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HANDEL / WEIN Einer kam durch

aus DER SPIEGEL 12/1967

Zu Bingen am Rhein gilt künftig das Weingesetz der kommunistischen Volksrepublik Ungarn. Kellermeister Laszlo Kis wird im Lager der Binger Firma Racke darüber wachen, daß der nach Westdeutschland importierte Tokajer-Wein unverpantscht bleibt.

Der Ostblock-Küfer hat seinen Auftrag von Ungarn"s staatlicher Außenhandelsgesellschaft Monimpex. Deren Tokaj er-Export in die Bundesrepublik war 1966 um mehr als zehn Prozent geschrumpft, und als Ursache hatten die Staatshändler ermittelt: Nur jede vierte Flasche mit Tokajer-Etikett enthielt wirklich Tokajer. Monimpex: »Ein sehr erschütterndes Resultat.«

Rund 300 000 Liter des Typs Szamorodner -- er wird in Fässern gehandelt, nur die Spitzenklasse »Ausbruch« (Auslese) kommt in Flaschen aus Ungarn -- hatten 37 westdeutsche Importeure vergangenes Jahr bezogen; verkauft hatten sie aber 400 000 Liter. Der teure Ungarnwein war mit billigem Südwein gestreckt und dann für sechs bis acht Mark je Halbliter-Flasche als echter Tokajer angeboten worden.

Das deutsche Weingesetz billigt solche Mix-Methoden, aber sie dämpften die Kauflust der zumeist kennerischen Tokajer-Kundschaft. Die Ungarn fürchteten für ihr Geschäft und erwogen zunächst, auch den Szamorodner in Flaschen einzuführen, aber der hohe Zoll auf abgefüllten Wein hätte das Produkt zu teuer gemacht

So trennte sich Monimpex Ende Januar dieses Jahres kurzerhand von allen bundesdeutschen Importeuren und suchte sich einen einzigen neuen: den Binger Spirituosen-Fabrikanten Harro Moller-Racke, 46 (Whisky »Rauchzart«, Wodka »Smirnoff").

Backe hatte sich den Ungarn durch den Erfolg anderer Ostgeschäfte empfohlen. So versorgt er den osteuropäischen Markt mit seinem Whisky, den eine jugoslawische Destillerie in Lizenz herstellt. Aus Ungarn importiert Rache den Wein »Aurelian«, aus Jugoslawien den serbischen »Amselfelder«, naturreinen Spätburgunder und Riesling zum Preis von 2,95 Mark. Ihn machte Rache zu einer der erfolgreichsten Weinmarken in Westdeutschland.

Über den Amselfelder war Racke erstmals mit der deutschen Weinbranche in Konflikt geraten. Die Konkurrenz-Händler kamen an das Geschäft nicht heran, weil der Binger Alleinrechte besaß, wie jetzt auch beim Tokajer. So versuchten Kollegen, wenigstens mit Produktbezeichnungen wie »Türkenfelder« und ähnlich gestalteten Etiketten am Erfolg von Rackes Amselfelder teilzunehmen.

Zugleich machte sich der Schutzverband Deutscher Wein daran, Backe den Namen seines Erfolgsgetränkes zu entwinden; das deutsche Wort Amselfelder verzerre den Wettbewerb mit »rein deutschen Ursprungsbezeichnungen«. Racke müsse das Amselfeld (Ort einer Türkenschlacht im Jahre 1389) als »Kosovo polje« auf die Flaschen setzen. Rache jedoch blieb bei Amselfeld.

Den Tokajer-Coup beantwortete das Präsidium des Bundesverbandes der Weinhändler mit Protesten in Bonn gegen das »Monopol«. Das »Weinblatt« verwahrte sich gegen die »systematische Unterwanderung unseres Wirtschaftssystems« durch Ungarns Weinkontrolleure: »Man kann doch nicht ... alle freiheitliche Ideologie über Bord werfen.«

Harro Moller-Rache warf als erstes die hohen Preise über Bord. Seinen unverfälschten Tokajer Szamorodner, den er durch Werbung als Markenartikel aufbauen will, gibt es für 4,95 Mark.

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