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KIRCHE / PRIESTER Einer Frau wegen

aus DER SPIEGEL 45/1969

Die Strafanzeige kam am Polterabend. Kölns Erzbischof Joseph Kardinal Höffner forderte, den Hochzeiter Dr. Edmund Steffensky, einen ehemaligen katholischen Geistlichen, wegen Beleidigung zu bestrafen. Steffensky ist der erste Ex-Priester seit Kriegsende, den ein deutscher Kirchenfürst vor Gericht bringen will.

Fünf Tage zuvor hatte der »Kölner Stadt-Anzeiger« ein Interview gedruckt, das Steffensky einem Mit-Abtrünnigen gewährt hatte -- dem früheren Priester und jetzigen Redakteur Manfred Müller. Erfolg: Auch Müller und der verantwortliche Lokairedakteur Horst Schubert wurden von Höffners Generalvikar angezeigt.

Steffensky, 36, der 13 Jahre lang als Pater Fulbert im Benediktinerkloster Maria Laach gelebt hatte und im September dieses Jahres Protestant wurde, hatte den Redakteuren in mehrstündigem Gespräch die Gründe für seinen Glaubenswechsel dargelegt. Besonders ausführlich erläuterte er, warum er »den Zwangszölibat radikal« ablehnte.

Ex-Pater Fulbert zu Ex-Kaplan Müller: »Es ist ja nicht wahr, daß katholische Priester nicht »verheiratet« sind. Viele sind mit tausend Dingen verheiratet: angefangen vom guten Essen und Trinken ... bis hin zur Selbstbefriedigung, zur Freundin und zur Homosexualität.«

Nach Lektüre dieser Sätze löste Zorn die Zunge des Kölner Oberhirten. Ursprünglich hatte er über Pater Fulbert kein Wort verlieren wollen, weil über dessen »keineswegs heldenhafte Angelegenheit ... sowieso nach kurzer Zeit niemand mehr reden wird«.

Nun aber fühlte sich Höffner »zu einem Wort der Solidarität« gedrängt und ließ sogleich von seiner Pressestelle verbreiten, Steffenskys Äußerungen seien »schlechthin unwahr« und hätten den katholischen Klerus »in unerhörter Weise pauschal verdächtigt und beleidigt«.

Das Unheldische an Pater Fulbert, das Höffner vertuschen wollte, hatte freilich nur sein Vorgänger Joseph Frings erdulden müssen. Denn kurz vor dem Frings-Rücktritt hatte der Benediktiner in Köln zusammen mit katholischen und evangelischen Theologen und Laien den ökumenischen Arbeitskreis »Politisches Nachtgebet« organisiert. Die Reformer strebten einen Gottesdienst mit Gebet, Meditation und politischer Diskussion an.

Kardinal Frings ließ den Fortschrittlern die katholischen Kirchen sperren; in der Kölner evangelischen Antoniterkirche fanden sie eine Bleibe.

Im »Nachtgebet«-Kreis lernte Pater Fulbert die reputierliche evangelische Links-Theologin Dr. Dorothee Solle, 40, näher kennen und lieben. Die geschiedene Mutter dreier Kinder trug, so Pater Fulbert, »mit dazu bei, mein Leben in Selbstverantwortung zu übernehmen«. Und: »In gewissem Sinne könnte man sogar sagen: Ich bin einer Frau wegen weggegangen.« Steffensky, der trotz seines Glaubenswechsels in seinem Beruf bleiben und evangelischer Pastor werden will, heiratete Frau Sölle am 24. Oktober in der Antoniterkirche.

Als am Hochzeitstag die katholische Strafanzeige gegen den Konvertiten öffentlich bekannt wurde, gerieten seine neuen evangelischen Oberen in Verlegenheit. Das auf freundliche Koexistenz mit den Katholiken bedachte rheinische Landeskirchenamt Düsseldorf ließ eilfertig über den Evangelischen Pressedienst (epd) eine Erklärung Steffenskys verbreiten, in der er »scharf« gegen die »Pauschalisierungen meiner Äußerungen gegen den Zölibat« protestiert und sich von dem Interview distanziert.

Ein übriges tat der Kölner Pfarrer Hans Siepmann, der den Überläufer für den evangelischen Pfarrdienst präpariert. Siepmann versicherte in einem Leserbrief, sein Schützling sei nicht »aufgrund von Ressentiments« aus Orden und katholischer Kirche ausgetreten. Sein Übertritt habe vielmehr »überwiegend theologische und kirchenrechtliche Gründe«.

Ehemann Steffensky meidet seit der Kardinals-Klage die Öffentlichkeit. Gleichwohl hält er sich nur bedingt an die Empfehlung des Landeskirchenamtes, er möge keine Erklärungen mehr abgeben.

Interviewer Müller erhielt eine Stellungnahme des Öffentlichkeits-Flüchtlings. Steffensky dementierte, was niemand behauptet hatte: Er habe keinesfalls »kritische Katholiken zu einer Konversion aufgefordert«. Und er behauptet weiterhin, was andere dementiert hatten: Von der »materiellen Information« im Interview habe er nichts zurückzunehmen.

Steffensky: »Ich distanziere mich nicht, wie der Evangelische Pressedienst meldet, von dem Artikel.«

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