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Artikel 62 / 96

»Einen Augenblick verloren wir die Hoffnung«

aus DER SPIEGEL 44/1970

Am 8. November morgens kam telephonisch die Ankündigung des Tages X. In Tongern (bei Lüttich) wurde uns mitgeteilt, daß wir die Spitze einer neuen »Gruppe Winterfeldt« zu bilden hätten, die die Aufgabe haben sollte, die in Berlin und anderen Orten ausgebrochene Revolution niederzuwerfen. Erstes Ziel sei die Sicherung von Aachen und dann von Köln. Von dort würden wir mit der Bahn weitergeleitet werden. Dieser Befehl erfreute alle ...

Da uns vor der Abfahrt mitgeteilt wurde, daß es fraglich sei, ob der Zug noch nach Aachen hineinfahren könne, stiegen kurz vor Überschreitung der deutsch-belgischen Grenze Feldwebel Jordan, unser erstklassiger Waffenunteroffizier, der auch geprüfter Lokomotivführer war, und Ich auf die Lokomotive. Über unsere Aufgabe, die Revolution In der Heimat zu unterdrücken, lächelten der Lokomotivführer und der Heizer verächtlich: »So was gibt es in Preußen nicht.«

Als Ich auf der Lokomotive stand, versuchte ich auszudenken, was uns bevorstehen könne. Welches waren die Persönlichkeiten hinter den Veränderungen in Bertin und in der Obersten Heeresleitung? Würden wir jeweils rechtzeitig klare Befehle erhalten? Wenn nicht, wie sollten wir uns gegenüber dem revolutionären Mob verhalten? Würden wir überall Verpflegung und Nachschub von Munition erhalten? Bestand irgendeine Vereinbarung der Obersten Heeresleitung mit der neuen Regierung? Für wen kämpften wir?

Die Unterdrückung der, Revolution erschien mir durchaus möglich und eine dauernde Abschaffung der Monarchie undenkbar. Im Grunde waren nun alle »demokratischen Forderungen« Wilsons bereits erfüllt. Das parlamentarische System und die Beschränkung der Kommandogewalt waren mit Zustimmung des Kaisers bereits durchgeführt, Aber was nachher? Unser Befehl lautete zunächst, »die drei Bahnhöfe in Aachen zu besetzen«,

Auf dem Bahnhof Aachen-West wurden befehlsgemäß zwei Kompanien zur Besetzung der anderen Bahnhöfe abgesandt. Mein Kommandeur und ich begaben uns ins Eisenbahndirektionsgebäude zu Major Prausnitzer, dem Leiter einer vorgeschobenen Befehlsstelle der Obersten Heeresleitung. Ich sprach zunächst mit den sehr freundlichen und hilfsbereiten Beamten der Eisenbahndirektion, die uns mitteilten, daß sie befehlsgemäß einen Zug bereithielten zum Weitertransport nach Köln-Nippes ...

Über das Bahntelephon waren die Herren der Eisenbahndirektion genau über den Fortschritt der Revolution unterrichtet. Traurig für die Monarchie, hatten sie nur den einen Willen, Recht und Ordnung zu sichern. An diese Aufgabe gingen sie, wie es uns schien, mit größerer Überlegung und Anpassungsfähigkeit heran als die Oberste Heeresleitung.

Major Prausnitzer telephonierte, als wir in sein Zimmer traten. Hinter ihm stand ein junger Generalstabsoffizier mit Zügen, die an den großen Moltke erinnerten. Die Oberste Heeresleitung fragte an, ob wir Aachen allein halten könnten. Prausnitzer wiederholte diese Frage an uns. Den bittenden Blick in den Augen des jungen Offiziers bemerkend, sagte Ich: »Es kann kein Zweifel sein, daß wir diese Aufgabe erfüllen.« Dieses gab Prausnitzer über das Telephon weiter.

Der junge Generalstabsoffizier konnte die Antwort mitanhören; sein Gesicht wurde blaß und erstarrte. Dann verkündete Prausnitzer den Befehl, Aachen wegen der dort schon verstärkten Anhäufung von Revolutionären sofort wieder zu räumen und nach Herbesthal zu marschieren, um dort den Bahnhof von den aus der Ruhr zurückflutenden belgischen Bergleuten und den meuternden Landsturmbataillonen zu säubern. Der Nachschub für vier Armeen sei durch die Unsicherheit auf dem Bahnhof Herbesthal gefährdet ...

Major Prausnitzer verkündete den strikten »Befehl der Obersten Heeresleitung, unter keinen Umständen auf die Revolutionäre zu schießen. Ich fragte: »Was sollen wir dann tun? Soldaten, die nicht auf Angreifer schießen dürfen, sind weniger wert als unbewaffnete Zivilisten.« Die Antwort war: »Es ist Ihre ausschließliche Aufgabe, den Nachschub für die Front in Herbesthal zu sichern.«

Ich erreichte die Kompanie, die schon zur Verladung nach Köln marschierte, noch auf der Straße. Sie kehrte sehr widerwillig um. In der Dämmerung des feuchten Novembertages gingen wir an einer Versammlung vorbei, auf die ein leidenschaftlicher Agitator einredete. Nach einer halben Stunde fuhr unser Zug nach Herbesthal.

In der Nacht wurde ich wach durch starken Lichterschein. Ich sprang aus dem Zug heraus und fand, daß wir wieder in Aachen waren. Eine erregte Menge drängte sich am Fuße der Haupttreppe zum Bahnsteig zusammen. Vom Bahnhofskommandeur, einem tieftraurigen, älteren Reserveoffizier, hörte ich, daß seine Anordnungen nicht mehr befolgt würden und der Bahnhof von Revolutionären umzingelt sei. Der Zugführer weigerte sich abzufahren, bevor er pflichtgemäß die Nummern aller Wagen aufgeschrieben habe; außerdem verböte ihm das rote Licht die Ausfahrt. Der Bahnhofskommandeur stellte fest, daß die Signaldrähte teilweise schon zerschnitten seien.

Als ich zu meinem Kommandeur zurücklief, der mit innerem Widerstreben den strengen Befehl, nicht auf die Revolutionäre zu schießen, an die Offiziere wiederholte, sah ich auf der Haupttreppe eine Menschenmenge, an der Spitze Weiber der übelsten Sorte in schwarzen Kleidern mit roten Bändern, die von hinter ihnen stehenden Marinesoldaten und Revolutionären langsam die Treppe hinaufgeschoben wurden. Hinter mir öffneten sich die Wagentüren. Maschinengewehrläufe wurden vorgeschoben und auf den Mob gerichtet, der alsbald in Panik geriet. Es war nun nur eine Frage von Sekunden und unsere Leute würden auf eigene Verantwortung feuern.

Die Lage meines Kommandeurs war von größter Tragik. Er gehörte zu einer der wenigen preußischen Familien, die in aufeinander folgenden Generationen das Eiserne Kreuz 1. Klasse erworben hatten. Er kam von einem der ältesten und ruhmreichsten preußischen Regimenter.

Feldwebel Jordan löste die Schwierigkeit des Augenblicks in gewohnter Ruhe mit der Erinnerung, er sei geprüfter Lokomotivführer und scheue nicht vor dem Risiko zurück, einen Zug gegen das rote Licht aus dem Bahnhof herauszufahren. Wir liefen zusammen zur Lokomotive, hatten sie aber noch nicht erreicht, als plötzlich das grüne Licht hochging und der Zug sich in Bewegung setzte.

Es blieb uns nichts anderes übrig, als auf einen der offenen Wagen, die mit unseren Maschinengewehren beladen waren, zu springen. Jordan half mir mit dem Karabiner über den Puffer hinweg von einem Wagen zum anderen. Als Jordan die Lokomotive erreichte, ging wieder ein rotes Signal auf. Weiter dahinter waren aber die Signale nicht mehr von den Eisenbahnern aufgezogen worden. Daraufhin entschloß er sich weiterzufahren. Jordan blieb auf der Lokomotive. Ich legte mich schlafen, bis wir morgens um sieben Uhr in einer Station vor Herbesthal ankamen

Der einfahrende Zug war der erste einer ununterbrochenen Folge von Zügen, voll von Angehörigen der Etappen- und Besatzungsverwaltung, die in wilder Flucht der Heimat zustrebten. Ungefähr die Hälfte der Insassen waren anständige, sich gut verhaltende Leute. Aus den Gesprächen mit diesen fanden wir alsbald heraus, daß der andere Teil aus Deserteuren bestand, die sich seit mehr als zwei Monaten in den übelsten Vierteln von Lüttich und Antwerpen verborgen gehalten hatten. Sie kehrten nun eiligst nach Deutschland zurück, da sie nach der Revolution keine Bestrafung mehr zu befürchten brauchten.

Wir sahen mehrere der mit ihnen reisenden Weiber mit geraubten Kirchengewändern geschmückt. Oft stiegen einzelne dieser Deserteure aus und sagten unseren Leuten höhnisch: »Ihr dürft ja nicht schießen!« Wenn aber die Unteroffiziere mit Karabinerkolben auf sie losgingen, was die Oberste Heeresleitung nicht verboten hatte. flohen sie in wilder Panik in den Zug zurück. Erst als ihre Züge sich in Bewegung setzten, forderten Revolutionäre unsere Leute auf, gegen ihre Offiziere zu meutern.

Der Kaiser verließ am 10. November in der Morgenfrühe Spa und fuhr auf Drängen der Obersten Heeresleitung im Zuge, in dem er bereits die Nacht verbracht hatte, nach Holland, begleitet vom Kommandeur der Zweiten Gardedivision, Generalleutnant von Friedeburg. Wenige Tage später stießen wir zum ersten Male bei unseren jungen Rekruten auf die Wirkung der Entbindung vom Treueide infolge der Abdankung des Kaisers.

Unsere Leute verhielten sich tadellos. Ein einziger Mann, der Wache an einem Signalblock östlich des Bahnhofs hatte, verließ uns. Er war ein zuverlässiger und tapferer Soldat. Er sagte mir über das Telephon, daß er dauernd von revolutionären Agitatoren aus Aachen gehänselt würde; entweder müßte er die Erlaubnis haben, auf diese Leute zu schießen, oder er würde seinen Posten verlassen

Ein einziges Mal wagten während des Haltens ihres Zuges Deserteure, an unsere Maschinengewehre heranzukommen. Als die Unteroffiziere mit Karabinerkolben gegen sie losgingen, sprangen sie schreiend in den Zug. In dieser Beziehung machten wir nun überall die gleiche Erfahrung und zogen die Lehre daraus, daß die Revolutionäre, mit Ausnahme einiger fanatischer Führer, überkompensierte Feiglinge waren

Am dritten Tage hörten wir von Mitgliedern der Eisenbahndirektion, daß in Köln der Oberbürgermeister (Konrad Adenauer) und die Führer der Gewerkschaften auf die Ankunft der Fronttruppen warteten. Der Gouverneur von Köln befinde sich in einer furchtbaren Lage, er habe von der Obersten Heeresleitung den Befehl, die Garnison nicht gegen die Revolutionäre einzusetzen. Aber ein Befehl, nach Köln zu marschieren, blieb aus.

Dafür kam ein anderer Befehl von der Obersten Heeresleitung, derart, daß wir einen Augenblick die Fassung verloren. Er lautete, einen Soldatenrat zu bilden. Alle Angehörigen der Abteilung sollten an der Wahl teilnehmen.

So war der Befehl einfach nicht auszuführen. Hätten wir die an den Ausgängen von Herbesthal stehenden Posten zu der Versammlung berufen, so wäre es für die vorbeiziehenden Deserteure und Marodeure ein leichtes gewesen, uns im Bahnhof einzuschließen. Von diesem Augenblick ab verloren wir das Vertrauen, daß irgendeine klare Auffassung in der Obersten Heeresleitung bestände.

Einige unserer Unteroffiziere hielten den Vertreter des Soldatenrates der Obersten Heeresleitung, der die Wahl leiten sollte, vor dem Versammlungsraum auf. Die Wirkung war, daß er mit stark östlichem Akzent, ängstlich und stotternd seine Rede begann, Bald aber geriet er in die Begeisterung revolutionärer Phrasen

Einen Augenblick beschlich mich die Furcht, daß sie nun doch der suggestiven Kraft der Revolution unterlegen seien. Aber als die Wahl begann, wurde ich einstimmig zum Vorsitzenden des Soldatenrates gewählt und zu Mitgliedern unsere treuesten und erprobtesten Unteroffiziere und Gefreiten, alle Inhaber des Goldenen Tapferkeitskreuzes. Das geschah ohne jede Vorbereitung ...

Der Unteroffizier von der Obersten Heeresleitung brachte auch den Befehl für Unteroffiziere und Soldaten, Offiziere nicht mehr zu grüßen. Als unsere Leute die Halle verließen, grüßten sie so korrekt wie in einem Friedensregiment ...

In Eupen waren die Straßen leer, die Fensterblenden geschlossen. Aber die guten Bürger mußten wohl die goldenen Kreuze unseres Soldatenrats gesehen haben. Als einige Stunden später die Abteilung durchmarschierte, unter dem Gesang »O Deutschland, hoch in Ehren«, kamen die Leute aus den Häusern mit Blumen und den besten Weinen, die sie hatten. Das war die Gesinnung der rheinischen Bevölkerung, wenn sie frei war vom kommunistischen Terror.

Solcher Terror bestand noch im Lammersdorf. Beim Quartiermachen kam plötzlich ein Unteroffizier mit einer roten Kokarde und einer großen Pionierpistole und verlangte von den beiden Gefreiten, die ich bei mir hatte, »im Namen der neuen Berliner Regierung«, die Abteilung aufzuhalten. Ich gab den vorausmarschierenden Unteroffizieren ein Zeichen, worauf sie auf ihn mit den Kolben losgingen. In Hasensprüngen lief er davon, laut um Schonung schreiend.

Es ist sehr schwer, eine Truppe im richtigen Geiste zu halten, wenn sich die Befehle -- in diesem Fall nur in bezug auf die Marschstraßen -- alle zwei Tage widersprechen. Gerade eine Elitetruppe ist besonders empfindlich in dieser Beziehung.

Wir wußten nicht, wie die politische Lage in Köln und Bonn war, Ich fuhr mit dem Bade voraus, um Auskunft einzuholen ...

In Mehlern erfuhr ich von Freunden, daß in Bonn alles in Ordnung sei. Ein christlicher Gewerkschafter sei dort Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrates und habe sofort die Anordnung erlassen, die Häuser zum Empfang der zurückkehrenden Truppen mit der Reichsflagge zu schmücken ...

Es folgte ein neues Hin und Her der Befehle. Von Eudenbach, hinter dem Siebengebirge, sollten wir in einem Tage nach Altenkirchen marschieren. Ich ritt mit dem Vertrauensrat vor, um Quartier zu machen. Nach 20 Kilometern wurden wir in einer Ortschaft von dem Postbeamten angehalten, der uns den Befehl überreichte, sofort wieder nach Eudenbach zurückzukehren. Dort lag der Befehl vor, am folgenden Tage nach Wahn zu marschieren, wo wir »in Richtung Berlin« verladen wurden Von der Fahrt sind mir zwei Städte lebendig in der Erinnerung, die sich durch ihren übermäßig reichen roten Fahnenschmuck vor den anderen auszeichneten: das alte Soest, im frühen Mittelalter die Mutterstadt der meisten Stadtverfassungen im Osten bis Kiew, dem Baltikum und Schweden; und Eisleben, die Geburtsstadt Martin Luthers.

Wir waren tief beeindruckt, weil wir nicht wußten, welche Umschichtung durch die Kriegsindustrie mit Heranziehung von entwurzelten Arbeitern aus Deutschland und dem Auslande sich vollzogen halte. Nur dadurch war es möglich, daß radikale Tendenzen vorübergehend zur Herrschaft kamen.

Auf einzelnen Haltestellen fragten uns Reisende aus schmutzigen, verkommenden Wagen immer wieder, ob unsere Leute sich noch nicht der Revolution angeschlossen hätten. Unsere Leute lachten laut ...

In meiner Heimatstadt Münster angekommen, sah ich den Platz vor dem Bahnhof festlich geschmückt, ohne eine einzige rote Fahne. Wenige Tage darauf kam das Infanterieregiment 13 aus dem Felde zurück. Ich ging in einer engen Straße, die zu dem alten Marktplatz führte. Es herrschte eine unglaubliche Spannung in dem Volke, aus widersprechenden Gefühlen heraus.

Das Regiment hatte während des Krieges 3000 tödliche Verluste. Die Regimentskapelle marschierte voraus. Nur die jüngeren Leute jubelten laut; die Frauen weinten. Die Soldaten marschierten in bester Disziplin, mit grauen, eingefallenen Gesichtern; ihr Blick verlor sich in der Ferne.

Das Regiment drehte zum Marktplatz herum. Die Musik verhallte langsam.

Als Kompanie auf Kompanie in vollendetem Friedensschritt fast wie Geistergestalten vorbeimarschierten, ohne auf das Volk zu achten, und man nur noch den Rhythmus auf dem Pflaster hörte, drehten sich Männer zu den Häusern um, um ihre Tränen nicht zu zeigen. Das Schweigen war der würdigste Ausdruck des Leidens und der Trauer, die jeder im Herzen fühlte.

Plötzlich kam ein Kommando; die Spitze des Regimentes war vor dem ehrwürdigen alten Rathaus angelangt, in dem nach dem Dreißigjährigen Kriege der Friede unterzeichnet worden war.

Ein einziger Laut wurde hörbar: Das Regiment präsentierte mit Friedenspräzision die Gewehre. Als die letzte Kompanie in fast beängstigender Stille vorübermarschierte, schien es, als ob Geister einer anderen Welt vorüberzogen.

IM NÄCHSTEN HEFT

Reichskanzler Brüning will die Monarchie restaurieren -- Reichspräsident von Hindenburg fordert Bündnis mit der Rechten -- Zerwürfnis zwischen Hindenburg und Brüning -Der Reichskanzler wird entlassen

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