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»Eine Intrige kostet 23 Pfennig«

Henning Voscherau, der mächtigste Mann der Hamburger SPD, will Dohnanyis Nachfolger werden *
aus DER SPIEGEL 20/1988

Das läßt mich kalt«, sagt Henning Voscherau, 46, Vizechef der Hamburger SPD, besonders gern. Stets sucht der jugendlich wirkende Jurist beherrschte Überlegenheit zu zeigen, planvoll und kalkuliert zu handeln.

Als ihm ein Vertrauter aus dem Rathaus die Rücktrittserklärung Dohnanyis überbrachte, war Voscherau, verblüfft zumindest über den Zeitpunkt, erst mal »der Unterkiefer runtergeklappt«. Der Wortführer des mächtigen Mitte-Rechts-Lagers der Hanseaten-SPD sah sich plötzlich im Rampenlicht - als einzig aussichtsreicher Kandidat für das Amt des Hamburger Regierungschefs, auch von Dohnanyi so gewollt.

Der spröde Stratege weiß, daß er in der Partei die Mehrheit hinter sich hat. Doch viele frösteln bei dem Gedanken, daß der coole Voscherau, ein Freund der Zweideutigkeiten, der sich meist mit einer Aura von Geheimnistuerei umgibt, demnächst Oberhaupt des Stadtstaates werden wird - er ist ihnen nicht geheuer.

»Was will Voscherau?« rätseln seit Jahren schon die Lokaljournalisten über die Absichten des schmächtigen, aber hartschaligen Pragmatikers. Der »Spargeltarzan« ("taz"), der »knallharte Taktiker der Macht« ("Hamburger Abendblatt") irritiert Freund und Feind. »Verliebt in seine taktischen Mätzchen«, klagte einst CDU-Oppositionsführer Hartmut Perschau, selbst kein Warmblüter, produziere Voscherau »ein distanziertes, eisiges Klima«.

»Mit seiner ganzen Persönlichkeit«, spotten Hamburgs Grün-Alternative, stehe der fintenreiche Fraktionsstratege »für Subversivität, Sozialdemokratität, Salamitaktik und Sachzwang«. Auch auf Genossen wirkt er unheimlich: Als »Spieler«, als »L'art-pour-l'art-Taktiker« charakterisieren ihn viele. Im letzten Frühjahr, Voscherau wurde schon als Nachfolger gehandelt, wandte ein Parteifreund ein, er sehe in ihm »nicht den Mann, dem die Bürger zu Neujahr die Hand schütteln wollen«.

Der Anwurf hat ihn, logo, »völlig kalt« gelassen. »Das sind Klischees von Leuten«, konterte Voscherau kühl, »die in irgendeiner Machtprobe mal verloren haben, weil sie ein bißchen langsamer waren, ein bißchen später aufgestanden sind, ein bißchen schlechter organisieren können.« Kurzum: von Versagern.

Daß er immer flinker war als andere, daran läßt seine Parteikarriere keinen Zweifel. Voscherau, politisch geschult im rechten Hamburger SPD-Bezirk Wandsbek, weiß Schlüsselpositionen zu besetzen. Als neuer Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft saß er sofort im Fraktionsvorstand, zwei Jahre später schon war er stellvertretender Vorsitzender. Den frischgestürzten Bürgermeister Hans-Ulrich Klose stach er 1981 in einer Kampfabstimmung (181 zu 174 Stimmen) als Vizechef der Landespartei aus. Im Jahr darauf übernahm er auch die Fraktion. »Mir macht es Spaß zu gewinnen«, sagt Voscherau.

Unangefochten beherrscht der Kronprinz seither den Machtapparat, kennt wie kein anderer jeden Winkel der Hamburger SPD. Voscherau managt Mehrheiten, abtrünnige Abgeordnete verkrümeln sich bei heiklen Abstimmungen lieber auf die Parlamentstoilette.

»Nach innen«, zur Partei hin, sagt Voscherau, »bin ich vergleichsweise ätzend.« Doch der »Doc Holliday von Wandsbek« (Parteispott) wirkt, als Darling der dominierenden Springerpresse, gern auch nach außen. »Ein rundum tüchtiger Mann«, lobte »Bild«.

Spektakulär gerieten des Zuchtmeisters Auftritte rund ums Parlament, etwa der »Müllkrieg« ("Bild"), den Voscherau, Sproß einer Schauspielerfamilie, 1985 inszenierte. Er kreidete skandalöse Mißwirtschaft der Stadtreinigung dem linksverdächtigen Energiesenator Jörg Kuhbier an, drohte schließlich ("Ich hab's satt") mit Rücktritt und hatte durchschlagenden Erfolg. Die Parteirechte umhegte ihn, Dohnanyi gelobte öffentlich: »Ohne Voscherau kann ich nicht regieren.« Der Hauptdarsteller erwiderte, mit Tränen: »Ich bleibe im Amt.«

Monatelange Verhandlungen über die Bildung einer sozialliberalen Koalition nutzte Voscherau im vergangenen Jahr, um sich auch bei Parteilinken als Gralshüter sozialdemokratischer Grundwerte zu profilieren. Während Koalitionschef Dohnanyi in den Ruch eines »Bürgermeisters der FDP« geriet, pokerte Voscherau um jedes Komma im Koalitionsvertrag. »Der Henning«, freuten sich Genossen, »schiebt den Riegel vor.«

Der Parlamentarier, auf Kontrollrechte pochend, hatte sich zuvor schon als Aufklärer hervorgetan. Er bemühte sich, Verstrickungen von Polizei und Unterwelt zu entwirren. Den »Hamburger Kessel«, die rechtswidrige Einkesselung Hunderter Demonstranten 1986, kritisierte er scharf.

Politische Entwürfe aber scheinen weniger seine Sache zu sein. Der Pragmatiker Voscherau streitet für rigoroses Sparen, für eine effizientere Verwaltungsstruktur; die wirtschaftsfreundliche Standortpolitik Klaus von Dohnanyis stützte er vorbehaltlos. Ideale der Nierentisch-Ära - Ordnung, Disziplin, Überschaubarkeit - sind ihm nah. Um so vehementer stemmte er sich gegen Wünsche linker Sozis, etwa, Hamburg zur atomwaffenfreien Zone zu erklären.

Dem Regierungschef Dohnanyi hielt der Fraktionsdirigent, trotz spürbarer Distanz, meist den Rücken frei. Dem Parteifreund Dohnanyi aber setzte er mächtig zu. Stereotyp verlautbarte Voscherau, gegen Dohnanyi sei er »nicht ausspielbar«. Im vertrauten Kreise aber raunzte er, der adlige »Einzelgänger« solle, seine Parteikenntnisse betreffend, erst mal »Schularbeiten machen«.

Beim Thema Hafenstraße, die Schar der Quertreiber hatte Oberwasser, brach der Konflikt am Ende offen aus. Dohnanyi,

den Voscherau gern seine Macht spüren ließ, bezichtigte den Fraktionschef, an seinem Bürgermeistersessel zu sägen. Der witterte ein »Totschlagsargument« und schmiß die Brocken hin - offiziell war's »eine persönliche Entscheidung für mein berufliches Amt als Notar«.

Tatsächlich jedoch erhielt sich der Hockeyspieler damit jene Beinfreiheit, die ihn über die Jahre mächtig machte. Beständig hatte Voscherau seit 1974 jeden Versuch abgeblockt, ihn mit Senatorenwürden in die Regierungsgeschäfte einzubinden. Von seinem Notarbüro in Rathausnähe aus konnte er nun, als Parteivize und Abgeordneter weiter im Geschäft, in Ruhe die Kohorten ordnen.

Ungeahnt früh hat Dohnanyi den Platz freigemacht. Weil, wie ein SPD-Landesvorständler meint, »wohl kein Depp mehr nach Hamburg kommt«, kann nun Alleinkandidat Voscherau die Bedingungen diktieren. »Als Eigernordwand, in die man Haken einschlägt«, sagt Voscherau, »eigne ich mich nicht.«

Ende letzter Woche bereits wurden beide Parteiflügel mit der geschickt lancierten Ankündigung geschockt, Voscherau wolle vier SPD-Senatoren, zwei rechts, zwei links, entlassen. Der ließ kurz darauf entsprechende Meldungen durch den getreuen Fraktionschef Paul Busse als »reine Erfindung« dementieren, erklärte sodann definitiv seine Bereitschaft: »Ich ziehe den Karren, wenn der Karren es will - und wenn er mit beiden Rädern in ein und dieselbe Richtung mit mir will.«

Voscherau ist wohlvertraut mit der »unglaublich zerstörerischen Wirkung von Obstruktion« - zum Ortstarif. Er weiß: »Eine Intrige kostet 23 Pfennig«, und muß nun fürchten, sich als Bürgermeister selbst in Fallstricken von Genossen seines Schlages zu verheddern.

Anders als mancher SPD-Enkel kann der forsch-frostige Voscherau, ein später Verehrer Helmut Schmidts, nicht auf Charisma und Visionen setzen. »Ich eigne mich nicht zur Beweihräucherung«, so seine Analyse, auch Hamburg befinde sich »nicht in einem Zustand, der Begeisterung auslösen kann und wird«.

Da er jedoch nicht als »Ersatzverlierer« (Voscherau) antreten mag, bei der nächsten Wahl, 1991, »richtig gewinnen« will, muß er die Partei disziplinieren, das komplizierte Machtgefüge, auch im Senat, weiter zu seinen Gunsten verändern. In Anlehnung an den Wahlkampf-Slogan der Kieler Genossen spöttelt Voscherau: »Zeit zum Aufklaren.«

Um »nicht erpreßbar« zu erscheinen und Skeptiker kleinzuhalten, müht sich der Machtmensch, siegesgewiß, sein Interesse am Job des Stadtkommandanten herunterzuspielen. »Ich habe die Schattenseiten voll drauf«, verkündet er, »Glanz und Gloria gibt mir nichis.« Und, typisch Voscherau: »Das Podest läßt mich völlig kalt.«

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