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»Einen atmenden Leichnam begraben?«

Babys, die ohne Großhirn zur Welt kommen, dienen als »menschliche Ersatzteillager": Ärzte bringen Frauen dazu, solche Kinder auszutragen, damit sie den »hirntoten« Neugeborenen die gesunden Organe entnehmen und sie kranken Empfängern einpflanzen können. Ein weiterer Fall von ärztlicher Hybris? An der Schwelle zu einer neuen Ära der Transplantationsmedizin ist unter Fachleuten ein erbitterter Ethik-Streit entbrannt.
aus DER SPIEGEL 52/1987

Die Diagnose war eindeutig: Seit vier Monaten reifte im Leib der Schwangeren ein ungleiches Zwillingspaar heran; der eine Fötus war normal entwickelt, dem anderen dagegen fehlte das Großhirn - er würde die Entbindung nur ein paar Stunden, höchstens einige Tage überleben.

Doch Professor Fritz Beller, Gynäkologe am Zentrum für Frauenheilkunde in Münster, unterließ, was in solchen Fällen sonst gängige medizinische Praxis ist. Er riet nicht zur gezielten ("selektiven") Abtreibung des todgeweihten Zwillings; statt dessen bewog er die Schwangere, auch den großhirnlosen Fötus bis zur Geburtsreife auszutragen.

In der 36. Schwangerschaftswoche entband der Professor die beiden Kinder durch Kaiserschnitt. Der großhirnlose Säugling, formell als »von vornherein hirntot« eingestuft, wurde künstlich ernährt und beatmet. Dann, nach etwa einer Stunde, operierten die Ärzte ihm beide Nieren heraus - sie wurden einem 25jährigen, schwer nierenkranken Patienten implantiert.

Das war vor mehr als zwei Jahren; dem Empfänger der beiden Kindernieren geht es gut. Im Körper des Patienten sind die beiden Fremdorgane inzwischen sogar ein Stück gewachsen.

Ein Jahr später hatte Bellers Team das Experiment wiederholt. Diesmal waren es zwei Kinder, im Alter von vier und neun Jahren, die mit je einer Niere eines großhirnlosen Säuglings versorgt wurden. Auch sie überstanden den Eingriff; ihr Gesundheitszustand ist stabil.

Erst im Frühjahr 1987, als das Gelingen der Transplantationen feststand, haben Beller und seine Mitarbeiter im Fachblatt »New England Journal of Medicine« über ihr Verfahren berichtet - und damit nicht nur in Ärztekreisen heftige Kontroversen ausgelöst. Der Professor aus Münster, urteilten Kritiker, verstoße gegen die ärztliche Ethik und lasse es an der nötigen »Ehrfurcht vor dem Leben« fehlen.

Auf dem 13. Kongreß für perinatale Medizin, Anfang Dezember in Berlin, stieß Bellers Referat ("Föten als Organspender") bei vielen ärztlichen Kollegen auf Ablehnung. Doch in der sich anschließenden Diskussion, zu der auch Feministinnen vom West-Berliner »Frauengesundheitszentrum« mit einem Protest-Flugblatt erschienen waren ("Frauen zu lebenden Brutkästen degradiert"), blieb der Professor unbeirrt: Das Beispiel, mit dem er vorangegangen sei, ließ er wissen, werde bald Schule machen.

Letzte Woche durfte sich Beller bestätigt fühlen: In der Uni-Klinik von Loma Linda, Kalifornien, wartete die Hausfrau Brenda Winner auf ihre bevorstehende Niederkunft; das Baby wird ohne Großhirn zur Welt kommen, seine Organe, Herz, Nieren und Leber, sind für Transplantationen schon vorgemerkt.

Im sechsten Schwangerschaftsmonat, so erfuhren jetzt Amerikas Fernsehzuschauer, hatte Brenda Winner von der Mißbildung Kenntnis erhalten und beschlossen, das Kind auszutragen - nur zum Zweck der Organspende. Viele Ärzte hatten das Angebot abgelehnt.

»Wie lange«, so entsetzte sich ein Praktiker in der Fachzeitschrift »Medical Tribune«, »kann der Mensch in einer _(Vier Tage nach der Geburt im Loma Linda ) _(University Medical Center; links: Dr. ) _(Bailey. )

Welt leben, in der menschliche Föten als Organersatzlieferanten dienen?«.

Diesem Zweck dienten großhirnlose ("anenzephale") Kinder auch schon früher - nur: Bislang hatten die Chirurgen den natürlichen Tod der Organspender abgewartet. Das allerdings vereitelte nicht selten den Erfolg der Transplantationen, weil die Organe in der Zeit bis zum spontanen Herzstillstand Schaden litten.

Schon 1980 hatte Beller deshalb vorgeschlagen, die Todesdefinition für anenzephale Kinder medizinisch-rechtlich neu zu fassen. Laut Beller, dem sich andere Ärzte bald anschlossen, sollten sie jenen Unfallopfern gleichgestellt werden, die als »hirntot« gelten, weil ihr Großhirn unrettbar zerstört wurde.

Solche Patienten, forderte Beller, könnten mit dem Einverständnis ihrer nächsten Verwandten auch dann zur Organentnahme freigegeben werden, wenn der Herz- und Atemstillstand noch nicht eingetreten sei.

Im Fall der großhirnlosen Kinder, so dozierte der Professor in einem vieldiskutierten Fachbeitrag, sei die Lage besonders einfach: Ein Fötus ohne Großhirn, erklärte er, mache als »Sonderfall der Natur« allenfalls eine gewisse »Entwicklung« durch; als »Leben«, jedenfalls als menschliches, könne dieser Prozeß nicht bezeichnet werden, sein Ende mithin auch nicht als Tod. Wissenschaftlich betrachtet, schloß Beller, habe ein anenzephaler Fötus »trotz vorhandener Herztätigkeit niemals gelebt«.

Mittlerweile ist es Beller und seinen ärztlichen Verbündeten gelungen, maßgebliche Juristen für die neue Rechtsauffassung zu gewinnen. Seit der Münsteraner Professor und fast gleichzeitig ein irisches Ärzteteam in ihren Kliniken für Präzedenzfälle gesorgt haben, häufen sich auch in anderen westlichen Ländern Organentnahmen bei großhirnlosen Kindern, die ihren letzten Atemzug noch nicht getan haben.

»Diese Entwicklung«, glaubt Beller, werde »spätestens 1988 dazu führen, daß weltweit anenzephale Föten als Transplantatspender verwendet werden«. Zugleich appelliert der Professor, ein emphatischer Herold der Organverpflanzung, an alle womöglich betroffenen Frauen, künftig großhirnlose Kinder (rund 500 jährlich allein in der Bundesrepublik) auszutragen und als Organspender für lebensrettende Transplantationen freizugeben.

Doch Bellers forsche Werbung - Titelzeile in der »Medical Tribune": »Ideale Organspender. Anenzephale Föten austragen!« - hat in der Fachwelt ein seit langem schwelendes Unbehagen verschärft. Mit seinem Vorstoß, fürchten Kritiker, habe der Professor sein Metier noch tiefer in ein Zwielicht gerückt, das die Grenzen des medizinisch Erlaubten immer mehr verschwimmen lasse.

Schwer genug, schrieb die »Ärztliche Praxis«, laste auf den Intensivmedizinern schon jetzt die heikle Entscheidung über Leben oder Tod von Patienten, die nur dank technischer Hilfen fortvegetieren. Die »Rolle des Arztes«, so die Zeitschrift gerate dabei, in den Augen vieler von der eines Trösters, der Schmerzen lindern kann, in die bedenkliche Nähe eines Scharfrichters«.

Erst recht in den Ruch des Henkers gerieten die Doktoren, wenn sie sich beim Abschalten der lebenerhaltenden Apparate demnächst auch vom Bedarf nach Transplantaten leiten ließen. Das Kriterium des Hirntods, erkennbar am Erlöschen der Hirnstromkurven, könnte dann zum Signal für die Organentnahme werden, dem ungeduldige Chirurgen schon entgegenharren.

Das aber wäre für Bellers Kritiker nur das kleinere Übel. Für weit bedenklicher halten sie den Vorschlag, großhirnlose Föten, die sonst abgetrieben werden, auszutragen und auf die Welt zu bringen allein zu dem Zweck, sie als Organspender auszubeuten. »Von hier«, meint ein Hamburger Gynäkologe, bleibe »nur noch ein kleiner Schritt bis zur planmäßigen Erzeugung von lebenden menschlichen Organbanken«.

Und schließlich: Tabu-Brecher Beller, der großhirnlose Föten gleichsam für medizinisch vogelfrei erklärt, hat nebenbei _(Mit Mutter, Bruder, einen Monat nach der ) _(Operation. )

womöglich den Weg freigemacht für Wissenschaftler, die mit lebenden menschlichen Embryos experimentieren wollen - ein Vorhaben, das in der weltweiten »scientific community« bislang zumindest verpönt war.

In das Dickicht ethischer Probleme die Bellers »innovative Behandlung« mit Säuglingsorganen aufwirft, sind die Mediziner durch ihre eigene Tüchtigkeit geraten. Organverpflanzungen, die noch vor wenigen Jahren als Pioniertaten galten, gehören inzwischen zum chirurgischen Alltag. Die Transplantations-Medizin ist zu einer Wachstumsbranche geworden, die einen rapide steigenden Organ-Bedarf zu verzeichnen hat.

Allein in den 25 bundesdeutschen Transplantationszentren wurden 1986 knapp 2000 Organe übertragen, darunter 1627 Nieren, 160 Herzen und 109 Lebern. Weltweit werden derzeit an die 500 Herzen jährlich verpflanzt, zunehmend aber auch Lungen, Bauchspeicheldrüsen, Darmabschnitte, die Milz, Knochenmark oder Gehörknöchelchen - eine »stolze Bilanz«, wie die Ärzte-Zeitschrift »Selecta« resümierte.

Bei den meisten Organarten gibt es, laut »Selecta«, mittlerweile »respektable Überlebensraten«. Dank standardisierter Operationsmethoden und neuer Medikamente, mit denen sich Abstoßungsreaktionen besser als früher beherrschen lassen, überleben etwa 85 Prozent aller Herzpatienten zumindest das erste Jahr nach der Transplantation. Doch auch Nieren- und Leberpatienten halten immer länger durch; ein Leberkranker aus Kanada lebte 1985 schon mehr als 14 Jahre mit einem Fremdorgan.

Im Alter von 67 Jahren starb im letzten Mai der Franzose Emmanuel Vitria, Parade-Patient der Herzchirurgen: 19 Jahre verbrachte der lebenslustige Weinhändler mit einem fremden Herzen, bevor er einer Lungenschwäche erlag.

Angesichts der Erfolge in den letzten Jahren haben sich die Chirurgen entschlossen, die vormals gültigen Altersgrenzen für Organübertragungen auszuweiten. »Mit 60 noch ein neues Herz!« jubelte jüngst die »Ärztliche Praxis«. In der Erfolgsstatistik, notierte die Zeitschrift, schneide die Gruppe der älteren Patienten »fast noch besser« ab als die der jüngeren. Der Grund: Bei schon betagten Organempfängern - wie etwa dem früheren österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky, der sich 1984 in Hannover eine Niere implantieren ließ- kommt es meist zu weniger dramatisch verlaufenden Abstoßungskrisen. Doch auch nach unten haben die Mediziner inzwischen die Altersgrenze für Transplantationen verschoben.

Neuerdings häufen sich Herz- und Nierenübertragungen sogar bei Säuglingen. Vor allem sie sollen künftig mit Ersatzorganen von großhirnlosen Kindern versorgt werden. Bei normalen Kindern, die etwa nach einem Unfall als Organspender dienen könnten, zögern die Chirurgen häufig - bei Säuglingen und Kleinkindern läßt sich der Zeitpunkt des Hirntods nicht so zuverlässig bestimmen wie bei sterbenden Erwachsenen.

Zum Erfolg des Transplantationsbetriebs, der längst zu einem medizinischen Mammutunternehmen herangewachsen ist, hat schließlich auch die Organ-Vermittlungszentrale »Eurotransplant« in der niederländischen Universitätsstadt Leiden beigetragen. In den Computern von Eurotransplant (gegründet 1967) sind die immunologischen Daten von mehr als 100000 Patienten gespeichert, die in den Benelux-Ländern, der Bundesrepublik und Österreich auf ein Spenderorgan warten.

Sobald der Zentrale in Leiden ein verfügbares Transplantat gemeldet wird, ermitteln die Computer in Minutenfrist einen optimal geeigneten Empfänger. Insgesamt 38 Transplantationszentren und 41 Labors, die auf Gewebeuntersuchungen spezialisiert sind, arbeiten mit Eurotransplant zusammen.

Daß die dabei erreichte Perfektion nur unvollkommen genutzt werden kann, ist für die Mediziner seit langem ein stetes Ärgernis: »Zu viele Spenderorgane«, konstatierte »Medical Tribune«, würden unnütz »zu Grabe getragen«. Weil es an Transplantaten fehle, so lautet das ständige Lamento der Doktoren, müßten Tausende von Patienten oft jahrelang auf den rettenden Eingriff warten - »viele sterben auf ,Warteliste"'', schrieb unlängst die »Ärztliche Praxis«.

Allein im Einzugsbereich seiner Klinik, erklärt etwa der Münchner Chirurg Professor Bernhard Kemkes, bestehe ein jährlicher Bedarf von rund 100 Spenderherzen- transplantiert aber wurden dort 1986 nur 32 Herzen. Von 176 für eine Herztransplantation vorgesehenen Patienten, berichtet Kemkes seien an seiner Klinik in den letzten zehn Jahren 56 während der Wartefrist gestorben.

Ähnlich dramatisch klingen die Notrufe der Nieren- oder Leber-Transplanteure. »Organspende ist Christenpflicht«, postuliert der Herzchirurg Professor Bruno Reichart, der am Klinikum Großhadern in München der deutschen Transplantations-Chirurgie zum Durchbruch verholfen hat. »Eine Organentnahme«, wirbt auch Professor Rudolf Pichlmayr, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft westdeutscher Transplantationszentren, sei »ja keine Störung der Totenruhe«,

sondern »das Wichtigste, was die Toten den Lebenden geben können«.

Doch weder ärztliche Aufrufe noch die Appelle prominenter Sympathieträger wie Uschi Glas, Anneliese Rothenberger oder Paul Breitner ("Meine Frau und ich stellen alles zur Verfügung, was man gebrauchen kann") haben die Spendenbereitschaft der Bundesbürger bislang spürbar anheben können; die meisten scheuen sich jedenfalls, eine entsprechende Erklärung zu unterzeichnen.

Zwar haben, Umfragen zufolge, an die 70 Prozent vor allem der jüngeren Deutschen gegen Organtransplantationen nichts einzuwenden; und rund 80 Prozent der Angehörigen stimmen, wie Erfahrungen zeigen, einer Organentnahme bei verstorbenen Verwandten zu, wenn sie ausdrücklich darum gebeten werden. Dennoch tragen nur wenige Unfalltote die orangefarbene, Einwilligung signalisierende Karte bei sich, die der »Arbeitskreis Organspende« austeilt.

Nicht einmal die Krankenhausärzte, die pro Jahr mehr als 8000 Verkehrsopfern Totenscheine ausstellen, legen bei der Suche nach brauchbaren Spenderorganen den offiziell erwünschten Eifer an den Tag. Erst kürzlich, auf dem Bayerischen Chirurgentag in Bad Reichenhall, ermahnte Bayerns Sozialminister Karl Hillermeier die Doktoren »mit allem Ernst und Nachdruck«, ihre »Anstrengungen zur Veschaffung von mehr Organen« in Zukunft »erheblich zu verstärken«.

Für die geringe Neigung vieler Zeitgenossen, nach dem Tod ihr Inneres für barmherzige Zwecke herzugeben, bietet der Bonner Moraltheologe Professor Franz Böckle eine Erklärung an. Nicht fehlender Helferwille, glaubt er, blockiere den Organ-Transfer; vielmehr liege der Grund dafür »in einer tiefen Scheu vor dem Tod und einer damit verbundenen Angst, vielleicht doch zu schnell als tot erklärt zu werden«.

Bis vor wenigen Jahrzehnten spielte die Frage nach dem exakten Todeszeitpunkt auch im Bewußtsein der Ärzte kaum eine Rolle. Nach dem Stillstand von Herz- und Atemtätigkeit, spätestens nach dem Auftreten der Leichenflecken galt der Mensch als unwiderruflich tot.

Erst seit intensivmedizinische Geräte Puls und Atmung noch in Gang halten können, wenn der Patient längst im tiefen Koma liegt, ist der genaue Todestermin zum Problem geworden: Er markiert für die Ärzte den Moment, von dem an sie die künstliche Lebenshilfe beenden dürfen.

Nach bislang weitgehend einhelliger Lehrmeinung ist dieser Augenblick gekommen, wenn das menschliche »Gesamthirn« sämtliche Funktionen eingestellt hat - das heißt in der klinischen Praxis: wenn alle Hirnstromkurven auf der Nullinie verebbt sind ("Hirntod"). Daß danach Organentnahmen zum Zweck der Transplantation erlaubt sind, ist unter Fachleuten unbestritten.

Gleichwohl erzeugt die Aussicht, in der Sterbestunde von einem elektrischen Meßgerät verabschiedet zu werden, in der Volksseele ein dumpfes Unbehagen - nicht ganz zu Unrecht, wie US-Forscher unlängst ermittelt haben. Bei zahlreichen Patienten, die klinisch korrekt für »hirntot« erklärt worden waren konnten die Wissenschaftler noch viele Stunden später schwache Hirnstrom-Aktivitäten nachweisen.

Zwar wären die tief im Koma liegenden Versuchspersonen in keinem Fall zu retten gewesen. Doch die übliche, enzephalographische Hirntod-Diagnose, so resümierten die Forscher aufgrund ihrer Befunde, sei »möglicherweise von zweifelhaftem Wert«.

Weit fragwürdiger noch - jedenfalls gemessen an den bisher geltenden medizinischen Standards - wirkt der Vorschlag des Münsteraner Gynäkologen Beller, anenzephale Kinder a priori als Hirntote anzusehen. Immerhin verfügen sie über einen mehr oder minder funktionstüchtigen Hirnstamm.

Zwar: »Ein Kranker ohne Großhirn«, so konstatierte der verstorbene Gießener Neurologie-Professor Hans Werner Pia, besitze »keine spezifischen menschlichen Eigenschaften« wie etwa »Bewußtsein, Verstand, Erfassen und Wahrnehmung. Er bleibe allerdings »ein Organismus mit erhaltenen biologischen Basisfunktionen«.

Für Pia besteht deshalb »kein Zweifel, daß der irreversible Verlust der Großhirntätigkeit nicht mit dem Hirntod gleichzusetzen ist«. Davon geht auch eine Hirntod-Definition der amerikanischen Anwaltskammer aus: Juristisch »als tot zu betrachten«, so die Rechtsgelehrten, sei »ein menschlicher Körper mit irreversiblem Funktionsverlust des Gesamthirns« - das Stammhirn ausdrücklich eingeschlossen.

Bellers Versuch, diese allgemein akzeptierte Hirntod-Definition nun aufzuweichen, dürfte auf die Öffentlichkeit nicht gerade vertrauensbildend wirken. Mitte November distanzierte sich die Arbeitsgemeinschaft der westdeutschen Transplantationszentren in einer einstimmig verabschiedeten Resolution von Bellers Auffassung: Es sei »ethisch unvertretbar«, so erklärten die Transplanteure, »anenzephale Föten nur zum Zweck der Organgewinnung von der Mutter austragen zu lassen«.

Der Kardinal-von-Galen-Kreis in Münster, eine private Vereinigung von Katholiken, hat inzwischen gegen Beller und seine Mitarbeiter Strafanzeige wegen Mordverdachts erstattet; »die Quantität des Gehirns und die Qualität der Gehirnmasse, kommentierte die Katholische Nachrichtenagentur KNA, dürfe »kein Tötungsgrund« sein - Clemens August Graf von Galen, einst Bischof von Münster, hatte in der Nazizeit von der Kanzel gegen die Tötung geistig behinderter Kinder protestiert.

Immer wieder haben übereifrige Organverpflanzer das Patientenvolk mit furchteinflößenden Experimenten geschockt, die an Menschenversuche erinnern. Eher mit Bangen nahmen Zeitungsleser 1984 davon Notiz, daß der US-Chirurg Leonard Bailey einem Kleinkind ("Baby Fae") das pflaumengroße Herz eines jungen Pavians implantiert hatte; das Kind starb, erwartungsgemäß, drei Wochen später an unkontrollierbaren Abstoßungsreaktionen.

Mitte Oktober machte Bailey abermals Schlagzeilen: Er pflanzte dem vier Tage alten Säugling Paul Holc, dem bislang jüngsten Transplantat-Empfänger, das Herz eines großhirnlosen Babys in die Brust. Das Spender-Kind war, bei _(Vom West-Berliner ) _(Frauengesundheitszentrum. )

permanenter künstlicher Beatmung, aus Kanada zu Baileys Klinik in Kalifornien geflogen worden - dem Krankenhaus, in dem jetzt Brenda Winner auf die Geburt ihres großhirnlosen Kindes wartet.

Zu den spektakulären Nachrichten aus der Welt des Organ-Transfers gehört auch die Vollzugsmeldung eines US-Teams aus Pittsburgh, das Anfang November einem dreijährigen Mädchen gleich fünf Organe auf einmal - Leber, Bauchspeicheldrüse, Magen, Dickdarm und Dünndarm - implantiert hat. Das Kind war mit einem angeborenen Defekt des Verdauungssystems zur Welt gekommen und mit einer Kunstnahrung aufgezogen worden, die im Laufe der Zeit die Leber ruiniert hatte.

Gleichfalls in Pittsburgh starb kürzlich der siebenjährige Ronnie Desillers nach seiner dritten Lebertransplantation. Obwohl die Transplantate immer wieder versagt hatten, wollten ihm die Ärzte vor seinem Tod auch noch zum vierten Mal eine Fremdleber einpflanzen. Auch in Laienkreisen hat es sich herumgesprochen, daß ein Leben mit Fremdorganen, trotz aller Fortschritte, keineswegs in die Normalität zurückführt. »Das ständige Ticken der Zeitbombe ,Abstoßung"'', schreibt die Zeitschrift »Selecta«, zerre an den Nerven des Patienten. »Nach jedem Nieser hat man Antibiotika zu schlucken. Ein Weißbier zuviel, ein würziger Leberkäs, und schon lagert man Flüssigkeit ein.«

Anfangs täglich, später jede Woche, müssen Ersatzherz-Empfänger Myokard-Biopsien erdulden, bei denen mit einer Punktionsnadel Gewebsproben aus dem Herzmuskel entnommen werden. Meist sind die Patienten lebenslang auf Medikamente angewiesen, die den Organismus allmählich vergiften. Bei Nierenempfängern, so ergaben Untersuchungen, liegt die Krebsrate 20mal höher als normal - Folge vor allem der Dauerbehandlung mit immunsuppressiven Mitteln, die Abstoßungskrisen verhindern sollen, dabei jedoch zugleich das Wachstum von Tumorzellen begünstigen.

Produziert die Transplantations-Chirurgie nur Invaliden?« wollte »Selecta« von Experten wie den Professoren Reichart und Pichlmayr wissen: Voll rehabilitiert, so geht aus den Antworten hervor, werden die Patienten wohl nie. »Transplantat-Empfängern«, berichtet das Blatt, kann in der Lebensversicherung wegen der stark verkürzten Lebenserwartung in der Regel kein Versicherungsschutz geboten werden.«

Skeptische Beobachter, darunter der Wissenschaftsrat, warnen inzwischen vor einer weiteren hektischen Expansion des Transplantationsbetriebs. Auch künftig, fordern die Kritiker, sollten Organverpflanzungen nur in sonst aussichtslosen Fällen praktiziert werden - und in hochspezialisierten, auch für die Nachsorge optimal ausgerüsteten Zentren: »Die Herztransplantation in der ,Schwarzwaldklinik"'', hofft »Selecta«, werde es wohl »niemals geben«.

Dennoch sind Ärzte und Gesundheitspolitiker fest entschlossen, die Lieferung von Spenderorganen dramatisch zu steigern. So gilt in den USA seit Anfang Oktober ein Gesetz, das Krankenhausärzte verpflichtet, der lahmenden Spendenbereitschaft nachzuhelfen: Wann immer die Doktoren einen für die Organspende geeigneten Toten auf dem Tisch haben, müssen sie dessen Verwandte auffordern einer Organentnahme zuzustimmen.

Eine ähnliche Gesetzesvorschrift schwebt, laut Parlamentarischer Staatssekretärin Irmgard Karwatzki vom Bundesgesundheitsministerium, auch der Bundesregierung vor - womöglich auch unter dem Gesichtspunkt der Kostendämpfung: Die Dauerbehandlung etwa eines chronisch Nierenkranken am Dialysegerät (rund 20000 Fälle in der Bundesrepublik) schlägt mit jährlich rund 90000 Mark zu Buche, eine Transplantation dagegen nur einmal mit dem Betrag von 50000 Mark.

Noch besser aber wäre es - so etwa Professor Walter Land, Chef des Transplantationszentrums in Großhadern -, wenn auch in der Bundesrepublik per Gesetz die sogenannte »Widerspruchslösung« durchgesetzt würde. Danach sollen Organentnahmen bei Verstorbenen grundsätzlich immer erlaubt und nur dann untersagt sein, wenn der Tote zu

Lebzeiten seine Weigerung schriftlich zum Ausdruck gebracht hat.

In der DDR und in fast allen westeuropäischen Ländern (Ausnahmen: Großbritannien und die Niederlande) ist die Widerspruchsregelung schon in Kraft gesetzt worden, zuletzt, Anfang 1987, in Belgien. Dort, berichtet die »Frankfurter Rundschau«, sei das Gesetz »unter erheblichem Druck der Mediziner eingeführt worden«, die immer häufiger ohne Rückfrage verstorbenen Patienten Organe entnommen hatten. Das nun verabschiedete Gesetz gilt auch für Ausländer, die länger als ein halbes Jahr in Belgien ansässig sind.

Einstweilen, so spottete in der Zeitschrift »Scheidewege« der Schriftsteller Jürgen Dahl, sei die »Sozialpflichtigkeit des Leichnams« noch nicht in Paragraphen gefaßt, »doch denkt man schon darüber nach, ob sich die Weigerung gegen Organspenden nicht als unterlassene Hilfeleistung kriminalisieren ließe«. Im Zeitalter des Organ-Recycling sei »der menschliche Körper als solcher zum verwertbaren Gegenstand geworden« - das, fürchtet Dahl, »wird fatale Folgen haben«.

Die zeichnen sich womöglich schon ab. Denn beim Kampf um die zu knappen Organ-Ressourcen geht es inzwischen nicht mehr nur um die Zustimmung oder Weigerung urteilsfähiger Spender. Zunehmend geraten auch die Ungeborenen ins Visier der Chirurgen: Durch die Transplantation von Embryonal-Gewebe, versprechen sie, werde es demnächst gelingen, ein ganzes Spektrum bislang unheilbarer Krankheiten wirksam zu bekämpfen - vom Diabetes über den Krebs, die Sichelzellen-Anämie und die Schüttellähmung (Parkinsonismus) bis hin zur Alzheimerschen Krankheit.

Die Übertragung von embryonalem Gewebe, prognostizierte jüngst das »Wall Street Journal«, werde »die gegenwärtige Transplantations-Industrie vermutlich bald in den Schatten stellen«. Ein Millionenheer von chronisch Kranken, schätzt das New Yorker Blatt, könne von, der neuen Methode profitieren, darunter auch Patienten mit Schlaganfällen oder Rückenmarksverletzungen, die an irreparablen Nervenschäden leiden.

Da sich Nervenzellen, im Gegensatz zu den übrigen Körperzellen, nicht ständig erneuern, sondern bei schweren Schäden ein für allemal zugrunde gehen, waren Wissenschaftler schon um die Jahrhundertwende auf die Idee gekommen, Verluste der Gehirnsubstanz durch Transplantate zu ersetzen.

So hatte bereits 1890 der New Yorker Forscher Gilman Thompson versucht, Großhirn-Partien von ausgewachsenen Katzen in das Gehirn von Hunden zu verpflanzen. Doch die Experimente waren stets gescheitert, weil die transplantierten Nervenzellen allesamt rasch abstarben .

Erst als anno 1903 eine Forscherin aus Chicago noch nicht ausgereifte, embryonale Nervenzellen in Rattenhirne transplantierte, war ein Teilerfolg zu verzeichnen: Bei etwa jeder zehnten Transplantation überlebten zumindest einige Zellen, die sich in den besonders gut durchbluteten, mit Flüssigkeit gefüllten Hirnkammern der Versuchstiere eingenistet hatten. Innerhalb weniger Wochen reiften dort die fötalen Zellen zu voll funktionstüchtigen, erwachsenen Neuronen heran.

Mittlerweile haben die Wissenschaftler, vorerst nur im Tierversuch, die Methoden der Zell-Transplantation immer weiter perfektioniert. So konnten sie beispielsweise embryonale Zellen der Nebennierenrinde verpflanzen, die, wenn sie ausgereift sind, im Körper des Empfängers Dopamin produzieren, eine Substanz, die das Gliederzittern bei Parkinson-Kranken lindert.

Auf demselben Weg sollen auch andere Zelltypen, etwa solche, die Hormone wie Insulin erzeugen, in den Organismus kranker Empfänger eingeschleust werden. Das Verfahren, glauben die Experten, sei nunmehr auch für die Erprobung am Menschen weit genug entwickelt.

Zumindest ein Menschenversuch hat schon stattgefunden: Im Frühjahr 1986 pflanzte der amerikanische Mediziner Robert Gale sechs sowjetischen Arbeitern, die im Reaktor von Tschernobyl eine lebensgefährliche Strahlendosis empfangen hatten, embryonale Leberzellen ein. Sie sollten helfen, das ruinierte Knochenmark der Unfallopfer zu regenerieren; doch alle sechs Patienten starben bald darauf. Dennoch hat sich

seither im US-Volk die Kunde von der neuen Therapieform wie eine Heilsbotschaft verbreitet. Tausende von Parkinson-Kranken, unter ihnen auch der frühere Boß-Weltmeister Muhammad Ali bewarben sich um eine Embryonal-Transplantation.

Die Tochter eines Nierenkranken wollte mit dem Sperma ihres Vaters künstlich befruchtet werden; der Plan, den Fetus nach ein paar Monaten abzutreiben und dessen Nieren dann dem kranken Vater einzupflanzen, wurde von den Ärzten abgelehnt, blieb aber durchaus kein Einzelfall. Auch zahlreiche andere Frauen bekundeten ihre Absicht eine speziell für diesen Zweck gezeugte Leibesfrucht gleichsam als Heilmittel für leidende Angehörige oder auch für die eigene Genesung zu opfern.

»Die meisten Leute«, so kommentierte Frank Williams, Direktor der American Parkinson Association, die entfesselte Nachfrage, »kümmern sich nicht sonderlich um die ethischen Probleme, sie wollen einfach irgendwas, das ihnen hilft.«

Doch mit einer Antwort auf die Frage, wann der Austausch von Organen und Föten in medizinischen Kannibalismus umschlägt, tun sich auch Ärzte und Juristen schwer. »Das schlimmste denkbare ethische Übel«, konstatiert der US-Wissenschaftler Arthur Caplan, »wäre die Erzeugung menschlichen Lebens nur zu dem Zweck, es vorzeitig zu beenden und in Stücke zu zerlegen« - ein Frevel, den die Fötal-Forscher weit von sich weisen.

Das Zellmaterial für ihre Arbeit, versichern sie, stamme von abgetriebenen, toten Föten, die sonst in den Verbrennungsöfen der Kliniken gelandet wären. Sofern sich eine Frau zu einer legalen Abtreibung entschlossen und den Embryo für Transplantationen oder Experimente freigegeben habe, glaubt Mediziner Gale, sei es »in Ordnung, wenn das fötale Gewebe benutzt« werde, um »irgendwem damit zu helfen«.

Mit aggressiven Hinweisen auf die liberalisierte Abtreibungspraxis - rund 90000 Schwangerschaftsunterbrechungen jährlich in der Bundesrepublik, 1,2 Millionen in den USA - rechtfertigt sich auch der Münsteraner Professor Beller: Eine Gesellschaft, erklärt er, die sich entschieden habe, »lebensfähige Föten zum Fötozid freizugeben, ohne das Ausmaß der Schädigung in irgendeiner Form festzulegen«, habe kein Recht, ethische Bedenken gegen die Organentnahme bei Föten oder großhirnlosen Kindern anzumelden.

Beller legt Wert darauf klarzustellen, daß für seine Methode ausschließlich anenzephale Säuglinge, und nicht etwa auch andere Mißbildungen in Betracht kommen. Übergriffe, räumt er ein, könne natürlich niemand mit letzter Sicherheit ausschließen; im Zweifel komme es »eben darauf an, ob man an das Gute oder Schlechte im Menschen glaubt«.

Ärztekammern und Ethik-Kommissionen begnügen sich einstweilen mit der Aufgabe, möglichen Auswüchsen mit mehr oder minder strengen, doch unverbindlichen Richtlinien vorzubeugen. Kommerziellen Handel mit Organen und Föten, verlangen sie, dürfe es nicht geben, auch keine Manipulationen am lebenden menschlichen Embryo.

Forscher und Pharma-Multis, hoffen die Verfasser, würden sich schon aus Angst um ihr Ansehen freiwillig an die Maßregeln halten - Fachleute, die sich in der Branche auskennen, wissen es besser: Es werde, so erklärte im TV-Magazin »Panorama« der Gynäkologie-Professor Kurt Semm, »an einigen Ecken und Enden ... sicherlich schon wesentlich mehr gebastelt, als wir heute noch glauben«.

Skeptisch sind auch die Juristen, allerdings: Mit nationalen Gesetzesvorschriften, glauben sie, sei dem Problem nicht beizukommen. Schon gegenwärtig werden, beispielsweise, jährlich Hunderte von Spendernieren aus den USA ins Ausland verfrachtet, weil sich daheim kein immunologisch passender Empfänger dafür hatte finden lassen. Was in den Bestimmungsländern mit den Organen geschieht, entzieht sich der Kontrolle amerikanischer Gesetzeshüter.

Außerdem: Kein Verbot, glauben die Rechtsexperten zu wissen, könne etwa verhindern, daß sich Geschäftemacher in den Armutsländern Föten verschaffen, die sie zu Hause für Transplantationen oder Forschungszwecke nutzen. Erfahrungen zeigen, daß solches Mißtrauen keiner schwarzen Phantasie entspringt.

In Ägypten, wo es an Dialyse-Zentren für die Blutwäsche Nierenkranker mangelt, blüht ein Schwarzmarkt für Ersatzorgane, an dem sich, als Zwischenhändler, auch Kriminelle beteiligen. Mit dem Verkauf einer Niere - erzielt werden Preise bis zu 30000 Mark - bezahlen Witwen die Aussteuer ihrer Töchter oder junge Ehemänner eine Wohnung.

Bei Eilaufträgen beschaffen professionelle Lieferanten die gewünschten Organe auch schon mal mit Gewalt. In einem Vorort von Kairo wurde kürzlich ein sechsjähriges Mädchen entführt und nach vier Tagen in jämmerlichem Zustand wieder aufgefunden. Unbekannte hatten dem Kind eine Niere entfernt; neben ihm lag ein Bündel Papiergeld im Wert von rund 8000 Mark.

Ähnlich schauerliche Berichte kamen unlängst aus Honduras. Ausländer hatten dort behinderte Kinder - angeblich - an amerikanische Adoptiveltern vermittelt; in Wahrheit wurden die Babys als Organspender mißbraucht und dabei in einigen Fällen sogar getötet.

Habe die Ära der Embryonal-Transplantationen erst einmal begonnen, fürchten Fachleute, werde der Handel mit menschlichen Ersatzteilen richtig in Schwung kommen. Das US-Magazin »Newsweek« entwarf bereits die Vision von »Unternehmern in weißen Anzügen, die mittellose Frauen in der Dritten Welt für eine Schwangerschaft anwerben und

danach die Föten an den Meistbietenden verkaufen«.

Doch solange menschliche Föten auch in den Industrieländern in einem, so die Juristen, »rechtsfreien Raum« existieren - Ernst Benda, Ex-Präsident des Bundesverfassungsgerichts: »Die Rechtsnatur der Embryonen ist ungeklärt« -, könnten sich die Transplanteure auch aus einem Vorrat bedienen, den die Biotechniker angelegt haben.

Weltweit rund 10000 befruchtete menschliche Eizellen, schätzen Experten, ruhen derzeit in den Tiefkühlboxen der Reproduktionsmediziner. »Die Zahl wächst ständig«, erklärt der britische Gynäkologe Robert Edwards, der mit seinem Kollegen Patrick Steptoe 1978 dem ersten Retorten-Bab y auf die Welt half.

Viele künstlich gezeugte Embryonen, die erst einmal auf Eis gelegt wurden, sagt Edwards, seien bei den Eltern in Vergessenheit geraten. Was aus den verwaisten Keimen werden soll, weiß vorerst niemand. »Wenn wir nicht aufpassen«, sorgt sich die Medizinerin Michelle Plachot aus Paris, »könnten sie auf den Markt kommen.«

Wie begründet diese Sorge ist, geht aus einem Bericht hervor, den die Bund-Länder-Arbeitsgruppe »Fortpflanzungsmedizin« verfertigt hat. Das Gremium, 1986 vom Bundesrat eingesetzt, hat nach einem nichtöffentlichen Experten-Hearing dem Gesetzgeber empfohlen, die »verbrauchende Forschung« mit lebenden Embryonen weitgehend zu untersagen. Überfällig, meinen kritische Wissenschaftler, sei außerdem ein internationaler Gesetzes Kodex, der den Umgang mit Retorten-Föten regelt.

Das kann dauern - und die Transplanteure wollen nicht warten: Die Verpflanzung von Fötal-Gewebe, schwärmt ein New Yorker Spezialist, sei »für die Medizin, was die Supraleitung für die Physik ist«.

»Embryonales Gewebe wird für die Forschung immer wichtiger«, weiß auch Lee Ducat, Direktorin am National Disease Research Institute in Philadelphia, das Föten aus Abtreibungskliniken sammelt und zu Forschungszwecken an »qualifizierte Wissenschaftler« verteilt. Lee Ducat ist sich bewußt, daß sie dabei ein ethisches Minenfeld durchquert. »Das ist ein Thema«, sagt sie, »mit dem sich die Leute dringend auseinandersetzen müssen.«

Eine öffentliche Debatte über die Grenzen des Erlaubten in der Transplantations-Medizin gibt es vorerst nur in den USA; doch auch dort blieb die Diskussion eher verwirrend. Kritiker, die zuvor für eine liberale Abtreibungspraxis gekämpft hatten, sind nun in Nöten beim Versuch, die Ausbeutung ungeborenen Lebens zu verhindern.

Unvermutet sitzen sie im selben Boot mit den reaktionären Vertretern etwa der »Recht auf Leben«-Bewegung, die mit religiösem Eifer gegen Abtreibungen wie gegen die neuen Transplantations-Verfahren streiten - ein Schauspiel, das die fortschrittsgläubigen Medizin-Techniker mit stiller Zufriedenheit betrachten.

Ganz verschont allerdings bleiben auch Fötal-Forscher wie Robert Gale nicht von skeptischen Anwandlungen. Obwohl sein Verstand gegen die neuen Praktiken keinerlei Einwände erhebe sagt Gale, begreife er »sehr wohl, daß es hier eine Kontroverse gibt«.

Auch der kanadische Medizin-Professor Calvin Stiller, Chef des Multi-Organ Transplant Service in London, Provinz Ontario, verspürt mitunter leise Zweifel wenn er sein Metier bedenkt - so bei dem Ansinnen, großhirnlose Kinder künftig als schon von Geburt an »hirntot« einzustufen und sie zur Organentnahme freizugeben: »In der makabren Konsequenz«, gesteht er, »bedeutet das, einen atmenden Leichnam zu begraben.«

Von so beklemmenden Nachtgedanken sind auch andere Mediziner nicht frei, die argwöhnen, daß die vorwärtsstürmende Fötal-Forschung einen Teufelsschwanz von üblen Folgen nach sich ziehen könnte. Schon beim heutigen Stand der Bioforschung, so spekuliert der Freiburger Neurologe Reinhard Bader, sei es kein Problem, im Reagenzglas gezeugte Embryonen gezielt so zu manipulieren, daß sie, von einer Leihmutter ausgetragen, als großhirnlose Kinder zur Welt kämen.

Womöglich werden für die Züchtung von »Ersatzteilkörpern« (Bader) in absehbarer Zeit lebende Leihmütter gar nicht mehr vonnöten sein. Der Tag sei nicht mehr fern, so schätzen die Autoren Peter Singer und Deane Wells in einem Buch mit dem Titel »Making Babies«, an dem Kinder von der Zeugung bis zur Geburtsreife in Brutkästen großgezogen würden.

»Von beiden Enden her«, glauben die Verfasser, schrumpfe jener Zeitraum den ein Fötus, um zu überleben, im Mutterleib zubringen müsse. Die obligatorische Frist, einst neun Monate, beträgt laut Singer und Wells gegenwärtig nur noch »wenig mehr als fünf Monate«; nichts spreche dagegen, daß ein Aufenthalt in der Gebärmutter demnächst ganz überflüssig sein könnte - die Realität hätte Aldous Huxleys »Schöne neue Welt« dann eingeholt.

Der Marsch in eine Zukunftswelt, die auf Abruf Retortenkinder aller Entwicklungsstufen für Organentnahmen bereithält, müsse »schon im Vorfeld« gestoppt werden, fordert Neurologe Bader - aber wie? Im Widerstreit zwischen dem Leidensdruck der Patienten und dem unbändigen Tatendrang der Forscher sowie,

andererseits, den Warnungen der Kritiker stellen sich die Verantwortlichen taub.

Gesetze, soweit sie überhaupt existieren, beschränken sich zumeist darauf den schon erreichten Status quo abzusegnen. Im »Embryonenschutzgesetz«, das die Bundesregierung vorbereitet hat, ist laut Justizminister Hans Engelhard geplant, »strafrechtlich nur das unbedingt Notwendige einer Regelung zuzuführen«.

Bei Strafe verboten werden sollen danach nur gentechnische Manipulationen wie das Klonen von Menschen, die Erzeugung von Schimären (Mischwesen zwischen Mensch und Tier) sowie der Gentransfer in die menschliche Keimbahn - alles noch Zukunftsmusik. Doch der Deutschen Forschungsgemeinschaft geht das schon zu weit; sie hält »strafrechtliche Sanktionen« für Wissenschaftler, die in der Fötal-Forschung arbeiten, generell »für unangemessen«.

Blindlings, so möchten es die Interessenvertreter des Heilbetriebs, soll das zahlende Laienpublikum nach wie vor auf ein Ethos vertrauen, dem sich einst die großen Helfer der Menschheit, von Hippokrates bis Rudolf Virchow, selbstlos verschworen hatten.

Doch aus »der schönen und menschlichen Absicht, zu helfen und zu heilen«, höhnt Kritiker Dahl angesichts der endlos steigenden Gesundheitskosten, »ist ein Erwerbsunternehmen von gigantischem Ausmaß geworden, das rücksichtslos unsere gesamte Barschaft verschlingen will«.

Die moderne Medizin, samt ihrem furiosen Pioniergeist, fürchtet Dahl, werde »erst dann aus dem jubelnden Delirium erwachen, wenn wir zahlungsunfähig geworden sind. Dann, natürlich, wird man uns achselzuckend mit unseren Schmerzen allein lassen«.

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Gehörknöchelchen Hornhaut Lunge Herz Blut Leber Knochenmark Bauchspeicheldrüse Milz Nieren Eierstöcke Haut Kniegelenk LEBEN MIT MIT FREMDEN ORGANEN Möglichkeiten der modernen Transplantationschirugie

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Vier Tage nach der Geburt im Loma Linda University Medical Center;links: Dr. Bailey.Mit Mutter, Bruder, einen Monat nach der Operation.Vom West-Berliner Frauengesundheitszentrum.

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