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»Eine riesige Sonne erhob sich aus dem Meer«

Die Bewohner von Rongelap verlassen ihre atomverseuchte Insel / Von Paul Brown Auf die »Rainbow Warrior«, Aktionsschiff der »Greenpeace«-Bewegung, wurde letzte Woche im Hafen von Auckland/Neuseeland ein Sprengstoffanschlag verübt: Zwei von Unbekannten außenbords angebrachte Bomben versenkten das Schiff, Fernando Pereira, 35, Greenpeacer und Photograph, wurde getötet. Die »Warrior« war gerade von einer aufsehenerregenden Aktion zurückgekehrt: Sie hatte die Bewohner des von einem US-Atomtest verseuchten Pazifik-Atolls Rongelap auf eine unverseuchte Insel umgesiedelt. Paul Brown, Reporter des Londoner »Guardian«, schildert dieses letzte »Rainbow«-Unternehmen für den SPIEGEL. *
aus DER SPIEGEL 29/1985

Der Passat zaust die dunkelbraunen Haare der Frauen und läßt ihre blumenbedruckten Kleider flattern. Sie stehen und hocken unter struppigen Palmen oder lehnen mit runden Schultern an den mannshohen Luftwurzeln eines Pandanus-Baums. Ihre Gesichter erinnern mich an Lebkuchenherzen mit Mandelaugen, und die meisten der Frauen sind wahrhaftig so jung und schön und stämmig, wie Paul Gauguin ihre Schwestern auf Tahiti gemalt hat.

Viele haben Babys auf dem Arm oder Schoß, Babys von einer schon unverschämten Putzigkeit. Auch von den Kleinen ist trotz der feuchtwarmen Luft keines nackt. Die Jungen tragen gestreifte Polohemdchen und Shorts, die Mädchen Hängekleidchen.

Sie alle, groß und klein, haben ihre Sonntagssachen an. Wenn ich meinen Blick darauf beschränke, sieht es aus, als hätten sie sich zum Kirchgang versammelt, zum Gottesdienst in der kleinen, blau-weiß gestrichenen Betonkapelle, die ein Stück weiter am Rand eines Palmenhaines steht und hinausschaut auf den gipsweißen Strand und die türkisgrüne Lagune. Denn was die geistlichen Dinge betrifft, kennen die Bewohner des Südsee-Atolls Rongelap keine Frivolität.

Deutsche Missionare haben diese gutgläubigen Menschen vor hundert Jahren zu Christen gemacht, zu Calvinisten gar. Doch auch dieser verschärften Form von Christentum sind die Rongelaper auf ihre sanfte Art bis heute treu geblieben. Nacktheit, soviel ist sicher, hat man ihnen verleidet, diesen Menschen, die auch ich - so stark ist der Südsee-Mythos in unseren Köpfen - erst einmal betrachte, als wären sie »Naturkinder«.

Aber in der Betonkapelle wird es keinen Gottesdienst mehr geben. Schon am Vortag ist dort das letzte »Amen!« ertönt, als Antwort der Gemeinde auf die Worte, mit denen der Insel-Pfarrer Jari Mongkeyea seinen 303 Schützlingen Mut machen wollte: »Wir sind wie das Volk Israel, das seinen Auszug aus Ägypten erlebt. Gott sei mit uns!«

Jetzt ist die Kapelle leergeräumt. Die rohen, lehnenlosen Sitzbänke und der Altartisch sind am Strand gestapelt. Auch die Schule des Eilands findet sich dort wieder: Die Rongelaper haben den Holzbau auseinandergenommen und alle Bretter, Balken und Aluminiumplatten ans Ufer der Lagune geschleppt. Sorgsam beschriftet - »Tafelwand«, »Giebelbalken rechts« - liegen die Bestandteile im Korallensand, Kisten mit Schulbüchern obendrauf gepackt.

Mit ihren Wohnhütten sind die Insulaner genauso verfahren. Alle übrigen Habseligkeiten haben sie in überquellende Kunstleder-Reisetaschen, Schalenkoffer, Dufflebags und Plastikeimer verstaut. Nun schauen die Frauen und Männer in den wartenden Gruppen mit einer Art ruhiger Benommenheit auf die Lagune und das Schiff, das auf ihren Wunsch gekommen ist, um sie mit Kind und Kram fortzuholen von dem heimatlichen

Atoll, von dem weißgrünen Kranz aus Inseln, auf dem ihre Vorfahren seit unvordenklicher Zeit gelebt haben.

»Wir lieben unsere Insel, aber noch mehr lieben wir die Zukunft unserer Kinder.« Diesen Satz, auf die beiden Seiten eines Pappdeckels gekritzelt, hat uns eine grauhaarige Frau, Muvenarik Kebenli, am Tag zuvor zur Begrüßung hingehalten, von einem blubbernden alten Motorboot aus, mit dem sie und ein paar andere Rongelaperinnen uns entgegenkamen, als wir auf dem erwarteten Schiff in die Lagune einfuhren.

Ja, sie wollen weg von Rongelap, das eines jeden großstadtmüden und büromaroden Europäers Vorstellung vom Paradies zu sein scheint. Aber wenn du an Land gehst und die Bewohner aus der Nähe siehst, bemerkst du, daß mehr als die Hälfte der über Dreißigjährigen eine lange helle Narbe unter dem Kehlkopf haben: Die Schilddrüse, von Knotenbildung und Krebs befallen, mußte ihnen allen herausoperiert werden. Du entdeckst, daß es neben den äußerlich gesunden auch mißgebildete Kinder gibt, die es früher niemals gab. Du triffst Frauen, von denen du erfährst, daß sie nur Fehlgeburten haben - Lijon Eknilong zum Beispiel, 38 Jahre alt.

»Amerikanische Wissenschaftler waren hier und haben uns untersucht«, sagt sie. »Sie haben mir gesagt, daß ich fast mit Sicherheit Krebs bekomme.« An der Schilddrüse ist sie schon vor vier Jahren operiert worden.

Almira Matayoshi ist eine der Frauen, unter deren Fehlgeburten ein »jellyfish baby« war, ein »Quallenbaby«. Eine Freundin von ihr sagt: »Es hatte Haut wie Bast und kein Gesicht.«

Auch Jeton Anjain will, daß die Gemeinde das Atoll verläßt, zumal seine eigene Familie schon seit Jahren auf dem 700 Kilometer entfernten Majuro-Atoll in der Hauptstadt der Marshall-Gruppe lebt. Trotz der Umsiedlung, sagt er, litten die meisten seiner Leute an Schilddrüsen-Problemen, Hormonstörungen und »schlechtem Blut«. Sein Neffe Lekoj Anjain ist mit 19 Jahren an Leukämie gestorben.

Anjain, ein rundleibiger Fünfziger mit Baseballmütze und Hawaiihemd, ist der politische Repräsentant der Rongelaper bei der nominellen Selbstregierung der »Republik der Marshall-Inseln« in Majuro, die freilich unter amerikanischer »Treuhänderschaft« steht und faktisch als Militärkolonie des Pentagons fungiert. »Senator« seines Zeichens, ist Jeton Anjain nach Rongelap gekommen, um den Bewohnern bei Vorbereitung und Ablauf der Evakuierung beizustehen, obwohl die amtlichen Amerikaner in Majuro wie im fernen Washington ganz und gar nichts von dem Unternehmen halten.

»Wir wissen, daß Rongelap durch den Fallout eines amerikanischen Nukleartests auf Bikini seit 31 Jahren radioaktiv verseucht ist«, sagt Anjain. »Wir wissen heute, daß das Atoll auf unabsehbare Zeit verseucht bleiben wird mit allen Pflanzen, die darauf wachsen, und allen Lagunenfischen, Krebsen, Krabben und Hummern, die drumherum leben und von denen meine Leute sich ernähren.«

So fangen die Insulaner in der letzten Mai-Woche beharrlich an, ihre zerlegten Hütten, die Bestandteile ihrer Schule, ihre Kirchenbänke, ihre beiden Stromgeneratoren, ihre Hühner und Schweine, ihre Greise und Kinder und endlich sich selbst in zwei alte Motorboote und in motorisierte Schlauchboote zu packen, dann im Fährverkehr gut 200 Meter hinauszufahren auf die Lagune, dann die tote wie die flatternde und quiekende Last mühselig auf das Schiff zu hieven,

das dieser kleinen mikronesischen Welt als Arche dienen soll, doch dafür ungefähr so geeignet ist wie ein U-Boot für Musikdampferfahrten.

Eine Arche? Ein ehemaliger Fischtrawler aus Aberdeen in Schottland, 30 Jahre alt, 49 Meter lang, mit ganzen 417 Tonnen, grün getönt und mit Indianermotiven bemalt wie ein schwimmender Totempfahl. Es handelt sich um die »Rainbow Warrior« (Regenbogen-Kämpfer), das Aktionsschiff von Greenpeace, bemannt mit zwölf Leuten aus USA und Westeuropa, darunter drei Frauen mit geflochtenen Kränzen im Haar, das Ganze geleitet von dem bärtigen Amerikaner Steve Sawyer, 29.

Die offiziellen »Treuhänder« der USA auf den Marshall-Inseln haben es Senator Anjain und der Volksvertretung in Majuro abgelehnt, den Rongelapern bei ihrer Umsiedlung zu helfen - sie halten sie für »unnötig«. Da wandte Jetan Anjain sich an Greenpeace, und »Rainbow Warrior« kam den ganzen Weg von Florida. Denn seit ihren Anfängen prangern die Umweltschützer an, daß erst die USA und, dem üblen Beispiel folgend, auch Frankreich das »Meer des Friedens«, den Pazifik, als atomaren Schießplatz mißbraucht haben und daß die Franzosen dies noch immer tun.

Wie leichtfertig das geschah, mit welcher Rücksichtslosigkeit gegenüber den friedlichen Bewohnern des Friedensmeeres, wird an den Leiden der Menschen von Rongelap deutlich. Was Nuklearwaffen bedeuten, erweist sich an ihnen. Denn die Bombe, vor der zu fliehen sie sich nun doch noch genötigt sehen, ist am 1. März 1954 hochgegangen.

»Ein ungeheures, feurig-sonnengleiches Objekt erhob sich im Westen aus dem Meer. Es war eine Sonne, aber es war viel größer als unsere Sonne. Es war eine Sonne, denn es leuchtete und strahlte Hitze aus wie die Sonne, doch seine Hitze war weit größer ... Jeder auf der Insel war entsetzt und entgeistert.« Dies berichtet Billiet Edmond in seinem Tagebuch über den frühen Morgen jenes 1. März. Er war damals Lehrer auf Rongelap und ist 1974 an Blutkrebs gestorben.

Die Kernexplosion, die er beschreibt, fand auf dem von seinen Bewohnern geräumten Bikini-Atoll statt, 160 Kilometer westlich von Rongelap. Der Test trug den unangemessen beifälligen Namen »Bravo« und war das gewaltigste thermonukleare Ereignis, das die Amerikaner je entfesselt haben, eine Wasserstoffbombe von 15 Megatonnen Sprengkraft, mehr als tausendmal stärker als die Bombe, die Hiroschima zerschmetterte. Noch auf die Distanz Bikini-Rongelap hatte die Druckwelle laut Billiet Edmond »die Wucht eines Tornados«.

Gegen Mittag begann feiner, weißer Staub auf das Atoll herabzurieseln: Als der Tag sich neigte, litten alle Inselbewohner, am schlimmsten die Kinder, an akuten Strahlungssymptomen, einem brennenden Hautjucken, Schwindel, Übelkeit. Lehrer Edmond: »Nach und nach wurden alle Insulaner von Erbrechen geplagt.«

Erst am übernächsten Morgen kam Hilfe. Ein amerikanischer Zerstörer lief in die Lagune ein, Offiziere und Seeleute gingen in größter Eile an Land und eröffneten den erschöpften und verstörten Rongelapern, sie hätten stehenden Fußes mit an Bord zu kommen und »überhaupt nichts mitzunehmen außer unseren Körpern und Kleidern«, wie Billiet Edmonds Tagebuch berichtet. Der Zerstörer brachte die binnen einer knappen Stunde aus ihrem tief verwurzelten Leben Herausgerissenen, aller Habe Beraubten, 200 Kilometer nach Süden, nach Kwajalein, Hauptinsel des gleichnamigen größten Atolls der Marshall-Gruppe.

Es sah wie eine schreckliche Panne aus, daß radioaktiver Fallout auf Rongelap niederging. Gutgläubige Zeitgenossen nahmen an, der Wind habe unerwartet die Richtung gewechselt.

Die Wahrheit kam 28 Jahre später heraus, als 1982 ein bis dahin geheimgehaltenes Dokument des »Radiologischen Verteidigungs-Laboratoriums« der US-Marine zugänglich wurde (Titel: »Physical factors dosimetry in Marshall Islands Radioactivity«, by C.A. Sandhaus and V.P. Bond, 1955). Daraus geht hervor, daß der Wind bereits sechs Stunden vor der »Bravo«-Detonation in Richtung Rongelap stand. Daß die Inselbewohner und ihr Atoll verstrahlt wurden, haben die für den »biggest bang« Verantwortlichen bewußt in Kauf genommen.

Vier Monate lang kampierten die verschleppten Südseemenschen auf Kwajalein in Zelten, dann wurden sie in ein Barackenlager auf Majuro verfrachtet und mit Surplus-Lebensmitteln aus Treuhänder-Händen durchgefüttert. Der Atomwahn des weißen Mannes hatte auch sie zu nuklearen Nomaden und boat people gemacht.

Bereits 1957 jedoch überraschten die Amerikaner das heimwehkranke Häuflein von Rongelap mit der Frohbotschaft, es könne zurückkehren auf sein Eiland, es sei wieder sicher, dort zu leben. Und als die Navy die Entwurzelten wieder anlandete auf ihren weißen Riffs in der Ozeanweite und als die wehenden grünen Schöpfe der Kokospalmen sie grüßten, schien es fürwahr noch ein Happy-End mit Hawaii-Gitarren zu geben.

US-Regierungsmediziner und -Radiologen vom »Brookhaven National Laboratory« in Washington hatten Rongelap für bewohnbar erklärt. In ihren Analysen für den Dienstgebrauch aber gaben sie klar zu verstehen, daß die Insulaner zurückgebracht wurden, obwohl auf ihrem Atoll noch immer erhöhte Radioaktivität herrschte und weil sie dort herrschte. Denn: »Größeres Wissen über Strahlungswirkungen auf Menschen ist dringend vonnöten.«

So steht es in der von Robert A. Conard und anderen Medizinern vom Brookhaven Laboratory erstellten Untersuchung der Rongelap-Bewohner im März 1957. Und weiter: »Obwohl die radioaktive Verseuchung von Rongelap als vollkommen sicher für Menschen angesehen wird, ist das Aktivitätsniveau höher als an anderen bewohnten Orten der Welt. Der Aufenthalt dieser Leute auf der Insel wird uns äußerst wertvolle ökologische Strahlungsdaten für Menschen liefern.«

Sie bekamen ihre Daten. »Nach jedem halben Jahr kamen zwei oder drei Ärzte aus Washington«, erzählt mir die eigensinnige alte Dame Muvenarik Kebenli. »Sie zapften uns jedesmal Blut ab und nahmen es mit.«

Schon ein Jahr nach der Rücksiedlung stellten die Brookhaven-Mediziner in den Körpern der Insulaner die rasche Zunahme von radioaktivem Zink, Strontium und Cäsium fest. Auch die Kinder, die bei dem »Bravo«-Test noch gar nicht geboren waren, wurden nun durch die Rückstands-Radioaktivität auf dem Atoll kontaminiert.

1963 begann die Epidemie der Schilddrüsen-Tumoren. Die meisten der Opfer wurden im US-Militärhospital auf der Insel Guam operiert. Schwierige und interessante Fälle aber nahmen die Mediziner 11000 Kilometer weit mit bis nach Cleveland/Ohio, zur Spezialbehandlung an der Case Western University, alles auf US-Staatskosten.

Geduldig ertrugen die pazifischen Menschen die Krankheits- und Operationswehen, gar nicht zu reden von dem unverdaulichen Kulturschock, den ihre jähe Begegnung mit der amerikanischen Lebensweise ihnen versetzte. Sie hielten für Fürsorge und Wiedergutmachung, was mit ihnen geschah. Sie glaubten den Beteuerungen der Brookhaven-Experten, Rongelap sei »clean« und nicht radioaktiver als Washington oder Majuro, und alle ihre Leiden seien Spätfolgen des Fallouts unmittelbar nach »Bravo«.

»Wir waren gekränkt, daß die Besucher nie etwas von dem essen wollten, was wir ihnen angeboten haben«, sagt Lijon Eknilong in ihrem exotischen Englisch. Sie hätten es mit Hummer versucht, mit süßsauer zubereitetem Schildkrötenfleisch, mit besonders schmackhaften Kokosnußkrebsen aus der nördlichen Lagune, die so groß sind, daß sie mit ihren Zangen Kokosnüsse knacken können. Ohne Erfolg.

»Sie haben die Unhöflichkeit nie erklärt«, sagt Lijon und streicht ihr im Tropenwind flatterndes Haar aus dem Gesicht. Gleichwohl suchten die Rongelaper den Fehler bei sich selber - vielleicht waren sie den bakterienbewußten Amerikanern trotz calvinistischer Reinlichkeit nicht keimfrei genug.

1979 endlich, 22 Jahre nach der Rücksiedlung, rückten die Besucher mit einem Stück der Wahrheit heraus. Eine neuerliche, von Hubschraubern aus vorgenommene Radioaktivitätsmessung der nördlichen Marshall-Inseln hatte ergeben, daß der Nordteil des Atolls Rongelap weit stärker verseucht ist, als bis dahin bekannt war. Die Kontamination mit strahlenden Isotopen, so zeigte sich, übertrifft deutlich auch die großzügigen Maßstäbe, von denen das »Brookhaven National Laboratory« im Dienste der Wissenschaft hier ausgegangen war.

Die Insulaner lebten zwar auf dem Südteil der Korallenbänke, die sich auf dem Kraterrand eines erloschenen und versunkenen Vulkans erheben. Aber sie sind mit ihren Booten ständig über die fast 40 Kilometer breite Lagune hinweggesegelt, um die im Norden zahlreich krabbelnden Hummer und Kokosnußkrebse zu fangen und Kokosnüsse zu ernten. Damit, verkündeten die Brookhaven-Emissäre, müsse nun leider Schluß sein.

Die Bewohner entgegneten, ohne den Nordteil könnten sie sich nicht genügend Nahrung und Kopra für den Export beschaffen. Seitdem schickten die Amerikaner alle drei Monate Lebensmittel wie einst ins Evakuierungslager. Bald war kein Mangel mehr an Milchpulver, Eipulver und Thunfischkonserven.

Doch nun begriffen auch die Vertrauensseligsten, daß sie auf dem heimatlichen Atoll »guinea pigs« waren und bleiben würden, »Meerschweinchen« und Versuchskaninchen der für das Pentagon tätigen Radiologen und Mediziner. »Wir glaubten den amerikanischen Wissenschaftlern einfach nicht mehr«, erklärt mir Senator Anjain. »Wir glaubten nur noch unseren eigenen Augen. Wir können sehen, daß unsere Kinder nicht gesund sind.«

Der Entschluß, Rongelap zu verlassen, ist ihnen dennoch bitter schwer geworden. Wo sollten sie auch hin im friedlosen Pentagon-Archipel? Auf die von Menschen und Ratten wimmelnde Slum-Insel Ebeye vielleicht, gleich neben Kwajalein (US-Kürzel »Kwaj«, gesprochen »Quatsch"), dem Hauptstützpunkt der amerikanischen Fernraketen-Schießbahn. Dorthin, wo sich schon mehr als 8000 entwurzelte Marshallesen drängen und täglich versuchen, sich bei den Amerikanern auf »Kwaj« als Dienstboten, Müllmänner und Golfplatz-Manikürer zu verdingen?

Und doch geht der Greenpeace-Trawler »Rainbow Warrior« auf Südkurs in

Richtung Kwajalein-Atoll, als er Rongelap zu seiner ersten Umsiedlungsfahrt verläßt, vollgepackt mit zerlegten Hütten, Segel-Kanus und 76 Inselbewohnern, meist Frauen und Kindern, begleitet von einem Dutzend Männern.

Langsam gleitet »Warrior« aus der Lagune. Ich blicke über Bord und beobachte durch das klare Wasser hindurch all die Schwärme phantastisch kostümierter Tropenfische, und wie sie auseinanderstieben, wenn unser Schatten sie berührt. Es fällt mir schwer, die Rongelaper anzuschauen, während ihre Inseln hinter ihnen zurückbleiben, bald nur noch auf dem Wasser treibende Büschel Grünzeug sind, dann ganz versinken. Vom Heck her höre ich Weinen. Die meisten stehen stumm da mit offenen Augen, aus denen das Wasser quillt.

Ja, wir fahren durch die lange Äquatornacht nach Kwajalein, aber nicht zu den Amerikanern, sondern zur von ihnen nicht benutzten Nordwestecke des Atolls. Immerhin ist es der umfänglichste Kranz von Korallenbauten im ganzen Pazifik mit einer fast 200 Kilometer langen Lagune. Mehr als die Hälfte dieser Lagune und der Eilande drumherum sind vom US-Militär mit Beschlag belegt. Sie ist die Zielscheibe für Interkontinentalraketen wie die »MX«, die testweise in Vandenberg an der kalifornischen Küste abgefeuert werden.

Nach 7500 Kilometern Flug über den Pazifik schlagen ihre (ungeladenen) Mehrfachsprengköpfe weißglühend in der Lagune ein, verfolgt und auf Zielgenauigkeit vermessen von einer Vielzahl von Radaranlagen. Nächtliche Tests erzeugen unnatürliche Himmelserscheinungen, wenn ankommende Sprengkopf-Schwärme grelle Leuchtspuren in die Dunkelheit reißen. Auch der Krieg der Sterne wird auf »Kwaj« geprobt: »Raketenabwehr-Raketen« steigen auf von dort, um anfliegende »feindliche« Sprengköpfe abzufangen.

Aber am anderen Ende der Lagune, außerhalb der amerikanischen Sperrzone, gibt es noch eine Ansammlung von Inseln und Inselchen, darunter eine, die fast so groß ist wie die Dorfinsel von Rongelap und unbewohnt dazu. Sie heißt Majeto und gehört Kenja Tamlo, dem »chief« und Häuptling der Gemeinde, die auf der größeren Nachbarinsel Ebadon lebt.

Tamlo und Senator Anjain sind verschwägert - die Insulaner heiraten oft über viele Hundert Meilen hinweg auf andere Atolle, weil sie von altersher ein äußerst strenges Inzest-Tabu haben, das Inzucht nicht aufkommen läßt, erklärt mir der südseekundige Greenpeacer Glenn Alcalay. Und als Kenja Tamlo von dem Entschluß der Rongelaper erfuhr, die Heimat zu verlassen, wenn sie nur eine unverseuchte, erträgliche Bleibe fänden, bot er Jetan Anjain, dem Schwager, Majeto an.

Tagesanbruch. Die auf dem Deck von »Rainbow Warrior« ruhenden Frauen rappeln sich erschrocken auf. Aus der aufgehenden Sonne nähert sich lärmend ein Hubschrauber der US-Armee. Er umkreist unser Schiff, während es in den ungesperrten Teil der Kwajalein-Lagune einfährt.

Die Army ist offenbar äußerst mißtrauisch, zumal bei Greenpeacern, die viel Unruhe stiften mit ihrer Dauerkampagne gegen den Mißbrauch des Pazifiks für das Wettrüsten. Haben sie die Staaten am Stillen Ozean nicht schon mit einer Krankheit angesteckt, die man in Washington grämlich als »nukleare Allergie« diagnostiziert? Muß man bei ihnen nicht darauf gefaßt sein, daß sie plötzlich einen Haken schlagen und mit ihrer Trawler-Arche zu einer Protestfahrt in das Raketen-Zielgebiet eindringen?

Aber die Greenpeace-Crew hält sich an das, was der US-Vertreter in Majuro, Michael Senko, erklärt hat: Keine US-Intervention gegen die Umsiedlung, solange Greenpeace die US-Sperrzone respektiert.

»Majeto voraus«, ruft Steve Sawyer nach mehrfachem Studium der Seekarte des Atolls. Was da näherkommt, ist unter europäisch-touristischen Gesichtspunkten ein schöneres Eiland als die Dorfinsel von Rongelap - der Strand ist viel breiter, der Palmenbestand dichter.

Die Rongelap-Männer sehen das mit anderen Augen. Sie hängen aufgeregt über Bord, fasziniert von der Menge der Fische auf der Korallenbank - unverseuchter Fische. Kaum stoppt die Maschine, sind sie, mit Spießen bewaffnet, von Bord, landen mit ihren Kanus, waten ins seichte warme Wasser und fangen unter spitzen Triumphschreien an, Fische zu stechen.

In einer guten Viertelstunde haben sie genug beisammen für ein opulentes Grill-Lunch für alle Ankömmlinge. Eine fast beschwipste Stimmung kommt auf, nur von Kokosmilch (denn den Rauschteufel aus der Flasche verschmähen die Rongelaper) und dem Gefühl, wie es Lijon Eknilong sagt, daß »wir keine Angst mehr haben müssen, wenn wir etwas Frisches essen und trinken«.

Noch drei weitere Fahrten und zehn Tage und Nächte braucht »Rainbow Warrior«, um alle Rongelaper mit ihrer Habe nach Majeto zu bringen. Seit Mitte letzten Monats steht auch die Schulbaracke wieder. Sie muß jetzt auch als Gotteshaus dienen.

»Seit wir 1954 ein verseuchtes Volk wurden, sind wir auf Almosen der Amerikaner angewiesen, um überleben zu können«, sagt Senator Anjain. »Aber jetzt träumen wir davon, uns wieder selbst zu ernähren. Jetzt haben wir guten Boden und wollen Gemüse anbauen - Süßkartoffeln, Gurken, Melonen, Chinakohl und Tomaten. Unsere Leute wissen noch nicht, wie man diese Dinge anbaut, aber wir werden es lernen.«

Ich wünsche es ihnen von Herzen. Ihr Exodus aus Rongelap ist die Voraussetzung dafür. Und doch fürchte ich, daß Anjains Traum vom unverdorbenen Südsee-Leben auch für sein Volk fast schon so unerreichbar geworden ist wie für den Londoner, der in seinem tristen Büro auf den Fingernägeln kaut und sich vorgaukelt, er lande auf einer Palmeninsel und mache die Bekanntschaft einer braunen Schönheit, die außer einem Hulahula-Röckchen nur eine weiße Blüte im Ohr trägt.

[Grafiktext]

HAWAII MARSHALL-INSELN Mururoa Auckland NEUSEELAND MARSHALL-INSELN Rongelap Eniwetok Bikini Kartenausschnitt Kwajalein Majuro 300 Kilometer KWAJALEIN-ATOLL Ebadon Majeto US-Raketen-Zielgebiet militärisches Sperrgebiet Ebeye Kwajalein 50 Kilometer

[GrafiktextEnde]

Paul Brown
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