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EINE »SPIEGEL«-SEITE FÜR WERNER BOCHMANN

EINE «SPIEGEL»-SEITE FÜR WERNER BOCHMANN
aus DER SPIEGEL 7/1949

Jede Tätigkeit besitzt zwei Seiten. Also auch das Komponieren. Die erfreuliche Seite dabei ist die Möglichkeit, arbeiten zu können, der Menschheit Freude bereiten und dabei ein wenig Erfolg haben zu dürfen. Die unerfreuliche Seite dagegen zeigt sich in den zwei- bis dreihundert Briefen, die mir in jedem Monat in mein Häuschen flattern. Ich meine damit nicht jene, die vom Finanzamt kommen, und nicht jene, die einem sowieso Aerger bereiten, sondern jene, die mir aus dem film- und funkbegeisterten Publikumkreise geschickt werden. Die Tatsache, daß ich mich in die oberbayrischen Berge verkrochen habe, hält die Briefflut nicht auf. Die lieben Mitmenschen schreiben an den Film oder an den Rundfunk, die mir pflichtbewußt und liebenswürdigerweise die Post in neunhundert Meter Höhe nachsenden.

Und trotzdem lese ich diese Briefe alle. In meinem unverzeihlichen Optimismus hoffe ich immer wieder, doch einmal einen guten Fang zu machen und in den Hunderten von Liedertexten, die mir zur Vertonung angeboten werden, einen zu finden, der es wert ist, mit einer Melodie versehen zu werden. Aber dieses Glück war mir bisher nur zweimal beschieden.

Den zweiten Grund, weshalb ich grundsätzlich alle Briefe lese, will ich auch nicht verschweigen: ich sammle nämlich Kuriositäten. Wieso solche Briefe komisch sein können? Nun, einmal hinsichtlich der Rechtschreibung. Und dann hinsichtlich der Texte, deren Reime fast immer mit der Zange geboren wurden. Wenn Sie mir keinen Glauben schenken, will ich Ihnen gern eine Probe geben:

Ellenor (Foxtrott, mit allen Rechtschreibungsfehlern)

Ellenor, stell Dir diese Sache vor

Es war bei dunkler Nacht;

als ich mein Herz verlor.

Ich hab' nachgedacht

Und es kam mir in den Sinn.

Ich ging zum Onkel Docktor

Der verschrieb mir eine Medizin

Und die hieß »Ellenor«.

Da trieb mich die Sehnsucht zu Dir hin

Und hier fand ich mein Herz wieder vor.

Die Einsender solcher Textversuche sind an sich harmlos. Sie probieren ihr Glück, und wenn ich ihnen ihre Dichtkunst mit einigen freundlichen Zeilen zurückgebe, sind sie nicht weiter böse.

Ich möchte diese Textdichter mit Einzelhandelsliteraten bezeichnen, im Gegensatz zu den Librettofabrikanten, zu denen ich natürlich, wenn auch unfreiwillig, beste Beziehungen unterhalte. Es gibt mehr Menschen, als man annehmen sollte, die »Operetten« und »Filme« schreiben. Ihre Fähigkeiten sind nur noch nicht entdeckt worden. Deshalb wenden sie sich an uns Komponisten Mit dem mehr oder weniger energischen Auftrag, ihre Werke zu vertonen. Lesen Sie selber einmal (einschließlich aller Rechtschreibungsfehler), was diese Herren so im allgemeinen schreiben:

... Da wir Sie als Filmkomponist sehr berühmt sind und wir von ihrer Musick sehr begeistert sind erlauben wir ihnen in Geschäftlicher Angelegenheit einen Briet zu Schreiben. Um gleichzu unserer bitte zu kommen möchten wir uns kurz fassen. Da wir eine Revue schreiben und diese bereits fertig ist wollen wir sie fragen ob es ihnen möglich wäre, zu den Texten die Musick dazu Schreiben könnten ...

Auch dieser Brief ist nicht schlecht (für meine Kuriositätenmappe!):

... Da ich mich vor ungefähr 2 Monate an eine Opperette rangemacht habe, war es mir auch ganz gut gelungen, natürlich hat es mir sehr viel Mühe gekostet. 2 Ackten waren so weit ganz fertig, die passenden Teckste alles hatte bis dahin ganz prima geklappt. Jetzt kam auf einmal das neue Gesetzt raus das man auf dem Land keine Theaterstücker über 1 Ackt spielen durfte, schon war ich fertig ...

Ehrlich gesagt: ich war es auch! Natürlich enthalten nicht alle Briefe Tanzlied- und Operettentexte. Gott sei Dank nicht! In vielen von ihnen (sie stammen meistens von bildschönen Mädchen und Frauen) wird nur ein bescheidener Vorstoß zu einem Film-Engagement unternommen, wobei die Schreiberinnen die Situation verkennen und meine Möglichkeiten als Komponist völlig überschätzen.

Die nettesten Briefe sind jene, in denen mir die Freunde meiner Musik mitteilen, daß ich ihnen Freude schenkte, und die mich bitten, ihnen ein wenig aus meinem Künstlerleben zu erzählen. Derlei Bitten halte ich durchaus für bescheiden, ich kann sie trotzdem nicht brieflich erfüllen, denn ich besitze außer meinen Kuriositätenmappen eine Mappe, in denen ich meine Verträge abgeheftet habe. Es sind Verträge, die ich mit dem Rundfunk, mit Schallplattenfirmen und mit Filmgesellschaften abschloß und die mich verpflichten, jeden Tag und viele Nächte zu arbeiten.

Vor vielen Jahren stand es um meine Freizeit etwas besser Damals reiste ich als junger Pianist mit einem argentinischen Orchester durch Europa. In meiner Freizeit ging ich spazieren. Am Strande südlicher Meere oder im Getriebe fremder Großstädte. Wenn ich Lust verspürte, komponierte ich ein Liedchen, von denen ich einige den Verlegern vorspielte.

»Ganz nett«, sagten diese Herren dann, »aber es ist doch nicht das richtige«. Worauf ich meine Sachen packte und mich empfahl. Ich war ihnen nicht einmal sehr böse, denn eigentlich wollte ich ein tüchtiger Opernkapellmeister werden. Aber ich fand keine passende Gelegenheit, meinen Wunschtraum in Erfüllung gehen zu lassen, und so wollte ich es mit dem Film versuchen.

Ich ging zur Ufa und spielte meine Kompositionen vor. Einmal, zweimal, dreimal. Die Filmgewaltigen aber hatten eine hohe Mauer um sich errichtet, die zu stürmen nicht leicht war. Sie hatten eine Abneigung gegen alle Leute, die noch nicht zum Film gehörten. Nur der Leiter der Kurzfilm-Abteilung, der gerade an der offenstehenden Tür des Musikzimmers, in dem ich vorspielte, vorüberging, stutzte. Er fand meine Melodien erfreulich. Das war immerhin etwas. Außerdem gab er mir den Auftrag, die Musik zu einem Kurzfilm zu schreiben. Ich schrieb sie, worauf auf dem Vorspann des Films »Eine ideale Wohnung« zum ersten Male mein Name stand.

Diesem ersten Film folgten dann einige weitere Kurzfilme. Und schließlich kam die große Chance: ich erhielt den Auftrag, die Musik zu dem Großfilm »Die Insel« zu schreiben. Brigitte Helm und Willy Fritsch spielten darin, und Francoise Rosey sang mein Lied: »Was weißt Du von mir«. Wie Sie wissen, blieb es nicht bei diesem einen großen Film. Mit der »Kupfernen Hochzeit« schrieb ich die Musik zu meinem 66, Film, und der 67., der Rühmann-Film »Die Rote Katze«, ist bereits in Arbeit.

Aber ich sagte schon, daß ich auch noch andere Verpflichtungen habe. Dem Funk gegenüber, für den ich die Musik für die verschiedensten Sendungen schreibe, und auch den Konzertagenturen gegenüber, die mich zuweilen auf Tournees schicken, auf denen ich dann beweisen muß, daß ich nicht nur komponiere, sondern auch Klavier spielen kann.

Ja, und dann trachte ich nach neuen Formen in der Operette. Mit dem »Glück unterwegs«, die soeben von Radio München uraufgeführt wurde, erblickte die dritte meiner Operetten das Licht der Welt, mit der ich versuchte, einen völlig neuen Stil, nämlich den der Kammeroperette, zu finden.

Ja, und dann schreibe ich auch Lieder. Da ich immer wieder danach gefragt werde: das erfolgreichste war bisher »Heimat deine Sterne«. Viele meiner Lieder schrieb ich für Ilse Werner, deren ungewöhnliche Musikalität meinem Empfinden besonders nahekommt.

Populär wurde auch der »Theodor im Fußballtor«. Das hatten weder Curt Feltz, der mir den Text eines Tages in die Hand drückte, noch ich gar nicht erwartet. Ich hatte mir bei unserm Abschied nur den Titel angesehen, und während ich von München in mein Berghäuschen fuhr, sann ich nach einer Melodie. Daheim schrieb ich sie sogleich nieder, und am nächsten Morgen lag der vertonte Text bereits beim Verleger. Nun ja, ganz so schnell geht es ja nicht immer, aber bis zu fünf Filmen und einem Dutzend Lieder habe ich es im Jahre schon gebracht.

Manchmal sitze ich bis Nachts über dem Notenpapier. Und wenn ich noch nicht müde bin, gehe ich in meine kleine Küche, binde mir eine Schürze um und backe Plätzchen. Das ist nämlich mein Steckenpferd. Ich bin dann ganz glücklich, wenn mir mein »Heidesand« oder meine Lebkuchen, meine Makronen oder was ich sonst noch zu backen verstehe, gelungen sind.

Werner Bochmann
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