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»Eine Todesobsession«

Der Journalist Amir Taheri zum fünften Jahr der Chomeini-Revolution Der iranische Autor lebt im Exil in London. *
Von Amir Taheri
aus DER SPIEGEL 9/1984

Die zweitgrößte Stadt des Iran, Isfahan, feierte den fünften Jahrestag der islamischen Revolution mit der Einweihung eines »Monuments, wundervoller noch als Persepolis« (so der Bürgermeister der Stadt).

Jenes Monument ist ein riesiger Friedhof, der Raum bietet für eine Million Gräber. Bisher wird erst ein Teil des Geländes genutzt. Es beherbergt die Gräber von über 25 000 »Märtyrern«, jungen Männern und Knaben, die im Kampf gegen den Irak gefallen sind.

Isfahans Beitrag zu den Feierlichkeiten unterstreicht das fast zwanghafte Verlangen des Revolutionsregimes, die Zahl seiner Märtyrer zu erhöhen. Es war kein Zufall, daß Ajatollah Chomeini bei seiner Rückkehr in den Iran 1979 als erstes einen Friedhof besuchte, auf dem er den Beginn des Zeitalters des Märtyrertums verkündete. »Je mehr Menschen, vor allem junge Leute, für unsere Sache sterben«, erklärte er, »desto stärker werden wir. Die Moslems aller Länder müssen die Todesfurcht bezwingen, damit sie die ganze Welt bezwingen können.«

Der jetzige Jahrestag ist für die islamische Führung von großer psychologischer Bedeutung. Das Kalifat des Imam Ali im 7. Jahrhundert, das als die einzige »gerechte Regierung« der Geschichte betrachtet wird, überdauerte keine fünf Jahre. Sein »legitimer Nachfolger«, die Chomeini-Regierung, hat diesen Rekord bereits gebrochen. »Besteht aber ein Grund zum Feiern?« fragte unlängst ein iranischer Abgeordneter, um seine Frage dann selbst mit einem emphatischen »Ja« zu beantworten - allerdings erst nach Aufzählung einer Reihe gebrochener Versprechen.

Die meisten dieser Versprechen jedoch wurden von jenen Mittelstandspolitikern gemacht, die dem Revolutionsführer anfänglich als demokratisches Feigenblatt dienten. Ajatollah Chomeini und die anderen revolutionären Mullahs können heute behaupten, sie hätten nie versprochen, eine Demokratie zu errichten und Wohlstand zu schaffen. Derartige Forderungen »westlichen Stils« wurden von den Galionsfiguren erhoben, die von einer anderen Revolution träumten.

Eine Revolution kann leicht eine andere in sich bergen. Genau das ist im Iran geschehen. Die Intellektuellen, welche die Revolte gegen den Schah begannen, wollten mehr Demokratie. Die Mullahs dagegen, welche die Revolte durch Einbeziehung der ungebildeten Massen in eine Revolution verwandelten, hielten den westlichen Einfluß für zu stark und wollten ihn beseitigen. Der iranische Autor Fereidun Howeida schreibt, der moslemische Klerus habe vor allem verhindern wollen, daß der materielle Fortschritt zu einer Situation führte, in der »das von Menschen gemachte Gesetz das Gesetz Allahs verdrängt«.

Die Revolution war im wesentlichen durch die tiefe kulturelle und moralische Kluft ausgelöst worden, die zwischen den Massen und ihren herrschenden Eliten bestand. Heute trennt eine andere - vielleicht gefährlichere - Kluft den Durchschnittsiraner von seinen Herren.

Der Schah versuchte, die Iraner zu belehren, wie man lebt. Er scheiterte, weil er ihnen nicht zeigte, wie man stirbt. Der Ajatollah dagegen könnte scheitern, weil er unfähig ist, dem Leben eine faire Chance zu bieten.

In den letzten fünf Jahren sind über eine Viertelmillion Iraner im Krieg gegen den Irak oder bei Zusammenstößen mit Stadtguerillas oder Stammesrebellen ums Leben gekommen. 8000 bis 12 000 Menschen wurden hingerichtet, fast zwei Millionen ins Exil verbannt. Schätzungsweise drei Millionen Menschen wurden durch den Krieg obdachlos.

Dennoch ist unwahrscheinlich, daß es in naher Zukunft im Iran eine »Korrekturrevolution« geben wird. Die derzeitige Kriegspolitik und die Repression jedoch werden den unbeugsamen Ajatollah mit Sicherheit nicht überleben. Sein designierter Erbe, Ajatollah Hussein Ali Montaseri, versucht denn auch bereits, sich von dieser Politik zu distanzieren.

Aus islamischer Sicht war die Revolution erfolgreich. Alle Frauen müssen den Schleier tragen, alkoholische Getränke sind verboten. Die »korrupten« darstellenden Künste wurden fast ganz abgeschafft. Die alte Stammesregel des »Auge um Auge« wurde das Gesetz des Landes. Alle Schlüsselpositionen sind mit Geistlichen oder deren Verwandten besetzt. Parlamentspräsident Ajatollah Haschemi Rafsandschani rühmte denn auch unlängst: »Heute ist der Iran das einzige wahrhaft islamische Land der Welt.«

»Schön und gut«, fragte ein mutiger Teheraner Leitartikler, »aber wie soll es nun weitergehen?«

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