»Eine Kraft ganz oben«
Das schwäbische Städtchen Rottenburg hat eine Tradition als Hort der Frömmigkeit. Schon 1828 hatte ein katholischer Bischof dort seinen Sitz. Für Lasterhöhlen wie Spielsalons hatte hier nie jemand viel Verständnis.
Doch ausgerechnet einen Spielsalon wollte der Mann eröffnet sehen, der im Sommer 1988 beim Rottenburger Ordnungsamtschef Eduard Bomm vorsprach. Der schwäbische Beamte lehnte prompt ab - für so etwas sei kein Platz.
Aber der Besucher sei »immer energischer« geworden, erinnert sich Bomm, habe gar - offenkundig wohlinformiert - konkrete Vorschläge gemacht: Im Bahnhofshotel sei doch Platz für ein Roulett - und im Gewerbegebiet auch.
Soviel Hartnäckigkeit war dem Ordnungsamtschef noch nicht begegnet. Doch rauswerfen konnte er den Antragsteller auch nicht. Der Mann war von hohem Rang: ein leitender Beamter vom Landeskriminalamt (LKA) in Stuttgart.
Wie ein Klinkenputzer ging Peter Huth, Dezernatsleiter für operative Ermittlungen im baden-württembergischen Landeskriminalamt, auch in anderen Orten im Schwäbischen für das Glücksspiel hausieren. Im Großraum Stuttgart legte er den Behörden die Begünstigung eines Konzessionärs nahe. Am Bodensee machte er sich höchstpersönlich für verkürzte Sperrzeiten in den Lasterhöhlen stark.
Der hochrangige Kriminalbeamte förderte und deckte damit über Jahre hinweg Kasinos, in denen mit illegalem Spiel Monatsgewinne von mehreren hunderttausend Mark gemacht wurden.
Die Polizeidienststellen vor Ort vergatterten er und ein weiterer LKA-Beamter zum Stillhalten gegenüber den Zockerschuppen. Das LKA sei an Erkenntnissen interessiert.
Die Vorstöße waren von höchster Stelle gebilligt. Ein Netz von 15 Spielhöllen zwischen Bodensee und Stuttgart, gelenkt über Strohleute, sollte nach dem Plan der Ermittler das Ideal-Milieu für Recherchen des LKA abgeben: lauter polizeiliche Verbrecherfallen. LKA-Präsident Ralf Krüger zum Konzept: »Wer aus der Scheiße etwas rausholen will, der muß reingreifen.«
Offenbar haben die Männer vom LKA jedoch zu tief hineingegriffen. Nun interessiert sich die Stuttgarter Staatsanwaltschaft für das schräge Fahndungsprojekt. Gegen Huth und einen weiteren Beamten wird wegen Beihilfe zum illegalen Glücksspiel ermittelt.
Und in Stuttgarter Polizeikreisen ist bereits von sehr viel schwereren Vorwürfen die Rede: LKA-Beamte hätten angeblich bei der Patronage des illegalen Kasino-Betriebes im Lande ganz gut mitverdient.
Wegen der obskuren Verquickung von krimineller und kriminalistischer Aktivität liegt jetzt das LKA mit anderen Polizeibehörden im Hader. In die Affäre gerät mittlerweile aber auch der baden-württembergische Wirtschaftsminister Hermann Schaufler (CDU). Auf seinen Schutz und Rat beruft sich ausgerechnet die Schlüsselfigur der Kungelei, ein Mann aus dem Milieu.
Der Mann heißt Mihail Sainidis, 43. Er war ein paar Jahre lang nicht nur der bestgeschützte Zocker der schwäbischen Provinz, sondern auch ein V-Mann des LKA-Beamten Huth. Dafür, daß der Grieche mit den Ermittlern zusammenarbeitete, bekam er die Möglichkeit, ein ganzes Spielhöllen-Imperium aufzubauen.
Unter den Augen der Ermittler konnte Sainidis mit falschem Spiel in den von der Polizei geförderten Klubs schätzungsweise sechs Millionen Mark verdienen - und er konnte offenbar auch anderen Geschäften ungestört nachgehen.
In Sainidis' Umfeld sollen sich Kokain-Händler, Hehler, Zuhälter und angeblich auch Mafia-Leute getummelt haben. Auch Sainidis, mittlerweile abgetaucht, ist verdächtig, Koks verschoben zu haben.
Die Zusammenarbeit mit dem Mann halten auch die Stuttgarter Staatsanwälte für nicht mehr vom polizeilichen Ermittlungsauftrag gedeckt: Die Erkenntnisse, die Spielhöllen-Boß Sainidis erbracht haben soll, »stehen in keinem Verhältnis zum jahrelangen Gewährenlassen«, meint ein Ermittler.
Anfangs soll der V-Mann durchaus Brauchbares geliefert haben, etwa bei der Aufklärung eines Falschgeld-Deals in Millionenhöhe. Doch bald kam kaum noch etwas Nützliches von Sainidis.
In Polizeikreisen halten sich hartnäckig Gerüchte, daß statt dessen horrende Bestechungssummen die Ermittler dem suspekten Griechen gewogen machen sollten. Möglicherweise seien LKA-Kollegen auch am illegalen Roulett-Gewinn beteiligt gewesen. »Es wäre naiv, anzunehmen«, sagt ein Polizeibeamter, »daß die Kollegen das umsonst mitgemacht haben.«
Jedenfalls lief jahrelang die Zusammenarbeit zwischen Sainidis und den Beamten wie geschmiert: In Freudenstadt im Schwarzwald etwa intervenierte LKA-Mann Huth für seinen Schützling bei der örtlichen Kripo. Sainidis hatte in dem Städtchen seit August 1989 im Kasino »Harlekin« die Roulett-Kugel rollen lassen.
LKA-Dezernatsleiter Huth bedeutete den Kollegen vor Ort, so erinnert sich Inspektionsleiter Robert Trautwein, »daß das LKA ein Interesse hat, daß das Ding läuft«. Die örtliche Kripo verstand das Signal. Sie ermittelte im »Harlekin« fortan nur noch mit gebremstem Eifer.
So konnte die Sainidis-Truppe unter der schützenden Hand der Polizei in Freudenstadt fast zwei Jahre lang unbehelligt die illegalen Spiel-Gewinne einstreichen.
In Dettingen bei Kirchheim unter Teck schaffte es V-Mann Sainidis sogar, unter der Schirmherrschaft des LKA das illegale Spiel fast vier Jahre lang zu betreiben. Der Laden, vollgestellt mit Plüschsofas, war eine Goldgrube: Im fahlen Licht von goldenen Lampenschirmen drängten sich die Zocker bis sechs Uhr in der Frühe um den Roulett-Tisch.
Der kleinwüchsige Sainidis (Szene-Name: »Hoher Absatz"), angetan mit Goldkettchen, Brillanten und hohen Stiefeln, besuchte seine Läden abwechselnd mit einem Mercedes 560 oder einem weißen Nissan Terrano und ließ sich von Bodyguards schützen. Fast jeder seiner Klubs spielte im Schnitt zwischen 100 000 und 200 000 Mark pro Monat ein. Große Summen verstaute der Grieche bar in einem Tresor, den nun die Ermittler versiegelt haben.
Solche Gewinne hätten normalerweise der Polizei von Anfang an Anlaß zum Einschreiten geben müssen. Jeder Türsteher in der Branche weiß, daß die strengen Regeln, die das Bundeskriminalamt den »Unbedenklichkeitsbescheinigungen« (UB) für den streng begrenzten Betrieb privater Kasinos zugrundelegt, erhebliche Gewinne gar nicht ermöglichen.
Gerade »so spannend wie Halma« sei das Spielen nach den UB-Regeln, beschreibt ein Ex-Croupier die Stimmung in legalen Kasinos. Wer seiner Kundschaft Vergnügen und sich selbst Profit garantieren will, muß krasse Verstöße gegen die Spiel-Vorschriften daher von vornherein einplanen.
Deshalb geben Insider einem Spielklub, der neu eröffnet, allenfalls drei Monate: Spätestens dann, so die Regel, seien die Sitten so offenkundig illegal, daß die Polizei komme und den Laden dichtmache.
Ganz anders im Schwäbischen. Im polizeilich geschützten Provinz-Kasino »O. X.« in Dettingen war selbst das mehrfache Aufbegehren des Ordnungsamtschefs Günther Diez gegen den Spielklub nichts wert. Im Herbst 1987 vermerkte der Ordnungsamtsleiter in seinen Akten: »Die Polizei hat Anweisung aus Stuttgart, das Casino bis auf weiteres nicht mehr zu betreten.«
Daß Sainidis, der als Booleur auf der Beschäftigtenliste geführt wurde, keine Sozialbeiträge für das Personal abführen ließ, wie Diez festgestellt hatte, schien niemanden bei der Polizei zu kümmern. LKA-Mann Huth hatte bei der Kripo offenbar gut vorgebaut.
Selbst in der Szene fiel die Spielhölle im Gewerbegebiet allmählich als »Dauerbrenner« auf. Um Mißtrauen gar nicht erst aufkommen zu lassen, gab es schon mal ganz auffällige Polizeieinsätze gegen Sainidis. In Spieler-Kreisen erzählt man sich, wie 1989 der »Hohe Absatz« in Handschellen abgeführt wurde. Tags darauf war er allerdings wieder da.
Ein Mitarbeiter des Beamten Huth machte sich derweil in den Zocker-Schuppen an die Halbwelt heran. Der Mann fuhr mit dem Porsche-Cabrio des LKA vor, mal in Kehl, mal in Freudenstadt, in Stockach oder in Giengen, und stellte sich den Sainidis-Kunden als »Jean-Claude aus Villingen-Schwennigen« vor.
Seine Karriere als Zocker-Boß in der schwäbischen Provinz verdankt der zwielichtige Grieche auch dem Rechtsanwalt Hermann Schaufler, 44, mittlerweile Wirtschaftsminister in Stuttgart. CDU-Mann Schaufler betätigte sich Anfang der achtziger Jahre als Beistand und Berater für Sainidis in einer Reutlinger Kanzlei.
Schaufler, damals Reutlinger CDU-Stadtrat und Landtagsabgeordneter, arbeitete seinem Mandanten verschiedene gewerbe- und baurechtliche Verträge für ein Spielkasino in Reutlingen aus. Er beriet ihn auch bei der Gründung einer GmbH und sprach beim Bürgermeister wegen Räumlichkeiten für Sainidis vor.
5000 Mark in bar schob der Spielkasino-Boß für diese Dienste dann bei der Eröffnung in der Reutlinger Disco »Exzess« über den Tisch. Für den forschen Schaufler ist so ein Vorschuß nichts Unübliches: »Ohne Schuß kein Jus.«
CDU-Mann und Jurist Schaufler - offenbar von Sainidis gezielt wegen seiner guten Kontakte zur Politik ausgewählt - wurde auch noch für weitere Konzessionsträger und für Freunde des Griechen in der Szene tätig. Der Minister erinnert sich ungern: »Das war ein schummriges Zeug.« Weitergehende Kontakte in den letzten Jahren bestreitet Schaufler allerdings. Der Grieche und seine Freunde werden mittlerweile von der Kanzlei des Ex-CDU-Bundestagsabgeordneten Anton Stark vertreten.
Sainidis indessen brüstete sich - bevor er verschwand - häufig mit der Bekanntschaft zum Wirtschaftsminister. Häuptling »Hoher Absatz«, so hieß es bei der Kundschaft, habe »eine Kraft ganz oben«.
Mehrfach, so berichten Ex-Mitarbeiter in den Kasinos, habe Sainidis bei Schaufler angerufen, um wieder einmal »mit ihm gut essen zu gehen«. Mit einer Flasche Schampus unterm Arm habe er sich auch zur »Geburtstagsfeier bei Schaufler« verabschiedet. Engen Vertrauten zeigte der Boß auch einmal ein Foto des Politikers.
»Nach solchen Treffen«, weiß ein ehemaliger Geschäftsführer, »bekamen wir immer wieder Anweisung, an ausgewählten Orten neue Kasinos zu eröffnen.« »Mit oben« sei alles geklärt, teilte der Chef seinen Leuten mit.
Tatsächlich kann es für solche Behauptungen des Griechen eine harmlose Erklärung geben: Er könnte, so mutmaßt ein enger Sainidis-Vertrauter, die früheren Kontakte zu dem Politiker als Legende gebraucht haben. Sainidis' Reklame mit seinen »guten Beziehungen zur Politik« sollte möglicherweise die Mißtrauischen beruhigen, die sich fragten, warum ausgerechnet seine Kasinos nie geschlossen wurden. Der Geschäftsfreund: »Er konnte doch nicht sagen, daß die Polizei alles macht.«
Welche Beschützer auch immer ihre Hand über den Griechen hielten - sie waren allwissend. Wenn sich wirklich einmal eine örtliche Polizeistreife in die Lasterhöhlen verirrte, bekamen die Geschäftsführer rechtzeitig einen Warn-Anruf.
»Um zehn nicht spielen«, hieß es beispielsweise. Pünktlich zu dieser Zeit erschienen die Ordnungshüter auch - und starrten in leere Spielkessel. Der Wink mußte wieder mal »von oben« gekommen sein.
In Balingen und Waiblingen habe das nicht funktioniert, berichtet ein Ex-Geschäftsführer: »Da war die Polizei nicht bestechlich.«
So harte Bezeichnungen für die in der westdeutschen Polizeigeschichte nahezu beispiellose Kungelei mit Kriminellen mögen die Verantwortlichen beim LKA nicht gelten lassen. Das Kasino-Projekt, verteidigt Kriminalamtschef Krüger seine Leute, sei jedenfalls gut gemeint gewesen. Die Salons sollten eine Art Kontakthof für das Einschleusen verdeckter Ermittler sein. Der Rechercheauftrag sollte strikt getrennt bleiben: Die Undercover-Leute vom LKA sollten »oben« die organisierte Kriminalität beobachten, »unten« sollten die Dorfpolizisten gegen das illegale Spiel ermitteln.
Vielleicht, sinniert der Polizeichef Krüger, hätten seine Leute bei einem so schwierigen Ermittlungskonzept gar nicht gemerkt, daß sie es »möglicherweise mit einer Bande von Kriminellen zu tun hatten«.
Wahrscheinlich hat er recht. Auch die Staatsanwälte, die nun den Fall aufklären sollen, vermuten, daß die Ermittler bei V-Mann-Mauscheleien gelegentlich den Überblick über Gut und Böse verloren: »Den LKA-Leuten«, urteilt ein Staatsanwalt, »fehlt jedes Unrechtsbewußtsein.«