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Briefe

Eine Lawine losgetreten
aus DER SPIEGEL 46/1986

Eine Lawine losgetreten

(Nr. 45/1986, Panorama: Kohls »Newsweek«-Interview) *

Wollt Ihr den totalen Kohl? z. Zt. Ibiza HANNO BETTEN

Die Nörgler müssen umdenken - Kohl gewinnt an Konturen. Und Geißler muß aufpassen, daß Kohl ihn nicht von Platz 1 der Hetzer-Hitparade verdrängt. Siegen ULRICH BECKMANN

Warum werfen Sie Herrn Dr. Kohl Instinktlosigkeit vor, wenn doch schon vor der Wende bekannt war, daß er keinen Instinkt hat. St. Ulrich (Österreich) ERWIN ALTHALLER

Das Sternzeichen Adolf Hitlers, dieses Schurken, war der Widder. Das Tierkreiszeichen unseres Bundeskanzlers ist ebenfalls der Widder. Es ist nicht meine Absicht unseren Herrn Bundeskanzler in diesem unserem Lande zu beleidigen. Mannheim DR. REINHOLD WINKLER

Joseph Goebbels der NSDAP war Jesuiten-Zögling. Heiner Geißler der CDU war ebenfalls Jesuiten-Zögling. Kohl hat mit seinem Vergleich eine Lawine losgetreten. München EDUARD JUNGHÄNEL

Helmut Kohl ist ein Kanzler. Adolf Hitler war auch ein Kanzler. Ginsheim-Gustavsburg (Hessen) WALTER PREUSS

Bundeskanzler Kohl fällt schon durch seine Körpergroße auf. Auch Reichsmarschall Hermann Göring fiel schon durch seine optische Erscheinung auf. Selbstverständlich habe ich damit »keinen Vergleich zwischen Personen vorgenommen«. Kottgeisering (Bayern) WOLFGANG RUNKNAGEL

Man entsinnt sich noch der unmöglichen Reden eines Wilhelm II., man schämt sich noch des Gegeifers des Gröfaz, da kommt schon wieder ein deutscher Staatschef daher und sondert Redensarten ab, welche selbst mit Dämlichkeit nicht zu entschuldigen sind. Merke: Körperliche Masse steht nicht unbedingt im angemessenen Verhältnis zur Größe des Gehirns. Flensburg WERNER FRANZEN

Kohl, wie er leibt und lebt! Wiesbaden MICHAEL KUBERCZYK

Der heutige Zeitgeist verlangt es scheinbar auch, daß ehemalige Parteigenossen, die leicht in ihrer herrenmenschlichen Pose auf alten Photos herauszufinden sind, heute als verdiente Väter des Grundgesetzes und der bundesdeutschen Demokratie gefeiert werden. Besonders erinnere ich mich an Alfred Dregger, der mit geschwellter Brust verkündet, er sei stolz darauf, sein Land gegen den Sowjet-Kommunismus verteidigt zu haben. Dregger will uns, scheint''s, vergessen machen, daß es sein Führer war, der den Russen diesen Krieg aufzwang.

Es erfüllt mich ebenso mit Angst wie mit ohnmächtiger Wut, sehen zu müssen, wie diese Bundesregierung unser Land moralisch zugrunde richtet. Das einzige, was die geistig-moralische Erneuerung sichtbar produziert hat, ist ein Mehr an

staatlicher Repression, ist eine Sicherheitsparanoia, ist ein Kommunistenhaß a la McCarthy. Kiel WILHELM KERBOR

Im Rahmen meines Sozialpädagogik-Studiums befinde ich mich zur Zeit in Italien, um hier das Modell der »integrativen Erziehung und der »demokratischen Psychiatrie« kennenzulernen. Aufgrund »revolutionärer« Schritte in der BRD in diese Richtung sehe ich mich daher aber beinahe veranlaßt, mein Praktikum in der Bundesrepublik fortzusetzen. Oder ist Herr K. nur ein »Einzelfall« einer viel geforderten Nichtaussonderung auch bei uns? Arezzo (Italien) KLAUS WALDHANS

Man muß einfach mehr Verständnis für diesen Mann aufbringen. Wird man schon die ganze Zeit mit unförmigem Fallobst in Verbindung gebracht und hat noch das Pech, die für das eigene politische Bewußtsein wichtige Phase der deutschen Geschichte durch eine viel zu späte Geburt verpaßt zu haben, ja dann rutscht einem schon mal so ein Wort heraus. Der SPIEGEL macht nur den Fehler, solchen Äußerungen unseres Kanzlers zuviel Beachtung zu schenken. Schließlich findet man auf der Kulturseite des SPIEGEL auch keine Rezension des neuesten »Mickymaus«-Heftes. Köln THOMAS WAGENSONNER

Es wäre zu empfehlen, daß sich der derzeitige Bonner Kabinettschef nur noch im Inland offiziell äußert. Saarbrücken I. C. WEBER

Eine britische Zeitung meinte einmal treffend: »Man mag von den Deutschen halten, was man will, aber diesen Kanzler haben sie nicht verdient.« Essen WILLY GOCKEL

Welches Glück für ihn, daß er der Kanzler der Dichter und Denker ist, das Dumpfe ist beliebt. Berlin MARIO KOLAS

Kohls Denkweise wird verständlich aus seiner Vorstellung, sich aus der deutschen Vergangenheit ausklammern zu können. Kann einer Bundeskanzler sein, der weder in Israel noch in Bitburg über die deutsche Schuld Trauer empfindet? Hamburg DIETER PUTZIER Rechtsanwalt

Holländische Freunde haben mich in diesen Tagen gefragt ob uns Deutschen eigentlich bewußt sei daß es keine gröbere und verletzendere Beleidigung für einen Menschen, dessen Heimat im letzten Weltkrieg von den faschistischen Barbaren überfallen worden ist, gebe, als mit einem Naziverbrecher verglichen zu werden. Kassel GERHARD RUDOLPH

Der Historiker Dr. H. Kohl hat sich wahrscheinlich während seines Studiums

mit der Geschichte des pfälzischen Weinbaus beschäftigt, aber sicherlich nicht mit dem üblen Kapitel des Nationalsozialismus. Berlin FRANK ZEILINGER

Politikverständnis dieser Art stellt ein sehr hohes - zu hohes - Sicherheitsrisiko für die Bundesrepublik dar. Gaggenau (Bad.-Württ.) HERMANN SCHRIMPF

Das hebt uns von dem Rest der Welt eben ab. Das hat keine Nation so wie wir: Einfühlungsvermögen, Sensibilität und Takt. Leverkusen HANS PETER JÜRGENSEN

Nun nehmt es dem Helmut nicht so übel. Alle Welt weiß um seine Schwierigkeiten mit der englischen Sprache. Er hat''s mal wieder nicht richtig verstanden, gell, Helmut?! So, let us man go! Mit Volldampf in die Katastrophe! Braunschweig OLIVER KATZSCHNER

So geht es, wenn man als biederer Provinzler aus Euphorie darüber, daß man den mächtigsten Mann der Welt Freund und »Ron« nennen darf, auch einmal besonders geistreich sein will. Bonn DR. EGON SCHUSTER

Wenn es zutrifft, daß nach Bonner Lesart Politiker nur soweit beleidigt sind, wie sie es sein wollen, schwächt dieses nur des Interviewten Position. Recklinghausen ALBRECHT MARKS

Ich schäme mich als Deutscher. Oberheinriet (Bad.-Württ.) EBERHARD SCHWEIZER

Ich habe mich entschuldigt! Ich schrieb an Botschafter Kwizinski: _____« Mit Bestürzung und Empörung habe ich von der Äußerung » _____« Herrn Bundeskanzlers Kohl anläßlich seiner Reise in die » _____« USA Kenntnis genommen. » _____« Nachdem Herr Kohl als Bundeskanzler die » _____« Bundesrepublik Deutschland und damit auch mich vertritt, » _____« ist es mir ein Anliegen, mich in aller Form von dieser » _____« Erklärung - unterstellt, sie wurde so oder so ähnlich » _____« gemacht - zu distanzieren. » _____« Bitte übermitteln Sie Herrn Generalsekre tär » _____« Gorbatschow meine Entschuldigung und mein aufrichtiges » _____« Bedauern für diese Taktlosigkeit, die bei allen » _____« Differenzen über verschiedene Weltanschauungen » _____« unverständlich und eines Staatsmannes unwürdig ist. »

Bodelshausen THOMAS J. ENGESER (Bad.-Württ.) Rechtsanwalt

Kanzler Kohl glaubt den NS-Propagandaminister Goebbels (Originalton: »Jüdischer Bolschewismus, Untermenschen") in die Nähe Gorbatschows ziehen zu müssen. Dieser dümmlich-hämische Vergleich, wie auch der Slogan vom »Reich des Bösen«, wächst auf dem gleichen Humus des primitiven Antikommunismus, den Kohls Kronzeuge einst gesät hat. Möglingen (Bad.-Württ.) WOLFGANG BREITKREUTZ

Andrew Nagorski, Kohls Interview-Partner, war von Mai 1981 bis August 1982 Chef des »Newsweek«-Büros in Moskau. Er wurde von den Sowjets ausgewiesen und hat darüber ein Buch geschrieben ("Reluctant Farewell«, New York, 1985).

War es der hier verwendete, ihm offenbar nicht klare Begriff der Öffentlichkeitsarbeit? Das ist ein sehr anständiges Geschäft. Es hat nichts zu tun mit dem heulenden Einpeitscher, dessen Gewissenlosigkeit so weit ging daß er 1945 seine Frau mitriß in den Tod und seine Kinder ermorden ließ.

Sehr geehrter Herr Gorbatschow! Wir entschuldigen uns hiermit in aller Form für diese unerhörte Beleidigung und distanzieren uns von dem Mann, der für die Bundesrepublik Deutschland verantwortlich ist. Diese Äußerung ist eine Ungeheuerlichkeit Ihnen gegenüber, der sich ernsthaft und konkret um Abrüstung und Verständigung bemüht. Essen ANNE ENGEL Friedensinitiative Werden

Herr Kohl sollte versuchen, seine Qualifikation als Rentner zu beweisen. Sollte er von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch machen, müssen seine Aufpasser halt besser auf ihn achten. Vielleicht sollten sie ihn am Händchen führen. Bassenheim (Rhld.-Pf.) P. EGON RIEHM

Um alles in der Welt, was bringt den Mann aus Oggersheim dazu, auch nur ansatzweise den Staatsmann aus Moskau mit dem Bock von Babelsberg gedanklich in Verbindung zu bringen?

War es der hier verwendete, ihm offenbar nicht klare Begriff der Öffentlichkeitsarbeit? Das ist ein sehr anständiges Geschäft. Es hat nichts zu tun mit dem

heulenden Einpeitscher, dessen Gewissenlosigkeit soweit ging, daß er 1945 seine Frau mitriß in den Tod und seine Kinder ermorden ließ.

Da ich es nicht anders kann, möchte ich hiermit, wohl auch im Namen vieler Deutscher, Herrn Gorbatschow um Nachsicht bitten: Wir wissen sehr wohl zu unterscheiden zwischen verantwortungsbewußten Staatsmännern und politischen Verbrechern. Erftstadt DR. ZIPPERTIN FACH

Die Ausladung des Ministers Riesenhuber war eine logische Schlußfolgerung für die politische Taktlosigkeit unseres Kanzlers. Mit seinen vielen Vorschlägen zur Abrüstung zeigte Gorbatschow weder »viele Gesichter« noch zeigte er Empfindungslosigkeit gegenüber öffentlichen Entstellungen und Verunglimpfungen.

Stuttgart H.-G. HOEPPE

Die Methode wird klar: Die Vokabel »Abrüstung« soll (endlich) ein negatives Image erhalten, nämlich Feigheit, Nachgeben. Schwäche gegenüber einem rücksichtslosen Gegner, der Verträge nicht einhält.

Dazu paßt es, daß Verteidigungsminister Wörner den Begriff »Feindbild« wieder ausgräbt, ohne den man den Völkern den Sinn einer übersteigerten Rüstung noch nie plausibel machen konnte.

Weil am Rhein (Bad.-Württ.) DIETER SCHWARZ

Kohl wollte wohl das gute Abschneiden Gorbatschows in Reykjavik schmälern und zum anderen seinem »lieben Freund Ron eine Freude bereiten und ihm gleichzeitig zu verstehen geben, daß er für ihn immer noch der Größte und der Beste ist. Untergründig dürfte dabei auch eine gewisse Neidhammel-Mentalität mitgespielt haben. Oder wollte der gute Mensch aus Oggersheim am Ende nur ein bißchen Rauch erzeugen, wenn er ins »Allerheiligste« ging; getreu dem Motto: »In der Palz da geht der Parrer mit der Peip in die Kirch!«

Lampenheim (Hessen) GERTRUDE MEIER

BRIEFE *KASTEN

Stimme der Gerechtigkeit

(Nr. 43/1986, Ausland: Der israelische Publizist Uri Avnery kritisiert den Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel) *

Lieber Uri Avnery, Ihre Arbeit für einen Staat des Friedens und für die Aussöhnung mit dem palästinensischen Volk wird von uns anerkannt. In der Diaspora - Galut (Exil) nach Ihrem Begriff - ist sie eine leuchtende Hoffnung für uns. Wir ehren sie. Dennoch muß ich Ihren Angriff gegen Elie Wiesel ablehnen, da Sie sich in einer Falle verfangen haben: Warum greifen wir einander an, um unsere eigene Agenda zu publizieren? Warum verletzen wir immer den Bruder im Namen der Gerechtigkeit?

Ihre Argumente sind befremdend. Sie loben Wiesels Schriften über den Holocaust, sehen aber keinen Zusammenhang zwischen dieser Arbeit und dem Friedenspreis. Willkürlich oder unbewußt unterschieben Sie einfach Ihre eigenen Meinungen dem Nobelpreiskomitee. Nicht die Schriften, sondern der Schriftsteller wurde geehrt: Wiesel als prophetischer Mahner, der weit mehr als Holocaust-Bücher schreibt, als Stimme der Gerechtigkeit, als ein Mensch, der etwas für die Versöhnung, also für den Frieden tut, indem er die Möglichkeit der Reue und das Gefühl für Gerechtigkeit in die Welt bringt.

Sie greifen Wiesel an, weil er nicht Israeli ist, aber das kann man über die meisten von uns sagen. »Schlilat hagalut« - die Negation der Diaspora - ist eine alte Streitfrage, die nicht zu diesem Thema paßt. Sie sagen, daß Holocaust mit keinem anderen Verbrechen zu vergleichen ist, daß der Friedenspreis kein einziges Opfer zum Leben zurückerwecken kann.

Wer würde darüber streiten? Dies ist Elie Wiesels Lehre; und der Friedenspreis wurde wirklich nicht als »Wiedergutmachung« gegeben!

Sie erwähnen die wichtige Arbeit von Wiesel, der sich auf die Seite der Nicaragua-Indianer, der verfolgten Bahaiji und der Minoritäten in der UdSSR stellt, und mit lässiger Hand wischen Sie dies vom Tisch. Solange sich Elie Wiesel nicht in Ihrer eigenen Agenda bewährt hat, zählt überhaupt nichts! Sie verlangen, daß er nach Israel käme und dort bliebe, um mit Ihnen zu arbeiten. Dies würde schon eine aufregende Möglichkeit sein.

Ich jedoch, und die Diaspora-Juden, haben den Wunsch, daß er seine Arbeit in Amerika und Europa weiter betreut, daß er unser »Licht im Exil« bleibt. Es ist sein Beruf, für Frieden und Gerechtigkeit zu kämpfen. Ehrlich gesagt, es erscheint mir als eine ungeheuerliche und verletzende Bosheit, Wiesel zu unterstellen, aus dem Holocaust einen Beruf gemacht zu haben. Ich weiß, daß Sie hier für viele sprechen, und es ist doch nicht die Wahrheit. Dies von Ihnen zu hören, tut weh.

Elie Wiesel ist eine Stimme des Gewissens, die man heute und morgen hören wird, eine Stimme, die sich gegen die Verbrechen der vergangenen Zeit und gegen die Verbrechen der Zukunft richtet. Ich hoffe, daß Sie mit ihm zusammen an dieser Aufgabe wirken werden. Ich bitte um Entschuldigung, wenn auch ich etwas bitter klinge. Ihre Worte enttäuschten mich Ihre Arbeit für die Aussöhnung enttäuscht mich selten. London ALBERT H. FRIEDLANDER _(Professor Dr. Albert H. Friedlander, ) _(geboren 1927 in Berlin, US-Staatsbürger, ) _(Dekan des Leo Baeck Colleges und ) _(Rabbiner der Westminster Synagoge. )

Professor Dr. Albert H. Friedlander, geboren 1927 in Berlin,US-Staatsbürger, Dekan des Leo Baeck Colleges und Rabbiner derWestminster Synagoge.

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