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»Eine Warnung vor dem Jüngsten Gericht«

SPIEGEL-Autor Wilhelm Bittorf über die Geschichte der Atombombe (II) »Wird dies alles nicht die Atombombe herbeiführen?« entfuhr es mir. Die beiden Nobelpreisträger machten einen bestürzten Eindruck. Niels Bohr blickte zur Decke, und Enrico Fermi betrachtete mich sonderbar. »Theoretisch mag dies eines Tages möglich sein«, sagte Fermi schließlich. »Aber dies liegt erst in weiter Ferne.« »Wie weit ist diese Ferne?« fragte ich hartnäckig. »Vielleicht fünfundzwanzig, vielleicht fünfzig Jahre.« »Vielleicht wird Hitler in viel geringerer Zeit eine Atombombe herstellen«, gab ich zurück. *
Von Wilhelm Bittorf
aus DER SPIEGEL 32/1985

William Lawrence, Wissenschaftskorrespondent der »New York Times«, hat dieses nicht zur Veröffentlichung bestimmte Gespräch mit Bohr und Fermi am 7. Februar 1939 geführt, nach einem Meeting der »Amerikanischen Physikalischen Gesellschaft« in der New Yorker Columbia-Universität. Thema: die Uran-Kernspaltung.

Erst drei Wochen zuvor hat Niels Bohr aus Dänemark eine zunächst nur für Kernphysiker begreifbare Neuigkeit nach Amerika mitgebracht. Otto Hahn, besagt sie, hat in Berlin ein Experiment gemacht, dessen Ergebnis er mit den herrschenden wissenschaftlichen Begriffen nicht zu erklären vermochte. Daraufhin hat Lise Meitner, Hahns nach Skandinavien geflohene Mitarbeiterin, gemeinsam mit ihrem Neffen, Otto Frisch, errechnet und im Versuch bewiesen, daß bei Hahns Experiment eine »Spaltung« von Uran-Atomkernen vorgefallen sei, die man bis dahin nicht für möglich hielt. Das ist alles.

Doch plötzlich ist es da, das Gespenst einer Atombombe mit dem Hakenkreuz, und es spukt nicht nur durch die grauen Zellen des »New York Times«-Journalisten. Es entsteht, noch ehe der geringste Hinweis vorliegt, daß Wissenschaftler in Deutschland sich mit der Uranspaltung, gar zu militärischen Zwecken, befassen - ihnen erschließt sich ja auch gerade erst, daß es so etwas gibt. Auch einige erstklassige Physiker, Flüchtlinge vor Hitler, glauben bereits an das Gespenst, als die elementarsten kernphysikalischen Voraussetzungen für eine Bombe noch im dunkel liegen.

Denn das Gespenst der deutschen Atombombe, das die Entwicklung einer höchst realen amerikanischen Atombombe auslöst und vorantreibt, entspringt einem psychologisch-politischen Phänomen, das Amerika und den Rest der Welt auch nach dem Ende Hitlers nicht mehr zur Ruhe kommen läßt. »Worst case thinking« nennt man es später und versteht darunter das verdrießliche Verfahren, beim Einschätzen einer gegnerischen Macht und bei den eigenen Reaktionen ihr gegenüber stets vom »schlimmsten Fall«, der übelsten aller denkbaren Möglichkeiten, auszugehen.

Wem würde die im Uran schlummernde Energie als Waffe am meisten nützen bei seinen Eroberungsplänen? Wer ist skrupellos genug, mit Uranbomben zu erpressen und Massenmord zu verüben? Wer muß folglich am begierigsten sein, das denkbare kriegerische Potential der Kernspaltung auszuforschen und in den Griff zu bekommen? Adolf Hitler und seine Getreuen, wer sonst.

Für Leo Szilard in New York steht diese Antwort von dem Augenblick an

fest, als er die Neuigkeit hört, die Niels Bohr aus Kopenhagen mitbringt. Szilard stammt aus Budapest und hat von 1922 bis 1933 am Institut für Theoretische Physik an der Berliner Universität assistiert, meditiert, doziert - ein kleingewachsener, rundlicher, umgetriebener Mann, Jahrgang 1898, traumatisiert von seiner Soldatenzeit beim k. u. k. Militär im Ersten Weltkrieg und vom Triumph der Nazis.

Mit seinen Erfahrungen hat er ein Recht, sich bedroht zu fühlen und im Hinblick auf Hitler mit dem Schlimmsten zu rechnen. Aus der Logik der finsteren Erwartungen folgt zudem, daß ein Mensch, der sich wie Szilard vor dem Nazi-Unheil ganz besonders fürchten muß, auch am ehesten und aufs kleinste Indiz hin zu der Überzeugung kommen muß, daß die Atombombe machbar, schlimmer noch: für die Nazis machbar sei.

So heizt die politisch-menschliche Sorge auch die wissenschaftliche Phantasie an - ohne Not zerbricht sich niemand bei Tag und Nacht den Kopf darüber, wie er an äußerste Vernichtungskräfte herankommen kann, ehe das seinem Todfeind gelingt. Deshalb ist es ein Mann wie Leo Szilard, Emigrant, unbehaust, der als erster überhaupt vor der Teutonenbombe warnt, Ende Januar 1939 schon, im Vertrauen, von Mann zu Mann, zunächst nur seinen Mitemigranten gegenüber.

Szilard hat keinerlei Beweise, neigt, wie seine Kollegen wissen, zur Übertreibung, stößt auf Skepsis. Doch schon am 7. März macht er ein Experiment, mit dem er nachweist, daß es möglich sein könnte, aus Uran atomaren Sprengstoff zu machen. Denn um eine Kettenreaktion immer weiter sich spaltender Urankerne in Gang zu setzen, muß aus jedem Kern, der von einem Neutron getroffen wird, mehr als ein Neutron wieder herausfliegen: eins hinein, zwei oder mehr Neutronen heraus, die weitere Kerne spalten können.

Leo Szilard demonstriert, daß aus jedem getroffenen Urankern zwei oder sogar drei Neutronen herausspringen. Damit ist eine Kettenreaktion zumindest theoretisch möglich - eine Erkenntnis, die gewaltigen Eindruck macht bei Szilards Kollegen, besonders bei Enrico Fermi und Niels Bohr; denn beide haben sich und andere bis dahin mit der Hoffnung beruhigt, es würden für einen selbsttätigen Spaltungsprozeß nicht genug Neutronen frei werden.

Szilards Alptraum rückt mit diesem Experiment in den Bereich der Wahrscheinlichkeit. Und was aus Deutschland zu erfahren ist, wie spärlich auch immer, erhärtet den Verdacht in den Augen der Forscher Stück für Stück, weil diese Informationen genau in das vorgefertigte Schreckbild hineinzupassen scheinen - auch wenn sie in Wahrheit ganz etwas anderes bedeuten.

Beispiel: Mitte März 1939 okkupiert die Wehrmacht die Tschechoslowakei und bringt damit auch die Uranerz-Vorkommen in Joachimsthal, die einzigen ergiebigen in Mitteleuropa, in deutschen Besitz. Leo Szilard argwöhnt, die Uranmine könnte das heimliche Hauptmotiv für die Besetzung sein. Er sieht sich bestürzend bestätigt, als ihm zur Kenntnis kommt, daß Berlin die Ausfuhr von Uranerzen Ende April gestoppt hat.

Die Nachricht stimmt. Doch die deutschen Rohstoffbeschaffer, das ist sicher, horten das seltene Schwermetall zu diesem Zeitpunkt nicht für Uranbrenner und -bomben. Der wahre Grund ist wohl, daß Rüstungstechniker eine Methode zu entwickeln versuchen, panzerbrechende Geschosse durch Uran-Zusätze zu härten.

Es stimmt auch die Nachricht, sechs deutsche Atomphysiker (Werner Heisenberg gehört nicht dazu) hätten am 30. April im Berliner Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung das »Uranproblem« beraten. Aber mehrere Teilnehmer beteuern später, eine atomare Waffe sei dabei mit keiner Silbe erwähnt worden. Man habe lediglich die Möglichkeit erörtert, auf eine Art »Uranmaschine« hinzuarbeiten, die ihre Energie unexplosiv durch eine kontrollierte Kettenreaktion abgibt und zum Antrieb von Schiffen dienen könnte.

Als wolle er die arglose Offenheit deutschen Forschens breit herausstreichen, publiziert der 27jährige Siegfried Flügge, Mitarbeiter an Hahns Institut, noch im Juni in den »Naturwissenschaften« einen Artikel, in dem er sich einleuchtende Gedanken über Kettenreaktionen und ihre friedliche Nutzung in »Uranmaschinen« macht (Titel: »Kann der Energie-Inhalt der Atomkerne technisch nutzbar gemacht werden?").

Der »Worst case«-Denker Szilard und seine Vertrauten jedoch werden von dem Text in ihren Ängsten bestärkt. Ihr Argument: »Wenn die geheimniskrämerischen Nazis so viel über das Uranproblem erscheinen lassen, dann müssen sie schon ungleich viel mehr darüber wissen.«

In diesem Sommer vor dem Krieg reist Werner Heisenberg, der Fürst unter den jüngeren Physikern im Reich (er ist 37), noch einmal, mehrfach eingeladen, in die Vereinigten Staaten. Aber das politische Mißtrauen in der zuvor so familiären Physikerzunft hat sich auch bei den eingesessenen Amerikanern schon so tief eingefressen, daß eine Verständigung über die Uranspaltung und ehrliche Aufklärung über den wahren Stand der Dinge nicht mehr möglich sind. Man versichert einander, welcher Rang der Entdeckung gebühre - _(Mit Rüstungsexperten auf einer Konferenz ) _(in Schloß Kleßheim. )

und meidet das Thema ansonsten; kosmische Strahlen, auf einer Tagung in Chicago, sind angesagt.

Zwar spricht Heisenberg gegenüber den amerikanischen Kollegen besorgt davon, daß die deutsche Regierung zum Krieg bereit sei. Sie sei davon nur abzuhalten, wenn Amerika klarmache, daß es in einem solchen Krieg vom ersten Tag an gegen Deutschland kämpfen werde. Zu Arthur Compton, der später »Gegenmaßnahmen« gegen drohende deutsche Atombomben fordert, sagt Heisenberg: _____« Wie ich es verstehe, glaubt die deutsche militärische » _____« Führung, daß sie mit allem fertigwerden kann, was Europa » _____« und Großbritannien gegen Deutschland aufzubieten vermag. » _____« Doch wenn die deutsche Führung glauben müßte, daß Amerika » _____« gegen Deutschland in den Krieg eingreift, würde sie die » _____« Niederlage fürchten. »

Aber die Annahme des Nichtnazis Heisenberg, Hitlers Reich sei stark genug, ganz Europa zu unterwerfen und auf Dauer zu beherrschen, stiftet neue Mißverständnisse, neuen Verdacht.

Woher, fragen sich seine Gesprächspartner, nimmt dieser Mann seine Gewißheit überlegener deutscher Stärke, wenn nicht aus der Aussicht auf kommende Superwaffen? Warum, wenn ihm vor Krieg und Naziwesen so graut, schlägt er die ihm angetragene Professur an der Columbia-Universität aus, mit dem Bemerken, er könne seine »netten jungen Physiker« in Deutschland nicht im Stich lassen?

So endet Werner Heisenbergs Reise als Tragikomödie der Irrungen: In Amerika sind mehr Physiker - vor allem einflußreiche Physiker - als zuvor bereit, zu glauben, die Deutschen führten Dinge von höchster Gefährlichkeit im Schilde.

Heisenberg dagegen, der die Atombombe inzwischen auch schon »ein wenig« für machbar hält, allerdings nur bei Anstrengungen größten Maßstabs über etliche Jahre hin - Heisenberg läßt sich seinerseits täuschen durch das gespielte Desinteresse seiner Gastgeber an einer wie immer gearteten Nutzung der Kernkraft.

Immer wieder hört er die Ansicht, das alles liege noch in weiter Ferne. Und auch Heisenberg glaubt daraufhin das ziemlich genaue Gegenteil der Wahrheit: daß sich in den USA nichts weiter tue; daß jedenfalls ein atomarer Feuerball von dort nicht zu befürchten sei. Auch später, als Amerika im Krieg ist, »hielten wir die wirkliche Herstellung einer Atombombe noch zu Kriegszeiten auch in den USA für so gut wie ausgeschlossen«, erinnert sich Heisenbergs damaliger Assistent, Carl Friedrich von Weizsäcker.

Dennoch scheint es in Deutschland ernst zu werden: Am 26. September 1939, knapp vier Wochen nach Kriegsbeginn, werden die führenden Kernforscher des Reichs (neun Leute; Heisenberg und von Weizsäcker gesellen sich kurz darauf dazu) in das Heereswaffenamt in Berlin gerufen. Unter dem Vorsitz eines physikalisch, aber nicht nuklear vorgebildeten Obersten namens Schumann beschließen die Wissenschaftler, einen »Uran-Verein« zu inaugurieren, der das Uranproblem systematisch und koordiniert untersuchen soll.

Es geht um die Vorbedingungen einer Kettenreaktion, um die »Uranmaschine« und vor allem um die große technisch-praktische Schwierigkeit, überhaupt Uranmetall von genügender Reinheit zu gewinnen. Der dringlichste Appell kommt von dem alten Pfälzer Hans Geiger, dem Schöpfer des nach ihm benannten Radioaktivitätszählers: »Meine Herren, wenn auch nur die geringste Spur einer Chance besteht, daß eine Energiegewinnung auf diesem Wege möglich ist, dann müssen wir sie unter allen Umständen verfolgen.«

Es sieht aus, als hätten die Deutschen sich zumindest einen organisatorischen Vorsprung verschafft. Doch der bleibt belanglos gegenüber der Wende, die sich schon 15 Tage später ereignet: Der amerikanische Präsident Roosevelt, nicht Hitler, nicht Stalin oder Churchill, wird als erster politischer Führer einer Nation über die Möglichkeiten und Gefahren der Kernspaltung aufgeklärt.

Denn Leo Szilard hat nicht gerastet. Mit seinen gleichfalls aus Budapest via Berlin nach New York gelangten Landsleuten Eugen (jetzt Eugene) Wigner und Eduard (jetzt Edward) Teller hat er sich im Sommer hilfesuchend an Albert Einstein gewandt. Die Magyaren besuchen den Vordenker ihrer Wissenschaft in einem Ferienhäuschen auf Long Island und schildern ihm - im vertrauten Deutsch - ihren Alptraum von der deutschen Atombombe.

Einstein bezweifelt, daß die Monsterwaffe realisierbar sei. Aber er, der Pazifist, pflichtete gleichwohl dem Argument bei, ein atomar gerüsteter Hitler wäre so über alle Maßen schrecklich, daß man selbst gegen das kleinste Risiko, daß es dazu kommen könnte, alles nur Tunliche unternehmen müsse.

Sie entwerfen gemeinsam - und erst einmal auf deutsch - einen Brief an Präsident Roosevelt, den Einstein, namhaftester Wissenschaftler des Säkulums, unterschreibt. In der Endfassung heißt es nach einer kurzen Erläuterung der Kernspaltung: _____« Es ist denkbar ... daß extrem starke Bomben eines » _____« neuen Typs gebaut werden ... Eine einzige Bombe dieses » _____« Typs, per Schiff transportiert und in einem Hafen zur » _____« Explosion gebracht, könnte sehr wohl den gesamten Hafen » _____« und Teile des ihn umgebenden Territoriums zerstören. » _(Dieses Beispiel reflektiert die ) _(Annahme der Briefschreiber, daß die ) _(ersten Atombomben noch zu sperrig und ) _(schwer sein würden, um sie per Flugzeug ) _(ins Ziel zu bringen. )

Hinweise auf Deutschland gipfeln in dem mißverstandenen Uran-Embargo: »Deutschland hat tatsächlich den Verkauf

von Uran aus den besetzten tschechoslowakischen Minen gestoppt.«

Aber wie den Brief an den Präsidenten bringen, daß er ihn zur Kenntnis nimmt, seine Bedeutung begreift? Wieder hilft ein deutscher Emigrant, mit dem Szilard von Berlin her befreundet ist, der Ökonom und frühere nationalliberale Reichstagsabgeordnete Gustav Stolper. Durch Stolper findet Szilard Kontakt mit Alexander Sachs, der in jungen Jahren aus Rußland einwanderte und es weit gebracht hat: Er ist ökonomischer Chefberater der Wallstreet-Investmentbank Lehman Brothers, befaßt sich passioniert mit den Naturwissenschaften - und hat Zugang zum Präsidenten.

Franklin Delano Roosevelt ("FDR") schätzt Sachs als »idea man«, seit der im »Gehirntrust« des Weißen Hauses mitgeholfen hat, FDRs sozialökonomisches Reformprogramm, den »New Deal«, zu entwerfen.

Sachs, durch Szilard von der Gefahr überzeugt, vor der er warnen soll, wird am 11. und am 12. Oktober 1939, beide Male beim Frühstück, von Roosevelt empfangen. Der zweite Termin wird nötig, weil der quecksilbrige Physikliebhaber Sachs sich beim ersten Mal zu sehr in »Neutronen« und »Isotopen« verstrickt und mit der Zeit und Konzentrationsfähigkeit des Präsidenten nicht zurechtkommt.

FDR will aber verstehen, worauf Einstein und Emissär Sachs hinauswollen. Als Sachs bei dem zweiten Frühstück einen britischen Physiker zitiert, der die Hoffnung ausspricht, der Mensch möge die unweigerlich heranrückende Atomkraft »nicht nur dazu benutzen, seine Nachbarn in die Luft zu jagen«, unterbricht der Präsident, der unterdessen Maispfannkuchen mit Ahornsirup verzehrt hat, seinen Besucher: »Ihr seid also darauf aus, dafür zu sorgen, daß uns die Nazis nicht in die Luft jagen.«

Noch vergehen mehr als zwei Jahre, bis Hitler den Vereinigten Staaten im Selbstvernichtungsrausch den Krieg erklärt. Doch daß dem Präsidenten das Potential der neuen Energieform so frühzeitig begreiflich gemacht wird, gibt gewiß den Ausschlag in dem atomaren Rennen, das eben deshalb gar keins wird. Denn ohne den politischen Führer, der den zugereisten Wissenschaftlern glaubt und schließlich eine gigantische Summe auf dieses Spiel setzt, hätten die Hirne der Forscher und die Ressourcen Amerikas das Ungeheuer nicht erschaffen können.

Doch weil hinter alledem Leo Szilard steckt, der ballförmige, kurzbeinige, pausbäckige, sprunghaft-zerfahrene Mann, der mit zwei Koffern in drittklassigen Hotels lebt, sich in Schnellimbissen ernährt und seine Kollegen mit seiner Penetranz die Wände hochtreibt - weil er dahintersteckt, betrachtet der Historiker Barton Bernstein (und er nicht allein) Leo Szilard, den Ingenieurssohn vom Donaustrand, als den eigentlichen Erzeuger der Bombe, und nicht Robert Oppenheimer, den die Bomben-Folklore zum »Vater« erkor. »Oppie«, der wissenschaftliche Leiter des Bombenprojekts, wird der Geburtshelfer des grausigen Geschöpfs.

Szilard bereut seine Schlüsselrolle schmerzvoll, noch ehe die erste Atombombe detoniert. Albert Einstein sagt später: »Ich machte den großen Fehler in meinem Leben, als ich den Brief an Präsident Roosevelt unterschrieb, der Atombomben zu machen empfahl. Aber es gab eine gewisse Rechtfertigung - die Gefahr, daß die Deutschen sie machen.«

Feldmarschall Erhard Milch, Generalinspekteur der Luftwaffe und Stellvertreter Görings, hat eine Frage an Werner Heisenberg, inzwischen Leiter des deutschen Uran-Forschungsprojekts. Er habe schon verstanden, sagt der Marschall, daß nach den Berechnungen der Physiker eine einzige »Uranbombe« eine ganze Großstadt verwüsten könne. Er möchte aber wissen, wie groß die Explosivladung einer solchen Bombe sein müsse, um eine Stadt wie London in Trümmer zu legen.

»So groß wie eine Ananas«, antwortet Heisenberg und macht eine Ananas-umgreifende Geste.

Der Kernphysiker und Nobelpreisträger von 1932 hat außer Feldmarschall Milch noch weitere staunende Zuhörer: Albert Speer, Hitlers Rüstungsboß, und, neben Mitarbeitern Heisenbergs, Ferdinand Porsche, den Volkswagen-Konstrukteur, der jetzt die Entwicklung neuer

Waffen überwacht. Die Herren sind am 4. Juni 1942 zu geheimer Sitzung im »Harnackhaus« des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik, Berlin-Dahlem, versammelt. Es geht um die bisherigen Ergebnisse und um die Zukunft der deutschen Kernforschung.

Heisenberg verhehlt nicht, was er und die beteiligten Wissenschaftler durch ihre Laborversuche und Berechnungen herausgefunden haben: Eine »Uranbombe«, wie man sie in Dahlem nennt, ist möglich - auch wenn dem Feldmarschall Milch, und den anderen wohl auch, die Zerstörung Londons durch eine ananasgroße »kritische Masse« wie Zukunftsphantasie aus einem der »utopischen Romane« des populären Schriftstellers Hans Dominick vorkommt.

Heisenberg behauptet gleichwohl, er sehe den Weg dorthin. Aber er macht ebenso deutlich, daß dieser Weg unerhört aufwendig und zeitraubend sei. Denn nicht das gewöhnliche Uran 238 sei für die Kettenreaktion verwendbar, sondern nur ein Uran-»Isotop« mit dem Atomgewicht 235, das extrem fein und chemisch ununterscheidbar im gewöhnlichen Uran verteilt sei. Allein das Problem, auch nur einige Kilo des leicht spaltbaren U 235 von U 238 zu trennen, erfordere langwierige Versuchsreihen und gewaltige industrielle Anlagen, von anderen praktisch-technischen Schwierigkeiten ähnlicher Dimension zu schweigen.

An diesem Junitag im Harnackhaus zeichnet sich die deutsche Atombombe vor den Augen der Rüstungsmanager so erkennbar ab wie nie zuvor - und entpuppt sich zugleich als Fata Morgana. Werner Heisenberg nach der Geheimsitzung zum Generalsekretär der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft: _____« Alle Verfahren, die wir bisher kennen, um eine » _____« Uranbombe zu machen, sind so ungeheuer kostspielig, daß » _____« es vielleicht viele Jahre dauern und daß es einen ganz » _____« enormen technischen Aufwand brauchen (und) Milliarden » _____« kosten würde. »

Diesen Aufwand kann sich das Reich nicht leisten - entscheiden daraufhin die Rüstungsmanager, nicht Heisenberg. Denn er und seine deutschen Physiker verhindern nicht aus innerem Widerstand eine deutsche Atombombe, wie das nach dem Krieg immer wieder angedeutet wird. Sie unterschlagen nicht, was sie wissen. Sie füttern die Hitlerleute nicht mit falschen Daten, um ihnen das Projekt auszureden.

Sie übertreiben nicht einmal die Schwierigkeiten. Sie reißen sich nur nicht darum, die Bombe trotz aller Hindernisse zu bauen, wie ihre emigrierten und alliierten Kollegen. Sie appellieren nicht an Hitler wie diese an Roosevelt, sind nicht so leidenschaftlich motiviert und empfehlen, was ihnen bei nüchternem Bewußtsein als die einzig gescheite Lösung erscheint: Kein Gewaltprogramm für die »Uranbombe«, dafür weiterforschen für den »Reichsforschungsrat«, nicht mehr für das Heereswaffenamt.

Albert Speer in seinen Memoiren über die Entscheidung, die bald darauf von dem in Atomfragen uninformierten und desinteressierten Hitler bestätigt wird: _____« Auf Vorschlag der Kernphysiker verzichteten wir ... » _____« auf die Entwicklung der Atombombe, nachdem mir auf meine » _____« erneute Frage nach den Fristen erklärt worden war, daß » _____« nicht vor drei bis vier Jahren damit zu rechnen sei. Dann » _____« müßte der Krieg längst entschieden sein. »

Die Deutschen geben auf. Hitler und Goebbels müssen sich damit begnügen, Düsenjäger und Raketen für »Wunderwaffen« zu halten.

Die Vereinigten Staaten dagegen legen in demselben Juni 1942 erst richtig los: Das Ingenieurkorps der U.S. Army übernimmt zu diesem Zeitpunkt das Atomprogramm von der zivilen Forschung, Wissenschaftler eingeschlossen, unter dem späteren Decknamen »Manhattan Project«. Mit der höchsten Dringlichkeitsstufe und nahezu unbegrenzten Mitteln aus einem Sonderfonds des Präsidenten Roosevelt für besonders wichtige und geheime Vorhaben, stürzt es sich in seine Mission, noch während des Kriegs »militärisch nutzbare« Superbomben (Code-Kürzel »S-1") herzustellen.

Wer von Santa Fe aus das kahle Rio-Grande-Tal hinauffährt, nähert sich bald den Tafelbergen im Nordwesten. Wie riesige rostrote Schiffe aus Fels, die Bord an Bord liegen, schieben sie ihre mehr als dreihundert Meter hohen Bugs in die trockenen, löwenfarbenen Hügel auf der anderen Seite des Flusses.

Zwischen den urtümlichen Schiffsrümpfen tiefe, keilförmige Canyons. Eine Straße, die Anfang 1943 eine Geröllpiste ist, windet sich an einer der weniger steilen Felswände hinauf auf das Plateau, die »Mesa«, auf der es schon bedeutend mehr Vegetation gibt - Wacholderbäume, knorrige Ponderosa-Kiefern und die hellen Cottonwood-Pappeln, deren spanischen Namen der ganze, einst wunderbar menschenleere Landkreis trägt: »Los Alamos«.

Die Mesa, an ihrem Anfang schon 200 Meter über dem Meer, steigt erst allmählich, _(Bei der Überreichung des Nobelpreises ) _(für Physik durch König Gustaf V. von ) _(Schweden in Stockholm. )

dann immer stärker an zum Fuß der Jemez-Berge, deren Bewaldung dicht wie ein Schafspelz ist; denn umgekehrt wie in den Alpen wächst im regenarmen New Mexico desto mehr, je höher man kommt - die Baumgrenze ist unten statt oben. Weiter im Norden wölben sich die breiten Rücken der »Sangre de Cristo« oder »Blut-Christi-Berge« bis knapp an 4000 Meter. Es heißt, der von der Wintersonne rotgefärbte Schnee auf ihren Höhen habe die frommen Spanier, die dieses Land zuerst eroberten, an den Opfertod des Erlösers gemahnt.

Wie auch immer, allzu viele Plätze gibt es nicht, die geeigneter wären als die Mesa von Los Alamos, des Menschen Herz und seine Lungenflügel zu erheben - durch die klare Luft sowohl als durch die grandiose Weite des Rundblicks. Doch eben diesen Platz, oben auf den flachen Decks der unzugänglichen Felsenschiffe, suchen sich die Manager des Manhattan Project aus, um die Atombombe zu bauen (nicht zu verwechseln mit der Wüste im Süden von New Mexico, wo das erste Monster am 16. Juli 1945 versuchshalber losgelassen wird).

Nur ein spartanisches Knabeninternat gibt es in der Einsamkeit des Plateaus, mit einem Schulhaus aus Baumstämmen und Blockhäusern zum Wohnen, als Ende 1942 die US-Armee 25000 Hektar der Mesa und die Schule mit Beschlag belegt. Ihr Haupthaus, »Fuller Lodge«, steht heute noch, ein gehobeltes Relikt unschuldigerer Tage inmitten der weitverstreuten Atomstadt (25000 Bewohner), in deren Laboratorien unablässig neue Atomwaffen entworfen werden - und zwar gegenwärtig »in furioser Gangart«, wie die »New York Times« jüngst berichtet hat.

1943 dagegen finden die via Santa Fe anreisenden Wissenschaftler, Bombenbauer in spe, rund um das geräumte Internat ein chaotisches Baugelände mit Schuppen und Hallen aus Fertigteilen, mit Reihen von Armeebaracken als Unterkünfte und Studierstuben für die empfindlichen Gehirnmenschen. Dafür können sie sich, fern von den Zerstreuungen der Großstadt, in ihrer Freizeit stählen, durch Bergwandern und winterliche Skitouren, denen sich besonders der blonde Sportsmann Hans Bethe widmet, einst Assistent an der Uni München, jetzt Chef der Theorie-Abteilung in Los Alamos.

Die Idee, mit seinen Physikerkollegen auf diesen Zauberlehrlingsberg zu ziehen, um die Bombe auszubrüten, ist Robert Oppenheimer gekommen, dem wissenschaftlichen Gesamtleiter des Manhattan Project, der New Mexico kennt und liebt, seit er dort als Halbwüchsiger ein Lungenproblem auskuriert hat.

Dort oben, meint »Oppie«, kann er alle die Köpfe zusammenfassen, die bis dahin in ihren eigenen Forschungsinstituten in New York, Chicago und Kalifornien die Vorbedingungen für Kernspaltungswaffen geklärt und geschaffen haben.

In der Abgeschiedenheit sollen sie sich nun austauschen, sollen ihre Fähigkeiten vereinen und dennoch den obsessiven Geheimhaltungsauflagen genügen, mit denen die Army und ihre Gegenspionagetruppe »Counter Intelligence Corps« (CIC) die Wissenschaftler oft derart trietzen, daß die Arbeit an der Bombe darunter leidet - der Bombe, die doch verhindern soll, daß ein atombewehrter Hitler die Völker der Erde in ein weltweites Konzentrationslager treibt.

General Leslie Groves, Boß des Atomprojekts, würde am liebsten neben jeden der »longhairs« und »eggheads«, wie er die erlauchten Häupter in seinem Dienst spöttisch nennt, einen CIC-Aufpasser stellen; der hätte dann nicht nur zu unterbinden, daß die »Eierköpfe« Spione informieren, sondern auch, daß sie von ihren Kollegen selbst etwas erfahren, was über den engsten eigenen Arbeitsbereich hinausgeht.

Groves, von Präsident Roosevelt persönlich zu »absoluter Geheimhaltung« des Projekts vergattert, läßt wenig unversucht und nichts unangezapft. Innerhalb des Arbeits-, Labor- und Fertigungsbereichs ("Tech area") werden alle Telephone überwacht, außerhalb im Wohnbereich gibt es keine. Post, herein wie hinaus, läuft nur über Postfach 1663, Santa Fe, und wird durchgehend zensiert.

Allein im schläfrig-unamerikanischen Santa Fe, 55 Kilometer von Los Alamos entfernt, sind mehrere hundert CIC-Leute, als Barkeeper, Hotelpagen, Friseure und urlaubende GIs getarnt, damit beschäftigt, sich nach Feindagenten umzuhorchen und die Wissenschaftler zu bespitzeln, wenn sie an ihren freien Tagen einen Stadtbummel machen.

Die führenden Physiker werden außerhalb von »Y« (Code für Los Alamos) durch Leibwächter beschirmt, vorgeblich um zu vereiteln, daß deutsche Agenten

sie entführen. Allen Emigranten, die mehr als die Hälfte von Oppenheimers Spitzenkräften stellen, ist streng untersagt, in der Öffentlichkeit deutsch oder italienisch miteinander zu sprechen - schon damit die Aufpasser verstehen können, was sie reden.

Zwar dürfen die privilegierteren Mitarbeiter nach ferventen Protesten auch ihre Frauen und Kinder mit auf die Mesa bringen. Doch außerhalb der vielfach gesicherten »Tech area« bändigen die Männer ihre Zungen so gewissenhaft, daß selbst die Frauen von Schlüsselfiguren, Laura Fermi zum Beispiel, bis zum Schluß nicht erfahren, womit sich ihre Ehegefährten tatsächlich beschäftigen - eine kaum glaubliche, doch mehrfach bezeugte Geschichte.

Die Frauen wissen nur, daß »Y« nicht das sein kann, was die in Santa Fe umlaufenden Gerüchte, zum Teil CICinspiriert, glauben machen. Danach ist Los Alamos abwechselnd eine Giftgas-Fabrik, eine Produktionsstätte für »elektrische Raketen« (was immer die Leute sich darunter vorstellen) und, wegen der vielen »Doktoren« da oben, ein Hospital für schwangere Angehörige des weiblichen Hilfskorps der Armee.

Doch die von Roosevelt geforderte »absolute secrecy« und der Eifer der Gegenspione richten sich in Wahrheit nicht gegen Nazi-Agenten, von denen außerhalb der Atom-Camps nie eine Spur gefunden wird, oder gegen Nazi-Sympathisanten im Manhattan Project: denn eine solche Person unter den Naziverfolgten Wissenschaftlern zu vermuten, übersteigt sogar die berufsbedingte Paranoia des CIC.

Was den Sicherheitsdienst im gesamten Atomprojekt, nicht nur in Los Alamos, dagegen von Anfang an in Atem hält, das ist die Jagd auf Kommunisten, Kommunistenfreunde und politisch naive Gemüter; die Jagd auf Leute, die sich der Sowjet-Union in unangemessener Weise verbunden fühlen, nur weil diese sich mit verzweifeltem Mut gegen den Ansturm der Hitler-Armeen wehrt. Denn daß Sowjetrussen und Amerikaner gemeinsam gegen denselben Feind kämpfen, ist in den Augen des Generals Groves und seiner Überwachungsoffiziere nur eine Laune der Geschichte, ein vorübergehendes Abschweifen von ihrer vorgezeichneten Bahn, das allein von der Verrückheit Hitlers herrührt, sich mit den beiden stärksten Staaten der Erde gleichzeitig anzulegen.

Die gefährlichere, die langfristig-historische Bedrohung für Amerika und seine Lebensweise, das sind für diese Offiziere auch 1942/43 der Kommunismus und das Riesenreich, von dem er Besitz ergriffen hat: _____« Es gab für mich von der Zeit an, als ich die Leitung » _____« des (Manhattan-) Projekts übernahm, nie irgendeine » _____« Illusion, daß Rußland etwas anderes sei als unser Feind, » _____« und das Projekt wurde auf dieser Basis durchgeführt. Ich » _____« ging nicht konform mit der Haltung der Allgemeinheit, daß » _____« Rußland ein ritterlicher Bundesgenosse sei. »

Dies erklärt Groves 1954. Es ist nicht im Rückblick, unter dem Eindruck des Kalten Kriegs, übertrieben. Es entspricht exakt seiner Einstellung und ist der Grund, warum er und das CIC sich besonders heftig bemühen, nicht nur atomare Daten, sondern das ganze Manhattan Project auch und vor allem vor der Sowjet-Union zu verbergen. Sie fürchten für Amerikas erhoffte Vormacht, sollten die Sowjets das Atomgeheimnis erfahren. Auch ist ihnen klar, daß die Sowjets die beste Chance haben, dieses Geheimnis zu erfahren - eben wegen dieser sowjetfreundlichen »Haltung der Allgemeinheit«.

Zudem haben die Elendsjahre der großen Wirtschaftsdepression bei vielen Menschen in den USA Zweifel am alleinseligmachenden Kapitalismus wachsen lassen. Viele Intellektuelle, auch Naturwissenschaftler, sind marxistischsozialistisch angehaucht. Da könnten manche Irregeleiteten doch auf die Idee kommen, Verrat zu begehen, weil sie es nicht für Verrat halten, einem Verbündeten etwas mitzuteilen, oder weil es ihnen falsch und verdächtig erscheint, daß die eigene Regierung sogar die bloße Existenz des Bombenprojekts vor der Sowjetführung geheimhält.

Mit dieser internen Rechtfertigung durchleuchtet das CIC alle am Projekt mitwirkenden Amerikaner bis in ihre Jugendzeit hinein. Sogar ein konservativer Republikaner wie Arthur Compton, Leiter der Forschungsgruppe Chicago, muß sich peinlich auf die Echtheit seines Amerikanertums befragen lassen - ein Mann, dem Roosevelt schon viel zu weit links steht -, weil Comptons Name Jahre zuvor mißbräuchlich auf eine Unterschriftenliste einer »kommunistischen Tarnorganisation« gesetzt worden ist.

Compton in seinen Erinnerungen: »Hätte es nicht Männer in Positionen hoher Verantwortung gegeben, die mich kannten und Mut besaßen« - den Mut, für ihn gutzusagen -, dann hätte das »meine Verwendung bei dem Atomprojekt verhindert«.

Er bekommt seine »clearance« - ein Wort, das die Amerikaner aus argloseren Tagen nur als Aufschrift auf Brücken und Tunneleingängen kennen, in der Bedeutung »Durchfahrtshöhe«, als »clearance sale« (Räumungsverkauf) und, seltener, als »Startfreigabe« beim Flugverkehr. Nun wird »clearance« zum Terminus für ideologische Unbedenklichkeit, für korrekte Gesinnung und unbedingte Loyalität. Es sind die Anfänge des Ungetüms, das von seinen Kritikern als »Atomstaat«, »Sicherheitsstaat« oder »Waffenkultur« (Ralph E. Lapp) bezeichnet wird.

Den meisten Ärger mit seiner Unbedenklichkeitsprüfung erlebt aber ausgerechnet Julius Robert Oppenheimer, den General Groves zum wissenschaftlichen Leiter des Atomprojekts ausersehen hat. Der asketische, geistreiche »Oppie«, Sohn eines zu Vermögen gekommenen Einwanderers aus Hessen, hat sich in den dreißiger Jahren als Universitätslehrer in Kalifornien für linke und antifaschistische Ziele engagiert, weil ihn die Judenverfolgung in Deutschland aufrüttelt und, wie er sagt, mit »schwelendem Zorn« erfüllt. _____« Es besteht eine Möglichkeit, daß er (Oppenheimer) » _____« wissenschaftliche Arbeiten ... an die Partei ausliefert, » _____« vielleicht durch einen Zwischenträger... Ich empfehle, » _____« daß Oppenheimer ganz von dem Projekt abgezogen und aus » _____« seiner Beschäftigung für die US-Regierung entlassen wird. »

Diesen Schluß zieht der CIC-Offizier Pash aus dem Vor- und Liebesleben des Professors mit den leuchtenden Aquamarin-Augen, die auch General Groves faszinieren ("die blauesten Augen, die man je gesehen hat"). Er ist zwar kein Mitglied der KP der USA. Aber seine frühere Geliebte Jean Tatlock gehört ihr an. Und auch seine Frau Kitty ist ein vertrackter Fall.

Daß sie von deutschen Eltern namens Puening, 1912 mit der Zweijährigen ausgewandert, abstammt und Hitlers Feldmarschall Keitel ein Onkel von ihr ist, finden die CIC-Schnüffler nicht weiter irritierend. Sie dürfen sicher sein, daß Keitel den weiteren Lebensweg seiner Nichte ebenso mißbilligt wie das Counter Intelligence Corps.

Denn Kitty hat gegen ihre Herkunft und das elterliche Weltbild gleich doppelt rebelliert, indem sie sich einmal mit einem kommunistischen Gewerkschafter, dann mit einem jüdischen Gelehrten vermählt. Der Kommunist, Joe Dallet, ist 1937 im spanischen Bürgerkrieg gefallen. 1940 heiratet Oppenheimer die schwierige Kitty, wohl wissend, daß er immer wieder hören wird, was für ein großartiger Bursche Joe Dallet war. Der Abwehroffizier Landsdale nach einer langen »Unterhaltung« mit Kitty: »Ich bin sicher, daß sie Kommunistin gewesen ist.« Später erinnert er sich: »Sie haßte mich und alles, was ich repräsentierte.«

Kein anderer Physiker hätte bei diesem Erkenntnisstand des CIC an der Bombe mitarbeiten dürfen. Und in der Tat stehen die Oppenheimers von nun an im Brennpunkt des Kampfes der rechten Amerikaner gegen ihre andersdenkenden, weiterdenkenden Landsleute - Männer wie Landsdale ruhen nicht, bis Oppenheimer 1954 aus der herrschenden »Clearance«-Klasse ausgestoßen wird.

Doch zwölf Jahre vorher ist General Groves überzeugt, daß der Bombenbau ohne diesen einen Eierkopf nicht gelingen kann. Der bullige Berufsmilitär, schroff, machthungrig, aufgebläht vom Gefühl der eigenen Wichtigkeit ebenso wie von seinem Übergewicht, hat einen Narren gefressen an »Oppie«, dieser Kontrasterscheinung zu sich selbst.

Groves übergeht die CIC-Bedenken, bürgt für ihn, sorgt für seine »clearance«. Denn nur Oppie, das meinen auch andere, habe den Wissensüberblick und vor allem das Führungstalent, um die »größte Ansammlung von Knallköpfen (crackpots) in der Welt« (Groves'' Umschreibung für Los-Alamos-Wissenschaftler) dazu zu bringen, statt Chaos eine Spaltungsbombe zu produzieren.

So lenkt denn eines der seltsamsten Männerpaare seit Sancho Pansa und Don Quijote das Manhattan Project. Doch Robert Oppenheimer revanchiert sich für das Vertrauen und paßt sich seinem General an. Er schluckt auch dessen beunruhigende Auffassung vom wahren Zweck der Bombe, den Groves ihm nicht verheimlicht, von dem unter den übrigen Wissenschaftlern aber nur einer beizeiten etwas erfährt, der Chemiker Joseph Rotblat, einer der Mitarbeiter, die aus England nach Los Alamos gekommen sind.

Auch Joseph Rotblat wartet mehr als vierzig Jahre, ehe er in der Londoner »Times« vom 17. Juli 1985 berichtet: _____« In einer beiläufigen Unterhaltung (im März 1944) » _____« sagte General Leslie Groves, Haupt des Manhattan Project, » _____« zu mir: »Ihnen ist natürlich klar, daß der wirkliche » _____« Zweck beim Bau der Bombe der ist, unseren Hauptfeind, die » _____« Russen, niederzuhalten (to subdue our chief enemy, the » _____« Russians).« » _____« Bis dahin hatte ich gedacht, daß unsere Arbeit einen » _____« Sieg der Nazis verhindern sollte. Nun erfuhr ich, daß die » _____« Waffe, die bereitzustellen wir im Begriffe waren, gegen » _____« Rußland gerichtet war. »

General Groves aber hat die Gewißheit, durchaus im Sinne seines obersten Befehlshabers zu denken und zu handeln, im Sinne von Präsident Franklin Delano Roosevelt - über den manche Zeitgenossen noch heute verbreiten, er sei der düpierte Freund und Gönner Josef Stalins gewesen.

Im nächsten Heft

Bohr warnt vor atomarem Wettrüsten und erntet Schmähungen - Geheimabsprache in Quebec - Die wirkliche Rolle des Spions Klaus Fuchs - Zielorte für die Bombe _(Beim Hochziehen auf den Stahlturm im ) _(Testgelände von Alamogordo. )

Mit Rüstungsexperten auf einer Konferenz in Schloß Kleßheim.Dieses Beispiel reflektiert die Annahme der Briefschreiber, daß dieersten Atombomben noch zu sperrig und schwer sein würden, um sie perFlugzeug ins Ziel zu bringen.Bei der Überreichung des Nobelpreises für Physik durch König GustafV. von Schweden in Stockholm.Beim Hochziehen auf den Stahlturm im Testgelände von Alamogordo.

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