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VÖLKERKUNDE / DEUTSCHE Eine Staupe vor Gott

aus DER SPIEGEL 30/1964

Der deutsche Mann trägt Tirolerhut und Gamsbart, die deutsche Frau Stiefel, Pelz und Haarschnecken an den Ohren. Das deutsche Mädchen, ein schielendes Trampel, ist ohne blonde, strohige Zöpfe nebst Schleifchen undenkbar, und zum deutschen Schuljungen gehören Matrosenanzug, Brille und der Gesichtsausdruck einer bösen Intelligenz.

Alle Deutschen, ob Mann, Weib oder Kind, sind fett, schauen düster drein und haben eine unstillbare Liebe für Dackel und Knobelbecher, Botanisiertrommeln und Bier, Wurst und Brutalität.

Seit mehr als einem halben Jahrhundert sind die Deutschen so dargestellt worden. Im Film formte der stiernackige Austro-Amerikaner Erich von Stroheim ein brutales Deutschenbild, das vielerorts noch heute gilt.

Der »häßliche Deutsche« ist älter als der »häßliche Amerikaner«, den Marlon Brando in einem gleichnamigen Film dargestellt hat - und er ist jünger.

Jedem literarisch gebildeten Ausländer ist der unmäßig fressende und saufende, dabei tückische Deutsche aus den verstaubten Romanen von Maurice Barrès und Rudyard Kipling, aber auch aus jüngeren Produktionen, wie den Kriminalreißern von Ian Fleming und dem »Narrenschiff« der Amerikanerin Katherine Anne Porter, geläufig.

Noch im Mai dieses Jahres verzeichnete das Nachrichten-Magazin »Time« die Verwunderung amerikanischer Deutschland-Besucher über die »süßen, hochbeinigen Mädchen« in der Bundesrepublik. Bisher, so gestand das Blatt, habe man sich in Amerika »teutonische Weiblichkeit« immer nur als »bezopft« und »feist« vorstellen können. Als Beispiele des langbeinigen »Fräuleinwunders« in der Bundesrepublik präsentierte »Time« unter anderen die Rekordläuferin Jutta Heine und die Filmschaustellerin Elke Sommer.

Als Weihnachten vorigen Jahres 1,2 Millionen Westberliner nach Ostberlin strömten, veröffentlichte der »Daily Express« des verbiestert deutschfeindlichen Lord Beaverbrook das gezeichnete Abbild einer deutschen Familie kurz vor dem Passieren der Mauer. Es war eine Mustersammlung eben jener alteingesessenen Vorstellungen von teutonischer Klotzigkeit und Tücke.

Selbst die behagliche Erscheinung des Bundeskanzlers Ludwig Erhard dient gelegentlich britischen Karikaturisten als Beispiel böser deutscher Korpulenz.

Zwar wird man heute weder in England noch anderswo einen Menschen finden, der tatsächlich an Gretels Zöpfe und Hänsels Matrosenanzüge glaubt, doch steht die Lebenskraft dieser fixen Ideen - von Soziologen »Stereotypen« genannt - gleichwohl außer Zweifel.

Freilich erheben diese Stereotypen keinen Anspruch auf photographische Objekttreue. Was sie zum Ausdruck bringen, ist letztlich nicht mehr als die Beunruhigung des Auslands angesichts der abrupten Brüche und Wechsel im Verhalten der Deutschen, gegenüber Beethoven und Bergen-Belsen, Goethe und Judenmord. Hinterlistige Täuschung ist denn auch der Hauptvorwurf, der in diesen Stereotypen enthalten ist. Tatsächlich bilden sie - allerdings rabiate - Versuche, eine der aufregendsten Erscheinungen der europäischen und Weltgeschichte zu begreifen: die deutsche Wandelbarkeit.

Die Zahl solcher Versuche - angestellt in fast allen Ländern der Erde, formuliert von Historikern und Touristen, Theologen und Fremdarbeitern, Besatzungssoldaten und Journalisten, Romanciers und Philosophen - ist Legion.

Jeden Tag erscheinen in der Welt drei Bücher über Deutschland. Der amerikanische Readers' Guide, ein Index der in US-Zeitschriften veröffentlichten Aufsätze, zählte für die Zeit von Mai 1945 bis November vorigen Jahres 5292 Artikel über Deutschland auf. (Zum Vergleich: 3851 über Frankreich, einschließlich des Indochina- und des Algerien-Krieges.)

»Das Wesen keiner (anderen) Nation ist je so gründlich und so sorgenvoll analysiert worden«, stellte vor einigen Jahren die amerikanische Millionen-Illustrierte »Life« fest.

Die Motive dieser permanenten Germanistik liegen auf der Hand. Seit mehr als einem Menschenalter ist die ganze Welt in die blutigen Konsequenzen deutscher Wesensart und Politik verstrickt. Im Ersten Weltkrieg kämpfte Deutschland gegen 28 Nationen, im Zweiten gegen 54, und noch immer ist die Welt nicht aus dem Zwang entlassen, sich mit den Deutschen befassen zu müssen.

Denker deutscher Zunge wie Kopernikus und Luther, Kant und Hegel, Marx und Engels, Nietzsche und Freud, Planck, Einstein und Heisenberg, Schriftsteller wie Goethe und Heine, Musil und Mann, Komponisten wie Bach und Mozart, Beethoven und Wagner formen so oder so bis heute das Weltbild großer Teile der Menschheit.

Noch heute schürzen sich die Fäden der Weltpolitik in Berlin zu einem ihrer unheilvollsten Knoten.

So viele Völker sich, ob sie es wollen oder nicht, mit den Deutschen auseinandersetzen müssen, so viele und so widersprüchliche Vorstellungen von den Deutschen gibt es. Der Katalog der Stereotypen, die den Deutschen zum Gegenstand haben, umfaßt absurde und triviale, entstellende und treffende Meinungen: Vorstellungen wie, daß die Deutschen

- passionierte Sauerkraut-Esser sind,

- als einziges Volk der Welt die Worte »schadenfroh« und »Gemütlichkeit« kennen,

- ein Volk von Philosophen, Aktentaschenträgern und rücksichtslosen Autolenkern sind,

- sich gerne möglichst viele Titel zulegen und gegebenenfalls mit »Herr

Doktor, Doktor, Doktor« anreden lassen,

- Arbeit als das größte Vergnügen schätzen; weswegen noch heute in England Zeitungsberichte über Faulheit in deutschen Betrieben als Sensation empfunden werden,

- die »busigsten« -Mädchen Europas

besitzen,

- den Krieg, das Blutvergießen und

den Tod lieben,

- ihre Jugend in Heidelberg und das übrige Leben im Münchner Hofbräuhaus verbringen,

- sich vor allem durch »teutonic thoroughness«, deutsche Gründlichkeit und Pünktlichkeit, oder

- durch Trunksucht auszeichnen.

Viele negative Vorstellungen über den Charakter der Deutschen haben durch Hitlers Untaten eine schlimme Bestätigung erfahren. Viele dieser Stereotypen

sind inzwischen wieder durch den Augenschein erschüttert, die Deutschen jedoch eben dadurch ihren Nachbarn nur um so rätselhafter geworden. Den Ruch der Unheimlichkeit sind sie bis heute nicht losgeworden.

Unmittelbar nach 1945 entsandten amerikanische Forschungsinstitute und Redaktionen veritable Expeditionen nach Germanien, um das Geheimnis der teutonischen Seele aufzuklären.

So untersuchte ein amerikanisches Anthropologen-Ehepaar namens Rodnick die Einwohner der hessischen Städte Eschwege und Weilburg an der Lahn. In einem umfänglichen Werk berichteten die beiden Menschenkundler, daß deutsche Kleinkinder protestantischer Konfession ihre Hosen nach Ablauf der einjährigen Windelzeit nur noch selten naß machen ("obwohl natürlich Unfälle vorkommen"), daß deutsche Kinder über sechs Jahre selten mit dem Stock, am häufigsten vielmehr durch Liebesentzug gestraft werden, daß 40 bis 50 Prozent aller deutschen Männer entweder eine Geliebte haben oder Strichmädchen aufsuchen.

Das amerikanische Stereotyp von der autoritären Patriarchen-Rolle des deutschen Familienvaters wurde durch die Rodnicks allerdings ins Wanken gebracht. Sie stellten fest, daß deutsche Hausväter beim Mittagessen keineswegs das größte Stück Fleisch bekommen und daß die Mutter »eine extrem hohe Stellung in der deutschen protestantischen Kultur einnimmt«.

Hingegen bestätigten die Rodnicks, daß die deutsche Erziehung hauptsächlich darauf abgestellt ist, »Gehorsam« zu erzielen. In der Tat seien deutsche Kinder fügsamer und unselbständiger als amerikanische Kinder. Die deutschen Jugendlichen »ähneln Figuren aus Theaterstücken von Tschechow, die ihr Schicksal beseufzen, aber nichts tun, um es zu ändern«.

Leichter hatte es »Life«. Die Illustrierte ließ die Rumpfbeuge vorwärts beim Frühsport einer deutschen Schulklasse photographieren (siehe Bild Seite 39) und berichtete, dies sei die Art und Weise, in der deutsche Schüler ihren Lehrer jeden Morgen begrüßen müssen. Die Bild-Unterschrift lautete: »Respekt vor der Autorität«.

Was den deutschen Erwachsenen angeht, so stellten die amerikanischen Anthropologen fest, daß er »Autorität keineswegs liebt und innerlich dauernd in Verteidigung gegen sie ist«, sich andererseits aber scheut, offen gegen sie zu rebellieren. »Der Deutsche wünscht Gewißheit mehr als alles andere.«

Daß der Deutsche sich vor Widerständen »in sich selbst zurückzieht«, ist einer der häufigsten Vorwürfe. Dieses Verhalten wird ihm als Heimlichtuerei, oft als Hinterlist ausgelegt.

Nichts hat das Ausland seit 1945 bis heute an den Deutschen so sehr interessiert wie die Frage, ob sie sich ihrer Mitschuld (Kollektivschuld) an den Juden-Ermordungen und anderen Untaten des Hitler-Regimes bewußt sind.

Die durchgängige Ansicht ist bis heute, daß die Deutschen sich vor der Auseinandersetzung mit der Ungeheuerlichkeit ihrer jüngsten Vergangenheit drücken.

Das Unbehagen vieler Besucher der Bundesrepublik beginnt mit der Tatsache, daß sie zu viel Chrom und Nerz vorfinden, wo nach ihrer Meinung Sack und Asche sein müßten.

Ihr ohnehin präsenter Verdacht gegen deutsche Heimlichtuerei wird bestätigt, wenn sie auf Fragen nach der Kollektivschuld keine oder Antworten erhalten, die ihnen zu umständlich erscheinen. Sie schließen daraus auf eine »Verschwörung des Schweigens« oder schlimmer noch: auf finsteres Festhalten an Hitler.

Die »New York Times« veröffentlichte Anfang Januar einen Deutschland-Reisebericht ihrer Mitarbeiterin Gertrude Samuels. Auf dem Bahnhof In Hamm war die Journalistin einem Gepäckträger begegnet, den sie als »Heinrich Kappelhoff« identifizierte. Gewissenhaft notierte sie dessen Meinung, wonach Hitler kein »bad man«, kein Bösewicht, gewesen sei - und meinte, die Ansichten des Hammer Gepäckbeförderers seien geeignet, »einiges Licht auf den gegenwärtigen Stand der Demokratie in Deutschland« zu werfen.

Angesichts der deutschen »Verschwörung des Schweigens« lösen gerade nebensächliche Lebensgewohnheiten, Äußerungen und Verhaltensweisen der Deutschen bei Ausländern ganze Gedankenreihen aus, die am Ende häufig bei den rauchenden Schornsteinen von Auschwitz, den deutschen Geiselerschießungen in Belgien während des Ersten Weltkrieges und anderen schrecklichen Erinnerungen anlangen.

Das röhrende Gebrüll deutscher Olympia-Besucher geht vielen Ausländern durch Mark und Bein, weil es sie an Hitlers Nürnberger Parteitage erinnert.

Das Klappen deutscher Hacken, unerläßliches Requisit eines jeden ausländischen Films, in dem Deutsche vorkommen, läßt das Bild des hageren grausamen »Preußen« oder des kalten SS-Offiziers erstehen.

Die Sandburgen deutscher Badegäste in Dänemark mit der Aufschrift »Besetzt« rufen ein Universum von Gedankenverschränkungen hervor, in welchem der »Lebensraum«, den Hitler, und der »Platz an der Sonne«, den Fürst Bülow für die Deutschen forderten, zu frischem, fürchterlichem Glanz gelangen.

Deutsche Fußballsiege werden im Ausland auch von historisch sonst unbedarften Sportreportern auf das"preußisch perfekte« Zusammenspiel der Deutschen zurückgeführt. Mit gruseliger Genugtuung werden die deutschen Ball-Kicker als »Roboter« gerühmt. Von solchen Redewendungen bis zur Erinnerung an Hitlers Panzerdivisionen ist es nicht weit.

Deutsche Ski-Athleten, die ihre Niederlagen mit schlechtem Wachs entschuldigen, gelten im Ausland als Kronzeugen für »deutsches Selbstmitleid« oder für das angebliche deutsche Unvermögen, eine Niederlage zu akzeptieren; die Erinnerung an die »Dolchstoßlegende« der zwanziger Jahre stellt sich von selbst ein.

Das hinterhältige Ressentiment des Geschlagenen wird als ebenso typisch für den Deutschen angesehen wie die Neigung, sich anzubiedern. So werden die peinlichen Bücklinge, die der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Altmeier, 1948 vor dem Franzosen-General Koenig oder ein Düsseldorfer Polizei-Hauptmann 1962 vor Charles de Gaulle machten, als ebenso- unverkennbar »deutsch« empfunden wie die komischen Bemühungen deutscher Schlagersänger und Heuler, sich einen französischen oder englischen Akzent anzueignen - Anstrengungen übrigens, die schon im 16. Jahrhundert von dem zeitgenössischen Schriftsteller Junghans von der Olnitz bei deutschen Landsknechten beobachtet wurden.

Man hat sie, sagte Winston Churchill während des letzten Krieges vor dem amerikanischen Kongreß über die Deutschen, »entweder an der Gurgel oder zu Füßen«.

Überhaupt sind die Unberechenbarkeit und die Veränderlichkeit deutschen Wesens unerschöpfliche Quellen von Erklärungsversuchen. »Wie groß muß das deutsche Rätsel sein, da es so viele und so verschiedene Antworten möglich macht«, schrieb 1945 der Baseler Theologe Karl Barth, und Barths Landsmann, der Schriftsteller Max Picard, kam ein Jahr später in seinem Buch »Hitler in uns selbst« gar zu dem Schluß: »Das Innere des deutschen Menschen ist ein undeutlicher, qualliger Wirrwarr.«

Zwiespältig ist denn auch das Urteil über die Deutschen, solange es sie gibt. Ihr erster Beschreiber, der Römer Cornelius Tacitus (54 bis 117), rühmte die Reinheit ihrer ehelichen Sitten und tadelte ihre Streit- und Trunksucht.

Den Ruf, unmäßige Trinker - vor allem von Bier - zu sein, sind die Deutschen ihre ganze Geschichte hindurch nicht losgeworden. Die Reihe der Zeugen reicht von Tacitus über den heiligen Bonifatius bis zu Honore de Balzac, Lord Vansittart und Thomas Wolfe.

Das Bild des barbarischen, allenfalls in der Kriegskunst bewanderten Deutschen blieb bis ins 14. Jahrhundert hinein unangefochten. Der deutsche Kaiser verfüge nur über Kriegsleute und Streitrösser, nicht aber über Kulturgüter, schrieb um 1200 der britische Kleriker Walter Map.

Doch nach und nach kamen auch andere Züge in das Bild, das sich Europa von den Deutschen machte. Der Pulver-Erfinder Berthold Schwarz, der Vater der Buchdruckerkunst, Johann Gutenberg, die Astronomen Nikolaus Kopernikus und Johannes Kepler, der Physiker Otto von Guericke brachten die Deutschen in den Ruf, begabte Naturwissenschaftler zu sein.

Der Beichtvater des späteren englischen Stuart-Königs Karl I. urteilte 1621:

»Hervorragend ist dieses Volk in gelehrter Mechanik.«

Luthers im Jahr 1517 beginnende Revolution gegen die kirchliche Weltordnung des Mittelalters ließ Deutschland als das Land des Fortschritts und der Freiheit erscheinen. »Ein so edles, freies und angesehenes Land«, rühmte 1560 der englische Geistliche Thomas Becon Deutschland. Es sei, meinte er, »die teure Mutter, liebende Pflegerin und freundliche Beschützerin aller Gelehrsamkeit«.

Sogar in Südeuropa verursachte Luthers Aufstand eine dramatische Veränderung des Bildes der Deutschen. Giordano Bruno rief 1588 in Wittenberg aus: »Hier in Deutschland hat sich

die Weisheit ihr Heim errichtet. Göttlich, in der Tat göttlich ist der Geist dieses Volkes.« Früher hatte er Deutschland als das »Vaterland von Strebertum und Anmaßung, von plattem Hochmut und gewalttätiger Unterdrückung, der Tyrannei, der Unterwürfigkeit und der Ausbeutung« angeprangert..

Martin Luther selbst hatte noch über den schlechten Ruf der Deutschen im Ausland geklagt. »Es ist keine verachter Nation«, äußerte er, »denn die Deutschen. Italianer heißen uns Bestien, Frankreich und Engeland spotten unser, und alle anderen Länder. Wer weiß, was Gott will und wird aus den Deutschen machen? Wiewol wir eine gute Staupe für Gott wol verdienet haben.«

Die achtungsvolle Einschätzung der Deutschen, die um 1600 in Europa Platz gegriffen hatte, dauerte nur kurze Zeit.

Am Ende des 17. Jahrhunderts galt der Deutsche in Europa wieder als ein grobianischer Tölpel. Tatsächlich hatte der Dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648) Deutschland fürchterlich verwüstet. Die Hälfte der Bewohner war durch Hunger, Seuchen und Waffen umgekommen, die Seelen der Überlebenden waren schrecklich entstellt worden. Die Luthersche Revolution, die Deutschland zum Schlachtfeld Europas werden ließ, hatte eine Kraterlandschaft hinterlassen. Der deutsche Vulkan schien für immer erloschen.

Deutschlands Städte waren zerstört, selbst seine Sprache geriet in Vergessenheit. »Die Deutschländer-, schrieb 1915 der französische Historiker Jacques Bainville, »waren seit 1650 eine Art Provinz, wo das einfache Volk noch ein grobes Patois sprach, während die Leute von Welt sich unserer Sprache bedienten.«

Zu neuem, wenn auch eigentümlich differenziertem Ruhm gelangten die Deutschen, als gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Kunde von Lessing, Goethe, Schiller und dem Königsberger Philosophen Immanuel Kant ins Ausland drang. Dem neuen Ansehen, das ein Jahrhundert lang, von 1770 bis 1870, währen sollte, gab die französische Schriftstellerin Germaine de Stael das Stichwort.

Nach zwei Deutschlandreisen veröffentlichte sie im Jahre 1810 ihr Buch »De l'Allemagne«. Darin beschrieb sie die Deutschen als »ein Volk der Dichter und Denker«. Bis heute bildet diese Vorstellung einen Bestandteil des Bildes, das man sich im Ausland von den Deutschen macht, zumal in der Sowjet-Union und in Spanien. Der Wiener Karl Kraus, den Deutschen ungleich näher, schrieb allerdings vom »Volk der Richter und Henker«.

Madame de Stael rühmte die »enorme Denkkraft« der Deutschen, ihren Fleiß, ihre Aufrichtigkeit und Treue.

Aber obwohl ihre deutsche Zeitgenossin Rahel

Varnhagen von Ense spottete, Frau von Stael habe in Deutschland , »nichts gesehen, nichts gehört, nichts verstanden«, hatte die Französin doch auch eine ganze Reihe kritischer Beobachtungen gemacht. Genau wie das amerikanische Anthropologen-Ehepaar Rodnick im Jahr 1946 entdeckte die Stael, daß je weniger man den Deutschen »Gelegenheit gibt, selbständige Entscheidungen zu treffen, um so lieber ist es ihnen«. Das Wort »unmöglich« höre man hundertmal in Deutschland. Zwar sei die Denkkraft der Deutschen enorm, doch allzu leicht verliere sie sich »im Nebel«.

Das Wolkige im deutschen Wesen verfolgte sie bis in Deutschlands Kneipen: »Die Ofen, das Bier, der Tabakrauch umgeben den gemeinen Mann in Deutschland mit einer Art schwerer, heißer Schwaden.« Und in einem Brief an ihren Vater schrieb sie: »Es gibt nichts Stumpferes, nichts Verräucherteres in Moral und Physis als die deutschen Männer...«

Die Zwiespältigkeit des Urteils der Stael über die Deutschen - einerseits: philosophisch begabt, fleißig und gefühlvoll; andererseits: unpraktisch, tölpelhaft und entschlußlos - ging in die Deutschland-Vorstellungen zahlloser Ausländer über. Niemals sind die Deutschen so gerühmt worden wie nach 1800, doch war auch damals dem Lob ein freilich zunächst meist gutmütiger Spott beigemischt.

Es war die Zeit, in der Victor Hugo Deutsche und Franzosen als »zwei aufrichtige, selbstlose und vornehme Völker« beschrieb und ihnen, wie hundertzwanzig Jahre später Charles de Gaulle, riet: »Deutschland soll seine Mähne sträuben und gegen Osten brüllen, Frankreich soll seine Flügel breiten und seinen Blitzstrahl gegen Westen schleudern. Vor dem gewaltigen Bund zwischen Löwe und Adler wird die Welt sich beugen.«

Damals beschrieb Balzac die Deutschen in seinen Romanen als gutmütige und gefühlvolle, fast immer sympathische, wenn auch gelegentlich verschmitzte Charaktere.

England und Rußland, so schrieb 1831 der französische Historiker Jules Michelet, seien die »unbezwinglichen Schlupfwinkel« der »barbarischen Welt«, und Alexis de Tocqueville, der Prophet der amerikanisch-russischen Weltherrschaft, mahnte Frankreich, die »Einigung aller germanischen Stämme« zu fördern, damit diese Völker eines Tages den gemeinsamen Feind Rußland schlagen könnten.

Wie Victor Hugo das deutsch-französische Bündnis gegen England und Rußland forderte und wie der britische Historiker Thomas Carlyle wünschte, Deutschland und England möchten »wie zwei Schwestern, die lange durch Entfernung und böse Zungen geschieden waren«, nun zu der Erkenntnis finden, »daß sie blutsverwandt sind« - so gab es auch in Rußland das Verlangen nach einem Bündnis mit Deutschland. Rußland und Deutschland, so schrieb Fjodor Dostojewski 1877 in sein »Tagebuch eines Schriftstellers«, seien »bestimmt, das Angesicht der ganzen Welt zu verändern«.

In Rußland galten zu Beginn des 19. Jahrhunderts die deutschen Philosophen Kant, Fichte, Hegel und Schelling als die Lehrer der Menschheit, Schiller als der größte Dichter, Deutschland als das »neue Jerusalem«, aus dem eines Tages der »zweite Christus« kommen werde.

Doch gab es auch andere Stimmen. Russische revolutionäre Aristokraten, die das »neue Jerusalem« aufsuchten, kehrten ihm bald den Rücken. Die muffige Enge der deutschen Wirklichkeit stieß sie ab, und das Verharren der

deutschen Denker bei bloßen philosophischen Spekulationen enttäuschte sie. Der Ruf der Deutschen als unpraktische Träumer und Einzelgänger-breitete sich aus.

Michail Bakunin, der russische Anarchist, verzeichnete um die Jahrhundertmitte in seiner »Beichte«, die er in zaristischer Haft verfaßte, die Deutschen besäßen keine Disziplin, sie würden es deshalb nie zu politischer Einheit bringen. Zar Nikolaus I. schrieb an dieser Stelle an den Rand: »Eine treffende, eine unbestreitbare Wahrheit.«

Der russische Schriftsteller Iwan Gontscharow beschrieb 1859 in seinem Roman »Oblomow« den Deutschen als einen fatal tüchtigen und engherzigen Streber.

Die Unfähigkeit der Deutschen in praktischer Politik wurde damals auch zu einem amerikanischen Stereotyp. Als »geduldig« und »beharrlich« charakterisierte der spätere amerikanische Präsident James Buchanan (1857 bis 1861) die Deutschen.

Henry Adams (1838 bis 1918), der große amerikanische Historiker, lobte die »Schlichtheit« und »Gutmütigkeit« der Deutschen, bewunderte ihre Fähigkeit zu »musikalischen und metaphysischen Abstraktionen« - und stutzte bei der »tölpelhaften Unbegabtheit der Deutschen für praktische Angelegenheiten«.

Im Jahre 1850 faßte die »New York Tribune« das amerikanische Urteil über die Deutschen so zusammen: »Für die Deutschen im allgemeinen, als gewissenhafte Gelehrte, als liebenswürdiges Volk, als freie und furchtlose Denker, haben wir großen Respekt, nicht die geringste Achtung aber haben wir vor ihnen als praktische Männer, als politische Organisatoren und Reformer, als Verwirklicher von Ideen - außer in den Kategorien der siebenfach gestelzten Metaphysik.«

Fast ein Jahrhundert lang bewunderte Europa das deutsche Denken oder belächelte wohlwollend deutsche Sentimentalität, deutsche Wolkigkeit und deutsche Unbeholfenheit in praktischen Dingen.

Doch sprachen einige Europäer, zumal unter den Franzosen, schon früh die Befürchtung aus, alle diese liebenswerten oder jedenfalls verzeihlichen Eigenschaften könnten eines Tages in Schreckliches umschlagen.

So bezeichnete der französische Historiker Edgar Quinet schon 1838 den Deutschen als »immer unruhig« und »stets reizbar«, als einen »Parvenu« mit allen seinen »Unsicherheiten« des Verhaltens. Die Franzosen machte die »irreligiöse Dünkelhaftigkeit« der Deutschen fürchten, die auch den deutschen Patrioten Heinrich Heine in Paris erschreckte.

Heine ahnte, was drohte: »Das Christentum - und das ist sein schönstes Verdienst - hat jene brutale, germanische Kampflust einigermaßen besänftigt, konnte sie jedoch nicht zerstören, und wenn einst der zähmende Talisman, das Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer, die unsinnige Berserkerwut, wovon die nordischen Dichter so viel singen und sagen.«

Dann werde »Thor mit dem Riesenhammer« wieder emporspringen und die gotischen Dome zerschlagen. »Wenn ihr dann das Gepolter und Geklirre hört, hütet euch, ihr Nachbarskinder!« Auch Dostojewski sah nach 1871 ein atheistisches Deutschland ohne »Lebensziel« auftauchen.

Ein Jahrhundert lang hatte das Stichwort der Madame de Stael vom »Volk der Dichter und Denker« nahezu unbeschränkt das Deutschen-Bild der Ausländer beherrscht, doch von 1870 an genauer: seit der Schlacht von Sedan am 1. September 1870 - nahm ein neues Schlagwort den Platz des alten ein: das Schlagwort von den »Preußen«.

Wie bei einem Erdrutsch verschoben sich fast alle Elemente des Deutschen -Bildes der Europäer, als Deutschland unter des Preußen Bismarck Regie zu staatlicher Einheit gelangte.

Hatte man eben noch die Gedankentiefe und Weltfremdheit des deutschen Gelehrten bewundert oder belächelt, so sah man nun in genau diesen Eigenschaften tückisch beabsichtigte Verkleidungen.

Die deutschen Volksschulen und Universitäten, noch kurz zuvor gerühmt als vorbildliche Pflanzstätten der Aufklärung, verwandelten sich für das Ausland über Nacht in Drill-Anstalten roboterhafter Welteroberer.

Der deutsche Naturwissenschaftler entpuppte sich dem Ausland, obwohl nach wie vor ob seines Wissens geachtet, als Werkzeug eines hinterlistig geplanten Imperialismus, der deutsche Kaufmann als ein ameisenhaft tüchtiger Agent heimlicher Weltherrschaftspläne, der deutsche Vergnügungsreisende, durch Lodenmantel und Gamsbarthut auf dümmliche Weise getarnt, als Ausspäher, der deutsche Volksschullehrer als Barde eines blutrünstigen Germanismus.

Am schlimmsten war, daß die Deutschen, die den Europäern seit einem Jahrhundert als politisch und militärisch unfähig vertraut gewesen waren, innerhalb von fünf Jahren, zwischen der Schlacht von Königgrätz (1866) und dem Frieden von Frankfurt (1871), die österreichischen und französischen Armeen schlagen und zugleich die politische Einigung ihrer Stämme und Staaten vollenden konnten: Meisterleistungen auf eben jenen Gebieten, wo man den Deutschen nicht das geringste zugetraut hatte.

Europa fühlte sich von den Deutschen getäuscht und hintergangen. Es starrte mit Entsetzen auf die Macht, die sich urplötzlich in der Mitte Europas zusammengeballt hatte.

Preußen, das die deutsche Einigkeit erzielt hatte, wurde zum Schlüsselwort deutscher Widerwärtigkeit. Der listige, massige Preuße Bismarck - mit all den Requisiten seiner Imago: Schnauzbart und Tränensäcke, Stulpenstiefel und Kürassierhelm, Lodenmantel und Schlapphut, »Blut und Eisen«-Reden und Dogge - wurde zum Prototyp des verschlagen-brutalen Teutonen, eines neuen Attila an der Spitze barbarischer Hunnenhorden.

Nicht alle, die das neue böse Deutschen-Bild verbreiteten, waren Hasser der Deutschen. Viele sahen eher mit Schmerz denn mit Genugtuung voraus, daß der Bismarck-Staat den Geist der Deutschen ins Militaristische und Nationalistische verengen werde, daß an die Stelle deutscher Sentimentalität und Gedankentiefe platte Tüchtigkeit und ein inhumaner Realismus treten würden - und viele Deutsche gaben den ausländischen Warnern recht.

Friedrich Nietzsche sprach von Bismarcks »Exstirpation des deutschen Geistes zugunsten des deutschen Reiches'«, Theodor Mommsen von der durch Bismarck verursachten »Knechtung der deutschen Persönlichkeit, des deutschen Geistes«.

Hippolyte Taine, der französische Historiker, reiste 1870 durch Deutschland. Was er sah, ängstigte ihn. »Der Deutsche«, warnte er deutsche Freunde, »wird überheblich ... Er verliert vollkommen die Weite des kosmopolitischen Geistes, die Toleranz, das Mitgefühl für seine Umwelt, das er zu Goethes Zeiten besaß.«

In deutschen Restaurants fand Taine die Menschen »roh und primitiv«, auf ihren Zügen bemerkte er als wesentlichstes Merkmal »Unschlüssigkeit« und »den Gesichtsausdruck des Einschlafenden oder des Lasttieres vor seinem Karren«. Die deutsche Frau nannte er »das gutmütige Hühnchen, das auf die Kinder und den Futterkorb aufpaßt«.

Ernest Renan, wie Taine ein Historiker und ein Freund der Deutschen, unterschied 1871 zwischen dem »humanen, geschmeidigen, ehrenhaften, gelassenen Deutschen« und dem »Anbeter der Gewalt, dem unerbittlichen und harten Ausüber der Befehlsgewalt«, dem »alten Eisenmann«.

Die Theorie von den zwei Deutschlands, dem »preußischen« und »dem anderen Deutschland«, entstand: hie Preußen, dort Goethe - und später: hie Potsdam, dort Weimar.

Der französische Dichter Arthur Rimbaud sah als 16jähriger 1871 in Charleville deutsche Soldaten exerzieren und notierte sich unter diesem Eindruck, die Deutschen würden nach dem Kriege eine »eiserne, wahnsinnige Regierung« bekommen, »welche die deutsche Gesellschaft und das deutsche Denken in eine Kaserne sperren wird«. Zum Schluß aber werde dieses Deutschland von einer europäischen Koalition vernichtet werden. »Bismarck«, meinte er, »ist idiotischer als Napoleon I.«

Preußen, das nun das deutsche Gesicht prägte, ängstigte Europa vor allem deswegen, weil man zu erkennen glaubte, daß es ein Staat sei, der - bindungslos und keinem Sittengesetz sich unterwerfend - nur sich selbst diente und »alle geistigen und physischen Kräfte der Nation unter die Herrschaft des Willens« stellte.

So sah es der britische Katholik Lord Acton schon 1871, und so sah es zum gleichen Zeitpunkt auch der Franzose Ernest Renan.

In den Augen vieler Ausländer (und Deutscher) hatte das »nur in die Verfolgung seiner Eigeninteressen eingekapselte« neue Deutschland (Renan) Gesicht und Seele der Deutschen entstellt. Wo man früher den großen Horizont deutscher Philosophen bewunderte, beobachtete man nun engherziges Spezialistentum, protzigen Militarismus und provinziellen Nationalismus.

Wo früher eine bunte Vielfalt mal geistvoller, mal verträumter, mal skurriler Einzelgänger gewesen war, sah man nun ein perfekt funktionierendes Gewaltsystem, das die Deutschen zu moralisch und geistig richtungslosen Werkzeugen einer grausamen Staatsräson reduzierte, zu Menschen, die für jeden Mißbrauch geeignet schienen: Tüchtig zwar, aber im Grunde ihrer Seele formlos und deswegen in jeder, auch der übelsten Richtung formbar.

Die Angst vor diesem qualligen Ungeheuer schlug sich in der eben aufkommenden Massenpresse nieder. Zwischen 1870 und 1880 war in England die allgemeine Schulpflicht eingeführt worden. 1896 gründete der spätere Lord Northcliffe sein erstes Massenblatt, die »Daily Mail«, und 1903 den »Daily Mirror«.

Die neue »Sex and crime«-Presse vergröberte die Sorge der Gebildeten Europas. An Figuren wie dem »ostelbischen Junker«, dem stiernackigen »Ruhr-Baron«, dem Korpsstudenten mit zerhacktem Gesicht, dem feisten deutschen Reserveoffizier und dem hageren preußischen Generalstäbler - zumeist Typen, die schon deutsche Karikaturenzeitschriften wie der »Simplicissimus« entwickelt hatten - lernten die breiten Massen Europas das Fürchten vor den Deutschen.

Monokel und Bierseidel, Schmiß und Stiefel wurden zu Status-Symbolen des als widerwärtig, anmaßend und lächerlich empfundenen Teutonen.

Längst ehe der Erste Weltkrieg begonnen hatte, waren die Europäer - Gebildete und Massen - überzeugt, Deutschland werde den nächsten Krieg vom Zaun brechen.

Britische Gegner des Zeitungskönigs Northcliffe meinten 1914, daß er nächst Wilhelm II. das meiste für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges getan habe. Die ersten Nachrichten von deutschen Geiselerschießungen in Belgien zutreffende Nachrichten - bestätigten nur, was schon vorher feststand: die deutsche Brutalität.

So grausam die Tatsachen waren, sie waren es noch nicht genug. Die alliierte Massenpresse erfand die abgehackten Hände belgischer Kinder, die am Scheunentor gekreuzigte französische Mutter, den Lustmord in Hunderten von Variationen, verübt von bärtigen deutschen Soldaten, die Goethes »Faust« im Tornister trugen: Ein Sud, gemischt aus Sadismus, Wahrheit und nationalistischer Hysterie.

Je länger der Krieg dauerte, desto weiter griff die Abscheu vor den Deutschen auf dem Erdball um sich, obwohl einzelne Völker oder Bevölkerungsteile versuchten, sich gegen die Verteufelung der Deutschen zu wehren.

In Schweden stemmten sich Kirche und Oberschicht gegen den Einfluß der britischen und französischen Presse. In den USA, aber auch in England hielten viele Juden lange Zeit zu Deutschland, weil sie das Rußland der antisemitischen Pogrome haßten. Der Antisemitismus ging damals mit dem Deutschenhaß oft Hand in Hand: Lord Northcliffe haßte Juden, »Japse« und »Germans«.

Der Schrecken vor den Deutschen flaute nach dem Ersten Weltkrieg nur langsam ab. Noch in der Mitte der zwanziger Jahre hatten der französische Außenminister Aristide Briand und sein britischer Kollege Austen Chamberlain Mühe, sich an Gustav Stresemann zu gewöhnen: Der Reichsaußenminister sah dem Prototyp des stiernackig-kahlschädeligen Deutschen, den die alliierte Propaganda während des Krieges den Völkern eingehämmert hatte, allzu ähnlich.

Noch 1928, kurz vor seinem Tode, äußerte sich Georges Clemenceau, Frankreichs alter »Tiger«, über die Deutschen mit unversöhnlichem Pathos: »Der Deutsche liebt den Krieg aus Selbstliebe und weil an dessen Ende das Blutbad wartet. Der Krieg ist ein Vertrag mit dem Tod. Der Deutsche begegnet ihm, wie wenn er seine liebste Freundin wäre.«

In England freilich zeigte sich einige Jahre nach Kriegsschluß wachsende Ernüchterung.

Doch wie negativ oder wie positiv das Ausland die Deutschen in den zwanziger

Jahren auch immer einschätzte, deutlicher als je zuvor wurde fast allen Beobachtern der deutschen Bühne, daß die Deutschen unter den Folgen ihrer Niederlage und der Weltwirtschaftskrise von 1929 in einen Zustand voller unheimlicher Möglichkeiten übergingen.

Die Frage, ob die um 1930 in einer Art latenten Bürgerkriegs stehenden Deutschen sich am Ende für den Kommunismus oder den hemmungslosen Nationalismus entscheiden würden, beunruhigte die Ausländer je nach politischer Einstellung in unterschiedlicher Weise. Allen gemeinsam war die Sorge vor dem deutschen Rätsel und den sich daraus möglicherweise ergebenden katastrophalen Konsequenzen für das Gleichgewicht in Europa.

Deutschland, so schrieb 1932 der amerikanische Journalist H. R. Knickerbocker, »ist industriell die größte Macht Europas, finanziell die unsicherste, politisch die zerrissenste, und birgt sozial die explosivsten Möglichkeiten«.

Churchill äußerte, in Versailles seien mit der kurzsichtigen Zerschlagung der deutschen Dynastien die Throne für das Abenteuer frei gemacht worden.

Der Franzose Pierre Viénot schrieb 1931 in einem damals viel gelesenen Buch »Incertitudes Allemandes« ("Ungewisses Deutschland"), die Deutschen hätten vor 1914 »selbstsicher, problemlos, ohne moralische Beunruhigung, mit einem Wort: im festen Bewußtsein der Ordnung« gelebt. Nach dem Kriege fehle der deutschen Gesellschaftsordnung stabiles Wertgefühl.

Hitlers Machtergreifung bereitete dem Rätselraten über Deutschland ein Ende. Doch es sollte sehr lange, in Amerika bis tief in den Zweiten Weltkrieg hinein, dauern, ehe man die Grausamkeit des Hitler-Regimes in vollem Umfang erkannte. Vielerorts machte sich bemerkbar, daß die maßlos überdrehte Kriegspropaganda der Alliierten im Ersten Weltkrieg eine Skepsis hinterlassen hatte, die nun dem nationalsozialistischen Deutschland zugute kam.

Es entstand eine absurde Situation: Wo man während des Ersten Weltkrieges an Greuelgeschichten geglaubt hatte, die sehr oft nicht den Tatsachen entsprachen, war man nun nur zögernd bereit, die Berichte über Hitlers wirkliche Greueltaten für wahr zu halten.

Insbesondere die Amerikaner hatten es schwer, daran zu glauben, daß ein zivilisiertes Volk wie das deutsche sich freiwillig einem diktatorischen Regime unterwerfen könnte. Ihre politische Philosophie, wonach freie Menschen einen eingeborenen Hang zu Frieden und Gerechtigkeit haben, hatte einfach keinen Platz für die Vorstellung, daß eine demokratisch gewählte Regierung, wie es ja Hitlers Regierung war, Grausamkeiten begehen könnte.

Als die Nachrichten von dem Judenterror der Nationalsozialisten aber schließlich nicht mehr zu leugnen waren, entschlossen sich viele Amerikaner zu einer Hilfskonstruktion.

Man sah nun in den Nationalsozialisten eine Verschwörerbande, die mit Gewalt und Tricks in den Besitz der Macht gelangt war. Die Gesamtheit der, Deutschen mit Hitler zu identifizieren, weigerte sich die Mehrheit der Amerikaner sogar im Kriege.

Noch 1942 glaubte nur wenig mehr als ein Fünftel aller Amerikaner, daß »die Deutschen immer den Krieg wünschen«. Sogar zwei Jahre nachdem Amerika in den Krieg eingetreten war, also 1944, war immer noch nur knapp ein Viertel aller Amerikaner von der eingeborenen Kriegslüsternheit der Deutschen überzeugt.

Dagegen setzte sich, je länger der Krieg dauerte, in Amerika die Ansicht durch, daß die Deutschen »zwar möglicherweise den Krieg nicht lieben, aber durch ihr Verhalten gezeigt haben, daß sie sich allzu leicht durch mächtige Führer in den Krieg führen lassen«.

Diese Vorstellung von der moralischen Instabilität der Deutschen als Volk, ihrer politischen und geistigen Richtungslosigkeit, ihrer Formbarkeit auch in fatale Richtungen bildet seither und bis heute die wichtigste Grundlage der Europa- und Deutschland-Politik aller interessierten Großmächte.

Dabei blieb in Amerika die Einstellung gegenüber dem einzelnen Deutschen relativ positiv, wofür allerdings auch die natürliche Generosität des Amerikaners erheblich war. Noch auf dem Höhepunkt des Krieges, im Jahre 1943, erklärten sich fast 40 Prozent der Amerikaner dafür, nach Ende des Krieges die geschlagenen Deutschen kostenlos mit Nahrungsmitteln zu unterstützen. Nur 16 Prozent wollten den Deutschen nach deren Niederlage weder mit bezahlten noch unbezahlten Lieferungen beispringen.

Während also die Mehrheit der Amerikaner sogar unter der Einwirkung der Kriegsleidenschaft den Deutschen ein, allerdings vorsichtiges, Wohlwollen bewahrte, verhielten sich bestimmte Gruppen der amerikanischen Gesellschaft wesentlich radikaler. Die Wirkungen sind noch heute spürbar.

Der amerikanische Geschichtsprofessor Klaus Epstein stellte 1962 in einem Artikel für die Wochenzeitschrift »Das Parlament« fest, daß es zur Zeit in den USA vier »Hauptgruppen« mit einer »vorwiegend negativen« Einstellung zu den Deutschen gebe - nämlich

- »der jüdische Bevölkerungsteil,

- Amerikaner osteuropäischer Abstammung,

- Akademikerkreise - besonders an führenden Universitäten im Nordosten Amerikas - und

- gewisse Kreise innerhalb der Regierung«. (Die letzte Bemerkung Epsteins bezog sich auf Mitarbeiter des damaligen Präsidenten Kenriedy.)

Diese vier Gruppen, zu denen Ebstein noch »pro-kommunistische Kreise« rechnet, formierten sich schon vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Vor allem die jüdischen Amerikaner beobachteten von 1933 an mit wachsendem Entsetzen die Demütigung und schließlich Ausrottung ihrer Verwandten in Europa.

Der publizistische Kampf dieser Gruppen gegen Hitler-Deutschland setzte denn auch unmittelbar nach Hitlers Machtübernahme ein. Dabei wurde allerdings kaum mehr zwischen Hitler und den Deutschen unterschieden.

Der deutsche Charakter wurde entweder in der Sprache der Psychiatrie oder der Kriminologie beschrieben. Die Deutschen galten entweder als ein Volk »wahnsinniger Mörder« oder als eine Bande von Verbrechern, die - so ein Buchtitel - sich zu einer »Tausendjährigen Verschwörung« gegen die Menschheit verbündet haben.

Der Einfluß dieser Darstellungen zumal auf die amerikanische Elite war groß. Zwar bemühte sich Präsident Franklin D. Roosevelt anfänglich um Nachsicht für die Deutschen, doch gelangte auch er, unter dem Eindruck der ihm berichteten Greuel, zu jenem harten Urteil, das am Ende seine Deutschland-Politik bestimmte.

Noch 1938 meinte er, Hitlers Erfolg in Deutschland sei mit der vorangegangenen Wirtschaftskrise von 1929 bis 1933 zu erklären und gewissermaßen zu entschuldigen: Die Deutschen hätten den Diktator in »der verzweifelten Hoffnung« gewählt, »etwas zu essen zu bekommen«. 1944 dagegen bekannte er sich zu der Ansicht, »daß sich die ganze (deutsche) Nation in eine ungesetzliche Verschwörung gegen die Gesittung der modernen Zivilisation eingelassen hat«.

Viele seiner Mitarbeiter teilten seine Auffassung. Der frühere Unterstaatssekretär im State Department, Sumner Welles, beschrieb 1944 die »Verschwörung« der Deutschen als ein jahrhundertealtes Unternehmen: »Während einer Periode von etwa 200 Jahren bildeten die germanischen Völker, besonders die Preußen, in der Familie der Nationen eine zerstörende Kraft.«

Henry Morgenthau, Roosevelts-Finanzminister, äußerte, der »traditionelle deutsche Wille zum Krieg« sei ebenso alt wie Amerikas Wille zur Freiheit.

Aus dieser Stimmung erklärt sich jene berühmt-berüchtigte Szene von Teheran 1943, in der Stalin die Erschießung von 50 000 deutschen Offizieren forderte und Roosevelt, auf Churchills Protest hin, sich den blutigen Scherz erlaubte, man solle nicht 50 000, sondern nur 49 000 töten.

In dieser Stimmung entstand auch Roosevelts Forderung nach bedingungsloser Kapitulation Deutschlands (Casablanca 1943) und der sogenannte Morgenthau-Plan, wonach Deutschlands Industriegebiete in Wiesen verwandelt werden sollten.

Im Jahre 1944 meinte Sumner Welles in seinem Buch »The Time for Decision«, der deutsche Generalstab habe bereits während des Zweiten Weltkrieges »detaillierte Pläne gemacht«, um ungeachtet der deutschen Niederlage »seine Welteroberungspläne zu erneuern« und die Welt in einen dritten Weltkrieg zu sturzen.

Mit diesem Buch gab Welles das Signal für eine Buch-Produktion, die bis heute das Thema von der deutschen Verschwörung immer wieder abwandelt.

Diese Bücher waren zumeist abstruse Geschichtsklitterungen. Doch das Gefühl, auf das sie sich gründeten - die Abscheu vor den Deutschen -, ging auf Tatsachen zurück. Die Einstellung auch des durchschnittlichen Amerikaners zu den Deutschen erreichte Tiefpunkte, wenn Prozesse wie die Nürnberger Kriegsverbrecher-Verhandlungen (1945 bis 1949) oder der Eichmann-Prozeß 1961 in Jerusalem enthüllten, welche Grausamkeiten durch Deutsche begangen worden waren.

Künstlerische und literarische Produktionen wie Stanley Kramers Film »Urteil von Nürnberg« (1961) oder William L. Shirers Buch »Aufstieg und Fall des Dritten Reiches« (1960) oder Katherine Anne Porters Roman »Das Narrenschiff« (1962) vertieften jeweils den Schrecken über die Deutschen.

Insbesondere zur Zeit des Eichmann-Prozesses erschienen in Amerika unzählige Bücher und Filme, in denen die Deutschen als unverbesserliche, psychopathische Rohlinge dargestellt wurden. Neben künstlerisch ernstzunehmenden Produktionen entstand eine pornographische Broschüren-Literatur, die - vielfach zu Filmreißern verarbeitet - sadistische Szenen mit SS- und Gestapo-Männern als Akteuren darstellte.

Organisationen wie die »Gesellschaft zur Verhinderung des dritten Weltkrieges« sorgen bis heute für den Vertrieb dieser Literatur.

Die Dauerhaftigkeit der Abneigung, die Amerikas geistige Elite gegen die Deutschen hegt, erklärt sich letzten Endes aus einer Kombination von zwei Motiven, aus

- der moralischen Abscheu über die

Grausamkeit der Deutschen, insbesondere über die Judenmorde, und aus

- der Hoffnung auf eine friedliche

Weltordnung, deren Umrisse erstmalig während des Zweiten Weltkrieges in dem amerikanisch-sowjetischen Bündnis gegen Deutschland sichtbar geworden waren.

In dieser Kombination liegt die Stärke der Abneigung gegen die Deutschen - aber auch ihre Schwäche. Der unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg sich abzeichnende Ost-West-Konflikt ließ das eine Element dieses Urteils über die Deutschen, nämlich die Hoffnung auf einen amerikanisch-sowjetischen Weltfrieden, in ständig zunehmendem Maße als fragwürdig erscheinen: Das Urteil des amerikanischen Jedermann über die Deutschen besserte sich, je mehr die Abneigung gegen die Sowjets wuchs - und es verschlechtert sich jeweils dann, wenn wie gegenwärtig sich in den USA die Hoffnung auf die Erneuerung der amerikanisch-sowjetischen Freundschaft wieder belebt.

Einen markanten Punkt in dieser Entwicklung bildete die Berliner Blokkade von 1948. Die von da an deutlich werdende positivere Einschätzung der Deutschen wurde 1953 noch durch die Ereignisse des 17. Juni vertieft.

Das damals von allen Bild-Agenturen der Welt verbreitete Photo (siehe Seite 45 unten), auf dem Deutsche in Ostberlin sowjetische Panzer mit Steinen bewerfen, traf den Durchschnitts-Amerikaner mitten ins Herz. Er sah darin eine gloriose Bestätigung des heroischen demokratischen Geistes, dem die USA ihre eigene Entstehung verdanken. Der Berliner Aufstand unbewaffneter Menschen gegen gepanzerte Gewalt bestätigte den revolutionären Mythos Amerikas.

Die Heldenhaftigkeit des »Volks von Berlin« gehört seither zu den unantastbaren Stereotypen der amerikanischen Presseberichterstattung über Deutschland.

Seit etwa 1953, so bemerkte der jüdisch-amerikanische Journalist Norbert Mühlen 1959 in einer Schrift über »Deutschland in amerikanischen Augen«, werde der Deutsche in den USA mehr und mehr positiv bewertet.

Unter den Eigenschaften, die dem Deutschen heute von Amerikanern zugeschrieben werden, traf Mühlen folgende vier am häufigsten an:. »hart arbeitend«, »erfolgreich' (prosperous), »zäh« und »dynamisch«.

Für den Ruf der Deutschen, »zäh« zu sein, dürfte neben »Berlin« weitgehend Bundeskanzler Adenauer verantwortlich sein, dessen Ruf als unnachgiebiger Gegner der Sowjet-Union bis heute unerschüttert ist. Seine langjährige Freundschaft mit Präsident Eisenhowers Außenminister John Foster Dulles - von Amerikas Intellektuellen zutiefst mißbilligt - wurde von der Mehrheit der Amerikaner als ein Beispiel der Überzeugungskraft Amerikas von Herzen geschätzt.

Neben Adenauer gilt der jetzige Bundeskanzler Erhard als Prototyp des positiven Deutschen. Seine als »freihändlerisch« deklarierte Wirtschaftspolitik korrespondiert mit der Verehrung der Amerikaner für eine freie Wettbewerbswirtschaft.

Ähnlich wie die Amerikaner begannen die Franzosen sympathischer über die Deutschen zu urteilen, als 1947 der Ost-West-Konflikt ausbrach. Doch war schon vorher der Deutschenhaß der Franzosen bei weitem nicht so hitzig wie etwa nach 1918.

Tatsächlich war bereits Frankreichs Résistance-Literatur des Zweiten Weltkrieges auf einen ganz anderen Ton gestimmt als die französische Kriegsliteratur des Ersten Weltkrieges. Damals hatte ein hysterischer Deutschenhaß vorgeherrscht. Die Deutschen waren die »Hunnen« und die »sales boches«, die »dreckigen Schweine«, gewesen. Das Deutschenurteil der Weltkrieg-II-Franzosen war dagegen auf jeden Fall nüchterner.

Diese Tatsache war immerhin so auffällig, daß man sie sogar im fernen Rußland bemerkte. In einem Vortrag in Moskau während des Krieges beanstandete Ilja Ehrenburg, in der französischen Widerstandsliteratur sei nicht genügend Deutschenhaß spürbar.

Mangel an Haß, aber zugleich auch die Entschlossenheit, Hitler-Deutschland zu bekämpfen, kennzeichneten viele Bücher der französischen Widerstands-Literatur.

1945 veröffentlichte Albert Camus »Briefe an einen deutschen Freund«, die er während des Krieges verfaßt hatte. »Wir wollen«, schrieb er darin, »Euch in Eurer Macht tödlich treffen, aber Eure Seele nicht verstümmeln ... Selbst zu der Zeit, zu der ich über Euer barbarisches Verhalten urteile, erinnere ich mich daran, daß Ihr wie wir von der gleichen Einsamkeit ausgegangen seid, daß Ihr wie wir mit ganz Europa die gleiche Tragödie der Intelligenz erleidet. Trotz Eurer Taten nenne ich Euch Menschen.«

Ein anderer Resistance-Literat namens Francois Vernet, der später als Deportierter starb, schrieb während des Krieges: »Man soll nicht Fridolin (den Deutschen) bekämpfen, sondern den Haß...«

Viele französische KZ-Häftlinge urteilten nach dem Kriege über die Deutschen unbefangener als im sonstigen Ausland von ihnen erwartet wurde. »Eben weil sie in Konzentrationslagern gewesen waren, eben weil sie in Gefängnissen gewesen waren, waren sie nüchtern«, erklärte 1963 der Pariser Professor Alfred Grosser in einem Vortrag.

Gleichwohl waren, wie Grosser beobachtete, die Jahre zwischen 1945 und 1947 in Frankreich »noch antideutsche Jahre«. Erst von 1947, dem Jahr der Ost-West-Spaltung« an begann eine positivere Bewertung der Deutschen Platz zu greifen. Aber auch das war ein langwieriger Prozeß.

Frankreich forderte von 1945 an die Internationalisierung der Ruhr, opponierte zusammen mit den Russen der deutschen Einheit, versuchte noch 1948 das Entstehen der Bundesrepublik zu hemmen, ließ sich dann nur widerstrebend auf die Pläne der europäischen Integration ein und brachte schließlich am 30. August 1954 die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) zu Fall.

Damals schrieb DER SPIEGEL, die Franzosen wünschten sich eine deutsche Armee, die »größer als die russische und kleiner als die französische« sei. Diesen Satz kommentierte 1963 Professor Grosser mit der Feststellung: »Das entsprach ganz genau der - sagen wir einmal - Tiefenpsychologie einer französischen Bevölkerung, die, weil sie die Deutschen nicht als Verbündete wollte, sie als Brüder akzeptierte, um sie besser in der Umarmung fesseln zu können.«

Tatsächlich mangelt der neuerlichen französischen Sympathie für die Deutschen keineswegs das Element nüchterner Berechnung. Die russische Präsenz in Mitteleuropa, Deutschlands Teilung und mithin Schwächung, aber auch das Bestreben, die unruhigen Deutschen durch freundschaftliche Bande zu kontrollieren, spielen dabei eine Rolle.

Dieses spekulative Element der Deutschen-Sympathie kam auch bei Meinungsbefragungen auf beinahe naive Art zum Ausdruck. 1957 und 1959 stellte der Pariser »Service de sondages et statistiques« den Franzosen unter anderen zwei Fragen.

Die eine lautete: »Bleibt das deutsche Volk gefährlich?« Sowohl 1957 als auch 1959 antwortete die Mehrheit mit »Ja«. Im ersten Jahr waren es 72 Prozent der Befragten, im zweiten etwas weniger, nämlich 70 Prozent.

Die zweite Frage hieß: »Soll Deutschland mit Frankreich verbündet und befreundet sein?« Überraschenderweise wurde auch diese Frage von der Mehrheit bejaht, 1957 von 68 Prozent, 1959 von 70 Prozent.

Die innere Logik dieses zunächst widersprüchlich erscheinenden Ergebnisses liegt offenkundig darin, daß der durchschnittliche Franzose die Deutschen zwar für »gefährlich« hält, aber meint, dieser Gefährlichkeit könne man am besten durch Freundschaft begegnen.

Doch nährte sich die französische Sympathie für Deutschland noch aus anderen Quellen. In den fünfziger Jahren machten die Franzosen eine Epoche nationaler Demütigung durch. Indochina (1954) und Algerien (1962) gingen verloren. Ein »NationalismuS der BitterkeIt« (Grosser) machte sich in Frankreich breit. Man fühlte sich, wie einst Deutschland, umzingelt, sah in Russen, Amerikanern und Engländern Gegner und fühlte sich den Deutschen in einer Art Kameraderie der Blessierten der Weltpolitik verbunden. 1963 erschien in Frankreich eine zweibändige Geschichte Deutschlands, deren erster mitleidiger Satz lautete: »Die Geschichte Deutschlands ist die eines unglücklichen Volkes.«

Zu einer markanten Figur der deutsch-französischen Versöhnung entwickelte sich Konrad Adenauer. Welche Motive für diese Versöhnung auf französischer Seite auch immer vorlagen, an dem »großen Alten Mann« machte sie sich fest. De Gaulles und Adenauers pathetische Versöhnungsfeiern in Frankreich und in der Bundesrepublik 1962 hatten die Zustimmung der französischen Nation.

Die linke Pariser Wochenzeitschrift »L'Express« befragte damals junge Leser nach deren Meinung über die deutschfranzösische Verständigung. Die Antworten reichten von »sehr begeisternd« und »großartig« bis »wünschenswert«. Eine andere französische linke Zeitschrift traf selbst unter kommunistischen Arbeitern nur selten Antipathien gegen die Deutschen an.

Es gibt freilich in jüngster Zeit Anzeichen dafür, daß die Franzosen für die Deutschen eher freundliches Desinteresse als ausgesprochene Sympathie hegen. Bei einer im Herbst vorigen Jahres vom Französischen Institut für öffentliche Meinung durchgeführten Befragung plazierten französische Jugendliche die Bundesrepublik in einer Liste der beliebtesten Länder erst an sechster Stelle - hinter Italien, Spanien, den Niederlanden, den USA und England.

Die deutsch-franzosische Versöhnung unter de Gaulles Regie machte trotz ihrer langen Vorgeschichte viele Engländer perplex. Besonders der überschwengliche Jubel, mit dem der General 1962 in Deutschland gefeiert wurde, bot Anlaß zu boshaften Scherzen. Der in England geschätzte Historiker Dr. A. L. Rowse bewitzelte in Montreal in einem Vortrag die deutschen Vivat-Rufer: »Schließlich haben sie siebzehn Jahre lang keinen Führer mehr gesehen.« Zweitausend kanadische Zuhörer wollten sich ausschütten vor Lachen.

Nächst Holland gilt England heute als das europäische Land mit der negativsten Einstellung zu den Deutschen. »Hundeliebe und Deutschenhaß« seien die Stimmungen, die sich in England am leichtesten hochspielen ließen, meinte 1961 das linke britische Sonntagsblatt »Reynolds News«.

Doch zeigte inzwischen die freundliche Aufnahme deutscher Soldaten in England, daß die Ansicht, die der durchschnittliche Engländer von den Deutschen hat, vielschichtig ist.

So meinen denn auch die meisten Beobachter, daß das Urteil der Engländer von heute über die Deutschen weitaus undurchsichtiger ist als etwa das der Franzosen. Eklatant deutlich wurde diese Tatsache aus Anlaß des bedeutendsten Ereignisses der deutsch-englischen Nachkriegsgeschichte: des Besuches von Bundespräsident Theodor Heuss in London im Herbst 1958.

Bis heute streiten sich Meinungsforscher, Journalisten und Politiker, ob das deutsche Staatsoberhaupt damals vom englischen Publikum »freundlich« oder »eisig« empfangen worden sei.

Der Labour-Abgeordnete Crossman zum Beispiel meinte hinterher, das Klima des Empfangs habe »von kühler Höflichkeit über eingefrorene Gleichgültigkeit bis zu brennender Feindseligkeit« gereicht.

Ein Minister des Kabinetts Macmillan

- Lordkanzler Kilmuir - hingegen erklärte: »Die enorme Mehrheit im Lande ist froh, daß wir Verbündete sind.«

Die Londoner Deutsche Botschaft sammelte 422 Ausschnitte aus englischen Zeitungen. Davon qualifizierte sie 32 als neutral, 269 als »sachlich mit positiver Tendenz«, 78 als »besonders positiv«, hingegen nur 19 als »negativ« und 24 als »besonders negativ und unsachlich«.

Zu der letzten Rubrik gehörten vor allem die Artikel des Kolumnisten Cassandra in der größten englischen Tageszeitung, dem »Daily Mirror«. »Ich hasse die Deutschen nicht«, schrieb er, »aber gewiß verachte ich sie.«

Und: »Gebt uns fünfzig Jahre, um sie (die Deutschen) und ihre unaussprechlichen Taten zu vergessen.«

Den Heuss-Besuch hatte er schon vorher als einen plumpen Versuch der Deutschen angeprangert, den Bundespräsidenten als »einen netten, gelehrten Weihnachtsmann« an die Engländer zu »verkaufen«.

Aufschlußreicher als die »Cassandra« -Schreie war die Berichterstattung eines sonst so gemäßigten Blattes wie des »Manchester Guardian«. Sie war kühl und steckte voller Anspielungen.

In einem Artikel des Blattes über die Fahrt der Königin und des Bundespräsidenten in offener Kalesche durch London berichtete das Blatt, Heuss habe nur selten auf freundliches Winken geantwortet, hingegen »machten die Herren seines Stabes, alle in schwarzen Mänteln mit weißen oder silbernen Krawatten, den kontinentalen Gruß durch schnelles Aufwärtsbewegen ihrer Hände«.

Dieses Bild von deutschen Schwarzröcken mit Silberschlipsen und ruckartigen Armbewegungen war eine deutliche Anspielung des Blattes auf die deutsche Vergangenheit, und zwar etwa in dem Sinne: Sie haben sich freilich auf eine etwas komische Weise verkleidet, aber ihre Zackigkeit verrät sie noch immer.

Als die Königin in einer Tafelrede ihre deutsche Herkunft erwähnte, wurde sie in zahlreichen Leserbriefen der Geschmacklosigkeit geziehen. Wie immer die Bedeutung dieser Reaktion zu beurteilen war - auf jeden Fall wartete die Königin über fünf Jahre, bis sie die Erwiderung des Heuss-Besuches in Aussicht stellte: Vor neun Wochen, am 27. Mai, ließ sie bekanntgeben, sie werde im nächsten Jahr der Bundesrepublik einen Besuch abstatten.

Zwar sind Cassandra und Dr. Rowse heute keineswegs mehr charakteristisch für das englische Urteil über die Deutschen, doch bildet - ähnlich wie in Frankreich - nach wie vor die Sorge vor den »incertitudes allemandes«, vor der deutschen Unbestimmtheit, den Kern der britischen Einstellung zu den Deutschen. Das »hervorragendste Kennzeichen des deutschen Charakters ist Unentschlossenheit«, schrieb 1962 der »Encounter«-Redakteur John Mander.

1963 reiste der britische Journalist Sefton Delmer im Auftrage des »Stern« in einer Verkleidung durch England, die dortzulande offenkundig nach wie vor als typisch deutsch gilt: in Lodenmantel und grünem Jägerhut.

Er randalierte in teutonischem Englisch auf den Pritschen öffentlicher Bäder, in Gastwirtschaften und Museen

- und fand fast nur freundliches Verständnis. Doch am Ende kam er zu dem Schluß, daß man als Lodenmantel-Deutscher wohl britische Höflichkeit kennenlernen kann, nicht aber das Deutschen-Urteil des englischen Jedermann. Diesem begegnete er als Engländer - und da war es vorwiegend negativ: Den »bloody Germans« sei nicht eine Nasenlänge weit zu trauen.

Mißtrauen, so meint Delmer heute, und die Furcht, durch die Westdeutschen in uferlose Konflikte mit der Sowjet-Union gezogen zu werden, bestimmen bis jetzt die Einstellung der Engländer zu den Deutschen.

Letzten Endes bilden diese Sorge vor der deutschen Unbestimmtheit und das Mißtrauen gegen die Politik der Bundesrepublik den Ausgangspunkt der Deutschen-Beurteilung auch bei den Völkern des Ostblocks.

Abgesehen von der nach politischen Gesichtspunkten ausgerichteten und deswegen meist gehässigen Staatspropaganda, weisen die wenigen verfügbaren Dokumente des Deutschen-Urteils der Russen, Polen, Tschechoslowaken und Balkanvölker auf wenig Haß hin - wohl aber darauf, daß auch der gemeine Mann im Osten Angst vor der ».Unruhe« der Deutschen hat.

Der jugoslawische Kommunist Vladimir Dedijer stellte 1962 anläßlich eines Besuches in Warschau fest, daß die polnische Literatur über den letzten Krieg »am wenigsten Bitterkeit gegenüber den Deutschen« enthalte.

Andererseits begegnen Deutsche nirgends so oft wie in Ostblock-Ländern der Frage, ob es wahr sei, daß sie wieder einen Krieg anfangen wollten. Tatsächlich stimmt das Deutschen-Urteil der meisten Völker der Erde in einem Punkt überein - nämlich in der Angst vor den »incertitudes allemandes«.

1946 hatte der Schweizer Max Picard das Wesen der Deutschen als »quallig« charakterisiert. In diesem Urteil steckt ein wesentliches Motiv dafür, warum die Franzosen die Deutschen durch Freundschaft fesseln wollen, steckt aber sicher auch ein wesentliches Motiv der sowjetischen Deutschlandpolitik.

Selbst die gehässigen Karikaturen des Londoner »Daily Express« sprechen, indem sie das deutsche Gesicht als schwammig und ungeformt darstellen, ein Urteil aus, das sowohl in Frankreich als auch in England und Rußland geteilt wird.

Von Madame de Stael über Hippolyte Taine bis zu dem amerikanischen Anthropologen-Ehepaar Rodnick und dem Engländer John Mander reißt die Reihe der ausländischen Zeugen nicht ab, die bei aller Wertschätzung den Deutschen »Unschlüssigkeit«, »Wolkigkeit« und »Undeutlichkeit« bescheinigen.

In den Urteilen der Jahrhunderte über die Deutschen wechseln Wohlwollen und Gehässigkeit, doch ein fast ständig wiederkehrendes Urteil ist die Beobachtung, daß der Deutsche auf nichts festgelegt werden kann, weil er sich selbst auf nichts festlegt, daß er - wie schon Madame de Stael beobachtete - nach Möglichkeit jeder Entscheidung ausweicht.

In diesem Sinne äußerte sich jüngst auch einer der namhaftesten Psychologen der Welt, der einst in Berlin und Frankfurt, heute in Mexiko ansässige Professor und Freud-Schüler Erich Fromm.

In der amerikanischen Millionen-Illustrierten »Look« berichtete Fromm Anfang Mai, er habe bei seinen regelmäßigen Deutschland-Besuchen die gleichen »kranken, hassenden, verwirrenden Gesichter« gesehen wie in den dreißiger Jahren. Die große deutsche Kleinbürger-Klasse kenne auch heute keine »wirklichen Werte«, und sie sei darauf aus, »die Welt zu zerstören, von der sie, wie sie meint, beiseite geworfen worden ist«.

Noch schlimmer war Fromms Urteil über die deutsche Jugend. Sie sei »völlig bindungslos«, »amoralisch« und »ohne Glauben«. »Ungeführt und bar jeglicher Motive« sei sie den »Verlockungen der Hysterie und Absurdität« ausgesetzt. Sie empfinde keinerlei »Loyalität; weder gegenüber sich selbst noch gegenüber der Gesellschaft«. Sie sei »wahrhaft nihilistisch«.

Fromm am Ende: »Wir werden einst von ihr hören, und es werden keine guten Nachrichten sein.«

Das fürchterlichste Zeugnis deutscher Wandelbarkeit sind die Greueltaten gegen die Juden, die unter Hitler begangen wurden.

Ende Februar besuchte der amerikanische Theaterschriftsteller Arthur Miller den Frankfurter Auschwitz-Prozeß. Eine Woche später berichtete er darüber in der »New York Herald Tribune«. An den Anfang des Berichts stellte er die Frage, ob jemals wieder in Deutschland eine Bewegung entstehen könne, die solchen Männern wie den 22 Angeklagten des Auschwitz-Prozesses Gewalt über Leben und Tod verleihen würde - und fand sie »unbeantwortbar«.

Ausschnitt aus amerikanischer Reportage über die Deutschen ("Time«, 1963): Fett und fleißig?

Englische Karikatur ("Daily Express«, 1963): Gebildet und schadenfroh?

Sowjetische Karikatur ("Krokodil«, 1961): Gründlich und brutal?

Ausschnitt aus italienischer Reportage ("Epoca«, 1955): Tüchtig und tückisch?

Deutsche Arbeitsmaiden 1936

Für Germaniens Frauen ...

Münchner Teenager 1964

...nach dem Krieg ein Fräulein-Wunder

»Life«-Photo einer Schulklasse: Beugen die Deutschen nur den Rumpf...

... oder haben sie Respekt?. Altmeier-Verbeugung vor General Koenig 1948, Polizisten-Verbeugung vor General de Gaulle 1962

Transport von KZ-Häftlingen vor 1945: Statt Sack und Asche

... Chrom und Nerz: Modenschau im Madame-Club nach 1945

Ordnung

Disziplin

Arbeitsamkeit

Pünktlichkeit

Dackel-Liebe

Burschenherrlichkeit

Gemütlichkeit

Gelehrsamkeit

Deutsche Merkmale: Herr Doktor Doktor Doktor ißt Sauerkraut

Deutschen-Beschreiber Tacitus, Germaine de Stael, Vansittart: »Das Innere des Deutschen ist qualliger Wirrwarr«

Prototyp Bismarck

Ein neuer Attila mit Stulpenstiefeln ...

Schreckbild Attila

... an der Spitze barbarischer Hunnen

Französische Kriegskarikatur 1915: Das Bild vom Deutschen...

... wandelte sich seit 1953; Aufstand am 17. Juni in Ostberlin

Simplicissimus-Deutsche vor 1914: Dichter und Denker oder Richter und Henker?

Lodenmantel-Deutscher Sefton Delmer

Den bloody Germans...

ist keine naselang zu trauen: Amerikanische Nazi-Literatur

Deutsche auf dem NS-Parteitag 1936: Ihr Gebrüll ...

... verrät sie: Deutsche auf dem Fußballplatz 1964

* Links: Der deutsche Michel 1848 ("Eulenspiegel«, Stuttgart). Rechts oben: Französische Karikatur des Königs von Preußen und späteren deutschen Kaisers, Wilhelm I., aus dem Jahre 1870; Mitte: Himmler-Karikatur aus der englischen Zeitschrift »Liliput«; die untere Karikatur eines Bundesbürgers zeichnete der Englander Ronald Searle nach einer Reise durch die Bundesrepublik 1959.

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