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FRANKREICH Eine Schwalbe für Le Pen

Arbeitslosigkeit, Angst vor sozialem Abstieg, Haß auf Immigranten - in Vitrolles bei Marseille gewann der rechtsradikale Front national gegen eine Koalition aus allen anderen Parteien. Schaffen die neuen Rechten den Ausbruch aus der Pariarolle?
aus DER SPIEGEL 8/1997

Die braunen Knopfaugen des schmächtigen Mannes funkeln plötzlich vor Vergnügen. »Ich sollte Bundeskanzler Helmut Kohl einen Dankesgruß faxen«, grient Bruno Mégret.

Der Chefideologe des rechtsradikalen Front national (FN), Nummer zwei in der Partei nach dem großen Boß Jean-Marie Le Pen, zitiert mit Behagen aus einem Zeitungsausschnitt angebliche Äußerungen des Kanzlers, wonach trotz hoher Arbeitslosigkeit in Deutschland Hunderttausende von Jobs durch Ausländer besetzt seien. Kohl habe damit, lobt Mégret, eine »zentrale These des FN« übernommen: »Wenn wir das sagen, ist das Rassismus. Merci Ellmut.«

Der Mann im dunklen Maßanzug sitzt zwischen Stapeln von Glückwunschtelegrammen und Jubelfaxen, die aus dem ganzen Land und aus aller Welt im Hauptquartier des Front national in Vitrolles einlaufen. »Bravo, und tragen Sie den Kopf hoch«, schreibt ein Balte.

Vitrolles, nordöstlich von Marseille gelegen, 39 000 Einwohner, um die 20 Prozent Arbeitslose und etwa ebenso viele Immigranten, hat ein neues Kapitel französischer Wahlgeschichte eröffnet: Zum erstenmal konnten Le Pens Ultrarechte ein Rathaus mit absoluter Mehrheit erobern. Und erstmals auch schlugen sie eine großspurig »republikanische Front« genannte Abwehrkoalition aus Gaullisten, Rechtsliberalen, Sozialisten und Kommunisten.

Nach der großen Hafenstadt Toulon, dem Festspielort Orange und der Nachbarkommune Marignane ist Vitrolles - eine öde, in den sechziger Jahren am Reißbrett entworfene Siedlung - als vierte französische Stadt unter FN-Herrschaft geraten. In das Rathaus, neben dem ein drei Meter hoher, aus Draht gebogener Kopf der amerikanischen Freiheitsstatue rostet, zieht Mégrets Ehefrau Catherine, 37 - als Statthalterin.

Denn Architekt des Sieges dieser nach eigenem Beteuern unpolitischen Frau ("Ich war nie FN-Aktivistin") ist der Stratege Bruno, der unter dem Tarntitel eines »freiwilligen Beraters« der wahre Herr über die Betonzeilen von Vitrolles sein wird. Selbst kandidieren durfte der Generaldelegierte des FN nicht: Das oberste Verwaltungsgericht hatte ihm sein Kommunalmandat wegen Überziehung des Wahlkampfetats von 1995 aberkannt und ihn für ein Jahr gesperrt.

Der Triumph der Mégrets war für die Pariser Parteien ein nationales Desaster. Nachdem die Konservativen auf Geheiß des gaullistischen Premiers Alain Juppé ihren im ersten Wahlgang jämmerlich gescheiterten Kandidaten zurückgezogen hatten, mußten die Vitrollais sich in der Stichwahl zwischen »Pest und Cholera« (Außenminister Hervé de Charette) entscheiden: hier die unerquickliche Aussicht, als neue Faschisten-Hochburg angeprangert zu werden; da die trübe Alternative, den wegen Wahlmanipulationen abgesetzten und unter Korruptionsverdacht stehenden Sozialisten Jean-Jacques Anglade erneut zum Bürgermeister zu machen.

Selbst Linke votierten da trotzig oder schweren Herzens für die großbürgerliche Catherine, die als Enkelin russisch-jüdischer Einwanderer im feinen Pariser Vorort Neuilly aufgewachsen ist und dem aggressiven Front national ein freundliches Gesicht verlieh.

Doch die brave Catherine steht im Dienst höherer FN-Interessen. Für Le Pen ist Vitrolles die Schwalbe, die den Frühling ankündigt. Europa-Parlamentarier Mégret spricht von einem »historischen und emblematischen Sieg«. Denn das Bevölkerungsgemisch und die lokalen Probleme stellten ein »Abbild Frankreichs« dar: »Vitrolles gibt es überall, also können wir auch überall siegen.«

Daß nach der Wahl etwa 30 Jugendliche »arabischen Typs« - so die Polizei - Autos anzündeten und Scheiben zertrümmerten, paßte bestens in die Agitation gegen die farbigen Zuwanderer. Denn die, so Mégret, »gefährden unsere nationale Identität«.

Nur 14 Monate vor den Parlamentswahlen schauten Rechte wie Linke ratlos zu, wie Mégret - als Absolvent von Elitehochschulen wie Polytechnique und Ponts et Chaussées gehört er zur erlauchten Verwaltungskaste der Republik - in Vitrolles schaffte, was der Tribun Le Pen schon lange auf nationaler Ebene probt.

Die Ultras vereinnahmen höchst effektvoll alle Themen, die Wähler bewegen: Arbeitslosigkeit und Immigration, Sicherheit und Familie, nationale Identität und Kampf gegen Maastricht gelten immer mehr Franzosen als FN-Domänen.

Eine »Lepenisierung des Denkens« macht deshalb der linke Ex-Justizminister Robert Badinter aus: Der Front national spukt in allen Köpfen. Niemand empörte sich über Frankreichs populärsten TV-Fußballmoderator Thierry Roland, als der öffentlich tönte, er teile »in vielen Punkten« Le Pens Meinung. Nur noch 35 Prozent der Bürger sind bereit, sich der rechten Bewegung, die inzwischen die bevorzugte Partei der Arbeiter geworden ist, entgegenzustellen. 70 Prozent finden nichts dabei, wenn FN-Abgeordnete in die Nationalversammlung einziehen.

Stets gebe Le Pen das Stichwort und bestimme »die Wahl der Waffen«, sagt der Politologe Michel Hastings. Eine eher beiläufige Bemerkung Le Pens letzten Sommer über die »Ungleichheit der Rassen« beschäftigte das ganze Land; Le Pen konnte stets aufs neue erläutern, was er gemeint habe. FN-Generalsekretär Bruno Gollnisch lobt die Methode: »Wer dem anderen sein Vokabular aufzwingt, zwingt ihm auch seine Werte auf.«

Vitrolles ist nun ein Mégret-Laboratorium für angewandte FN-Forschung. »Madame le maire«, Mutter des dreijährigen Sohnes Audouin, will sich der Sozialarbeit vor Ort widmen. Gatte Bruno, 47, strebt mehr an - erst ein fast schon sicheres Parlamentsmandat im Departement Bouchesdu-Rhône, dann die FN-Führung. Bis 1981 war Mégret Mitglied der Gaullistenpartei RPR und gehörte sogar dem Stab eines Ministers an. »Wenn ich den RPR nicht verlassen hätte, wäre ich heute wohl selbst Minister«, glaubt der Abtrünnige.

Politische Feinde, die ihn gelegentlich als »Goebbels« schmähen, halten den Ideologen wegen seiner geschliffenen Intellektualität für gefährlicher als das Rauhbein Le Pen. Der junge Mégret engagierte sich, bevor er sich 1985 dem FN anschloß, in rechtsextremen Zirkeln wie dem Club de l'Horloge und der Vereinigung zur Erforschung der europäischen Zivilisation.

Mégret wandte sich von den Gaullisten ab, weil sie nicht erfaßt hätten, daß die Kontroverse Kapitalismus/Sozialismus längst abgelöst sei durch den Kampf zwischen Globalisten und Patrioten. »Europa löst sich gegenüber der Welt auf«, erregt er sich. »Ich bin kein Chauvinist, ich bin Europäer. Wir müssen für ein Europa der Vaterländer kämpfen.« Der Einwand, daß dieser Spruch von Charles de Gaulle stamme, läßt ihn auftrumpfen: »Wenn de Gaulle heute lebte, wäre er im Front national.«

Mégret will den FN »modernisieren« - mit dem Ziel, die Partei aus der Pariarolle herauszuholen und zu einem unentbehrlichen Partner der demokratischen Rechten zu machen. Zum »nostalgischen Ballast«, den der Ehrgeizling irgendwann über Bord werfen will, gehört wohl auch sein großer Chef Le Pen, der vielen Wählern immer noch Angst einjagt. Er sehe sich, so Mégret vorsichtig, nicht als »Herausforderer« des 21 Jahre älteren Polterers Le Pen, aber »in guter Position, sein Nachfolger zu werden«.

Doch zunächst muß Vitrolles' Schatten-Bürgermeister zeigen, daß er regieren kann. Als erster Schritt zur Sanierung der Finanzen sollen die 39 Stadtverordneten (30 FN, 9 diverse Linke) auf ein Drittel ihrer Diäten verzichten. Mit einer Verdoppelung der Polizeikräfte will Catherines freiwilliger Berater dafür sorgen, »daß nicht mehr die Bürger Angst vor den Immigranten haben, sondern die Immigranten Angst vor den Bürgern«.

Nur wenige hundert Meter vom Rathaus entfernt beginnt das Einwanderer-Ghetto »Les Pins«. Über den Balkons flattert bunte Wäsche, ein zertrümmertes Sofa auf dem Parkplatz ist offenbar aus einem Obergeschoß geworfen worden. Die Metzgerei Sammoun preist ihr Hammelfleisch in arabischen Schriftzeichen an. Eine Unzahl von Parabolantennen dient vorherrschender Bürgermeinung zufolge vornehmlich dazu, islamistische Propaganda aus Algerien aufzufangen.

Sophie und Malika, Schülerinnen im Lycée Pierre Mendès France, sonnen sich an einer Wand, die mit der Parole »Mégret-Fasciste« besprüht ist. Der FN-Sieg, schimpfen sie, sei eine »Schande für ganz Vitrolles, für ganz Frankreich«. Ein dunkelhäutiger Twen namens Faruk mischt sich ein mit dem trotzigen Bekenntnis, er habe FN gewählt: »Die Masse der Einwanderer will in Frieden leben. Sicherheit bietet uns nur der Front national.«

Der gaullistische Parlamentspräsident Philippe Séguin sieht Le Pens Ultras als Thermometer der Nation: Das Fieber lasse sich nicht durch Philosophieren senken, man müsse »die Ursachen der Krankheit behandeln«.

Doch dafür haben die Pariser Patentpolitiker das Rezept noch nicht gefunden.

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