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»Einen solchen Markt gab's noch nicht«

Satellitenfernsehen: Die neuen TV-Programme für die Bundesrepublik *
aus DER SPIEGEL 21/1986

Die Erfolgsbilanz wirkt eindrucksvoll: Rund 4,9 Millionen Haushalte, meldet das Bundespostministerium, seien bislang bundesweit verkabelt worden und damit für einen Anschluß an ein herangeführtes Funk- und Fernsehkabel präpariert.

Doch nur knapp 35 Prozent von ihnen, rund 1,7 Millionen Wohneinheiten, haben sich tatsächlich gegen Gebühr ans Postnetz anschließen lassen. Davon sind derzeit 1,15 Millionen Anschlüsse für den Empfang neuartiger Satellitenprogramme ausgelegt. Der Rest dient im wesentlichen zur Empfangsverbesserung für ARD, ZDF und die regionalen Dritten Programme, meist auch zur Einspeisung jeweils benachbarter Auslands- und DDR-Sender.

Nicht alle Haushalte besitzen bereits neuartige, für den Satellitenempfang geeignete Fernsehgeräte. Daher ist, bei einer Ausstattung mit schätzungsweise 70 Prozent neueren TV-Apparaten, von gut 800000 Haushalten mit Satellitenempfang auszugehen. Für dieses relativ kleine Publikum (ARD/ZDF: rund 22,8 Millionen Teilnehmer) gibt es bisher insgesamt neun Satellitenprogramme, die über Kabel verbreitet werden.

In deutscher Sprache konkurrieren vor allem zwei Privatprogramme miteinander: das Verlegerfernsehen Sat 1 (beteiligt ist, neben Pressekonzernen wie Springer, Bauer und Burda, die Frankfurter DG-Bank) sowie »RTL plus« von Radio Luxemburg (Bertelsmann-Programmanteil: 40 Prozent). Als dritter Wettbewerber sendet die deutschsprachige »musicbox« ein Videoclip-Programm aus München; geschäftsführender Gesellschafter ist der frühere CDU-Medienreferent Wolfgang Fischer. Mehrheitsfinanzier der Medienproduzent Herbert Kloiber ("Tele-München").

Neben den drei privaten funken die öffentlich-rechtlichen Satellitenprogramme zur Erde, »3 Sat«, ein Gemeinschaftskanal des ZDF mit dem Österreichischen Rundfunk und der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft, sowie das kürzlich gestartete »Eins Plus« der ARD. Die ARD ist auch am mehrsprachigen »Europa TV« öffentlich-rechtlicher europäischer Sender in Hilversum beteiligt, die wechselweise in ihren Landessprachen senden.

Nach dem Start des englischsprachigen »Sky Channel« (Besitzer: der britische Medienzar Rupert Murdoch) im April 1982 blendete bald darauf auch eine »Music Box« aus London auf: die Betreiber unter Führung einer Schallplattenfirma senden, wie Wolfgang Fischers eigenständiges Deutschland-Pendant, überwiegend Popmusik von Videoclips. Auf französisch meldet sich schließlich ein Gemeinschaftsprogramm mehrerer Sender aus Frankreich, Belgien und der Schweiz: »TV 5 Satellimages«.

Im ganzen empfangbar ist diese neue Programmflut derzeit nur in Hamburg. Nirgendwo sonst wird bislang das internationale Bildungsprogramm »Europa TV« (ARD-Anteil: 20 Prozent) in die Kabel eingespeist. Das ARD-eigene Kulturprogramm »Eins Plus«, das Unions-Medienpolitikern als unerwünschte Konkurrenz zum Privatfernsehen gilt, wurde aus den Kabelnetzen in Bayern und Baden-Württemberg ausgesperrt.

Umgekehrt sind Privatprogramme in Hessen und Bremen nicht zulässig. Dort strahlt bisher lediglich das ZDF-Satellitenprogramm 3 Sat in die Kabel: einige Frankfurter Hotels empfangen erlaubterweise auch das Verlegerfernsehen Sat 1. Die fremdsprachigen Programme und die deutsche »musicbox« sind bisher im Saarland nicht zugänglich, TV 5 fehlt noch in Baden-Württemberg und Berlin - vorübergehend, aus technischen Gründen.

In Berlin wird auch ein neuer Programmtrend sichtbar: Die Dritten TV-Programme des Bayerischen und des Westdeutschen Rundfunks, die wie weitere Dritte aus Süd und Nord künftig bundesweit verbreitet werden sollen, laufen über Satellit bereits im West-Berliner Kabelpilotprojekt. Dort wie in drei weiteren Pilotprojekten, in Ludwigshafen. München und Dortmund, gibt es auch lokale Funk- und Fernsehprogramme.

Da die Verkabelung nur langsam vorankommt und die Einschaltquoten niedrig bleiben, bringt die Fernsehwerbung noch zuwenig Geld. Alle Privatveranstalter machen teilweise hohe Verluste. Um so heftiger kämpften Sat 1 und RTL plus um die bessere Ausgangsbasis bei der TV-Werbung. RTL ließ Sat 1 per einstweiliger Verfügung untersagen, sich als »die Nr. 1 unter den Privatsendern« zu bezeichnen. Sat 1 konterte mit einer gerichtlichen Verfügung gegen eine RTL-Darstellung des Prozesses.

Geschäftlichen Auftrieb erhoffen sich die Hauptkonkurrenten von dem ersten, Ende September startenden deutschen Direktsatelliten TV-Sat. Er wird die bisher verwendeten Nachrichtensatelliten an Sendestärke weit übertreffen und ist daher nicht mehr auf die Postkabel angewiesen.

Bundesweit können dann alle Haushalte, durch Anschaffung einer 60- oder 90-Zentimeter-Antenne, zunächst vier zusätzliche deutsche TV-Programme direkt vom Satelliten empfangen, darunter voraussichtlich Sat 1 und RTL plus. Europaweit seien schlagartig »350 Millionen Menschen für diese Empfangsmöglichkeit ansprechbar, sagt Geschäftsführer Rolf Arnim von der Münchner TV-Sat-Herstellerfirma Eurosatellite GmbH. Arnim: »Einen solchen Markt hat's noch nicht gegeben.«

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