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»Eine kalte Dusche genügt nicht«

Wasserwerfer - ein polizeiliches »Hilfsmittel der körperlichen Gewalt« *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Die Wasserwerfer der westdeutschen Polizei sind solide Wertarbeit: Die Fahrgestelle stammen von Daimler-Benz, die Aufbauten von dem Karlsruher Feuerwehr-Ausstatter Metz. Der Zehn-Zylinder-Dieselmotor des Spitzenmodells »Wawe 9« (Stückpreis: rund 800 000 Mark) mit seinen 320 PS bringt das 26 Tonnen schwere Gefährt auf fast hundert Stundenkilometer, die Pumpe kann bei einer Maximalleistung von 16 bar pro Minute 2200 Liter Wasser aus zwei drehbaren Rohren verschießen, der Strahl reicht 65 Meter weit.

Mit voller Pulle wirkt der Wasserstrahl, wie Strömungsmechaniker errechnet haben, aus drei Metern Entfernung wie eine Kraft von 25 Kilogramm auf einer Fläche von zehn Zentimetern Durchmesser - knochenbrecherisch. Das Wasser kann zudem mit Reizstoffen angereichert werden.

Die Kraftprotze sind, wie der niedersächsische Innenminister Egbert Möcklinghoff betont, »nicht Waffen im formellen Sinne«. Die Spritzmaschinen der Polizei könnten »auch nicht zu Waffen werden, weil ihre Anwendung nicht auf die Verletzung von Personen gerichtet« sei.

Als bei einer Gorleben-Demonstration im September 1982 Wasserwerfer des Typs »Wawe 6« eingesetzt wurden, trugen vom Wasserstrahl getroffene Atomgegner indes Rippenbrüche, Blutergüsse und Augenverletzungen davon. Anderthalb Jahre später, Karfreitag 1984, als die Polizei die Zufahrt zu einer US-Kaserne bei Bremen von Blockierern freispritzte, erlitt eine Frau schwere innere Blutungen, ein anderer Protestler verließ das Feld mit Nierenprellung und Nabelbruch.

Schon fünf bar reichen aus, um einem Demonstranten den Helm vom Kopf zu reißen oder ihn selbst durch die Luft zu schleudern. Mit derart gedrosseltem Druck können noch in 35 Metern Entfernung protestierende Bürger naß gemacht werden.

Beim älteren »Wawe 4«, bis Ende der siebziger Jahre das Spitzenmodell westdeutscher Wasserwurf-Technik, war das freilich nahezu die Höchstleistung. Polizisten beklagten denn auch, daß das Fahrzeug »bei dieser Reichweite in Steinwurfweite des Störers« bleibe (so der Münsteraner Polizeidirektor Klaus Lehmann). Zudem war der Wasservorrat im 4000-Liter-Tank »bei vollem Strahlrohreinsatz schnell verbraucht«.

Die Folgen bekam die Mannschaft eines »Wawe 4« - Kommandant, Fahrer und zwei Strahlrohrführer - zu spüren, die bei einer Brokdorf-Demonstration im Oktober 1976 »von Demonstranten eingekreist und angegriffen« wurde, wie in einem Bericht der schleswig-holsteinischen Landesregierung dokumentiert wird. Die Besatzung habe sich »in Lebensgefahr« befunden und »mußte durch den zweimaligen Einsatz eines Hubschraubers, der Tränengaswurfkörper zwischen die Demonstranten warf, befreit werden«.

Der »Wawe 6« (Tankinhalt: 6000 Liter) und der »Wawe 9« mit einem Reservoir von 9000 Litern sitzen nicht mehr so schnell auf dem Trockenen. Und anders als beim »Wawe 4«, bei dem die Wasserpumpe an den Fahrzeugmotor gekoppelt war, so daß der Druck beim Anfahren automatisch fiel, haben die neueren Modelle voneinander unabhängige Aggregate - selbst bei voller Fahrt kann der dreiachsige »Wawe 9« noch aus allen Rohren schießen.

Auch beim Einsatz aus dem Stand sind die neuen Wasserwerfer nicht mehr so leicht angreifbar. Zumindest »im vorderen Bereich«, den die beiden Rohre auf dem Dach nicht bestreichen können, »wird der tote Raum durch ein Bugstrahlrohr wirksam abgedeckt«, konstatierte die »Hessische Polizei Rundschau«.

Daß die allradgetriebenen Ungetüme auch in schwierigem Gelände und engen Straßen flink und wendig sind, stellen Polizeimannschaften regelmäßig bei »Wasserwerfervergleichskämpfen« unter Beweis: Mit »Slalom rückwärts«, »seitlichem Einparken«, »gezieltem Strahl gegen ein Objekt« und ähnlichen Geschicklichkeitstests (Beispiel: »Tonne mit Strahl über eine Ziellinie treiben") üben sie für den operativen Ernstfall.

Wie bei einem echten Einsatz die »Hilfsmittel der körperlichen Gewalt« (so die Wasserwerfer-Definition der Polizeigesetze) gebraucht werden dürfen, umschreibt die Polizeidienstvorschrift 122 nur vage mit dem »Grundsatz der Verhältnismäßigkeit«. Insbesondere enthält sie, wie Minister Möcklinghoff erläutert, »keine Regelung über die maximale Höhe des Wasserdrucks bezogen auf bestimmte Distanzen«.

Praktiker wie der Hamburger Hauptkommissar Gerhard Milkereit halten sich daher an Erfahrungswerte: »Der Wasserstrahl muß gegebenenfalls schmerzhaft sein, umwerfen oder verletzen können« - »eine kalte Dusche allein genügt nicht«.

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