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»Eine Revanche der Nazis«

Im August vergangenen Jahres ist Argan, 88, über die kommunistische Liste zum Chef der kommunistisch-sozialistischen Stadtregierung von Rom gewählt worden. Der Kunstprofessor und gute Kenner deutscher Kultur protestierte beim deutschen Botschafter. Er gehört zu den radikalsten Befürwortern einer Auslieferung Kapplers.
aus DER SPIEGEL 35/1977

SPIEGEL: Herr Bürgermeister, Ihre Stadt war der Schauplatz jener Geiselerschießung im März 1944, deretwegen der 55-Mann Herbert Kappier nach dem Krieg zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Die Römer reagierten denn auch besonders heftig auf die Nachricht von Kapplers Flucht. Teilen Sie diese Empörung?

ARGAN: Voll und ganz. Die Flucht dieses Kriegsverbrechers ist eine gemeine Beleidigung der staatlichen Autorität Italiens, unserer Gefühle für Gerechtigkeit sowie der Opfer Kapplers beim Massaker an den Ardeatinischen Höhlen.

SPIEGEL: Was überwiegt: die Empörung über das Versagen der italienischen Sicherheitsorgane, die den Häftling entwischen ließen-oder der Zorn darüber, daß ausgerechnet die Deutschen nun über Kapplers weiteres Schicksal entscheiden?

ARGAN: Natürlich sind wir empört über die Nachlässigkeit der Bewacher, die sich vom Ehepaar Kappler übertölpeln ließen. Aber die Bürger Roms und ich persönlich, wir lassen uns nicht zu bloßen Zornesausbrüchen hinreißen. Wir beurteilen den Fall vielmehr moralisch-politisch.

SPIEGEL: Wie denn?

ARGAN: Der Verbrecher Kappler wurde im Gefängnis Gaeta wie auch später im römischen Militärkrankenhaus äußerst human behandelt. Unter diesen Umständen erhält seine Flucht leider den Charakter einer Nazi-Revanche für das gegen ihn erlassene Urteil. Das betrübt uns, und es tut uns leid auch für Deutschland, das wir gern weiterhin als ein demokratisches, befreundetes Land ansehen möchten. An der Reaktion der Deutschen und dem, was sie in dieser Affäre praktisch erreichen, werden wir ermessen, wie weit sich das gegenwärtige Deutschland von seiner Nazi-Vergangenheit entfernt hat.

SPIEGEL: Kapplers Flucht, behauptet Italiens Linke, sei nur mit Hilfe von deutschen und italienischen Neofaschisten möglich gewesen ...

ARGAN: ... das glauben hier keineswegs nur die linken, sondern wohl alle demokratischen Parteien. Als ich gestern zur deutschen Botschaft ging, um ihr -- nach Kapplers Flucht -- die Gefühle der römischen Bevölkerung gegenüber Deutschland und unseren Protest auszudrücken, da begleiteten mich Kollegen meiner linken Stadtregierung, aber bezeichnenderweise auch der Fraktionschef der Christdemokraten.

SPIEGEL: Die Italiener und zumal die Römer fühlen sich durch Kapplers raffinierte »Befreiung« verspottet, fast gedemütigt. Dienen die harten, zum Teil übertriebenen italienischen Vorwürfe gegen die Deutschen dazu, diese unverdiente Demütigung zu kompensieren?

ARGAN: Nein, nein. Ich habe Ihnen erläutert, wie wir Italiener über den Fall urteilen. Jetzt warten wir gespannt darauf, was die Deutschen tun.

SPIEGEL: Die italienische Regierung fordert, unterstützt auch von der Stadt Rom, Kapplers Auslieferung. Aber aufgrund des Bonner Grundgesetzes ist eine Auslieferung von Deutschen unmöglich.

ARGAN: Dieses schwierige juristische Problem kann ich nicht behandeln. Es ist schon schwer, die Gesetze des eigenen Landes zu kennen, doppelt schwer, wenn es um die anderer Staaten geht. Dagegen möchte ich nochmals auf die moralisch-politische Bedeutung des ganzen Falles verweisen. Aus moralischer Sicht meine ich: Der Versuch, einen Verurteilten seiner Strafe zu entziehen, bedeutet doch, daß man die Tat dieses Verbrechers in gewisser Weise rechtfertigt. Deshalb fällt die Verantwortlichkeit einer Person in gefährlicher Weise jetzt auf ein ganzes Land, eben Westdeutschland, zurück.

SPIEGEL: Meinen Sie, die Bundesrepublik könne wegen Herbert Kappler einfach schnell ihr Grundgesetz ändern?

ARGAN: Die juristische Frage will ich nicht erörtern. Immerhin, wenn sich die Bundesrepublik so energisch auf eine Rechtsnorm beruft, die die Auslieferung verbietet, warum soll dann unsere Rechtsnorm nicht gelten, die lebenslange Haft für kaltblütigen Mord vorschreibt.

SPIEGEL: Kappler hat 29 Jahre seiner Strafe verbüßt -- mehr als die effektive Höchststrafe, die in Deutschland ein zu lebenslänglich Verurteilter absitzen muß.

ARGAN: Kappler hat 335 Menschen getötet, und wenn wir gewissermaßen buchhalterisch rechnen, dann hat er etwa einen Monat für jeden ermordeten Italiener abgesessen. Das ist nicht viel.

SPIEGEL: Mit anderen Worten: keine Gnade für Kappler. Wie wird der Fall nach Ihrer Meinung das deutschitalienische Verhältnis beeinflussen?

ARGAN: Die Freundschaft der Italiener mit Deutschland, die bis zu Dürer, zu Goethe, zu Hölderlin zurückreicht, sie galt und gilt weiterhin einem demokratischen Deutschland -- nicht aber einem Deutschland, das Kapplers Verbrechen in Rom als legitim ansieht.

SPIEGEL: Niemand in Deutschland wird die Verbrechen Kapplers verteidigen. In Italien wird jedoch argumentiert, die Deutschen seien keine wahren Antifaschisten, wenn sie Kappier nicht ausliefern.,.

ARGAN: ... ja, das glaube auch ich.

SPIEGEL: Ist es nicht so, daß Italien Kappier nur aus politisch-psychologischen Gründen bis ans Ende in Haft halten will -- als Symbolfigur für das, was die gefeierten Partisanen seinerzeit bekämpften. Braucht die Resistenza noch immer, 32 Jahre nach Kriegsende, solche »Gegner«?

ARGAN: Nein. Die Widerstandsbewegung war kein kleines Zwischenspiel unserer Geschichte, beschränkt auf den Kampf gegen deutsche Besatzer und faschistische Unterdrückung. Man muß das viel weiter fassen: Befreiung, meinen wir, ist ein ständiger politischer Prozeß in jedwedem Land, und jede gute Politik ist ein Vorgang ständiger Befreiung. In diesem Sinne, als Bewegung gegen die freiheitsfeindlichen Kräfte, dauert die Resistenza in Italien weiter an.

SPIEGEL: Viele Ihrer Landsleute, so scheint es, nehmen den Fall Kappier zum Anlaß, um wieder mal das Schreckbild des häßlichen Deutschen in Soldatenstiefeln aufzubauen. Keine Chance also für einen Schlußstrich unter die Vergangenheit?

ARGAN: Ich bin Historiker und habe mich viel mit der deutschen Kultur befaßt. Deshalb betrachte ich es als Ausnahme und historisches Unglück, daß Deutschland zu einem bestimmten Zeitpunkt Männer hervorbrachte, die in Soldatenstiefeln über unser Land trampelten. Kapplers Flucht erinnert peinlich an eine andere aufsehenerregende »Befreiung« -- im September 1943 -- damals verhalf Skorzeny dem Gefangenen Mussolini zur Flucht vom Gran Sasso.

SPIEGEL: Aber im Unterschied zu Skorzeny damals hat Kappler heute doch nur einen kleinen Kreis von Sympathisanten oder gar Helfern ...

ARGAN: ... mag sein. Jedenfalls urteilt Italiens öffentliche Meinung streng, sehr streng über den Fall Kappler. Sie sieht in der Flucht des Kriegsverbrechers und in der Hilfe bestimmter deutscher Kreise für ihn die eindeutige Absicht einer Rache.

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