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Eine Nation dreht durch

aus DER SPIEGEL 1/1996

Die deutsche Wirtschaft näherte sich dem »Fin de siecle in einer allgemein gehobenen Stimmung« - das sagte, in aller Zurückhaltung, Deutschlands damals prominentester Privatbankier Carl Fürstenberg.

1895, schreibt Zeitzeuge Fürstenberg, waren »die letzten Auswirkungen des Gründerkrachs« von 1873 überwunden. Die Unternehmen verzeichneten prächtige Gewinne, die Arbeiter steigende Löhne. »Herrlichen Zeiten führe ich euch entgegen«, hatte der Kaiser gesagt.

Da mochten sich die Verlierer des industriellen Fortschritts - Bauern, Handwerker und Bildungsbürger - noch so sehr über ihre düstere Zukunft grämen; da mochten sich die Eliten in Aristokratie und Politik noch so sehr vor den revolutionären Sozialdemokraten fürchten: Die Lage - zumindest die ökonomische - war besser als das Lebensgefühl.

Deutschland war Europas größte Industriemacht geworden. Schon 1895 hatte es Großbritannien in der Güterproduktion überholt. Das britische Weltreich zwar hatte fast alles erfunden, was am Ende des Jahrhunderts den industriellen Aufschwung trug, zum Beispiel Dampfkraft und Eisenbahnen. Doch zur gleichen Zeit war der nächste Innovationsschub schon gestartet, durch Elektrotechnik, Chemie und Automobil.

Es war der Zyklus der Deutschen. Bei ihnen war fast alles entstanden, was nun als Geschäft der Zukunft galt. 1896 wurde auf der Berliner Gewerbeausstellung die erste elektrische Eisenbahn vorgeführt. 1897 holte sich der Lloyd-Passagierdampfer »Kaiser Wilhelm der Große« das Blaue Band der schnellsten Atlantik-Überquerung. Im Jahre 1900 nahm in Berlin die erste Auto-Droschke ihren Dienst auf, und die Berliner Firma Borsig baute eine Dampfmaschine mit 100 000 PS.

Im gleichen Jahre konnten die besseren Kreise die erste elektrische Spielzeugeisenbahn kaufen. Drei Jahre später erreichte eine richtige elektrische Schnellbahn bei Zossen 210 Stundenkilometer - gut 60 Jahre, bevor der deutsche Ultra-Rapid ähnlich schnell fuhr.

Schon 1895 hatte Wilhelm Röntgen seine berühmten Strahlen entdeckt. 1900 kam Max Planck mit der Quantentheorie und 1905 Albert Einstein mit der Relativitätslehre heraus. Wann jemals hatte es so etwas gegeben?

Die zehn Jahre von 1895 bis 1905 sind die wohl einzige wirklich große Zeit der deutschen Privatindustrie gewesen. In ihr konnte sich der Fortschrittsglaube kräftig austoben. Der Staat verharrte in einer Art Nachtwächterrolle, so wie sie sich Adam Smith, der Entdecker des kapitalistischen Urknalls, stets gewünscht hatte.

Zwischen 1895 und 1905 verunzierte keine markante Rezession das Traumbild dieser neuen Welt. Die Unternehmen wuchsen, und am Ende triumphierte die Wirklichkeit sogar über das sinistre Gesetz von der fallenden Lohnquote. Allmählich begann auch der vierte Stand ein bißchen an die kaiserliche Verheißung zu glauben.

1895 zwar hatte Friedrich Engels noch den dritten, den letzten Band des »Kapital« von Karl Marx herausgegeben. Doch schon 1899 schockte Eduard Bernstein die Orthodoxen mit seinem Buch »Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie«. Es leitete den sogenannten Revisionismus der Linken ein - die Abkehr von Marx, die Säkularisierung der sozialistischen Idee.

Eine unbändige Wucht steckte hinter alledem. Die Erfindungen des 19. Jahrhunderts waren in Produkte, Produktion, Großfertigung und Beschleunigung umgesetzt worden. Stahl, Lokomotiven, Dampfschiffe sind kaum jemals zu Friedenszeiten in solchen Mengen hergestellt worden wie in diesen zehn Jahren. Die Personen der industriellen Zeitgeschichte hießen Thyssen, Krupp, Kirdorf, Borsig und Mannesmann. Albert Ballin mit der Hapag und Emil Rathenau mit der AEG kamen hinzu.

Vorher fast unüberwindbare Entfernungen schrumpften auf geradezu lächerliche Dimensionen. Die Schnelldampfer schafften den Atlantik in sechs Tagen. Private Eisenbahnunternehmen begannen das Land mit ihren Schienensträngen zu vernetzen. Siemens und AEG sorgten für Beleuchtung, Kommunikation und geräuschlose Elektromotoren. Der Quantensprung zum Fin de siecle braucht Vergleiche mit dem Ende des 20. Jahrhunderts nicht zu scheuen.

Finanziert haben das alles die neuen Groß- und Privatbanken. Namen wie die des Bismarck-Freundes Gerson von Bleichröder und seines Schülers Carl Fürstenberg standen für die neue Unantastbarkeit des deutschen Geldwesens. Es kreditierte ganze Wirtschaftsbranchen, die Bagdad-Bahn und öffentliche Haushalte.

Das politische Umfeld begünstigte den Trend. Die Grenzen standen weiter offen als in den folgenden Jahrzehnten des Jahrhunderts. Das Außenhandelsvolumen stieg in wilden Sprüngen, die Preise international gehandelter Güter stürzten ab. Vor allem die der Rohstoffe und der Agrarprodukte. Das alte Gesetz von den komparativen Kostenvorteilen schien sich aufs schönste zu bewähren.

Das Goldene Zeitalter besaß mit der Goldwährung zudem ein mythisch verklärtes Geldsystem. Der Goldstandard stabilisierte Währungskurse, Geldwert und Außenhandelsbilanzen.

Wenn die Außenbilanzen gestört waren, wurde Gold von einem zum anderen Land transportiert. Da die Währungen durch Gold gedeckt sein mußten, schrumpften oder wuchsen die Geldmengen je nach wirtschaftlicher Stärke des Landes automatisch. Erst später meinte die Wissenschaft, daß der Goldstandard eine Schönwetterwolke war. Bei schweren Rezessionen verschärfte er die Krise.

In Deutschland aber war Zuwachs angesagt - auch aus den Schlafzimmern der Nation. Anders als hundert Jahre später lag sie im Bevölkerungswachstum weit vorn. Von 1872 bis 1913 explodierte die Einwohnerzahl des Kaiserreichs um 63 Prozent auf 67 Millionen Menschen.

Da ältere Industriestaaten wie England und Frankreich solche Höhepunkte längst hinter sich hatten, verschoben sich die politischen Machtstrukturen in Europa. Große Zahlen machen sinnlich. Deutschland, nicht zuletzt durch seinen erratischen Kaiser, geriet in die Rolle des Störenfrieds - zu groß, um sich noch unter Gleichen zu fühlen, zu klein, um eine Hegemonialmacht zu werden. Das Gleichgewicht in Europa war gestört.

Der ungebremste Wirtschaftsliberalismus am Fin de siecle führte das System bald aber in eine bizarre Art der Selbstzerstörung. Die großen Unternehmen hatten erkannt, daß kommerzieller Wettbewerb sich besser aushalten ließ, wenn Kartelle und Syndikate ihn regelten. Um die Jahrhundertwende schon besaß das Kaiserliche Deutschland 300 solcher Gebilde, 20mal mehr als 20 Jahre zuvor. An der Ruhr war 1904 der riesige Stahlwerksverband entstanden. Im gleichen Jahr bereits bildete der Chemie-Industrielle Carl Duisberg die Vorläufer der späteren I.G. Farben.

Das traf sich gut mit den militärischen Expansionsplänen des Herrschers, die sich vor allem gegen die Seemacht Großbritannien richteten. Der doppelbärtige Marine-Staatssekretär Alfred von Tirpitz hatte ein gewaltiges Flottenprogramm angeschoben. Der ökonomische Dauerboom verschaffte dem Reich genug Geld, sich kräftig zu militarisieren. Und die Kartelle dienten dem Imperator als eine Art militärindustrieller Komplex.

Kurz nach der Jahrhundertwende war die Nachtwächterrolle des Staates plötzlich vorbei. Der wirtschaftliche Liberalismus fraß sich selber auf. Nation und Industrie drehten durch. Im Höhepunkt des Aufstiegs hatte der Abstieg begonnen.

Deutschland stört das Gleichgewicht

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