterrolle der Frau keineswegs entsprechen.

Eine Affäre um den Ehemann der neuen Frauenministerin Barbara Prammer, der an seinem Arbeitsplatz als Jugendschutzreferent in der Linzer Arbeiterkammer eine Mitarbeiterin sexuell bedrängt haben soll, brachte noch zusätzlichen Auftrieb.

Die Politikerin kam nicht umhin, ihren Mann öffentlich um eine Entschuldigung

zu bitten. Das subjektive Empfinden der Frau müsse in jedem Fall Vorrang haben.

»Man soll«, so Ministerin Prammer, »einer sexuell belästigten Frau nicht aufbürden, detaillierte Beweise erbringen zu müssen, sondern es muß bewiesen werden, daß sie nicht belästigt wurde.« Die Parteinahme mehrte ihre Popularität.

Nur vereinzelt empören sich Machos über die angeblich männerfeindlich werdende Stimmung im Land. Er könne nicht einsehen, »warum die Männer immer eine in die Gosch''n kriegen«, erklärte Ex-Rennfahrer Niki Lauda.

Dem Kulturchef der Tageszeitung DER STANDARD, Peter Vujica, bekam es schlecht, daß er sich in Ironie versuchte. Er werde an »Damen meines Bekanntenkreises künftig grußlos vorübergehen« und mit ihnen »nur noch schriftliche Kontaktaufnahme« pflegen, um dem Vorwurf der sexuellen Belästigung zu entgehen, sagte er; außerdem sei er für »Trennung der Geschlechter in allen Berufs- und Lebensbereichen«. Die kühle Erwiderung der Damen: Diese Trennung sei in seinem Ressort doch schon vollzogen, »Männer sind Redakteure, Frauen Sekretärinnen«.

Es mache Spaß, »wenn sich die richtigen Männer vor uns fürchten«, so die Aktivistin Rossmann. Doch die breite öffentliche Zustimmung zum Volksbegehren ändert nichts an ihrer Einschätzung, »daß sich jetzt viele Männer einfach verkriechen und glauben, uns aussitzen zu können«.

Sollte der Unterschriftenerfolg im Parlament folgenlos zerredet werden, könnten die Vorkämpferinnen des Volksbegehrens zum nächsten Schlag ausholen und eine eigene Frauenpartei gründen. Laut Meinungsumfragen dürfte sie mit zwölf Prozent Wähleranteil rechnen.

* Vor dem Parlament in Wien.

H. P. Martin
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