Zur Ausgabe
Artikel 23 / 79
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ABGEORDNETE Eine Poesie

Warum hatte es ein Mäusebussard auf einen Christdemokraten abgesehen? *
aus DER SPIEGEL 33/1984

Der nordrhein-westfälische CDU-Landtagsabgeordnete Heinz Voetmann, 56, ist ein sportlicher Typ. Früh am Morgen pflegt er sich im Bergischen Land Kopf wie Lunge freizujoggen. Oft wird er freundlich gegrüßt, wenn er bei Wermelskirchen, dort ist er auch Bürgermeister, durch Wald und Flur trabt.

Ende April aber hatte der Politiker eine Begegnung der dritten Art. Ein Bussard kam auf ihn zugeflogen, »ein ganz häufiger Raubvogel«, wie der Tierforscher Otto Kleinschmidt schwärmt, »und doch ein Zauber, eine Poesie«.

So lyrisch allerdings war dem Abgeordneten gar nicht zumute. Der Raubvogel, ein stattliches Exemplar, stürzte sich angriffswütig auf den Jogger, und das Schlimme war, daß das von nun an immer wieder geschah: Sobald Voetmann in der Gegend auftauchte, ging es zu wie in Hitchcocks Thriller - als wär' der Bussard auf den Mandatsträger abgerichtet.

Der Politiker, ein Befürworter des Selbstschutzes, zog Konsequenzen und dicke Lederhandschuhe an. Voetmann nahm einen Spazierstock mit, denn er wurde »die Angst nicht los«, daß sich der Raubvogel »vielleicht einmal in den Haaren festsetzen« und »auf den Kopf oder gar ins Gesicht hacken« könnte.

Als erfahrener Waldläufer wußte der Bürgermeister natürlich, daß Mäusebussarde ganzjährig geschützt sind - was die Frage aufwarf, ob ein eventuell erforderlicher Schlagstock-Einsatz überhaupt rechtens sein würde. In seiner Not rief Voetmann die Kreisverwaltung Bergisch Gladbach an, die zuständige »Untere Jagdbehörde«. Ihr Tip war verblüffend einfach: Der Morgensportler möge sich doch »einen anderen Weg suchen«.

Den wollte Voetmann aber partout nicht einschlagen, da »ja auch andere Waldbesucher, möglicherweise Kinder, angegriffen« werden könnten. So trug er seine Sache ins Parlament von Nordrhein-Westfalen, wo sich der Ausschuß für Ernährung, Land-, Forst- und Wasserwirtschaft auf seiner 78. Sitzung unter »c) Greifvögel, hier ungewöhnliches Verhalten eines einzelnen Bussards« damit zu befassen hatte.

Staatssekretär Arnold Ebert verwies auf den Paragraphen 228 des Bürgerlichen Gesetzbuches, der von der rechtmäßigen Abwehr einer Gefahr durch eine »fremde Sache« handelt. Aber bei näherem Hinsehen taugte die Bestimmung doch nicht: Eine solche Sache muß, wenn der 228 greifen soll, grundsätzlich einem anderen gehören. Nur, wem gehört der Bussard?

Da die rechtlichen Überlegungen unergiebig blieben, steuerte der Staatssekretär die tierphysiologische Vermutung bei, daß bei Voetmanns Vogel möglicherweise eine »seltene Hormonstörung« vorliege, »die Tiere zu solchem Angriffsverhalten veranlassen« könnte. Aber auch da mußte der Beamte wieder eine Einschränkung machen: »Derartige Fälle treten vielleicht unter einer Million Geflügeltieren einmal auf.«

Sein Ministerialrat Werner Schlichting wollte »nicht ausschließen, daß Tollwut im Spiel ist« - obgleich »lediglich aus der Literatur bekannt« sei, daß Vögel an dieser Krankheit leiden können. Dem Appell eines Voetmann-Kollegen, das Ministerium möge die Erlaubnis erteilen, »daß das Tier verschwindet« (Ausschußprotokoll), mochte sich Schlichting nicht verschließen; er gab das amtliche Einverständnis.

Der Bussard hielt sich daran - und verschwand, ehe ein Jäger in den Busch von Wermelskirchen entsandt werden konnte, um ihn abzuschießen. »Er hat wohl«, sagt Frau Rabe von der Unteren Jagdbehörde, »letztendlich die Immunität des Abgeordneten Voetmann respektiert.«

Nicht nur. Die Brutzeit war auch zu Ende, die der Frühsportler immer wieder gestört hatte, als er am Bussard-Gelege vorbeijoggte.

Zur Ausgabe
Artikel 23 / 79
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.