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Revolutionsfeier Eine Rose am Wischer

Von Dieter Wild
aus DER SPIEGEL 29/1994

Der Stabsunteroffizier Robert Reiff vom Panzergrenadier-Bataillon 294 aus Stetten am kalten Markt gehört zu den glücklichen Deutschen in Paris: Er hat am 14. Juli, dem Geburtstag der Französischen Revolution, selbst Geburtstag, den 21. Und er ist einer der 189 deutschen Soldaten, die am 14. Juli über die Champs-Elysees paradieren dürfen - in jener heroischen Maskerade, die an jedem französischen Nationalfeiertag Frankreichs Prachtstraße zur vaterländischen Bühne macht.

Diesmal aber sollte die große Maskerade nach dem Willen des Staatschefs Francois Mitterrand zugleich ein großer Exorzismus werden: um die Dämonen der deutsch-französischen Vergangenheit endgültig auszutreiben, die sich hier und da wieder regen, also um mit einer großen Geste a la Charles de Gaulle Politik zu machen - und dabei nebenher noch die in Mißmut verfallenden Franzosen künstlich unter Spannung zu setzen.

Dazu hat Mitterrand im letzten seiner 14 Dienstjahre die 189 Deutschen samt Kampfwagen und Kanzler nach Paris gebeten, die einen mit ihrem unverkennbaren Eisernen Kreuz an den Flanken, den anderen mit seiner unverkennbaren Silhouette.

Die Risiken dieser fürwahr revolutionären Revolutionsfeier schienen von Anfang an kalkulierbar. »Deutsche auf den Champs-Elysees«, »Deutsche Panzer in Paris« tönt es zwar seit Wochen durch alle französischen Medien, und die Deutschen paradieren in Frankreichs Hauptstadt auch noch zwei Tage, nachdem Bill Clinton sie zu privilegierten Partnern der USA in Europa erhoben hat. Früher hätte man so was eine politische Blasphemie genannt.

Heute aber will das Anrücken der Deutschen zum richtigen Reizthema nicht reifen. Hier ein Gaullist dafür, dort ein Gaullist dagegen, Veteranen des Widerstandes eher - aber keineswegs unisono - dagegen. Kommunisten, die schon bessere Protest-Zeiten gesehen haben, raffen sich in bescheidener Menge gerade noch zur Demonstration ihrer »Mißbilligung« auf.

Je jünger die Franzosen, um so weniger haben sie gegen die Deutschen auf den Champs-Elysees. Schon gar nicht will eine der feurigen Intellektuellen-Schlachten entbrennen, die das Quartier Latin so oft mit Kampflärm erfüllen. Gerade erst haben einige erlauchte Geister wie Bernard-Henri Levy und Andre Glucksmann das Komitee »Schrei« aus der Taufe gehoben. Motto: »Europa beginnt in Kigali.«

Das ist den meisten Franzosen denn doch zu hoch, und den Spaß an ihrer Parade wollen sie sich von Querelen solcher Weltferne nicht verderben lassen. Europa beginnt für sie auf den Champs-Elysees, am 14. Juli 1994. Die französische Armee hätte ihre deutschen Brüder gar nicht so sorgsam zu verpacken brauchen - das Eiserne Kreuz provoziert offenbar niemanden mehr.

Die Deutschen paradieren im französisch-spanisch-belgisch-luxemburgischdeutschen Eurokorps, von dem die Franzosen nicht so recht wissen, ob es nur ein »gadget« (Spielzeug) ist oder ein Maulwurf der USA - nicht mal dieser Verdacht regt noch auf.

Als die Panzer des Eurokorps der Präsidententribüne entgegenrasseln, die deutsch-französische Brigade vorweg, schaltet die französische Militärmusik von ihren klirrenden Märschen aufs pathetische »Freude, schöner Götterfunken«, und die Zigtausende am Straßenrand klatschen. Vielleicht nicht ganz so begeistert wie bei ihren Lieblingseinheiten mit so exotischen Namen wie »Regiment der pazifisch-polynesischen Marineinfantrie« oder »1. Regiment Spahis«, das in wallenden nordafrikanischen Dschellabas marschiert. Aber der Applaus für die Deutschen übertönt doch den Ketten- und Motorenlärm ihrer 24 »Marder«-Schützenpanzer.

Warum marschiert das Eurokorps nicht zu Fuß durch Paris? Weil es ein mechanisiertes Korps sei, sagt der zur Zeit deutsche Kommandeur, Generalleutnant Helmut Willmann, und weil es sehr schwierig sei, in so kurzer Zeit die unterschiedlichen Marschstile und -tempi einander anzugleichen: Die Deutschen tun 114 Schritt in der Minute, die Franzosen nur 95. Soll heißen: Man habe sich nicht etwa wegen befürchteter Demonstrationstaten in die Fahrzeuge verkrochen, o nein.

Willmann ist ein rechtes Glück für die Deutschen: Er tappt in keine noch so schlaue Fragenfalle, findet Mitterrands Einladung an sein Korps »genereux et merveilleux«, hat Verständnis, »wenn ältere Franzosen, die die deutsche Besatzungszeit erlebt haben, hier psychologische Schwierigkeiten bekommen«.

Ein paar Schwierigkeiten haben die Deutschen mit der Parade - die Bundeswehr hat derlei versunkene Soldatenherrlichkeit nie geübt. Nun aber sollen jeweils vier deutsche »Marder« mit genau 40,4 Stundenkilometer Geschwindigkeit eine Linie halten, sechs Linien hintereinander. Zwölfmal in vier Tagen heißt das Kommando auf der Piste der französischen Luftwaffenbasis Villacoublay bei Paris »repetition«. »Die großen Proben«, schwelgt das 60 Seiten starke Handbuch für das Parade-Training, »gleichen der Generalprobe beim Theater.«

Die deutschen Soldaten entdecken, daß der Bundeswehr in ihrer funktionalen Schlichtheit doch einiger Glamour fehle. Und daß eine solche Monster-Parade, Vorbereitungszeit fast ein Jahr, viele Millionen kostet - allein Hunderttausende von Litern Sprit für das Üben in Villacoublay -, halten die Deutschen keineswegs für Geldverschwendung. »Wir haben zwar die Fußball-WM verloren, aber dafür haben wir dies hier«, sagte einer.

Sie sehen allerdings auch, wie die Franzosen ihr Faible fürs Dekorative durch Knauserigkeit andernorts kompensieren: In ihrer Unterkunft, der Kaserne des 2. Französischen Kürassier-Regiments in Satory, schnarchen die Gemeinen in Sälen zu 20 bis 25 Mann nächtens gegeneinander an, die Offiziere müssen zu acht auf Stube, nur Stabsoffiziere haben ein eigenes Zimmer - undenkbar nach den Maßstäben des Bundeswehrkomforts.

Es ist schon eine unwirkliche Welt, in die sich die Deutschen versetzt sehen. Und Paris, laut Victor Hugo die »Stadt der Städte« und »Stadt der Menschheit«, bereitet ihnen dann auch noch einen Empfang, als ob die Massen an den Champs-Elysees begriffen hätten: Hier kommen nicht die Söhne, sondern nur die Enkel jener Soldaten, die erstmals am 14. Juli 1940, dann bis 1944 jeden Tag, insgesamt 1515mal, über die Champs-Elysees gezogen sind.

Und heute ständen die Deutschen doch, sagt General Willmann, ebenso wie die Franzosen »auf seiten der Menschenrechte«. Für die Menschenrechte aber, so erklären ihnen die zehn schriftlichen Benimmpunkte ihres Oberstleutnants Jürgen Blaufuß für die Paris-Fahrt, stehe auch der 14. Juli in Frankreich.

So einfach allerdings stellt sich das Problem für manche Franzosen angesichts der Deutschen auf den Champs-Elysees denn doch nicht dar. Zwar lieben sie es, ihre Große Revolution stets auch als Verkündung universeller Werte, als Tat zur Beglückung der Menschheit, anzupreisen. Doch an ihrem Nationalfeiertag sind sie bisher in der Regel unter sich geblieben. Die Bastille stand schließlich in Paris, und gestürmt wurde sie am 14. Juli 1789 von Franzosen. »Die Preußen« dagegen hätten schon »1792 bei Valmy Front gegen die Revolution gemacht«, grault sich ein Kommunist. »Gespenster-Literatur« nennt das der Figaro-Chef Franz-Olivier Giesbert in einem letzten dramatischen Appell zugunsten der Deutschen.

Exorzist Mitterrand hatte das wohl alles bedacht. Auch er bekundet natürlich Verständnis für jene Franzosen, deren Wunden noch schwären, aber sie haben »über diese Frage nicht nachgedacht«. Er, Mitterrand, tut das für sie. Der bullige gaullistische Innenminister Charles Pasqua, der noch am Vorabend der Parade Stimmung gegen die Deutschen zu machen suchte, ist für Mitterrand schlicht »die Stimme der Vergangenheit«, er selbst aber »die der Zukunft«.

Mitterrand war sich wohl sicher, daß die große Mehrheit der Franzosen mit dem von ihm befohlenen Einbruch Europas in die abgeschlossene Welt ihrer Mythen und Leiden keine Probleme hat - und die französische Armee schon gar nicht. Sie gibt sich mit Verve dem überkommenen Parade-Ritual hin.

Das Kavallerie-Regiment der Garde republicaine hat seinen 280 Pferden das feinste Karree-Muster auf die Kruppen gestriegelt, sein Musikzug, angeblich einziger der Welt, der seine Märsche auch im Trab trompetet, die Instrumente gewienert. Die silbernen Kürasse und die blanken Säbel blitzen trotzig ins Computerzeitalter. Die Roßschweife der Helme und die Schweife der Rösser wehen, als wollten sie das Ende der Moderne verkünden.

Sogar neues Heldendekor mußte her: Vier Panzer, auf die Namen der letzten vier Marschälle von Frankreich getauft, führen zur Parade am Bug je einen originalgetreuen Marschallstab auf weißem Präsentierkissen mit.

So selbstverständlich ist diese Selbstdarstellung für die Franzosen, daß ihnen kleine Widersprüche nicht auffallen. Die Pioniere der Fremdenlegion verströmen den imperialen Duft von Indochina, Dschibuti und Algerien. Aber mit Vollbart, Lederschürze und Zimmermannsaxt schauen sie auch so herrlich unmilitärisch aus.

Und die Pariser Feuerwehr wird wohl weniger deshalb umjubelt, weil sie als Teil der Armee außer Schläuchen auch Waffen mit sich führt, sondern weil sie ihre schönen, unpraktischen Silberhelme siegreich gegen sinnvolleren Kopfschutz verteidigt hat. Im feuergefährdeten Paris ist sie sozusagen von Natur die liebste aller Paradeeinheiten.

Die Deutschen haben außer ihrem Kommandeur zumindest noch einen Muster-Europäer mit nach Paris gebracht: den Gefreiten Christian Martinache aus Speyer, der fließend Deutsch wie Französisch spricht. Er hatte sich, weil sein Vater französischer Soldat, seine Mutter Deutsche ist, in den Armeen beider Staaten beworben, »aber die Deutschen waren schneller«.

Der Gefreite Uwe Zeitter, Fahrer des Oberstleutnants Blaufuß, hat Europa, wie er glaubt, sogar selbst erfahren: Am Scheibenwischer seines Bundeswehr-Fahrzeugs, nahe den Champs-Elysees geparkt, fand er bei seiner Rückkehr eine Rose vor. Y

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