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Eine militärische Operation

aus DER SPIEGEL 17/1949

Im Kriegsverbrechergefängnis in Landsberg dürfen 21 Deutsche wieder hoffen. Der amerikanische Heeresminister und der US-Generalstab werden sich in Kürze vor dem District Court in Washington zu verantworten haben, weil sie diese Deutschen »durch Personen unter ihrer Kontrolle widerrechtlich in Landsberg festhalten«. Das ist die erste Anfechtungsklage gegen einen Kriegsverbrecherprozeß, die in Amerika steigt.

Noch vor einem halben Jahr lehnte der District Court die Anfechtung, von dem Bostoner Anwalt A. Frank Reel eingebracht, ab. Zwar seien die Beklagten in Washington, aber die in Deutschland festgehaltenen Kläger außerhalb der Zuständigkeit des Gerichts. Anwalt Reel brachte den Fall vor den Appellationsgerichtshof. Der entschied am 15. April: Alle Ausländer, die in amerikanischen Gefängnissen in Uebersee festgesetzt sind, ebenso wie alle amerikanischen Staatsbürger haben das Recht, eine Wiederaufnahme ihres Verfahrens in den USA auf Grund der Habeas-Corpus-Akte*) zu verlangen.

Der zweite Akt des Falles Ehrhardt kann beginnen. Der erste Akt spielt in Shanghai. Von August 1946 bis Januar 1947 war er die Sensation in der chinesisch-westlichen Metropole am Ufer des Whangpoo.

Während des Krieges führte Ludwig Ehrhardt, Kaufmann und reaktivierter Oberstleutnant, der sich aus kurzer Gestapohaft in die schützenden Arme der Abwehr gerettet hatte, die K. O. (Kriegsorganisation) China der Abwehrabteilung I des OKW. Dienstsitz: Shanghai und zwei Nebenstellen in Kanton und Peking. Als die deutsche Wehrmacht in Europa kapitulierte, kapitulierte er mit. Die Chinesen taten ihm und seinen Mitarbeitern nichts. Von der etwa 3000 Köpfe zählenden deutschen Kolonie in Shanghai wurde überhaupt nur ein verschwindend kleiner Bruchteil chinesisch-vornehm interniert.

Im Herbst 45 nach der japanischen Kapitulation kam mit den Tschiang-Kaischek-Truppen auch eine amerikanische Offiziers-Mission nach Shanghai. Die suchte Kriegsverbrecher. Zunächst Japaner. Dann auch Deutsche.

Ehrhardt und seine Leute, dazu führende Männer des deutschen diplomatischen Dienstes, wurden verhaftet. Gegen sie einen Kriegsverbrecherprozeß führen zu dürfen, baten die amerikanischen Offiziere das Armeeministerium in Washington. »Die

*) Ursprünglich englisches Staatsgrundgesetz von 1679, auch von den USA übernommen. Es macht für jeden Haftbefehl ein gerichtliches Siegel zur Bedingung und gewährleistet eine schnelle gerichtliche Verhandlung. örtliche politische Lage macht einen Prozeß vor einer amerikanischen Militärkommission stärkstens ratsam«, hieß es in einem geheimen Funkspruch. »Die örtliche politische Lage« zielte auf die Chinesen, die von einem Prozeß gegen Deutsche nichts wissen wollten.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit waren den Ehrhardt-Männern nicht vorzuwerfen. Also beschuldigte man sie, ihre militärische Tätigkeit nach der deutschen Kapitulation noch weitergeführt und so ein Kriegsverbrechen begangen zu haben. Ein versenkter US-Flugzeugträger und die starken amerikanischen Verluste in der Schlacht bei Okinawa kämen auf ihr Konto, wurde behauptet. Außerdem habe ein einziger, nämlich Ehrhardt, das Meisterstück fertiggebracht, durch die Entzifferung alliierter Codes die deutschen U-Boote im Pazifik und im Atlantik gleichzeitig zu dirigieren und so der alliierten Schiffahrt unheimliche Verluste zuzufügen.

Nun hatte in der Tat Ehrhardts Vertreter in Kanton, Hauptmann Heise, mit seinen beiden Funkern noch nach dem 8. Mai für die Japaner weitergearbeitet. Aus Furcht vor Tokio, das seine abtrünnigen Bundesgenossen damals mit heftigen Worten bedrohte.

Das hat Heise nie bestritten. Doch Ehrhardt wußte nichts davon. Sein Demobilmachungsbefehl drang bis zu seinen Leuten in dem abgeschnittenen Kanton nicht durch.

Die amerikanischen Ankläger argumentierten anders. Wenn die Nebenstelle Kanton weitergearbeitet habe, würden wohl auch Shanghai und Peking das gleiche getan haben. Wenn nicht auf Anordnung Ehrhardts, dann doch auf Befehl der deutschen Botschaft in Nanking oder der deutschen Generalkonsulate irgendwo in China. Die aber existierten nach dem 8. Mai überhaupt nicht mehr.

»Diese Deutschen glaubten, mit Hilfe Japans nach dem deutschen Zusammenbruch den Krieg für Deutschland noch gewinnen zu können«, erklärte der amerikanische Ankläger Oberstleutnant Jeremiah J. O'Connor im Gerichtssaal. Sein eigener Stellvertreter, Major Dwyer, stattete gleichzeitig diese angeblich so dummgläubigen Deutschen mit geradezu sagenhafter Intelligenz aus und nannte sie die »Blüte der deutschen Führungsschicht«.

Fünfeinhalb Monate dauerte der Prozeß. Nur vorübergehend wurde er von einem Nebenprozeß überschattet. Den hatte der ebenfalls im Ehrhardt-Prozeß mitangeklagte frühere DNB-Korrespondent Wolf Schenke vor einem chinesischen Gericht gegen den Chef der United Press Agentur Walter G. Rundle wegen Verleumdung angestrengt. Da mußten Hauptankläger O'Connor und der Untersuchungsoffizier Captain Farrell vor dem Hohen Gerichtshof der Provinz Kiangsu erscheinen und zugeben, dem amerikanischen Journalisten die falschen Informationen über Schenke geliefert zu haben.

Eine Woche später wurde Schenke, und mit ihm fünf andere, mitten aus dem Ehrhardt-Prozeß heraus freigelassen. Als die Freigesprochenen den Gerichtssaal verließen, warf Oberstleutnant O'Connor beide Arme in die Luft und brach auf seinem Tisch zusammen.

Der Prozeß ging weiter. Mit dramatischen Höhepunkten. Der eine der Verteidiger, Dr. Alfred Jacoby, ein aus Deutschland vertriebener Jude, wurde mit dem Tode bedroht. Das Gericht unternahm nichts zu seinem Schutz. Er mußte die Verteidigung niederlegen.

Die übrigen Verteidiger, vier Chinesen, der Franzose Maitre Paul Premet und zwei amerikanische Obersten, beriefen sich auf internationale Verträge. Auf den amerikanischen Verzicht auf alle exterritorialen Rechte in China. Auf ein deutsches Abkommen, das alle Deutschen in China der chinesischen Rechtssprechung unterstellt. Auf ein alliiertes Abkommen, das die Aburteilung von Kriegsverbrechern allein den souveränen Regierungen der befreiten Länder zugesteht.

Chinesische Minister meldeten ihre Bedenken an. Doch Ministerpräsident T. V. Soong, dem heute eine Untersuchungskommission die peinliche Frage vorlegt, wo er zwei Milliarden amerikanische Dollar ließ, dachte an seine Anleiheverhandlungen mit Washington und schwieg.

Internationale Rechtsgelehrte schalteten sich gutachtend ein. Selbst wenn die Männer des »Büro Ehrhardt« für Japan weitergekämpft hätten, dürften sie nicht bestraft werden, hieß es in einer Rechts-Betrachtung. Seien etwa die Truppen de Gaulles, die nach der Kapitulation Frankreichs auf alliierter Seite weiterkämpften, oder die polnischen Legionäre in England Kriegsverbrecher? Nie habe man davon gehört, daß sie in Deutschland nach der Gefangennahme vor ein Kriegsgericht gestellt worden seien.

Ein Hauptzeuge der Anklage, der japanische Verbindungsoffizier für deutsche Angelegenheiten in China, Taiji Takashima, wurde im Gerichtssaal zum Verteidiger der Angeklagten. Er zog eine Bibel aus der Tasche und las daraus dem Ankläger vor: »Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten!«

Ein anderer japanischer Zeuge, Oberleutnant Nakagawa, widerrief im Zeugenstand seine in Tokio beschworene Erklärung, die die Angeklagten belastete. Er wurde im Gerichtssaal verhaftet. Da liefen dem Maitre Premet, einem alten Widerständler, die Tränen über die Backen.

Hauptankläger O'Connor gab vor Gericht zu, es bestehe kein geschriebener Vertrag, der das amerikanische Gericht ermächtige, auf chinesischem Boden über Deutsche zu urteilen. Aber, fügte er hinzu, »die amerikanischen Truppen sind in China, um Krieg zu führen, und dieser Prozeß ist eine militärische Operation«.

Trotzdem waren die Angeklagten von ihrem Freispruch überzeugt. Auf Anraten ihrer Anwälte verzichteten einige sogar auf ihre weitere Verteidigung. Keiner vermochte die These des Anklägers, daß gerade das Fehlen jeglicher Beweise der stärkste Beweis für die Schuld der Angeklagten sei, ernst zu nehmen.

Am Tage der Urteilsverkündung, dem 17. Januar 1947, stand das Gebäude der American Military Commission in Shanghai unter ungewohnt starker militärischer Bewachung. Auch Krankenwagen waren vorgefahren. Die Sitzung dauerte nur 17 Minuten. Gerichtspräsident Oberst Daniel H. Mallan verlas das Urteil: Alle schuldig. 253 Jahre Gefängnis kamen zusammengerechnet auf die 21 Angeklagten. Ehrhardt erhielt lebenslänglich.

Die Beweisaufnahme umfaßte 3600 Seiten. Das Urteil wurde nicht begründet. Die Angeklagten verzogen keine Miene. Auch für ihre Angehörigen wurden die Krankenwagen nicht gebraucht.

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